Deutsche Bischöfe: Die Debatte über das Stammzellgesetz, eine Grundsatzentscheidung

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BONN/WÜRZBURG/ROM, 10. APRIL 2008 (ZENIT.org).- Bei der morgigen Entscheidung über eine Änderung des Stammzellgesetzes im Bundestag geht es nach Worten des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz um eine Grundsatzentscheidung.



„Diese Grundsatzentscheidung betrifft den Umgang mit menschlichem Leben in seinen frühesten Stadien“, erklärt Erzbischof Dr. Robert Zollitsch nach einer heute veröffentlichten Presseerklärung der Deutschen Bischofskonferenz im Namen aller Hirten des Landes.

„Menschliches Leben darf nicht zu Forschungszwecken getötet werden. Die Forschungsfreiheit kann nicht gegen den fundamentalen Lebensschutz abgewogen werden. Entsprechend ist in Deutschland verbrauchende Embryonenforschung unmissverständlich verboten. Auch Entscheidungen im Zusammenhang mit dem Import von embryonalen Stammzelllinien müssen diesem Verbot einer Verzweckung des Menschen Rechnung tragen, das sowohl das Embryonenschutzgesetz als auch das Stammzellgesetz von 2002 gewährleisten wollen“ (vgl. heutige Ausgabe, Rubrik „Dokumente“).

In einem Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel, die Mitglieder der Bundesregierung und die Bundestagsabgeordneten hatten der Bischof von Fulda, Heinz Josef Algermissen, und der Vorsitzende des diözesanen Katholikenrates, Richard Pfeifer, bereits Ende Januar bekräftigt, dass „menschliches Leben unverfügbar und unantastbar bleiben“ müsse.

„Wenn es schon bisher nicht hinnehmbar war, dass „alte“ Stammzell-Linien, die vor dem 1. Januar 2002 gewonnen worden waren, für verbrauchende Forschung benutzt werden durften, so stellt die Verschiebung oder gar Aufhebung der Stichtagsregelung eine neue Qualität der Überschreitung moralischer Grundprinzipien dar“, heißt es in dem Schreiben.

Die Resonanz auf diesem Brief „war enttäuschend“, berichtet Bischof Algermissen in der heutigen Ausgabe der Tagespost. „Gemeinsam mit dem Katholikenrat des Bistums Fulda habe ich am 30. Januar dieses Jahre etwa vierzig Briefe abgeschickt. Rund ein Dutzend Antworten habe ich erhalten. Von zwei Ausnahmen abgesehen, waren die meisten Schreiben nichtssagend, allgemein gehalten oder um Verständnis für die Situation und auch für Ministerin Schavan bittend. Auf die eigentliche, inhaltliche Frage hat man sich überhaupt nicht eingelassen.“

Er sei „begründet skeptisch“, was die morgige Entscheidung betrifft. Die Debatte über embryonale Stammzellforschung stecke voller Absurditäten. „Man gibt vor, einen Menschen zu Beginn des Lebens opfern zu müssen, um einen anderen Menschen unter Umständen heilen zu können. Das ist für mich ein abgrundtiefer Zynismus.“ Eigentlich handle es sich um einen Skandal, „denn es wird im Grunde über die Menschenwürde abgestimmt.“

Die Tatsache, dass sich Teile der evangelischen Kirche eine Stichtagsverschiebung vorstellen können, erfüllt den Hirten von Fulda mit Schmerz: „Das ist ein ganz schweres Handicap für die Ökumene.“ Auch in anderen bioethischen Fragen sei es „zunehmend zu deutlichen Differenzen zwischen katholischer und evangelischer Kirche gekommen“, erläuterte er. „Dass Bischof Wolfgang Huber eine einmalige Verschiebung des Stichtags für vertretbar hält, entbehrt für mich jeder inneren Logik und verdunkelt das gemeinsame christliche Zeugnis angesichts des Skandals der verbrauchenden Embryonenforschung. Dass Bischof Huber der Politik die Lizenz zur Aufweichung des Stammzellgesetzes erteilt hat, ist wirklich ein Drama.“

Papst Benedikt XVI. betonte zum Abschluss der diesjährigen Vollversammlung der Kongregation für die Glaubenslehre, dass die Kirche den Fortschritt der biomedizinischen Wissenschaften, der bisher unbekannte therapeutische Perspektiven eröffnet habe, schätze und zu ihnen auch ermutige. Zugleich sei die Kirche aber dazu verpflichtet, „die Gewissen aller Menschen zu erleuchten, damit der wissenschaftliche Fortschritt wirklich ein Fortschritt ist, der jeden Menschen achtet, dem die Würde der Person zuerkannt wird, da er als Gottes Ebenbild geschaffen ist“.

Die modernen bioethischen Probleme – jene, „die mit der Einfrierung von menschlichen Embryonen, mit der embryonalen Reduktion [Reduktion der Zahl der Embryonen bis zur neunten Schwangerschaftswoche, Eliminierung von überzähligen Embryonen bei einer durch künstliche Befruchtung erzeugten Mehrlingsschwangerschaft, Anm. d. Red.], mit der Präimplantationsdiagnostik, mit der embryonalen Stammzellenforschung sowie mit den Versuchen zur Klonierung des Menschen verbunden sind“ – veranschaulichten unverkennbar, „wie mit der extrauterinen Befruchtung die zum Schutz der menschlichen Würde aufgestellte Barriere eingerissen worden ist“, so der Papst.

Werden menschliche Wesen in ihrem schwächsten und wehrlosesten Zustand ihres Seins selektioniert, aufgegeben, getötet oder gar als „biologisches Material“ gebraucht, wie sollte dann geleugnet werden, dass sie nicht mehr als „jemand“, sondern als „etwas“ behandelt werden? – wodurch der Begriff der Menschenwürde selbst in Frage gestellt werde.

Von Dominik Hartig