„Deus Caritas Est“ und die Zukunft Europas

Interview mit George Weigel

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ROM, 20. Dezember 2006 (ZENIT.org).- In seiner ersten Enzyklika, „Deus Caritas Est“, stelle Papst Benedikt XVI. die Frage, ob die Aufgaben eines Sozialstaats die menschliche Neigung den Hilfsbedürftigen zu helfen, unterminieren könne, erklärt George Weigel.



Weigel, ein Biograph von Papst Johannes Paul II., hielt einen der Hauptvorträge über „Centesimus Annus“ und „Deus Caritas Est“, während einer Vortragsreihe, die das Acton Institute aus Michigan (USA) organisiert. Das Acton Institut begeht derzeit den 15. Jahrestag der Veröffentlichung der Sozialenzyklika von Papst Johannes Paul II. „Centesimus Annus“.

Die sechste Konferenz der neunteiligen Vortragsreihe stand unter dem Thema „Centesimus Annus und Deus Caritas Est: Christliche Nächstenliebe in der Freien Marktwirtschaft“ und wurde am 12. Dezember an der Päpstlichen Universität Gregoriana abgehalten.

In diesem Interview mit Viktoria Somogyi, einer ZENIT-Mitarbeiterin, sprach Weigel über die Kernpunkte der Enzyklika "Deus Caritas Est" und seine Zukunftsprognosen für Europa.

ZENIT: Was kann Westeuropa aus „Deus Caritas Est“ lernen?

Weigel: „Deus Caritas Est“ ist der Versuch von Papst Benedikt „den Gott mit einem menschlichen Antlitz“, welches das Antlitz der gekreuzigten Liebe ist, in die Welt einzuführen – und in manchen Fällen sogar wieder-einzuführen.

Über die grundlegende Evangeliumsbotschaft hinaus, fordert „Deus Caritas Est“ Europa auf zu überlegen, ob das Auslagern der Verantwortung der Nächstenliebe auf Regierungsbehörden nicht ein menschliches Defizit darstelle.

Ersticken nicht soziale Dienste, die vom Mutterschoß bis ins Grab reichen, medizinische Fürsorge und Rentensysteme, die alle vom Staat aus Steuergeldern finanziert werden, den menschlichen und christlichen „Instinkt“ in Solidarität dem leidenden „Anderen“ die Hand hinzustrecken? Das ist eine der Fragen, die der Papst auf den Tisch legt.

ZENIT: Wie ist die Enzyklika „Deus Caritas Est“ in den USA aufgenommen worden?

Weigel: Ich denke, sie wurde gut aufgenommen, weil so viele Menschen, die zuvor die „Medien-Karrikatur“ von Joseph Ratzinger akzeptiert hatten, in ihm nun einen Mann der Güte und des Feuereifers, die dem Evangelium entsprechen, entdeckten.

Die zweite Hälfte der Enzyklika – wie ich Anfang letzter Woche an der Gregorianischen Universität erklärt habe – stellte für bestimmte in der amerikanischen Philanthropie-Industrie dominante philosophische Strömungen eine Herausforderung dar. Interessierte Leser können meinem Text auf www.eppc.org finden.

ZENIT: Wie sieht Ihrer Meinung nach die Zukunft Europas aus?

Weigel: Europa stirbt aus geistlicher Langeweile, wie ich in „Der Würfel und die Kathedrale“ (The Cube and the Cathedral) erkläre. Wenn Europa seinen Glauben an den Verstand und seinen Glauben an den Gott der Bibel nicht wiederentdeckt, dann befürchte ich, dass seine Geburtenraten, die sich unter dem Bestanderhaltungsniveau befinden, weiter so fortfahren werden und ein Großteil dieses Kontinents schließlich ein Ausläufer der arabisch-islamischen Welt werden wird.

ZENIT: Welche konkreten Herausforderungen stellt die Zunahme der islamischen Gemeinden in Europa für die europäischen Regierungen und die EU dar?

Weigel: Sie stellt die Frage: Wie kann ein Europa, das kulturell gesehen vom Postmodernismus und vom Multikulturalismus überflutet wird, seine einmalige Zivilisation und die Verpflichtung dieser Zivilisation zur Religionsfreiheit und anderen grundlegenden Menschenrechten, zur Norm des Gesetzes und zur Demokratie schützen?

ZENIT: Hat sich die Annäherung der Kirche an den Islam unter Papst Benedikt XVI. gewandelt?

Weigel: Papst Johannes Paul II. und Papst Benedikt XVI. haben wesentlich das gleiche Verständnis von den theologischen Fehlern des Islam und die gleiche Wertschätzung für die moslemische Frömmigkeit.

Papst Benedikt hat einige der Folgen einer bestimmten fehlerhaften Art des islamischen Verständnisses der Natur Gottes ins Licht der gegenwärtigen Weltbedingungen gerückt und so der Welt geholfen zu sehen, dass diese Probleme doch mit den Begriffen rational/irrational diskutiert werden können.

ZENIT: Welchen Beitrag kann die Kirche in Mittel- und Osteuropa am Anfang des 21. Jahrhunderts zur Belebung des Christentums in ganz Europa leisten?

Weigel: Ein Großteil der Kirche im mittleren Osteuropa hat in den 1980-er Jahren die befreiende Kraft des Evangeliums erfahren. Diese Erfahrung sollte dazu genutzt werden, den die Seele verkümmernden Säkularismus der europäischen Hochkultur herauszufordern, der darauf beharrt, dass der Gott der Bibel der Feind der menschlichen Freiheit sei.