Der Verlauf eines Selig- und Heiligsprechungsverfahren in der katholischen Kirche

Von Ulrich Nersinger

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ROM, 13. März 2007 (ZENIT.org).- Am 6. Januar 2001, zum Abschluss des Heiligen Jahres, unterschrieb Papst Johannes Paul II. das Apostolische Schreiben Novo Millennio Ineunte. In diesem Dokument wollte der Papst den Katholiken in aller Welt einen programmatischen Entwurf für das dritte Jahrtausend nach Christi mitteilen. Ein Kernsatz des päpstlichen Schreibens lautet: „Die Perspektive, in die der pastorale Weg eingebettet ist, heißt Heiligkeit.“



Die aktuelle Gesetzgebung

Um die Selig- und Heiligsprechungsverfahren zu regeln, erließ Papst Johannes Paul II. am 25. Januar 1983, zeitgleich mit dem revidierten „Codex Iuris Canonici“, dem Gesetzbuch der lateinischen Kirche, die Apostolische Konstitution „Divinus perfectionis Magister“. Neben der notwendigen Reform der Verfahrensführung, die nach dem Wunsch des Papstes verstärkt wissenschaftlichen Anforderungen entsprechen sollte und eine Verkürzung der Prozessdauer vorsah, lag dem Gesetzgeber vor allem daran, der vom II. Vatikanischen Konzil vermittelten Dignität und Kollegialität der Bischöfe in gebührender Weise Rechnung zu tragen.

Die Bischöfe und die ihnen gleichgestellten Ortsordinarien (Oberhirten) wurden nun die primären Ansprechpartner in Selig- und Heiligsprechungsverfahren; die Prozesse beginnen sie in Eigenverantwortung und führen sie in Eigenständigkeit durch, gemäß der Würde ihres Amtes als Nachfolger der Apostel. Der Heilige Stuhl selber sieht seine Rolle als Dienst an der Ortskirche und in der Verantwortung gegenüber der Universalkirche.

Weitere Bestimmungen, die ebenfalls am 25. 1. 1983 oder nur wenig später erschienen, ergänzten das Gesetzeswerk: Ein Generaldekret; Richtlinien für die Bischöfe bei den Erhebungen in Heiligsprechungsverfahren und eine Geschäftsordnung der zuständigen römischen Behörde.

Die bischöfliche Phase des Verfahrens

Wer heute einen vorbildlichen, heilig mäßigen Katholiken zur Ehre der Altäre erhoben sehen möchte, hat sich an den Ortsordinarius zu wenden, in dessen Diözese (bzw. Apostolischem Vikariat, Territorialprälatur/Territorialabtei, Apostolischer Präfektur oder Mission „sui iuris“) der Kandidat/Kandidatin (im Verfahren als „Diener/Dienerin Gottes“ bezeichnet) verstarb. Die Bitte um Einleitung eines Verfahrens kann frühestens fünf Jahre nach dem Tod des betreffenden Dieners Gottes vorgebracht werden, sollte jedoch nicht ohne vernünftigen Grund mehr als zehn Jahre später vorgetragen werden (im Falle von Papst Johannes Paul II. gewährte der Heilige Stuhl eine Dispens).

Aktor, d.h. Antragsteller eines Selig- und Heiligsprechungsverfahrens (in der Fachsprache „causa“ genannt), kann jedes Mitglied des Volkes Gottes sein; ebenso alle Vereinigungen von Gläubigen und kirchliche Institutionen, die von der zuständigen kirchlichen Autorität zugelassen sind. Der Bischof wird aber darauf achten, dass der Aktor auch fähig ist, die Finanzierung eines Prozesses zu garantieren (von daher wird er juristischen Personen in der Kirche – wie Pfarreien, Ordensverbänden oder kirchlichen Organisationen – den Vorzug geben).

Der Aktor wird während der Dauer des Verfahrens durch einen Prozessbevollmächtigten, den Postulator, vertreten. Als Postulatoren sind alle Laien, Ordensleute und Kleriker zugelassen, die eine entsprechende theologische und kirchenrechtliche Ausbildung vorweisen können; sie sollten mit der Rechtspraxis der Kongregation für die Heiligsprechungsverfahren vertraut sein – hierzu wurde bei der Kongregation ein eigenes „Studium“ errichtet.

Im Rahmen von Voruntersuchungen erbittet der Bischof vom Postulator eine Lebensbeschreibung des Kandidaten, einen Bericht über die exemplarische Befolgung der Tugenden und den Nachweis der „fama sanctitatis“ („Ruf der Heiligkeit“); des weiteren alle vom Diener Gottes publizierten Schriften (Bücher, Zeitschriftenartikel u. ä.) und eine Auflistung der in Frage kommenden Zeugen.

In einem weiteren Schritt setzt er die Gläubigen seiner Diözese von dem Gesuch um Eröffnung des Prozesses in Kenntnis und lädt diese ein, ihm mitzuteilen, was sie über das Leben und Sterben des Dieners Gottes berichten können, sowie Schrift des Kandidaten, soweit sie in deren Besitz sind, vorzulegen.

Bei den Oberhirten der Nachbarbistümer fragt er nach, ob ihnen die Einleitung eines Verfahrens sinnvoll und nützlich erscheint. Die publizierten Schriften des Dieners Gottes übergibt der Bischof theologischen Gutachtern. Fällt deren Votum zustimmend aus, ordnet er die Sammlung der nicht veröffentlichten Schriften (Tagebücher, Briefe usw.) an und lässt auch diese einer gründlichen Überprüfung unterziehen.

Dann informiert der Bischof den Heiligen Stuhl über den Stand der Causa und bittet um Mitteilung, ob seitens der römischen Behörden Einwände gegen eine Fortführung des Verfahrens bestehen.

Erst jetzt errichtet er ein Tribunal, dessen Hauptaufgabe es ist, die Zeugen zu vernehmen. Der Gesetzgeber kennt Zeugen „de visu“ (jene, die den Kandidaten persönlich gekannt haben) und „de auditu a videntibus“ (solche, die ihr Wissen direkt von den Vorgenannten erhalten haben); ausdrücklich bestimmen die Vorschriften, sowohl Befürworter als auch Gegner der Causa vorzuladen. Für Zeugen, die außerhalb der Diözese wohnen und nicht ohne größere Schwierigkeiten erscheinen können, besteht die Möglichkeit, in ihrem Heimatbistum durch einen kirchlichen Untersuchungsrichter vernommen zu werden.

Nach dem Abschluss der Zeugeneinvernahme muss sich der Bischof davon überzeugen, dass am Grab oder Sterbeort des Dieners Gottes kein unerlaubter Kult entstanden ist, also keine Verehrung stattfindet, die nur einem Seligen oder Heiligen zustände. Sollte er dort eine verbotene Form der Verehrung antreffen, so hat er diese unverzüglich zu untersagen, da sonst ein unüberwindliches Hindernis für eine Seligsprechung vorliegt.

Von sämtlichen Prozessakten der bischöflichen Untersuchungen werden notariell beglaubigte Abschriften in zweifacher Ausführung angefertigt. Die Originalunterlagen und die beiden Kopien werden in Anwesenheit von Bischof, Gerichtshof, Aktor, Postulator und an der Causa inte¬ressierten Gläubigen in einer feierlichen Schlusssitzung versiegelt. Die Originaldokumente kommen in das Archiv der Diözese. Die beiden Abschriften – „transumptum“ genannt – werden nach Rom übersandt oder durch den Postulator persönlich in die Ewige Stadt gebracht.

Da bei der zuständigen römischen Behörde zur Zeit nur Latein, Italienisch, Französisch, Spanisch und Englisch als offizielle Sprachen zugelassen sind, bedürfen Prozessakten aus dem deutschen Sprachraum bislang noch einer Übersetzung.

Die römische Phase des Verfahrens

Die für die Selig- und Heiligsprechungen zuständige Behörde ist die Kongrega¬tion für die Heiligsprechungsverfahren, die „Congregatio de Causis Sanctorum“, eine Versammlung von Kardinälen und Bischöfen. Die Leitung der Kongregation ist einem Kardinalpräfekten übertragen; diesem zur Seite stehen ein Sekretär im Erzbischofsrang und ein Untersekretär. In der Kongregation finden sich ferner die Relatoren (sie betreuen die einzelnen Verfahren), der Glaubensanwalt (auch „praelatus theologus“ genannt), Konsultoren (Theologen, Historiker und Mediziner), Sachverständige, Anwälte, Notare und das erforderliche Büropersonal.

Sind die Prozessunterlagen – das Transumptum – in Rom bei der Kongregation eingelangt, wird geprüft, ob bei den bischöflichen Untersuchungen alle gesetzlichen Bestimmungen eingehalten wurden. Dann wird entschieden, ob die Causa einem Relator übertragen wird. Der Relator, ein hoher Beamter der Kongregation, der als Sacharbeiter fungiert, erstellt unter Mitwirkung des Postulators eine „positio super virtutibus“, im Falle eines Martyriums eine „positio super martyrio“. Bei den „positiones“ handelt es sich wissenschaftliche Dokumentationen, die das Leben, Wirken und Sterben des Kandidaten aufgrund der Prozessunterlagen ausführlich behandeln, aber auch das gesamte Umfeld des künftigen Seligen oder Heiligen mit einbeziehen. Besondere Beachtung finden die in heroischer Weise ausgeübten Tugenden. Bei einem Blutzeugen wird auf eine detaillierte Schilderung des Warum und Wie des Martyriums wert gelegt.

Die jeweilige Positio wird dem Praelatus Theologus, dem Glaubensanwalt, übergeben. Zusammen mit acht Konsultoren (Experten in Dogmatik, Spiritualität und Kirchengeschichte) überprüft er sie auf mögliche Ungereimtheiten, Widersprüche und dem Glauben Entgegenstehendes. Die Konsultoren sollen dann nach eingehendem Studium der Positio zu schriftlich formulierten Urteilen, den „vota“, kommen.

In einer Sitzung geben sie ihre Voten ab. Entsteht eine Zweidrittel-Mehrheit zugunsten der Causa, wird der Fall dem Plenarkongress, der Vollversammlung der zur Kongregation gehörenden Kardinäle und Bischöfe, vorgelegt. Kommt auch dieser zu einem mehrheitlich positiven Votum, wird hierüber eine „relatio“ (Bericht) erstellt und dem Papst vorgelegt. Der Papst allein entscheidet dann über eine Veröffentlichung des Dekretes „de heroicitate virtutum“ („über den heroischen Tugendgrad“) oder eines Dekretes „de martyrio“ („über das Martyrium“). Nach der Publizierung dieser Dekrete steht einem Diener Gottes der Titel „Venerabilis“ („Verehrungswürdiger“) zu.

Für den Fortgang des Verfahrens sind nun die „fama signorum“ („Ruf der Wundertätigkeit“) und in einem eigenen Prozess ein Wunder nachzuweisen. Der Wunderprozess beginnt mit bischöflichen Erhebungen, und zwar in der Diözese, in der auf Fürbitte des Kandidaten Gott sein übernatürliches Eingreifen vollzogen haben soll. In diesen Untersuchungen kommt wissenschaftlich belegte Dokumente (in Fällen von Heilungen: Arztprotokolle, Röntgenaufnahmen, Laborberichte u.ä.) mehr an Bedeutung als Zeugenaussagen. In der Kongregation wird aus dem Transumptum der diözesanen Erhebungen eine „positio super miraculo“ (auch „positio super miro“ genannt) erstellt. Eine fünfköpfige Expertenkommission (da es sich zumeist um Heilungen handelt, besteht diese in der Regel aus hochqualifizierten Medizinern) urteilt über das behauptete Wunder, dann die theologischen Konsultoren und der Plenarkongress der Kardinäle und Bischöfe. Wiederum kommt es dem Papst allein zu, ein abschließendes Urteil zu fällen. In dem Seligsprechungsverfahren eines Märtyrers erteilt der Papst in der Regel Dispens vom erforderlichen Wundernachweis: das Sterben der Blutzeugen ist schon Zeugnis genug für einen uneingeschränkten Glaubensvollzug.

Die Selig- oder Heiligsprechung durch den Papst

Sind die Dekrete über den heroischen Tugendgrad und das erwiesene Wunder bzw. über das Martyrium promulgiert worden, steht einer Seligsprechung durch den Papst nichts mehr entgegen.

Der Ritus der Seligsprechungsfeier war im Laufe der Jahrhunderte immer wieder Modifikationen unterworfen. Bis vor einiger Zeit war er eingebettet in die Liturgie der „Cappella Papalis“, eines vom Papst in feierlicher Form zelebriertem Hochamtes, am dem die Mitglieder des Päpstlichen Hauses teilnahmen und die beim Heiligen Stuhl akkreditierten Botschafter eingeladen wurden. Nach dem Bußakt der Eucharistiefeier trat der jeweilige Diözesanbischof, begleitet vom Postulator der Causa, vor die päpstliche Kathedra und bat, den betreffenden Venerabilis in das Verzeichnis der Seligen aufzunehmen. Der Papst entsprach dann der Bitte und setzte zugleich die Modalitäten und den Tag des zukünftigen liturgischen Gedenkens fest; Papst Johannes Paul II. nahm diese Beatifikationsfeiern erstmals auch „extra urbem“, außerhalb der Ewigen Stadt, vor – so in Deutschland die Seligsprechungen von Edith Stein und Pater Rupert Mayer.

Der Heilige Vater Benedikt XVI. hat sich entschieden, den Seligsprechungsfeiern nicht mehr in eigener Person vorzustehen. Er delegiert sie an einen Kardinal oder Bischof, der die Zeremonie im Namen und Auftrag des Papstes vornimmt.

Vor einer Heiligsprechung holt der Papst gemäß alter Tradition in einem Konsistorium die Meinung der in Rom anwesenden Kardinäle ein; er ist aber nicht an deren Zustimmung gebunden. Bei einer Heiligsprechung wird der liturgische Ablauf der Feier durch die Allerheiligenlitanei erweitert; die Worte, mit denen der Papst der Bitte um Aufnahme des Seligen in die Reihen, in den Kanon der Heiligen (daher „Kanonisation“) entspricht, sind feierlicher formuliert.

Interessanterweise kennt die neue Gesetzgebung keine Differenzierung mehr zwischen Selig-und Heiligsprechung ; sie spricht nur noch von der Heiligsprechung („canonizatio“). Dennoch werden bis auf den heutigen Tag Selig- und Heiligsprechungen vorgenommen. Den Unterschied darf man wohl so formulieren, dass nach einer Seligsprechung die Verehrung auf einen Orden, eine Region oder ein Land begrenzt bleibt. Auch dürfen in der Regel Altäre und Kirchen nicht zu Ehren eines Seligen errichtet werden, außer der Heilige Stuhl erteilt hierzu eine besondere Genehmigung. Eine Heiligsprechung jedoch erlaubt einen weltweiten Kult, der keiner Beschränkung mehr unterliegt. Für eine Kanonisation wird zudem ein weiteres Wunder verlangt, das sich nach der bereits erfolgten Seligsprechung ereignet haben muss. Der Heiligsprechung kommt auch eine andere dogmatische Gewichtung und Verbindlichkeit zu; die meisten Theologen sind der Meinung, dass die Kanonisation ein Geschehen des unfehlbaren Lehramtes ist.

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Das, was Selig- und Heiligsprechungen beabsichtigen, lässt sich wohl am besten zusammenfassen in einer Aussage des „Katechismus der Katholischen Kirche“ (Nr. 828): „Wenn die Kirche gewisse Gläubige heiligspricht, das heißt feierlich erklärt, dass diese die Tugenden heldenhaft geübt und in Treue zur Gnade Gottes gelebt haben, anerkennt die Kirche die Macht des Geistes der Heiligkeit, der in ihr ist. Sie stärkt die Hoffnung der Gläubigen, indem sie ihnen die Heiligen als Vorbilder und Fürsprecher gibt. ‚In den schwierigsten Situationen der Geschichte der Kirche standen am Ursprung der Erneuerung immer Heilige‘ (CL 16,3), ‚Die geheime Quelle und das unfehlbare Maß der missionarischen Kraft der Kirche ist ihre Heiligkeit‘ (CL 17,3).“