Der Wahrheit dienen, die frei macht: Benedikt XVI. begegnet Jugendlichen und Seminaristen

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NEW YORK, 21. April 2008 (ZENIT.org).- Am Nachmittag des 19. Aprils begab sich Benedikt XVI. nach der Eucharistiefeier in der Saint Patrick’s Cathedral in das etwas außerhalb von New York gelegene Saint-Joseph-Seminar, um 22.000 Jugendlichen und Kandidaten für den priesterlichen Dienst und das Ordensleben zu begegnen. Das Treffen mit den zukünftigen Seelsorgern und Hirten der Kirche war auf ausdrücklichen Wunsch des Heiligen Vaters in das Besuchsprogramm aufgenommen worden.

In seiner umfangreichen und ausführlichen Ansprache legte der Papst den begeisterten jungen Menschen einen anspruchvollen Entwurf christlichen Lebens vor: „Zeigt der Welt die Gründe der Hoffnung, die euch beseelt“, so eine der Aufforderungen des Heiligen Vaters.

Der Papst dankte zunächst für das Geburtstagsständchen, das ihm auf Deutsch vorgesungen worden war, um dann zu seinem großen Anliegen hinzuführen, zur Frage, was es heiße, Jünger Jesu zu sein, unterwegs auf den Spuren des Herrn, damit das Leben zu einer „Reise der Hoffnung“ werde.

Benedikt XVI. sprach in diesem Zusammenhang über sechs Heilige, deren Unterschiedlichkeit er herausarbeitete. So veranschaulichte er, dass es keine Stereotypen und uniforme Modelle von Heiligkeit gibt.

Alle Lebenswelten der Jugendlichen seien durch jene Kultur geprägt, in der sie aufwachsen, stellte der Papst mit Blick auf die heutigen Verkünder des Evangeliums fest. Er würdigte den in Amerika ausgeprägten Sinn für Fairness, Großzügigkeit und Hilfsbereitschaft, verwies zugleich aber auch auf weniger positive Entwicklungen, auf „Verhaltens- und Denkweisen, die die Hoffnung ersticken“, sowie auf „Wege, die scheinbar zum Glück und zur Erfüllung führen, die aber einfach nur in Durcheinander und Angst enden“.

Um die Gefahren dieser Herausforderungen deutlich werden zu lassen, erinnerte der Heilige Vater die jungen Menschen an seine eigene Jugend unter dem nationalsozialistischen Regime in Deutschland: „Meine Jahre als „Teenager“ sind ruiniert worden von einem unglückseligen Regime, das glaubte, für alles Antworten zu haben; sein Einfluss wuchs – und drang in Schulen und andere gesellschaftlichen Einrichtungen ein, wie auch in die Politik und sogar in die Religion – bevor man erkannte, was für ein Monstrum dieses Regime war. Dieses Regime ächtete Gott, und so wurde es unempfänglich für alles, was es an Wahrem und Gutem gab. Viele eurer Eltern und Großeltern werden euch von dem Schrecken der Zerstörung erzählt haben, der darauf folgte. Einige von ihnen kamen in der Tat nach Amerika, um diesem Terror zu entkommen.“ Die Macht des Zerstörerischen sei erhalten geblieben, jedoch durch Christus besiegt worden, der die Dunkelheit aus Herz und Geist vertreibe.

Die Dunkelheit besteht für den Papst in der Zertrümmerung der menschlichen Träume und Sehnsüchte durch Drogen und Rauschgift, Obdachlosigkeit, Rassismus, Gewalt und Verrohung. Und hinter all diesen Phänomenen verstecke sich die Absicht, Menschen nur als Objekte zu behandeln.

Einen zweiten Bereich der Dunkelheit machte der Papst in der Manipulierung der Wahrheit aus. Sie verkehre die Wahrnehmung von Wirklichkeit und Phantasie und trübe das menschliche Streben. Vor diesem Hintergrund betonte der Heilige Vater die grundlegende Bedeutung der Freiheit, die mit allen Mitteln zu schützen sei. Die Freiheit beruhe auf der Wahrheit über den Menschen.

Heute werde oft behauptet, die Achtung vor der Freiheit des einzelnen mache die Wahrheitssuche zu etwas Ungerechtem – und dasselbe sage man in Bezug auf die Frage nach der Wahrheit darüber, was gut sei und was nicht. Es habe sich die Vorstellung breit gemacht, dass man die Freiheit sicheren und das menschliche Gewissen nicht auf dem Weg der Wahrheit befreien könne, sondern indem man unterschiedslos allen Dingen denselben Wert beimesse. Ein solcher Relativismus verleugne die Wahrheit und führe zu einer Freiheit, die das Falsche und Ungerechte verfolge. Wahrheit jedoch bedeute, denjenigen zu entdecken, der den Menschen nie verrate. „Durch die Suche nach der Wahrheit gelangen wir dahin, auf der Grundlage des Glaubens zu leben, weil die Wahrheit definitiv eine Person ist: Jesus Christus.“

Das Herz des Glaubens sei die Menschwerdung, die Geburt Jesu, die uns sage, dass Gott in der Tat mitten unter uns sein wolle. Es sei das Licht Christi, das wirke und den Weg der Heiligen bestimme. Und die Heiligen luden alle Menschen dazu ein, vier wesentliche Aspekte des Glaubens zu bedenken: „das persönliche Gebet und die Stille, das liturgische Gebet, die praktizierte Nächstenliebe und die Berufungen“.

Absoluten Vorrang hat nach Worten des Bischofs von Rom die persönliche Beziehung mit Gott. Die Kontemplation in der Stille führe hin zur Kunst des Zuhörens. Sie sei notwendig, um das Flüstern Gottes zu hören, der dazu aufrufe, zur Güte voranzuschreiten.

Dank der Liturgie lerne man im Gebet die ganze Kirche entdecken. Liturgie sei „Teilnahme des Volkes Gottes am Werk Christi, dem Priester und dem Leib, der die Kirche ist“. Durch die Liturgie werde „das ‚Werk Jesu’ bleibend mit der Geschichte in Berührung gebracht, wie auch mit unserem Leben, um es zu formen. Hier erfassen wir eine weitere Idee von der Größe unseres christlichen Glaubens.“

Das persönliche Gebet, die Zeit der stillen Kontemplation und der Teilnahme an der Liturgie der Kirche führe den Menschen immer näher zu Gott und bereite ihn darauf vor, seinen Mitmenschen zu dienen und die radikale Liebe Jesu selbst zu verwirklichen.

Der Papst erinnerte die Anwesenden schließlich daran, dass die Familien der Ort seien, an dem Berufungen entstehen. Er grüßte alle Seminaristen und ermutigte sie mit folgenden Worten: „Das Volk Gottes erwartet von euch, dass ihr heilige Priester seid, täglich auf dem Weg der Bekehrung, und dass ihr in den anderen die Sehnsucht weckt, tiefer in das kirchliche Leben der Gläubigen einzutreten. Ich ermahne euch, eure Freundschaft mit Jesus, dem Guten Hirten, zu vertiefen. Sprecht mit ihm von Herz zu Herz, vermeidet jede Zurschaustellung, jedes Karrieredenken und jede Eitelkeit. Strebt einen Lebensstil an, der wirklich gekennzeichnet ist von Nächstenliebe, Keuschheit und Demut in der Nachahmung Christi, dem ewigen Hohenpriester, dessen lebendiges Abbild ihr werden müsst.“

Die Ordensleute erinnerte der Papst an die ihnen vom Heiligen Geist verliehen „Charismen“, die ein außerordentliches geistliches Vermächtnis darstellten.

Abschließend fragte Benedikt XVI. die jungen Menschen: „Was sollen wir jetzt sagen? Was sucht ihr? Was will Gott von euch?“ Und seine Antwort war eindeutig: die Hoffnung, die niemals trügt – Jesus Christus.

„Es ist im Innern der Kirche, wo auch ihr den Mut und die Unterstützung finden werdet, um auf dem Weg des Herrn zu gehen. Genährt vom persönlichen Gebet, vorbereitet in der Stille, geformt durch die Liturgie der Kirche, werdet ihr die besondere Berufung entdecken, die der Herr euch bereitet hat. Nehmt sie mit Freuden an. Die Jünger Christi von heute seid ihr! Lasst sein Licht leuchten in dieser Stadt und darüber hinaus. Zeigt der Welt den Grund der Hoffnung, der in euch ist. Sprecht mit den anderen über die Wahrheit, die euch frei macht!“