Der Wind Bergoglios

Der Gedanke einer armen Kirche für die Armen ist für die Welt wie der argentinische Pampero, ein stürmischer Wind

Rom, (ZENIT.org) P. Alfonso M. A. Bruno FI | 1039 klicks

Es gibt Orte auf der Welt, die nicht so sehr wegen ihrer landschaftlichen Gegebenheiten, sondern vielmehr aufgrund eines nicht greifbaren Phänomens wie dem Wind im kollektiven Bewusstsein verankert sind: In Triest bläst die Bora, an der Küste des Ligurischen und des Tyrrhenischen Meeres weht der Südwestwind, in der Provence stürmt der „Mistral“ das Rhônetal hinab und lässt die Wellen im Golf von Leone zornige Gischt aufspritzen.

Aus dem Hinterland gelangt der „Pampero“ in die rio-platensische Metropole Buenos Aires, die Heimatstadt Jorge Bergoglios, und rüttelt sie aus ihrer subtropischen Lethargie wach. Für die Porteños, die Einwohner von Buenos Aires, ist der Wind der Pampa der Inbegriff einer aufgewühlten Natur, einer Umkehrung des Wetters.

Nachdem in den ersten öffentlichen Auftritten des Bischofs von Rom dessen Gutmütigkeit zum Ausdruck gekommen war, wirkte die im Rahmen einer Ansprache vorgenommene Darstellung seiner Vision der Kirche wie ein kräftiger Windstoß des „Pampero“ am Ufer des Rio della Plata.

Die einfachsten Dinge bewirken die größten Erschütterungen, denn manchmal sind wir gerade im Angesicht der Wahrheit unfähig, uns auf einer gedanklichen Ebene mit ihr zu beschäftigen. Dennoch tritt kein Gedanke des Evangeliums mit der gleichen Klarheit hervor wie die Seligkeit der Armen und die Verpflichtung für jene, die sich als Christen bekennen, ihnen ihre Hilfe zuteil werden zu lassen.

Wenn eine derart offensichtliche Wahrheit nicht entsprechend berücksichtigt wurde, so ist dies auf einen Rückgang der Zeugnisablegung zurückzuführen, der unter anderem in einer hemmend wirkenden Routine begründet liegt. Die Entscheidung für die Armut hat sich sozusagen vom Geist in Buchstaben verwandelt. Der Ermahnung des hl. Paulus zufolge ist der Geist belebend und der Buchstabe tötend. Papst Franziskus wurde von einem Mitglied der Gesellschaft Jesu einmal gefragt, wodurch sich ein Jesuit auszeichne. Seine Antwort lautete folgendermaßen: „Ein Jesuit ist ein Priester, der zehn Jahre länger studiert hat als die anderen Priester.“

Vielleicht hat Pater Bergoglio nach seinen Erkundungen der Tiefen der Disziplinen Theologie, Philosophie und Doktrin über die langen und ernsthafte Studien zu jener großen und einfachen Wahrheit zurückgefunden, die dem Gründungsakt unserer Religion innewohnt, den Seligpreisungen. Diese Wahrheit offenbarte sich ihm im Leben der Menschen seines Landes: „den Seligen und Armen“.

Seit seiner Bestimmung zum Bischof von Rom verkündet er diese Wahrheit. Die Kirche erlebt gleichsam eine Wiederholung des Pfingstwunders: „Et factus est repente de coelo sonus, tanquam advenientis spiritus vehementis“. (Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt; Apg. 2,2 EU)

Der Wind des Geistes bläst so stark wie der „Pampero“ auf dem Rio della Plata. Er kommt, um unsere menschliche Wirklichkeit zu verwandeln.

Der Bischof von Rom zählt nicht wegen materieller Macht, sondern aufgrund seines Ansehens und seiner geistigen Stärke zu den einflussreichen Persönlichkeiten auf globaler Ebene.

Als Kandidat, der in einem Atemzug mit Franziskus genannt werden kann, kommt am ehesten Präsident Obama in Frage: Beide sind verbunden durch die Geburt oder die familiären Wurzeln im Süden der Welt; beide wurden zur Veränderung einer geopolitischen Situation berufen, in der sich bisher die Macht des Nordens ausbreiten konnte.

Das Erstarken der Lateinamerikaner in der Kirche und der Afroamerikaner in den Vereinigten Staaten sind die Anzeichen eines neuen Windes. Vor allem sind sie aber eine Bestätigung einer rigorosen Änderung des Kräfteverhältnisses.

Lateinamerika hat durch die Einwohnerzahl Gewicht im Katholizismus. Analog dazu ist die traditionell von Iren geleiteten Kirche der Vereinigten Staaten, in der sich selbst italienischstämmige Immigranten ausgegrenzt fühlten, bis Mutter Cabrini aus Italien kam, um sich ihrer anzunehmen, heute in Bezug auf die jungen Menschen und praktizierenden Gläubigen mehrheitlich von „Latinos“ zusammengesetzt.  

Johannes Paul II., ein weiterer großer „Geostratege“ der Kirche, spielte eine ausschlaggebende Rolle im Zusammenbruch des kommunistischen Machtblocks und in der Tatsache, dass dies auf friedliche Weise geschah.

Heute richtet der Süden der Welt den Blick auf Franziskus, als Kämpfer für die historische und soziale Befreiung.

Dem Bischof von Rom kommt die Aufgabe zu, diese Befreiung für jenes höchste Gut zu vollbringen, das dem hl. Franziskus so sehr am Herzen lag: für den Frieden.