Der wissenschaftliche Naturalismus ist kein Argument gegen den Schöpfungsglauben

Von Stefan Rehder

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WÜRZBURG, 4. Juli 2007 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Die „neuen Atheisten“ legitimieren ihren Kreuzzug gegen die Religionen (DT v. 31.5.) mit der Behauptung, die auf dem Markt befindlichen naturwissenschaftlichen Theorien reichten völlig aus, um den Menschen den Mensch und die Entstehung des Kosmos zu erklären. Dagegen sei der Glaube an einen Schöpfergott nicht nur unnötig, sondern stehe auch im Widerspruch zu naturwissenschaftlichen Erkenntnissen, die als gesichert gelten könnten.



In „Kein Raum mehr für Gott? Wissenschaftlicher Naturalismus und christlicher Schöpfungsglaube“ unterzieht der Theologe Tonke Dennebaum diese These einer kritischen Untersuchung. Bei dem Buch, das Ende 2006 in der Reihe „Religion in der Moderne“ im Würzburger Echter Verlag erschienen ist, handelt es sich um eine leicht veränderte Fassung der Dissertationsschrift, die der Autor, Priester der Diözese Mainz, im Sommersemester 2005 am Fachbereich Katholische Theologie der Johannes Gutenberg-Universität Mainz eingereicht hat. Der knapp dreihundert Seiten starke Band besteht aus zwei Teilen. Im für eine wissenschaftliche Arbeit erfreulich knapp gehaltenen ersten Teil grenzt der Autor zunächst das Thema ein und klärt die Methodik. Dabei macht Dennebaum deutlich, dass er wenig von der auf dem europäischen Festland weit verbreitenden These hält, nach der die Theologie sich mit dem wissenschaftlichen Naturalismus gar nicht inhaltlich auseinandersetzten müsse; etwa weil die moderne Kosmologie von sich aus überhaupt kein Verhältnis zur Theologie besitze und jede naturwissenschaftliche Erklärung sich auch schöpfungstheologisch deuten lasse. Als Seelsorger reicht es Dennebaum offenbar nicht, wenn Theologen nur „metatheoretisch“ argumentieren.

„Eine Theologie, die ihre Augen und Ohren vor den Anfragen des wissenschaftlichen Naturalismus“ verschließe, verlasse, so der Autor, „ohne Grund die Foren der philosophischen Diskussion“ und gebe „den traditionellen Anspruch auf rationale Plausibilität der theistischen Überzeugung verloren“.

Weil der Autor stattdessen dafür plädiert, sich inhaltlich mit dem Naturalismus und seinen Strömungen auseinanderzusetzen, beschränkt er sich – methodisch sauber – in der vorliegenden Arbeit darauf, nur solche Hypothesen in den Blick zu nehmen, die in den „Objektbereich beider Systeme“ gehören. „In Bezug auf die Geschaffenheit der Welt geht es dabei unter anderem um die Vereinbarkeit des theistischen Schöpfungsglaubens mit dem kosmologischen Standardmodell der Physik und alternativen naturalistischen Vorschlägen.“ Nicht untersucht werden dagegen die „theologischen, anthropologischen und hermeneutischen Konsequenzen, die aus dem ,Für-wahr-Halten‘ der theistischen Hypothese folgen“ und die „für die Fülle und existentielle Tragweite des Glaubens unabdingbar sind“.

Im zweiten Teil stellt der Autor zunächst die traditionelle theistische Position des Christentums vor, wobei vor allem die „creatio ex nihil“ und die „creatio continua“ ausführlich dargestellt wird. Danach hat Gott die Welt nicht nur aus dem Nichts erschaffen, sondern ist zugleich der bleibende Grund für die Existenz alles Seienden, ist also sowohl Schöpfer, als auch Urgrund und Ziel allen Lebens. Zusammenfassend hält Dennebaum fest: „Der grundlegende Zugang des christlichen Theismus zum Verständnis der Welt ist demnach in metaphysischer und ontologischer Hinsicht radikal verschieden vom Ansatz des wissenschaftlichen Naturalismus.“ Die Differenz sei nicht nur „von wissenschaftstheoretischer Bedeutung“, sondern zugleich „das maßgebliche Kennzeichen“ des unterschiedlichen weltanschaulichen Grundverständnisses von Naturalisten und Theisten. Der theistischen Position stellt der Autor sodann das „Modell eines expandierenden Universums“ gegenüber, das auch als das „Urknallmodell“ bekannt ist und heute – nachdem durch Einsteins Relativitätstheorie und die Unschärfenrelation Heisenbergs die Newtonsche Physik überholt wurde – als das kosmologische Standardmodell betrachtet wird.

Dennebaum zeigt, dass der Schöpfungsglaube und das Urknallmodell einander logisch nicht widersprechen, sondern Konsonanz beanspruchen können. Das ist zunächst nicht allzu viel. Denn: „Weder erfordert der Schöpfungsglaube notwendig die Urknalltheorie als wissenschaftliches Äquivalent, noch lässt sich umgekehrt aus der Urknalltheorie zwingend auf einen Schöpfungsakt oder gar die Person eines Schöpfers schließen.“

Aber es zeigt immerhin, dass wer der Urknalltheorie zuneigt, sie nicht dazu benutzen kann, Gott als Schöpfer der Welt den Garaus zu machen.

Im Anschluss daran führt Dennebaum auch in das Quantengravitationsmodell von Stephen Hawking, die Theorie des oszillierenden Universums sowie die von Alan Guth entwickelte Theorie eines inflationären Universums ein. Dabei beeindruckt sowohl die Kenntnis als auch die Fähigkeit des Autors, die komplizierte Materie auch für den Laien verständlich darzustellen. Gemeinsam ist diesen mehr oder weniger umfangreichen Modifizierungen des kosmologischen Standardmodells, dass sie die Prämisse eines Anfangs des Universums ablehnen. Dennebaum vermag jedoch zu zeigen, dass alle diese Theorien bereits in sich so problematisch sind, dass sie nicht dazu taugen, Gott als Schöpfer des Universums wegzuerklären. Entgegen ihrem eigenen Anspruch bleiben diese Modelle nämlich nicht bei einer rein deskriptiven Darstellung naturwissenschaftlicher Zusammenhänge stehen, sondern sind so konzipiert, dass sie auch die Frage nach dem Warum der Existenz der Welt zu klären suchen. Und spätestens hier treten dann auch methodische Probleme auf, die nicht mehr sauber zu lösen sind. Dies ist auch der Grund, warum selbst eine so genannte naturwissenschaftliche „Theorie von allem“ letztlich keinen Widerspruch zu einem Schöpfergott zu konstruieren in der Lage wäre. Auch eine solche „Theorie von allem“ verhielte sich laut Dennebaum zum Theismus letztlich konsonant. Denn: „Der Wille Gottes könnte als Grund dafür gedeutet werden, dass es überhaupt eine derartige Theorie gibt – die ja als naturwissenschaftliche Hypothese niemals selbstevident sein kann – und dass eine reale Welt existiert, deren Struktur sich durch diese Theorie beschreiben lässt.“ Somit könnte sogar die „Theorie von allem“ als „Hinweis auf die Existenz Gottes“ begriffen werden, „der die Welt durch freien Willen erschaffen hat“.

Fazit: Der Christgläubige braucht weder vor dem wissenschaftlichen Naturalismus und schon gar nicht vor einem dezidiert atheistischen Naturalismus kapitulieren.

[Tonke Dennebaum: Kein Raum mehr für Gott? Wissenschaftlicher Naturalismus und christlicher Schöpfungsglauben, in: Religion in der Moderne, Band 14. Echter Verlag, Würzburg 2006, 298 Seiten; © Die Tagespost vom 30.6.2007]