\"Deus caritas est\", kräftiger Impuls für die Mission und die Laien

Interview mit Isabel-Maria Fornari-Carbonell, Präsidentin der Missionarischen Familie \"Verbum Dei\"

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VALENCIA, 1. Februar 2006 (ZENIT.org).- Die erste Enzyklika Benedikts XVI. besitzt \"eine große missionarische Kraft\" und kann als Grundlage für den Dialog mit Menschen aus ganz verschiedenen Milieus herangezogen werden, erklärt Dr. Isabel-Maria Fornari-Carbonell, Präsidentin der Missionarischen Familie \"Verbum Dei\".



Die 58-jährige Missionarin und Dozentin für Neues Testament, die sich besonders in der Familienbegleitung engagiert, ist für die Missionsarbeit von mehr als tausend Priestermissionaren, Missionarinnen, missionarischen Familien sowie rund 15.000 Mitarbeitern verantwortlich. Sie wurde 1947 in Mallorca (Spanien) geboren. \"Deus caritas est\" ist für sie ein wahrer \"Glaubenskurs\" über das Herzstück des Christentums, das weitergegeben sein will.

ZENIT: Worum geht es in \"Deus caritas est\"?

Fornari-Carbonell: Die Liebe ist, wie der Papst im ersten Abschnitt sagt, in aller Verschiedenheit ihrer Erscheinungen eigentlich eins. Das macht die Enzyklika zu einer Grundlage für den Dialog mit Menschen aus ganz verschiedenen Milieus und Hintergründen.

In uns erneuert sie ein konkretes Bewusstsein: Wenn wir diese ureigentliche Bezogenheit eines jeden Menschen auf die Liebe ansprechen und selbst Zeugen dieser Liebe sind, erleben wir, dass die christliche Botschaft das Herz des postmodernen und globalen Menschen berührt, ihn verändert und bewegt. Ich habe bei der ersten Lektüre der Enzyklika sofort gespürt, dass sie eine große missionarische Kraft hat, und empfohlen, ihre Inhalte in unserer Bewegung zu vertiefen. Sie sollen im wahrsten Sinn dieses Wortes unterrichtet und weitergegeben werden.

ZENIT: Was ist das für eine \"missionarische Kraft\", von der Sie sprechen?

Fornari-Carbonell: Die Inhalte von \"Deus caritas est\" sind für mich eine Grundorientierung für die Pastoral der Neu-Evangelisierung. Jeder Abschnitt des Dokuments ist meiner Meinung nach eine Art Lerneinheit, eine Lektion über das Leben und die Liebe. Wir haben hier einen anspruchsvollen Glaubenskurs vor uns, der aber zugleich leicht verständlich ist – eine Anthropologie der Liebe, eine Einführung in das Herzstück des Christentums. In seinen 42 Abschnitten oder Schritten nimmt das Dokument uns mit auf einen mystagogischen Weg der Durchdringung des Liebesgeheimnis Gottes, der \"Reinigung und der Reifungen\", der \"Straße des Verzichts\". Das Wunderbare dieses Schreibens liegt darin, dass es allen Menschen – Christen, Männern und Frauen, Priestern, Ordensleuten, Verheirateten sowie ihren Familien – einen Weg des Aufstiegs hin zur Liebe anbietet.

ZENIT: Benedikt XVI. charakterisiert den Menschen als \"Geliebten Gottes\" und spricht von seiner Vereinigung mit Gott. Ist es nicht gewagt, allen Menschen eine solche Erfahrung zu versprechen?

Fornari-Carbonell: Ganz und gar nicht. Lange Zeit hat man in der Seelsorge und in der Verkündigung den großen Fehler begangen, den Laien so genannte \"Moralpredigten\" zu halten. Dabei wurde komplett vergessen, dass \"die Begegnung mit einem Ereignis, einer Person\", das Entscheidende ist, wie es zu Beginn der Enzyklika heißt.

Als der Heilige Vater im Jahr 2000 das besondere Charisma der Missionarischen Familie \"Verbum Dei\" für geweihte Männer, Frauen und Eheleute approbierte, bekamen die Eheleute unserer Gemeinschaft \"das Gebet und den Dienst am Wort\" (Apg 6,4) sozusagen als päpstliches und kirchliches Recht und deshalb auch als ihre Pflicht übertragen. Auch Eheleute dürfen sich also Gott weihen und werden, wie Papst Benedikt XVI. treffend formuliert, \"in den Hingabeakt Jesu\" hinein genommen. Wir werten diese Ausführungen als eine große Ermutigung für den Weg der engeren Christusnachfolge aller Christen, besonders für alle Laien.

ZENIT: Findet der Höhepunkt dieses \"Hineingenommenseins\" in der Eucharistie statt?

Fornari-Carbonell: Denn dort wird klar, wie unlösbar Gottes- und Nächstenliebe miteinander verbunden sind. Die \"Dynamik seiner Hingabe\" wird sozusagen zur mystischen Erfahrung, die jedermann, also allen Menschen, angeboten wird. Nehmen wir konkret den Satz in Abschnitt 13: \"Die \'Mystik\' des Sakraments, die auf dem Abstieg Gottes zu uns beruht, reicht weiter und führt höher, als jede mystische Aufstiegsbegegnung des Menschen reichen könnte.\" Diese Aussage ist für die Spiritualität aller Christen, besonders der Laien und unserer Familien, zu Beginn des dritten Jahrtausends revolutionär.

ZENIT: Sie meinen, gerade die Familien erhalten durch diese Enzyklika einen neuen spirituellen Impuls?

Fornari-Carbonell: In \"Familaris consortio\" hat Papst Johannes Paul II. das Hauptaugenmerk auf die Christusförmigkeit der Eheleute gelegt und der Familie die Augen dafür geöffnet, eine \"Hauskirche\" zu sein, eine Kirche im Kleinen. Benedikt XVI. macht uns jetzt auf dem Weg zur Vorbereitung des Weltfamilientreffens im Juli dieses Jahres hier in Valencia ein überwältigendes Geschenk: Er reicht uns eine Grundlage zum Gelingen der Partnerschaften, die zurzeit so zerbrechlich sind. Gerade weil der Papst den Aspekt der Notwendigkeit des \"Empfangens\" von Liebe eindeutig betont, ist seine Botschaft so heilsam. Die Ehepartner können für einander \"Quelle\" sein und auch ihre Kinder und Angehörigen beschenken, wenn sie lernen, \"zuerst\" die göttliche Liebe zu empfangen.

Das Schreiben des Papstes ist für mich ein sehr notwendiger Beitrag zu einer ganzheitlichen Spiritualität unserer christlichen Familien, weil dort von dieser \"unauslöschlichen Verschränkung von Gottes- und Nächstenliebe\" gesprochen wird. Wenn unsere Familien wieder versuchen, dem persönlichen Gebet und der Freundschaft mit Gott ganz bewusst einen konkreten Platz und genug Zeit zu geben, dann werden sie automatisch zu Zeugen dieser Liebe. \"Wer zu Gott geht, geht nicht weg von den Menschen, sondern wird ihnen erst wirklich nahe\", heißt es in Abschnitt 42. In diesem Schreiben des Papstes finden wir einen reichen Schatz vor, die wahren Grundpfeiler eines christlichen und missionarischen Lebens.