Der zuvorkommende Gott und seine priesterlichen Mitarbeiter – Überlegungen im Anschluss an Papst Benedikt XVI.

Von Michael Schulz

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WÜRZBURG, 23. Juni 2007 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Priester kennen diese Situation nur zu gut: Sie sprechen und niemand hört zu. Es ist, als ob nichts gesagt worden wäre. Wie ist das, wenn Gott spricht, wenn er den Menschen anspricht? Wenn Gott spricht und niemand zuhört, was passiert dann mit Gottes Wort? Gilt in diesem Fall ebenso: Es ist, als ob er gar nichts gesagt hat?



1965 schreibt Joseph Ratzinger: „Offenbarung ist (...) erst da angekommen, wo (...) auch ihre innere Wirklichkeit selbst in der Weise des Glaubens wirksam geworden ist. Insofern gehört in die Offenbarung bis zu einem gewissen Grad auch das empfangende Subjekt hinein, ohne das sie nicht existiert. Man kann die Offenbarung nicht in die Tasche stecken, wie man ein Buch mit sich tragen kann. Sie ist eine lebendige Wirklichkeit, die den lebendigen Menschen als Ort ihrer Anwesenheit verlangt.“ Ohne den lebendigen Menschen keine Offenbarung. Joseph Ratzinger hatte diese Einsicht bereits in seiner Habilitationsschrift über die Geschichtstheologie des heiligen Bonaventura formuliert. Danach gehört zur Offenbarung ihre Selbstvergegenwärtigung im menschlichen Subjekt: kein göttliches Wort ohne menschliches Ohr. Ratzinger wusste um die Missverständlichkeit seiner These. Angesichts der Bedeutsamkeit des Subjekts, in dessen Verstehensakt sich die Offenbarung vollzieht, kann „gefragt werden, ob damit nicht die Objektivität der Offenbarungsgegebenheit zu Gunsten eines subjektivistischen Aktualismus aufgehoben ist“. Nach Auskunft Ratzingers in seinen Lebenserinnerungen soll der Mediävist Michael Schmaus genau diesen Verdacht gehegt haben, weshalb er Ratzingers Habilitationsschrift zunächst durchfallen lassen wollte. Gegen den Verdacht der Subjektivierung der Offenbarung verweist der angehende Theologieprofessor auf die Kirche. Das Ohr, ohne das Gottes Wort nicht ist, ist die Kirche, kein isoliert für sich dahinglaubendes Individuum.

Ratzinger wird auch nicht müde, zu unterstreichen, dass der Heilige Geist beim menschlichen Hören assistiert. Es sind nicht nur rein menschliche Erkenntniskräfte, die zur Glaubenserkenntnis führen. Vielmehr durchweht Gottes Geist unser Ich und lässt uns den göttlichen Glanz auf dem Angesicht Jesu erkennen. Nur in Gottes Licht schauen wir sein Licht. Schon aus unserer alltäglichen Erfahrung wissen wir: Wenngleich niemand etwas ohne seine Augen sehen kann, so sieht er doch nichts ohne Licht. Das Licht müssen die Augen erst empfangen, damit sie uns etwas sehen lassen. Im Blick auf die Glaubenserkenntnis bedeutet dies: Das Licht des Heiligen Geistes muss unsere natürliche Offenheit für Gott erleuchten, damit wir Gottes Epiphanie in Jesus erfassen können. Auch der Auferstandene wird von den Jüngern nur dann gesehen, wenn er ihrem Sehen zuvorkommt, wenn er sich sehen lässt und sich ihnen zu erkennen gibt. Andernfalls sind die Jünger „wie mit Blindheit geschlagen“.

Das Sehen- und Glaubenkönnen ist also Sache des zuvorkommenden Gottes. Deshalb unterstreicht Joseph Ratzinger stets, unser Glaube gehöre gar nicht uns, sei nicht unser Besitz, sondern unser Glaube gehöre Gott, so dass wir glaubend zu Gott gehören. Von uns aus könne ein Zu-Gott-Gehören nicht bewerkstelligt werden. Darum ist die Subjektivität der Offenbarung, der Glaube, zuerst Sache des zuvorkommenden Gottes, sodann – nachfolgend – Sache des für Gott offenen Menschen, der zu Jesus gehören will, weil er die Logik der Offenbarung erkannt hat.

Oder anders gesagt: Zwar ist der Mensch von Haus aus religiös musikalisch – das wäre gegenüber dem Philosophen Jürgen Habermas herauszustellen, der sich für religiös unmusikalisch hält. Doch muss diese Fähigkeit ihre besondere Formung erhalten. Schon jedes musikalische Talent verkommt, wenn es nicht anspruchsvoller Musik begegnet und nicht durch Ausbildung gefördert und geformt wird. Analog gilt dies für das Hören auf das göttliche Wort. Es ist der zuvorkommende Heilige Geist, der den Menschen innerlich formt. Er vollendet die angeborene religiöse Musikalität des Menschen und befähigt zum Glaubensbekenntnis der Kirche. „Keiner kann sagen: Jesus ist der Herr!, wenn er nicht aus dem Heiligen Geist redet“, schreibt Paulus an die Gemeinde in Korinth.

Kurz: Die Offenbarung ereignet sich zweiseitig: einmal objektiv vor uns in der Geschichte Israels und endgültig in der Geschichte Jesu; und sie geschieht subjektiv in uns durch den Geist der Wahrheit, der sich unsere natürliche Offenheit für Gott voraussetzt, sie vollendet. Die Trinitätstheologie bringt diese Struktur der Offenbarung, die sich in Wort und Geist ereignet, auf den Punkt. Sie erläutert, was wir hören und wodurch wir hören.

Wegen der Bedeutung von uns, der Kirche, für das Zustandekommen der Offenbarung, verweist der damalige Präfekt der Glaubenskongregation, Joseph Kardinal Ratzinger, in einem im Sommer 1999 gegebenen Interview zur geplanten Unterzeichnung der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre durch Vertreter des Lutherischen Weltbundes und des Einheitssekretariats auf die noch zu klärende Bedeutung der Kirche im Rechtfertigungsgeschehen. Wenn Kirche in Christus Sakrament ist, dann geschieht Rechtfertigung und Heiligung des Menschen durch sie, niemals an ihr vorbei; niemals ist die Kirche nachträgliches Produkt des Gnadengeschehens. Vielmehr handelt Gott durch sie hindurch. Ohne priesterliche Mitarbeiter geht es deshalb nicht; sie repräsentieren den unverfügbaren Ursprung der Gnade, nämlich Christus, das Haupt der Kirche. Ebensowenig geht es ohne die Glieder des Volkes Gottes. Was wäre Gottes Reich ohne Gottes Volk?

Diese dezidiert katholische Überzeugung kann, zugespitzt formuliert, zu einer „marxistischen Versuchung“ werden. Wenn nichts ohne uns geht, dann geht eben nichts außer durch uns. Das Heil hängt von unserer Tat ab. Nicht in allen, aber in einigen Ansätzen der Befreiungstheologie hat Joseph Ratzinger diese marxistische Versuchung diagnostiziert: Heil, Erlösung werden zur gnadenlosen gesellschaftspolitischen Aktion. Aber könnte die theologische Versuchung Lateinamerikas sich nicht auch – europäisch drapiert – auf dem Laufsteg der Pastoral im gnadenlosen Gewand einer machbaren Kirche, einer gemachten Gemeinde präsentieren? Gibt es die aktuelle Gefahr einer „marxistischen Kirche“ ohne Gnade?

Einem Priester, der nicht mehr tut als die Mitbrüder, mag die eigene Arbeitslast gigantisch erscheinen. Das Vertrackte besteht darin, dass er an sich etwas Richtiges tut: Glaubensweitergabe, Neuevangelisierung. Aber das Richtige kann offenbar falsch werden durch die Wurzel des Handelns, durch den – scholastisch gesagt – falschen Habitus: dass es nämlich bei seiner Arbeit nicht mit der Gnade rechnet, nicht mit dem zuvorkommenden Gott. Dadurch wird die Arbeitslast unerträglich. Zum Gefühl ständiger Überlastung gesellt sich bei Priestern nicht selten ein Gefühl des permanenten Selbstmitleids. Dieses Gefühl des Selbstmitleids bindet an unsere „zweite Natur“, um mit Pascal zu sprechen; es ratifiziert unsere Selbstbezogenheit, die aus der Sünde Adams stammt – die aus dem Menschlichen das nur Allzumenschliche macht. Gnadenlose Pastoral verführt zur Sünde. Das Selbstmitleid verführt zur Suche nach Trost, wo er nicht zu finden ist. „Man gönnt sich ja sonst nichts“ – ein Werbespruch, einst gesprochen von dem sogar bischöflich ausgezeichneten Priester-Schauspieler Günter Strack und jetzt im Werbeblock mit einem Glas Malteseraquavit in der Hand... Aus der Falle dieser gnadenlosen, trostlosen Pastoral führt der mit seinem Geist zuvorkommende Gott.

Fromme Selbstgenügsamkeit führt nicht zum Ziel

In dem bereits erwähnten Interview mit Kardinal Ratzinger sagt er: „Wir sind alle ein bisschen vom Deismus befallen. Wir lassen Gott sozusagen ein bisschen draußen. Der katholische Glaube – dieses große Vertrauen, diese große Freude, dass Gott Mensch wird, in das Fleisch eintritt, sich mit dem Fleisch vereint und sein Wirken in der Welt fortsetzt und sie verwandelt – besitzt hingegen die Macht, den Willen, die Radikalität der Liebe, um in unser Sein einzutreten und es zu verwandeln.“ Am Ende des Interviews solidarisiert sich der Präfekt der Glaubenskongregation nochmals eigens mit der von der Gemeinsamen Erklärung vorgetragenen Überzeugung, dass es vor allem darum gehen muss, die Lehre von der Rechtfertigung und Gnade „im kirchlichen Leben fruchtbar werden zu lassen“. Es sei die ökumenische Aufgabe schlechthin, Wege zu finden, an deren Ziel begreiflich wird, „was es heißt, dass der Herr uns erlöst, dass er uns die Gnade geschenkt hat“.

Das Programm zur Überwindung eines „pastoralen Marxismus“ oder „ekklesialen Deismus“ lautet sicherlich nicht: fromme Selbstgenügsamkeit oder mehr Urlaub mit Tui-Reisen, um der Gnade endlich Raum zu geben: durch den Verzicht auf eigene Aktivitäten, auf die Präsenz in der Gemeinde. Das wäre die Pastoral der „billigen Gnade“. Das Gnadenhandeln Gottes und menschliche Aktivitäten würden nach diesem Verhaltensmuster als Gegner betrachtet: Wo die Gnade groß ist, bleibt der Mensch klein, unbedeutend – er kann sich zurückziehen. Das hieße in letzter Konsequenz: Die Gnade wäre unmenschlich, der wahre Mensch hingegen gnadenlos. Wenn wir uns aber mit Paulus als Mitarbeiter Gottes verstehen, dann kann dieses Konkurrenzverhältnis keine Lösung darstellen, weder theoretisch noch praktisch. Wie ist eine andere Perspektive zu gewinnen?

Im ersten Korintherbrief sagt Paulus über sich: „...durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin, und sein gnädiges Handeln an mir ist nicht ohne Wirkung geblieben. Mehr als sie alle habe ich mich abgemüht – nicht ich, sondern die Gnade Gottes zusammen mit mir.“ Durch die Gnade Gottes bin ich, was ich bin. Paulus denkt bei diesem Bekenntnis an sein Apostelamt, das seine Identität in Christus begründet. Doch die Theologie kann auch schon die Natur des Menschen als Gnade bezeichnen. Ratzinger zitiert in einem gnadentheologischen Aufsatz nochmals den „Helden“ seiner Habilitationsschrift, den heiligen Bonaventura. Bonaventura betrachtet die menschliche Natur gewissermaßen von Gott aus, um festzustellen: hoc totum quod fecit, fuit gratia. Alles, was Gott gemacht hat, auch die Natur des Menschen, ist Geschenk, Gabe, zuvorkommende Gnade. Ratzinger kommentiert: „Die ganze Natur ist in ihrer innersten Tiefe Ausfluss eines Willens, ist voluntaristisch strukturiert von dem schöpferischen Urwillen her, dem allein sie ihren Bestand verdankt.“

Voluntaristisch ist die Natur des Menschen, weil sie auf den menschlichen Geist zielt, der Freiheit ist; voluntaristisch ist sie, weil allein in der Begegnung der menschlichen Freiheit mit der freien Gnade Gottes die Vollendung unserer Natur möglich wird. Wenn daher Gottes Gnade der Freiheit des Menschen gut tut, dann konkurrieren nicht Gott und Mensch gegeneinander um ihre jeweilige Größe, Macht und Einflusssphäre, dann bilden zuvorkommende Gnade und pastorale Aktivität keinen apriorischen Gegensatz.

Das Gebet ist keine Kapitulationserklärung der menschlichen Freiheit und Selbstbestimmung vor dem allmächtigen Übergewicht des göttlichen Willens. Vielmehr geht es um ein freies, selbstbestimmtes und zu höchst vernünftiges Ja zu dem Willen, in dessen Verwirklichung allein das Heil der Menschheit liegt. Auch für Jesu Geschick ist es das beste, dass Gottes Wille geschehe, selbst wenn dies Leid und Kreuz einschließt. Freilich – aus menschlicher Sicht zunächst eine Provokation, Skandal, Anstoß, Unvernunft. Aber bei Licht betrachtet, wird mit den rationalen Mitteln der Vernunft erkennbar, dass nur in der Einheit mit der göttlichen Freiheit, der wir uns verdanken, auch Sinn und Erfüllung unserer Freiheit und unseres Willens liegen. Im Widerstand und Widerspruch zum Ursprung unserer Freiheit wird unsere Freiheit selbst widersprüchlich, der Wille sich selbst entfremdet, unfähig, unverkürzt das Gute zu tun und damit sich auch selbst etwas Gutes zu tun. Man tut plötzlich das Böse, das man nicht will, das man hasst, wie Paulus im Römerbrief ausführt. Ostern beginnt vor Ostern, wenn sich der menschliche Wille mit dem göttlichen verbindet: dadurch wird der tödlichen Sünde die Macht genommen, dadurch schöpft der Mensch aus dem göttlichen Quell des Lebens. Mit anderen Worten: In der Selbstübergabe des menschlichen Willens an den göttlichen Willen kommt der menschliche Wille ganz zu sich. Das gilt ebenso für Jesus. In der Übergabe an Gottes Willen vollendet sich Jesu menschliche Freiheit.

Um diese für das Verständnis des Menschen entscheidenden Konsequenzen der Christologie in ihrer Wahrheit zu erschließen, versucht Ratzinger in seiner „Einführung in das Christentum“ und in anderen Schriften die allgemeine Vernunftwahrheit plausibel zu machen: Das Entscheidende im Leben ist Geschenk – weil schon das Leben selbst Geschenk ist. Der damalige Dogmatiker von Tübingen und Regensburg analysiert das Wesen des menschlichen Wollens. Danach zielt alles Wollen des Menschen auf Erfüllung, auf Glück und Zufriedenheit. Dabei zeigt sich, dass das, was am meisten erfüllt, der andere Mensch ist, der sich frei und ungezwungen dem Suchenden zuwendet. Eine erzwungene Zuwendung oder Anerkennung würde auch keineswegs das erhoffte Glück schenken. So ist das am meisten Notwendige für den Menschen gerade dasjenige, das ihm nicht als etwas Notwendiges, Erzwungenes, sondern als frei Geschenktes zuteil wird. Im Verhältnis zu Gott bedeutet dies: Wenn der Geist des Menschen, wie Ratzinger zeigt, auf Gott hin aus ist, und wenn dem Menschen nichts weniger genügt als Gott, dann sucht der Mensch Gottes Gnade – aber als freies, unverdienbares Geschenk. Nur in der Begegnung mit der sich dem Mensch frei schenkenden Freiheit Gottes ist der Mensch zufrieden, findet seine Freiheit Vollendung.

Demnach ergibt sich mit philosophisch vertretbaren Argumenten die Schlussfolgerung: Die Gnade tut dem freien Willen gut, zerdrückt ihn nicht; der Mensch ist vielmehr auf die Gabe der Gnade angelegt. Von Natur aus sucht er die freie Gnade – um sich ihr zu übergeben, um sich von ihr her neu und erfüllt zu empfangen. Einmal mehr sollte deutlich geworden sein, dass die christologische Aussage vernünftig ist: Die menschliche Freiheit Jesu, beflügelt vom Heiligen Geist, findet ihre Vollendung in der Einheit mit dem göttlichen Willen des Sohnes. Jesus lebt die Ekstase des menschlichen Geistes, der im Überschritt zum ganz Anderen, zum göttlichen Du hin, das sich zuvorkommend schenkt, er selbst ist.

Eine Konkurrenz zwischen Gnade und freiem Willen gibt es also nicht. Der Mensch wird durch die Gnade groß, nicht klein. Gott muss sich ebenso wenig zurückziehen, damit menschliche Freiheit Platz bekommt. Gott setzt sich vielmehr in zuvorkommender Weise aus freien Stücken für unsere Freiheit ein, damit sie sei und die ihr gemäße Vollendung finde, indem sie sich, beflügelt von Gottes Geist, dem göttlichen Willen überantwortet.

Ekklesiologisch übersetzt bedeuten die gewonnenen Einsichten: Eine „marxistische Ekklesiologie“, die auf Plan und Machbarkeit setzt, wird vom Heilige Geist unterlaufen. Der Heilige Geist baut sich deshalb aber nicht als Gegner pastoraler Planung auf, als Konkurrent menschlicher Aktivität. Die Planungsstäbe des Generalvikariats oder einer Gemeinde behalten ihren Sinn. Es soll in der Tat nicht ohne uns gehen. Aber unserer Tat kommt Gottes Geistes-Tat wohltuend zuvor. Mit seinem Geist ist Gott schon immer mehr für uns da, als wir für uns überhaupt da sein könnten. Er sorgt sich mehr um uns und seine Kirche, als wir planend für uns und unsere Gemeinden Sorge tragen könnten. Wer sich um sich selber sorgt, lässt am besten Gott für sich sorgen. Gerade wenn wir uns um die Gemeinde sorgen wollen, sollten wir auf die zuvorkommende Sorge Gottes setzen. Das entspannt, nimmt der Planung das Panische, Verspannte. Aus der Vorgabe der Sorge Gottes heraus lässt sich gelassen arbeiten – in wohlgestimmter Eutonie sozusagen, weder frustriert und haltlos abgespannt durch heillose Überforderung, noch panisch gnadenlos überspannt – ebenfalls aufgrund heilloser Überforderung. Wohlgespanntheit wäre ein Kriterium für eine Pastoral der Gnade – jenseits von „Deismus und Marxismus in der Kirche“. Wohlgespanntheit stellt sich ein, wenn gelebt wird, was Kirche ist: eine relationales Gebilde, das nie in sich gründet, nicht selbstbezogen ist, sondern von einem anderen, von Jesus aus Nazaret her existiert und über sich hinaus auf den eschatologischen Christus bezogen ist. Wer die Natur der Kirche selber lebt, wird und bleibt gesund, ist wohlgespannt.

Der Pfarrer ist niemals nur Verwalter oder Funktionär

Praktisch bedeuten diese Einsichten nicht zuletzt, dass Gemeindearbeit und die Arbeit am eigenen Haus mit Geistlichen Exerzitien beginnt, mit der Betrachtung des Lebens Jesu, seiner menschlichen Freiheit, die sich in der Einheit mit dem göttlichen Willen verwirklicht, mit einem inneren Hören auf Gottes Geist, mit der Bitte um die Unterscheidung der Geister, um Sensibilität für wahren Trost ohne Selbstmitleid, für Zufriedenheit ohne Selbstgenügsamkeit. Auf diese Weise wird Gemeinde subjektiv stets mehr, was sie schon objektiv immer ist, Ort der angenommenen und überlieferten Offenbarung, die sich kraft des Geistes in Raum und Zeit vergegenwärtigt.

Wenn wir als Ortskirche auf Gottes Wort hören, es im geistgewirkten Glauben annehmen und überliefern, dann vergegenwärtigt sich nicht nur die Offenbarung, sondern sie gewinnt auch noch mehr an Verständlichkeit, an Leuchtkraft. Ohne uns geht das nicht, ohne unser Nachsinnen, Studieren, ohne innere Einsicht und geistliche Erfahrung. Das ist unsere Würde. Die Pastoral ist deshalb nie bloße Praxis, Technik, Mechanik der Glaubensvermittlung. Die Gemeinde ist der Ort, an dem die Offenbarung geschieht im gläubigen Hören auf das Wort, im vertieften Verstehen des Geoffenbarten. Gottesdienst, Gebet, Wüstentage, Predigt, Fortbildung, Katechese, Schulunterricht, Caritas, Diakonie, selbst Sitzungen und Besprechungen sind Orte, die sich Gottes Wort voraussetzt, um in vertiefter Weise bei den Menschen als zuvorkommendes Heil und Leben anzukommen. Der Dienst des Pfarrers gehört in diesem Sinn wesenhaft zur Offenbarung hinzu. Er ist niemals nur Verwalter oder Funktionär im äußerlichen Gegenüber zur Offenbarung. Er ist vielmehr einer ihrer Orte – Ort ihrer effektiven und sich vertiefenden Selbstvergegenwärtigung.

Schließlich: Am dichtesten werden Natur und Sendung der Kirche in der Eucharistie erfahren und vollzogen. Joseph Ratzinger ist dafür bekannt geworden, dass er eine eucharistische Communio-Ekklesiologie entwickelt hat seit seiner Dissertation über das augustinische Verständnis der Kirche als Volk und Haus Gottes. Seine Handschrift ist deshalb auch im postsynodalen Schreiben „Sacramentum caritatis“ zu erkennen: Danach ist die Eucharistie Kausalprinzip der Kirche, weil sich in der Eucharistie der zuvorkommende Christus für seine Kirche dahingibt, damit die Kirche das zu feiern vermag, was sie aufbaut: die Eucharistie. In der Teilhabe am eucharistischen Christus ersteht die kirchliche Communio, die ihre Glieder als Leib Christi konstituiert. Der Priester lebt selbst von dieser Communio mit dem eucharistischen und ekklesialen Christus.

Mit einem gewissen kritischen Unterton, der aber ganz dem Gedanken des zuvorkommenden Gottes entspricht, schreibt Papst Benedikt: Weil die Priester auch im Namen der Gemeinde handeln würden, müssten sie sich „bewusst sein, dass ihr gesamter Dienst niemals sie selbst oder ihre Meinung in den Mittelpunkt setzen darf, sondern Jesus Christus. Jeder Versuch, sich selbst zum Protagonisten der liturgischen Handlung zu machen, widerspricht dem Wesen des Priestertums. Darum empfehle ich dem Klerus“, sagt der Papst, „sich immer tiefer bewusst zu machen, dass der eigene eucharistische Dienst ein demütiger Dienst für Christus und für seine Kirche ist.“ Man könnte diese Zeilen fast als Ermunterung zu einer eutonischen Übung verstehen: Wer sich von dem zuvorkommenden Christus und seinem Geist tragen lässt, ist von der Last befreit, Kirche und Liturgie stets neu erfinden zu müssen.

<I>[Dr. Michael Schulz ist Direktor des Dogmatischen Seminars der Universität Bonn; © Die Tagespost vom 16.6.2007]</I>