Der Wirtschaftsethiker Prof. Dr. Stephan Rothlin SJ zur Situation in China

Religion kann entscheidend zur Entwicklung hin zu einem Rechtsstaat beitragen

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ROM, 9. August 2012 (ZENIT.org). - In einem Interview gegenüber der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) vom 18. Juli 2012 bekräftigte der an der Universitiy of International Business and Economics (UIBE) lehrende Wirtschaftsethiker Prof. Dr. Stephan Rothlin SJ, dass in China ein nachhaltiges Interesse an Spiritualität und Religion festzustellen sei.

Rothlin äußerte gegenüber der NZZ, dass in China seit 30 Jahren insbesondere die christlichen Konfessionen großen Zulauf erlebten und es dort circa 70 bis 80 Millionen Christen gebe. In der chinesischen Gesellschaft sei ein deutlicher Wandel feststellbar, Werte gälten als unverzichtbar. Auch in der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) werde das Thema in Debatten über „universelle Werte“ diskutiert. „Dabei wird unter ʻWürdeʼ des Menschen in etwa das verstanden“, so Prof. Dr. Stephan Rothlin SJ, „was man aus westlicher Sicht dem Thema Menschenrechte zuordnet.“

Prof. Dr. Stephan Rothlin SJ führte weiter aus: „Wichtig ist dabei eine pragmatische Argumentation: Die katholische Soziallehre findet vor allem dann Anerkennung, wenn deutlich wird, dass Begriffe wie Solidarität, Subsidiarität und Gerechtigkeit in die Praxis umgesetzt werden können. Vor diesem Hintergrund bin ich als Wirtschaftsethiker davon überzeugt, dass Religion entscheidend dazu beitragen kann, die Entwicklung hin zu einem Rechtsstaat zu fördern.“

Die Situation der katholischen Kirche in China ist nicht frei von Konflikten, da sie in die Staatskirche, die Patriotische Katholische Vereinigung, und die papsttreue Untergrundkirche gespalten ist. Das Problem zeigt sich vor allem bei der Zuständigkeit für Bischofsernennungen. Obgleich die Untergrundkirche fast doppelt so viele Anhänger wie die Staatskirche verzeichnet, ist sie staatlichen Repressionen ausgesetzt. Prof. Dr. Stephan Rothlin SJ äußerte, auf das Problem angesprochen, gegenüber der NZZ: „Es gibt auch in der KPCh durchaus verschiedene Perspektiven auf die Kirche. Eine davon ist, dass auch die Kirche eine positive Wirkung auf die Gesellschaft hat. Auch die Arbeit im Bereich der Wirtschaftsethik versteht sich als ein Bemühen, das nicht nur der Kirche, sondern der gesamten Gesellschaft zugutekommen soll – trotz der Einschränkungen, die es gibt.“

Prof. Dr. Stephan Rothlin SJ, Jahrgang 1959, wurde in Lachen im Kanton Schwyz geboren. Er lehrt Wirtschaftsethik an der staatlichen University of International Business and Economics (UIBE) in Peking und ist Generalsekretär des Centers for International Business Ethics (CIBE). [bd]