Deutsche Bischofskonferenz zur Finanz- und Wirtschaftskrise

Ansprache von Erzbischof Zollitsch in Hamburg

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HAMBURG/BONN, 4. März 2009 (ZENIT.org).- „Ein neuer Protektionismus, aber auch ein Nachlassen im Kampf gegen Armut und Hunger sowie die Folgen des Klimawandels können nicht die Antwort auf diese Krise sein", bekräftigt der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Dr. Robert Zollitsch.

Die Hirten Deutschlands, die sich in diesen Tagen zu ihrer Frühjahrs-Vollversammlung in der Hansestadt Hamburg aufhalten, beschäftigten sich heute im Rahmen eines Studienhalbtags ausführlich mit den Fragen der Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise.

Im Namen aller Bischöfe wies Erzbischof Zollitsch bei einem Pressegespräch darauf hin, dass auf Basis der Sozialen Marktwirtschaft bessere Rahmenbedingungen geschaffen werden könnten. Während ein gesundes Gewinnstreben für das Wirtschaften notwendig sei, müsse man sich vor allem durch die Stärkung der persönlichen Verantwortung von jeder Zügellosigkeit verabschieden.

„Ordnung braucht ihre Ent­sprechung in der Ausbildung von Werten und Grundhaltungen wie Verantwortung, Rechenschaft, Konsequenz, Transparenz, Vertrauen und langfristige Orientierung. Denn gerade angesichts der Dynamik und Komplexität der globalisierten Wirtschaft wird nicht alles, was von Rechts wegen zulässig ist, auch ethisch vertretbar sein. Freiheit braucht Moral!" 

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Die Krise an den internationalen Finanzmärkten und die Wirtschaftskrise haben Deutsch­land mit aller Wucht erfasst. Wir erleben weltweit eine Besorgnis erregende Situation. Die Menschen machen sich Gedanken um ihre Zukunft, die Zukunft ihrer Fami­lien und um die Zukunft unseres Landes. Angesichts dieser tiefen Verunsicherung stehen wir vor grund­legenden Fragen der gesell­schaftlichen und wirtschaftlichen Ordnung, denen sich die Kirche vor dem Hintergrund ihres politisch-diakonischen Auftrags stellen muss.

Deshalb haben wir heute Vormittag die Finanzmarkt- und Wirt­schaftskrise in den Mittel­punkt unserer Beratungen gestellt. Mit diesem Studienhalbtag wur­den unterschiedliche Ziele verfolgt:

Zunächst eine Vergewisserung: Wir haben gemeinsam auf die Ursachen, den Verlauf sowie die Auswirkungen der Krise auf die Finanzmärkte und die Wirtschaft geschaut. Dann eine ethische Bewertung: Im Mittelpunkt aller Bemühungen um eine globale Neu­ordnung der internationalen Finanzwirtschaft und um aktuell anstehende finanz- und wirtschaftspolitische Maßnahmen muss die Sorge um die Menschen stehen. Als Orientierung und Bewertungsmaßstab für die gesellschaftliche Ordnung hat sich die katholische Soziallehre bewährt, aus deren Perspektive wir zu ersten Bewertungen der Krise gekommen sind. Schließlich haben wir grundsätzlich geprüft, in welche Richtung spezifisch kirchliche Äuße­rungen zur Krise gehen könnten. Dies gilt sowohl für die Lehren, die aus der Finanz­marktkrise gezogen werden müssen, als auch für die Herausforderungen und Aufgaben, die aus der Krise erwachsen. Dabei stellen sich rasch fundamentale und komplexe Fragen, zu denen es keine einfachen Antworten gibt. Nachfolgend möchte ich einige Punkte nennen, die in diesem Zusammenhang wichtig sind.

1. Freiheit braucht Ordnung!

Die Krise nährt den Ruf nach staatlicher Ordnung, damit ist die Erwartung einer besseren und gerechteren Ordnung verknüpft. Das Fehlen funktionsfähiger Finanz­märkte und die Verunsicherung durch die Wirtschaftkrise haben die Idee der Ordnungspo­litik belebt. Gleichzeitig wächst das Misstrauen gegen die Freiheit. Auch wenn wir deren Missbrauch nicht ausschließen können, dürfen wir sie aber deshalb nicht grundlegend be­schränken. Es braucht ein Vertrauen darauf, dass die Freiheit im Ganzen mehr Dynamik zum Guten als zum Schlechten auslöst. Aufgabe des Staates ist es, die Rahmenbedingun­gen für die freie Entfaltung des Einzelnen zu setzen.

Die Dauerspannung zwischen Freiheit und Ordnung spiegelt auch das Verhältnis von Markt und Staat wider. In Deutschland haben wir uns für das Modell der Sozialen Markt­wirtschaft entschieden, weil es ihr gelingt, wirtschaftlichen Erfolg mit sozialem Ausgleich zu verbinden und der Freiheit eine Ordnung zu geben. Sie impliziert eine Verpflichtung zu wertebasiertem Handeln in einem Wirtschaftsprozess, in dem Markt und Wettbewerb dem Menschen dienen sollen. Die Erfahrungen der aktuellen Krise zeigen erneut, dass die inter­national agierenden Un­ternehmen, die so genannten Global Player, der nationalen Ord­nungspolitik auf immer mehr Gebieten entwachsen sind. Deshalb braucht auch das globali­sierte Wirtschaftssystem einen ordnenden Rahmen. Die Grundprinzipien der Sozialen Marktwirtschaft bieten eine Orientierung für die zu schaffenden Rahmenbedingungen des internationalen Finanz- und Wirtschaftssystems.

2. Freiheit braucht Verantwortung!

Während die einen also nach dem starken Staat rufen, der ordnend eingreifen soll, bekla­gen andere den Verlust moralischer Selbstverpflichtung, weshalb jegliches Regel­werk nur ins Leere zielen kann. So stellt sich letztlich die Frage, ob die Rahmenordnung der Ort der Moral ist oder die ethische Gesinnung des Einzelnen.

Die öffentliche Wahrnehmung konzentriert sich oft auf übermäßiges Gewinnstreben und mangelndes Verantwortungsbewusstsein. Erlauben sie mir hierzu zwei Anmerkungen:

Zum einen hat die Krise natürlich viel mit menschlichen Schwächen wie Gier und Verant­wortungslosigkeit zu tun. Dies sind aber nicht die alleinigen Ursachen. Die meisten Mitar­beiter in der Banken- und Finanzbranche haben ganz seriös ihre Arbeit getan und mit der Entstehung der Krise wenig oder gar nichts zu tun. Viele von ihnen sind selbst von der Krise massiv betroffen.

Zum anderen darf bei aller Kritik auch nicht vergessen werden, dass ein gesundes Ge­winnstreben die zentrale Antriebskraft für jeden Akteur in der Wirtschaft ist. Das Gewinn­prinzip ist Grundlage einer funktionie­renden Wirtschaft. Letztlich ist doch auch der Griff nach dem günstigsten Produkt im Supermarkt von diesem Gewinnstreben gelei­tet.

Dennoch ist die Zügellosigkeit der Interessen nicht bloß ein Märchen. Die Krise hat ge­zeigt, dass die Idee der Haftung an Bedeutung verloren hat, Leichtgläubigkeit und Laxheit um sich gegriffen haben und die Erfahrung: „wenn nicht ich so handle, tun es eben die anderen" zu weniger Verantwortungsbewusstsein beigetragen hat. Sicher hat die Kom­plexität und Dynamik der internationalen Märkte und ihrer Instrumente diese Entwicklung unterstützt, doch muss in Zukunft - das scheint mir eine der Lehren aus der Krise zu sein - die Verantwortung des Einzelnen, der Unternehmen sowie der verschiedenen Interessen­gruppen und ihrer Vertreter in den Vordergrund rücken.

Ordnung braucht ihre Ent­sprechung in der Ausbildung von Werten und Grundhaltungen wie Verantwortung, Rechenschaft, Konsequenz, Transparenz, Vertrauen und langfristige Orientierung. Denn gerade angesichts der Dynamik und Komplexität der globalisierten Wirtschaft wird nicht alles, was von Rechts wegen zulässig ist, auch ethisch vertretbar sein. Freiheit braucht Moral!

3. Gerechtigkeit!

Diese grundsätzlichen Überlegungen können auch Orientierung für die dringend erforder­liche Neuordnung der Finanzwirtschaft sein, die derzeit von der Frage überlagert wird, wie den Auswirkungen der Finanzmarktkrise - vor allem auf die nationale Wirtschaft - am besten zu begegnen sei. Damit die Antworten nicht kurzatmig und kurzsichtig sind, son­dern auch in Zukunft tragfähig, müssen sie am Prinzip der Gerechtigkeit und dem Wohle aller ausgerichtet sein.

Dies gilt ange­sichts der gewaltigen Staatsverschuldung zum Beispiel für die Frage der Generationen­gerechtigkeit. Durch die Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise stehen wir welt­weit vor einer ungeahnten Schuldenexplosion. Es ist einsichtig, dass um einer notwendigen konjunkturellen Stabilisierung willen eine langfristig wirksame Staatsverschuldung in Kauf genommen werden muss, weil der Verzicht auf diese Maßnahmen an anderer Stelle eine Verschärfung der Probleme zur Folge hätte, die insbesondere die wirtschaftlich Schwäche­ren und Armen stark schädigen würde. Doch ist gleichzeitig immer zu bedenken, dass wir diese Staatsverschuldung den nächsten Generationen vererben. Ich habe die Sorge, dass die gewaltige Staatsverschuldung in einigen Jahren durch eine In­flation zurückgeführt wird, mit allen negativen wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen.

Auch scheint mir wichtig, dass die Maß­nah­men zur Stützung der Konjunktur zugleich auch möglichst zielgenau über die bloße Konjunkturbelebung hinausgehende sinnvolle Ergeb­nisse zeitigen sollten. Ich denke hier insbesondere an die Bereiche Bildung, verbesserte Infrastruktur, Energie­ein­sparung oder erneuerbarer Energien. Wir müssen bei derzeitigen Ausgaben insbeson­dere die Interessen der nächsten Generation im Blick haben!

Auch wenn unser Blick sich zurzeit vor allem auf die eigenen Probleme und die unserer nächsten Nachbarn und stärksten Wirtschaftspartner richtet, dürfen wir die Schwellen- und Entwicklungsländer nicht vergessen, die darauf angewiesen sind, ihre Produkte auf unseren Märkten zu verkaufen. Ein neuer Protektionismus, aber auch ein Nachlassen im Kampf gegen Armut und Hunger sowie die Folgen des Klimawandels können nicht die Antwort auf diese Krise sein.

[Von der Deutschen Bischofskonferenz veröffentlichtes Original-Manuskript]