Der wahre Zweck christlicher Kunst

Die heiligen Bilder lenken die Gefühle der Gläubigen mittels der Schönheit auf die Wahrheit

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Von Rodolfo Papa*

ROM, 23. Dezember 2011 (ZENIT.org). - Nachdem wir im vorausgehenden Artikel eine kurze Reflexion über die theoretische Bedeutung eines Systems der christlichen Kunst, die wirklich fähig ist, sich in den Dienst der Kirche zu stellen, unternommen haben, und nachdem wir auch den Sinn dieser Berufung umrissen haben, ist es jetzt notwendig besser zu verstehen, welche Zielsetzung die Kunst in der Erfüllung einer so wichtigen Aufgabe einnimmt; welche Aufgaben müssen die gemalten und/oder gemeißelten Werke erfüllen, warum können sie diese Aufgabe so wahrhaftig in diesem Sinne erfüllen; welches sind die Aspekte, die den Künstlern in dem Moment  des Entwurfs und der Realisierung präsent sein müssen.

Der Katechismus der Katholischen Kirche gibt einige wichtige Hinweise in den Artikeln, in denen die „für das Gebet zu bevorzugenden Orte“ beschrieben werden: „Die Kirche, das Haus Gottes, ist für die Pfarrgemeinde der eigentliche Ort des liturgischen Gebetes. […] Für das persönliche Gebet kann dieser Ort eine „Gebetsecke“ mit der Heiligen Schrift und Ikonen sein, um dort, „im Verborgenen“, vor unserem Vater zu verweilen. [1]

Das betrachtende Gebet, die Meditation, ist vor allem ein Suchen. […] Man nimmt gewöhnlich ein Buch zu Hilfe. Die christliche Überlieferung bietet eine reiche Auswahl: die Heilige Schrift, besonders die Evangelien, Ikonen, die für den Tag vor gesehenen liturgischen Texte, die Schriften der geistlichen Väter […].” [2]

Es ist bemerkenswert, dass die „Ikonen“, das heißt, die „Bilder“ direkt im Herzen der Glaubenspraxis lokalisiert sind: in der heiligen Liturgie und auch als Instrument des Gebets und der Meditation. Daraus folgt, wenn man ein sakrales Bild malt, darf man nicht das Außergewöhnliche oder die Extravaganz suchen, weil das am Ende dazu führen würde, ungeeignet für das Gebet oder die Meditation der Gläubigen zu sein; eher das Gegenteil ist nötig, das heißt, sich einer korrekten und ikonologisch weisen Sprache zu bedienen, die fähig ist, einen Sinngehalt in Kontinuität mit dem gewaltigen Erbe christlicher Ikonographie zu vermitteln.

Kardinal Gabriele Paleotti als wahrer Experte in den Fragen der Kunst widmet sich in seinem überaus berühmten „Umfassenden Diskurs zu sakralen und profanen Bildern” besonders dem Aussagegehalt eines sakralen Bildes und bestätigt, dass es „die Menschen zur Frömmigkeit hinführen und sie zu Gott leiten muss”, damit sie „an den Gott gebührenden Dienst herangeführt werden”. Mit anderen Worten, die sakralen Bilder bewegen die Gefühle der Gläubigen, indem sie sie im Guten unterrichten und mittels der Schönheit zur Wahrheit führen.

Dasselbe Thema ist auch in der Konstitution über die heilige Liturgie „Sacrosanctum Concilium” des Zweiten Vatikanischen Konzils präsent, in der  in Bezug auf die sakralen Bilder und deren Zweck geschrieben steht: „Sie haben von Natur aus eine Beziehung zu der unendlichen göttlichen Schönheit, die in dieser Weise in den Werken der Menschen ausgedrückt werden muss und sind stärker an Gott und der Steigerung seines Lobpreises und seines Ruhms orientiert, weil ihnen kein anderes Ziel zugewiesen sein kann, als höchstmöglich in ihren Werken dazu beizutragen, den Geist der Menschen zu Gott hinzulenken.“ [3]

Der Zweck der Bilder ist somit klar: Sie müssen eine Pflicht erfüllen, die eben die wertvolle Aufgabe ist, die wahre christliche Kunst immer entwickelt hat und noch immer im Zeichen der Ergebenheit entwickelt.

Kardinal Paleotti geht noch weiter in die Tiefe, indem er genau auf die Mittel hinweist, die dem Künstler zur Verfügung stehen, um so mit Sicherheit zum besprochenen Ziel zu gelangen, und er schreibt: „Das, was wir als die Pflicht des Künstlers definiert haben, das heißt das Mittel, das oben genannte Zielt zu erreichen, von dem glauben wir, dass es besser verstanden werden kann, wenn wir einen Vergleich zu den Schriftstellern ziehen, die in ihrer Pflicht als Künstler erfreuen, lehren und bewegen müssen. Auf dieselbe Weise wird es die Pflicht des Künstlers sein, dieselben Mittel in seinen Werken zu nutzen [...] Vergnügen zu schaffen, zu lehren und die Gefühle derer zu bewegen, die die Werke betrachten. „Freude zu erwecken, zu lehren und Gefühle zu erwecken“ bedeutet, intellektuellen Genuss zu verschaffen gegenüber der den gemalten Formen angemessenen Schönheit, durch sie zum Guten und zum wahren Glauben zu erziehen und letztlich die Seelen zu bewegen, sie zu allem Heiligen hinzudrängen, das heißt, zur Liebe gegenüber den Menschen und Gott. [4]

Von den allgemeinen Definitionen und Anweisungen der auszuführenden Handlungen ausgehend folgt ein eher spezieller Diskurs, der in die Dynamik der Dinge einführt, die die Disziplin der Kunst direkt betrifft, um auf angemessene Weise eine Kunst-Satzung zu skizzieren.

Gabriele Paleotti fährt in dieser Richtung fort und indem er erklärt, wie und warum die Malerei wahrheitsgetreu und gegenständlich sein sollte, führt er eine Begründung an, die sich in unserem theoretischen zeitgenössischen Umfeld als absolut innovativ darstellt, wenngleich es nur vier Jahrhunderte her ist, dass sie aufgstellt wurde (und das macht die Entdeckung noch bedeutender): „den angemessenen Proportion folgend, so dass ein Bild exakt mit den Dingen übereinstimmt, die wir sonst sehen, wie auch ein Brief den Dingen gleicht, die wir in Erzählungen hören; und genau aus diesem Grund haben die Griechen das als „Zographia“ definiert, das heißt „lebendige Schrift“, wie es einige Autoren vertreten  (Beda, De templo Salomonis, 19,8). [5]

Die Ähnlichkeit bestätigt, dass die Malerei eine eigene psychologische und spirituelle Dynamik entwickelt, die in der Literatur seine Entsprechung findet: Der Erzähler breitet hier vor dem geistigen Auge die lebendigen Dinge aus, weil er in der Lage ist, sie zu beschreiben, sodass wir sie als wahr wiedererkennen. So geschieht es in der Malerei, dass, obwohl es die Dynamik des Erkenntnisprozesses umstürzt, die Dinge, die im Bild eingefroren sind, wiedererkannt werden, „die wir gewöhnlich sehen“. Das Bild wird „Zographia“, das heißt, „lebendige Schrift“ und ist somit fähig, mit Hilfe der Mittel, die dafür geeignet sind, das Wahre zu sagen, wie die Wahrheitstreue, die die Erzählung lebendig darstellt und somit in der Lage ist „Freude hervorzurufen, zu lehren und die Gefühle dessen, der es ansieht, zu bewegen“.

[1] Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 2691.

[2] Ibid., Nr. 2705.

[3] 2. Vatikanisches Konzil, Konstitution über die Heilige Liturgie „Sacrosanctum Concilium“, 4. Dezember 1963, Nr. 122.

[4] Gabriele Paleotti, Discorso intorno alle immagini sacre e profane [1582], LEV, Rom 2002, S. 70.

[5] Ibid., S. 78.

* Rodolfo Papa ist Kunsthistoriker, Dozent für Geschichte der ästhetischen Theorien an der Philosophischen Fakultät der Päpstlichen Universität Urbaniana, Rom; Vorsitzender der „Accademia Urbana delle Arti“. Maler, ordentliches Mitglied der „Pontificia Insigne Accademia di Belle Arti e Lettere die Virtuosi“ am Pantheon. Urheber von Bildzyklen der Sakralkunst in verschiedenen Basiliken und Kathedralen. Er interessiert sich für ikonologische Themen der Renaissance- und der Barockkunst, über die er Monographien und Abhandlungen geschrieben hat. Er ist Spezialist für Leonardo und Caravaggio und arbeitet mit zahlreichen Zeitschriften zusammen. Er hält seit dem Jahr 2000 eine wöchentliche Rubrik über die Geschichte der christlichen Kunst bei Radio Vatikan.

[Aus dem Italienischen übersetzt von Anna Finkbeiner]