\"Deus caritas est\", eine Sozialenzyklika

Interview mit dem Leiter des Internationalen Kardinal-Van-Thuân-Observatoriums

| 662 klicks

ROM, 31. Januar 2006 (Zenit.org).- Die erste Enzyklika von Papst Benedikt XVI. sollte auch als Sozialenzyklika verstanden werden, erklärt Stefano Fontana, Leiter des Internationalen Kardinal-Van-Thuân-Observatoriums für die Soziallehre der Kirche, in diesem Interview. Für ZENIT ging er auf die sozialen Grundsätze ein, die der Heilige Vater in seinem lehramtlichen Rundschreiben zum Ausdruck brachte.



ZENIT: Was hat Liebe mit der Soziallehre zu tun?

Fontana: Die Enzyklika \"Rerum Novarum\" Leos XIII. endet 1891 mit einem Hymnus auf die Liebe, die \"aller Tugenden Herrin und Königin\" genannt wird (45). Mit einem gewissen Grad an Mut für die damalige Zeit erklärte der Papst: \"Das Heil ist ja insbesondere von der vollen Betätigung der Liebe zu erwarten.\"

Im Jahr 2006 wiederholt Benedikt XVI. dieselbe Überzeugung, verweist auf dieselbe Verpflichtung und drückt sogar denselben Wunsch aus. Seine erste Enzyklika, \"Deus caritas est\", sollte auch als Sozialenzyklika verstanden werden, da sie zeitgenössische soziale Probleme aus der Sicht der unveränderlichen Kirche behandelt: aus der Sicht der Liebe, die als göttliche Tugend direkt aus dem Leben der Dreifaltigkeit hervorgeht, und die als menschliche Tugend die erste Voraussetzung dafür ist, dass Menschen zusammenbleiben.

Am Ende des 19. Jahrhunderts, als Leo XIII. seine Aussagen machte, waren die gebräuchlichsten Schlüsselbegriffe \"Reform\" und \"Revolution\", und nicht Einzelpersonen, sondern Institutionen waren mit der Einführung einer gerechten Gesellschaftsordnung betraut. In Bezug auf eine würdige Lebensführung vertrauten die Menschen mehr auf die Massen als auf persönliche Tugenden.

Heute, zu Beginn des 21. Jahrhunderts und nach dem Untergang des Messianismus, demzufolge Gerechtigkeit durch unpersönliche Mechanismen gewährleistet werden könne, in einer Zeit, in der aber noch nicht die anderen Formen des Vertrauens in blinde Mechanismen überwunden worden sind – an erster Stelle die in die Technologie – ertönt der Appell Leos XIII. in der Warnung Benedikts XVI. erneut: Gerechtigkeit verlangt auch nach Liebe.

ZENIT: Der Papst stellt sich gegen die politische Beteiligung der Kirche, tritt stattdessen aber für die Wiederentdeckung der Beziehung zwischen Gerechtigkeit und Liebe ein. Was ist das für eine Beziehung?

Fontana: Die neue Enzyklika weicht dem Thema der Gerechtigkeit nicht aus. Gerechtigkeit kann nicht durch Liebe ersetzt werden, da die Gnade die Natur nicht unterdrückt und der Glaube die Vernunft nicht beseitigt. Gerechtigkeit ist für den Papst das Ergebnis der \"praktischen Vernunft\" und verlangt den Respekt vor den Bedürfnissen der Natur des Menschen sowie seiner Rechte und Pflichten. Genau darauf bauen gerechte politische Systeme auf, die sich um die Errichtung einer gerechten Ordnung kümmern. Ohne Gerechtigkeit ist der Staat nichts anderes als eine \"Räuberbande\", wie es der heilige Augustinus formulierte.

Aber die Vernunft geht, obwohl sie an sich unabhängig ist, leicht jenen Ideologien und Verzerrungen der Gerechtigkeit auf den Leim, die aus dem menschlichen Egoismus kommen. Deshalb bedarf sowohl die Gerechtigkeit, die auf der Vernunft gründet und von ihr erleuchtet wird, als auch die Politik, die sich in der gerechten Ordnung konkret verwirklicht, der \"Reinigung\" durch den Glauben.

Normalerweise denken die Leute, dass Liebe erst nach der Gerechtigkeit kommt: \"Zuerst Gerechtigkeit, dann Liebe.\" Und wenn es mit Gerechtigkeit geht, dann bräuchte man die Liebe nicht mehr. Würden Regierung und Wirtschaft – die Institutionen! – gut arbeiten, bräuchten wir keine sozialen Freundschaften. In diesem Sinn kommen wir wieder zu jenem Gerechtigkeitsbegriff zurück, mit dem hauptsächlich etwas Organisatorisches und Planbares gemeint ist. Das führt uns wieder zu jenem Messianismus, den der Papst materialistisch nennt, weil er den Menschen von dessen sozialer und politischer Heilsökonomie ausschließt.

In seiner ersten Enzyklika zeigt Benedikt XVI., dass es in Wirklichkeit gerade die Liebe ist, die eine gerechte Gesellschaftsordnung ermöglicht, und zwar nicht nur deshalb, weil es immer Arme unter uns geben wird, wie es im Evangelium heißt – deshalb gibt es ja auch \"keine gerechte Staatsordnung, die den Dienst der Liebe überflüssig machen könnte\" (28b) –, sondern vor allem, weil die Liebe die Gerechtigkeit \"reinigt\", so wie der Glaube die Vernunft reinigt.

Das ist eine zentrale Idee in jenen Abschnitten aus \"Deus caritas est\", die genauer auf die Beziehung von Gerechtigkeit und Liebe eingehen. Die Soziallehre der Kirche fußt gerade auf dieser Aufgabe der \"Reinigung\", weshalb die Soziallehre für die weltweite Aufgabe der Kirche, der \"Diakonia\", von entscheidender Bedeutung ist.

Die Enzyklika \"Fides et Ratio\" wies darauf hin, dass der Glaube der Vernunft neue Wege erschließt und sie dazu antreibt, niemals stillzustehen. Der Glaube emanzipiert und reinigt die Vernunft. Er öffnet die Vernunft für eine transzendente Berufung und, indem er das tut, befreit er sie von Halbwahrheiten, die sich betrügerisch als volle Wahrheit geben, wie es zum Beispiel bei Ideologien der Fall ist.

Durch den Glauben kann die Vernunft atmen, wird freier und ist somit besser imstande, die Gerechtigkeit ohne falsche Ansprüche zu betrachten. Außerdem findet sie dann den Mut, für die Gerechtigkeit zu kämpfen, indem sie den Widerstand des Egoismus besiegt.

Die Liebe tritt nicht erst dann auf den Plan, wenn die Gerechtigkeit das Ihre getan hat, sondern sie hilft der Gerechtigkeit, sich zu verwirklichen, während sie zugleich über die Gerechtigkeit hinausgeht. Auch der Glaube tritt nicht erst dann in Erscheinung, wenn die Vernunft an ihrem Ende angelangt ist, sondern er hilft der Vernunft, sich besser zu verwirklichen.

ZENIT: Oft wird Kritik laut, weil sich die Kirche in die Politik einmische. Ist dieser Einwand berechtigt?

Fontana: Zuallererst gibt es da einmal eine erste Ebene, die der Werke der Barmherzigkeit und der Caritas, die, wie uns Benedikt XVI. erklärt, spezifisch kirchlich sind. Sie geben Zeugnis für die Loyalität der Kirche gegenüber Gott, der die Liebe ist. Die Kirche betätigt sich nicht politisch in dem Sinn, dass sie direkt an der Mitarbeit einer gerechten Ordnung beteiligt wäre. Zuallererst legt die Kirche Zeugnis für die Liebe ab – nicht zuletzt durch die Sorge, mit der sie sich um die Bedürftigen kümmert.

Dann gibt es eine zweite Ebene: Die christlichen Laien beteiligen sich an der politischen Errichtung einer gerechten Gesellschaftsordnung und übernehmen dafür Verantwortung. Sie sehen in dieser Tätigkeit die spezifische Form der Laien, Zeugnis zu geben von der Liebe der Kirche.

Schließlich gibt es eine dritte Ebene: Die ganze Kirche, die mit ihrem gesamten Tun, der Verkündigung, der Feier und dem Zeugnis, ihrer religiösen Sendung nachkommt, die tatsächlich zutiefst religiös ist, ist außerdem eine segensreiche Kraft für die Gesellschaft, denn sie bringt dieser Gesellschaft den Geist der Liebe, der die Menschen menschlicher macht und deren Augen und Herzen öffnet, damit sie die gerechte Ordnung klarer erkennen und verwirklichen können.

ZENIT: Gibt es diesbezüglich etwas, was die Kirche vom Staat verlangt?

Fontana: Die Kirche muss nicht eine politische Partei oder eine Gewerkschaft werden, um zur Befreiung der Gesellschaft beitragen zu können, sondern sie muss nur ihrer eigenen religiösen Sendung nachkommen.

Der Staat muss der Kirche und den anderen geistigen Kräften in der Gesellschaft diese Art von Freiheit garantiert, erklärt der Heilige Vater. Die Achtung vor der Religionsfreiheit ist eine politische Pflicht und auch von politischem Interesse, und die Einforderung der Religionsfreiheit ist eine Verantwortung, der man zum Wohl der ganzen Gesellschaft nachkommen muss.