Der Wert des Fastens angesichts der „Supermärkte der Religionen“

Kardinal Cordes erläutert die Papstbotschaft zur Fastenzeit 2009

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ROM, 3. Februar 2009 (ZENIT.org).- Am heutigen Vormittag wurde im Vatikan die Botschaft von Papst Benedikt XVI. für die Fastenzeit 2009 vorgestellt, die das christliche Fasten in den Blick nimmt. Das Motto, das der Heilige Vater für sein Schreiben wählte, lautet: „Nachdem Jesus vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, bekam er Hunger“ (Mt 4,2).



Der Präsident des Päpstlichen Rates „Cor Unum“, Kardinal Paul Josef Cordes, erläuterte im Rahmen einer Pressekonferenz die Bedeutung der neuen Papstbotschaft angesichts der aktuellen Situation von Armut und Hunger in der Welt, und er bekräftigte, dass es sich um eine Betrachtung handle, die sich jenseits der allzu einfachen Ideologisierungen bewegen wollte.

Gegenwärtig habe die Sorge um das leibliche Wohlergehen riesige Ausmaße erreicht. Die Statistiken zum „Wellness“-Markt und zu den „modernen Tempeln des Leibes“ ließen aufhorchen, sagte der Kurienkardinal, der unter anderem auf die deutsche Studie zum Fitnessmarkt ISR verwies. Nach ihr hätte sich die Zahl der Besucher von Fitnesszentren im Jahr 1980 auf 100.000 belaufen und sei heute auf 13,5 Millionen angestiegen - 16,5 Prozent der Gesamtbevölkerung.

Der Kardinal stellte fest, dass die diesjährige Fastbotschaft über den Sinn des Fastens gegen den vorherrschenden gesellschaftlichen Trend richte, wobei der Papst allerdings mit seinen Worten auf das Wohl jedes Menschen abziele. „Paradoxerweise kann die grenzelose Pflege des Körpers in einem gewissen Moment zu seiner Schwächung führen und ihm Schaden zufügen“, so Kardinal Cordes.

Aus diesem Grund könne es dazu kommen, dass das Verlangen nach Wohlergehen die Freiheit einschränke und nicht mehr vom Willen des Menschen geregelt werden könne. Dann werde der Körper gewissermaßen „zum Tyrannen“.

Kardinal Cordes blickte anschließend auf die Geschichte der Erfahrungen des Menschen mit seinem Körper zurück, sowohl was seine Pflege betrifft als auch die Ablehnung seiner Vergötterung, um dann auf die Fastentraditionen des Buddhismus und des Islam einzugehen. Die Christen könnten von diesen Religionen lernen, dass das Fasten „ein klarer Einschnitt in unserem Leben“ sein wolle. Der Sinn für das Fasten, wie er diesen Religionen zu Eigen sei, dürfe jedoch nicht mit dem christlichen Verständnis gleichgesetzt werden. Es gebe einen grundlegenden Unterschied, so Cordes.

Während Buddha von der Last des Irdischen befreien wolle - eine Sicht, hinter der sich eine gnostische Weltanschauung verberge -, gebe es für den Islam einen anderen Grund für das Vergessen des Irdischen: Gott lasse sich nicht in dieser Welt antreffen. Er kommuniziere mit dem Menschen nur durch die Sharia, sein Gesetz. Gott sei für den Islam nicht „Vater“. Für den Christen hingegen bestehe das mystische Verlangen nie in der Selbstversenkung, sondern in der Versenkung in den Glauben, wo er Gott begegne.

„Heute stehen wir vor einem Anwachsen der Fitnesszentren“, so Kardinal Cordes, „aber wir befinden uns auch mitten in einem Supermarkt aller möglichen Religionen. Daher geht es darum, von den anderen Religionen zu lernen, dabei aber auch nicht die Umrisse des eigenen Glaubens auszulöschen und einen Ersatz zu suchen, sondern dem empfangenen Erbe treu zu bleiben und es immer besser zu kennen.“

Kardinal Cordes verwies in diesem Zusammenhang auf einige Details der diesjährigen Fastenbotschaft Benedikts XVI.: auf den Nutzen des Fastens für den Armen und den Aufruf zum Mut zur Selbstkritik im Licht Gottes, um dann Buße zu tun und um Vergebung zu bitten.

All diese Elemente seien „Mittel“, die einem einzigen Ziel dienten. Benedikt XVI. habe dies mit Worten seines Vorgängers formuliert: „Genau gesehen will – wie der Diener Gottes Papst Johannes Paul II. schrieb – das Fasten letztlich jedem dazu verhelfen, aus sich selbst eine Gabe an Gott zu machen (vgl. Veritatis splendor, 21). Die österliche Bußzeit werde daher in jeder Familie und in jeder christlichen Gemeinde genutzt, all das fernzuhalten, was den Geist ablenkt und all das zu fördern, was die Seele nährt und sie für die Gottes- und Nächstenliebe öffnet. Ich denke hier insbesondere an vermehrten Eifer im Gebet, in der lectio divina, im Empfang des Sakraments der Versöhnung und in der Mitfeier der Eucharistie, vor allem der Sonntagsmesse. Das ist die rechte seelische Bereitschaft, die österliche Bußzeit zu beginnen. Die selige Jungfrau Maria möge uns als Causa nostræ letitiæ – als Ursache unserer Freude – begleiten und uns in unserem Ringen mit der Sünde beistehen, damit unser Herz immer mehr zu einem ‚lebendigen Tabernakel Gottes’ werde.”

„Aus sich selbst eine Gabe an Gott zu machen“: Darin bestehe, so Cordes, der grundlegende Unterschied zu den Zielen des Fastens in anderen Religionen. Genau das sei „der springende Punkt der einzigartigen christlichen Vision“.

Das Fasten habe keine negative Einfärbung. Es gehe vielmehr darum, Christus zu begegnen. Die Christen würden sich ihrem Herrn anschließen, der für 40 Tage und 40 Nächte faste. „In Christus suchen sie die Gemeinschaft mit dem göttlichen Du“, so der Kardinal. „In ihm empfangen sie erneut jenes Geschenkt der Liebe, die ihr Christsein erneuert.“

Abschließend erklärte Cordes, dass nach den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs und den Anregungen des Zweiten Vatikanischen Konzils auch in der katholischen Kirche die Bereitschaft zum Helfen angewachsen sei. So seien in der „Ersten Welt“ die so genanten „Fastenwerke“ entstanden.

Es liegt für Cordes in der Natur der Sache, dass zunächst und zumeist der materielle Aspekt von Armut betont werde. Dennoch wäre es sehr oberflächlich, „wenn der Sinn der Vorbereitung auf Ostern sich auf den Aufruf zur Kollekte beschränken würde“. Aus diesem Grund verdiene der spirituelle Aspekt, den die diesjährigen Botschaft hervorhebe, große Aufmerksamkeit.

„Die Worte des Papstes wollen nicht den vielen humanitären Initiativen unserer Tage eine weitere hinzufügen“, so Cordes. Jede Initiative müsse für die Gläubigen eine christliche Bedeutung haben: „Sein Ich in Schranken zu halten muss für Selbsthingabe an Gott Raum machen; denn nur er ist schließlich das Glück, nach dem wir streben.“