Deutsche Handreichung des Päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Frieden für Unternehmer

Praktische Prinzipien für Führungskräfte: dienende Führung statt Tanz um das goldenen Kalb

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Rom, 19. September 2012 (ZENIT.org). - Peter Kardinal Turkson, der Vorsitzende des Päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Frieden, stellte gestern in Frankfurt/Main gemeinsam mit Bischof Dr. Stephan Ackermann, Vorsitzender der Deutschen Kommission Justitia et Pax, und dem Bund Katholischer Unternehmer (BKU)* die deutsche Ausgabe der Handreichung „Zum Unternehmer berufen! Eine Ermutigung für Führungskräfte in der Wirtschaft“ vor [ZENIT berichtete]. Das Dokument will praktische Prinzipien aufzeigen, die Wirtschaft entsprechend der Prinzipien der Würde des Menschen und des Gemeinwohls zu gestalten, wozu Führungskräfte berufen seien. Zu diesen Prinzipien zählt das Grundprinzip, Menschen mit Gütern zu versorgen, die wirklich gut sind, und mit Dienstleistungen, die wirklich dienen. Ein weiteres Grundprinzip liegt darin, Arbeitsprozesse im Unternehmen so zu organisieren, dass die Menschenwürde geschützt wird. Als drittes Prinzip ist die Subsidiarität zu nennen, die Raum für Eigeninitiative der Arbeitnehmer schafft und deren Kompetenzen fördert, wodurch diese zu ‚Mit-Unternehmern‘ werden.

In einem auf Kurzfristigkeit ausgerichteten Finanzsektor sowie tiefgreifender kultureller Veränderungen will dieses Dokument zudem eine Hilfestellung sein, mit den Herausforderungen und Chancen des heutigen globalisierten Wirtschaftslebens besser umzugehen.

Vielerlei äußere Umstände könnten eine Unternehmerpersönlichkeit daran hindern, ihr Handeln am Gemeinwohl auszurichten – etwa ein defizitärer Rechtsstaat und ein mangelnder Ordnungsrahmen, Korruption, eine Kultur des Geizes oder eine ineffiziente Nutzung von Ressourcen. Auf der persönlichen Ebene stelle eine gespaltene Lebensführung das größte Hindernis dar. Die Trennung von persönlichem Glauben einerseits und alltäglicher Unternehmenspraxis andererseits könne zu Unausgeglichenheit und einem fehlgeleiteten Tanz um das ‚goldene Kalb‘ des wirtschaftlichen Erfolges führen. Die Alternative dazu sei der Weg einer ‚dienenden Führung‘.

Zur Einführung heißt es in dem Dokument:

Der Päpstliche Rat für Gerechtigkeit und Frieden hat vom 24.-26. Februar 2011 in Rom eine internationale Konferenz unter dem Titel „Caritas in Veritate: Die Logik des Schenkens und seine Bedeutung in der Wirtschaft“ durchgeführt. Die Konferenz wurde in Zusammenarbeit mit dem John A. Ryan Institute for Catholic Social Thought des Center for Catholic Studies an der St. Thomas University (Saint Paul/Minnesota) und der Ecophilos Stiftung organisiert. Dieses Treffen folgte auf die im Oktober 2010 in Rom abgehaltene Konferenz zum Thema „Caritas in Veritate und die USA“, die vom Päpstlichen Rat für Gerechtigkeit und Frieden in Kooperation mit dem Institute for Advanced Catholic Studies in Los Angeles veranstaltet worden war. Vor dem Hintergrund der jüngsten Sozialenzyklika „Caritas in Veritate“ von Papst Benedikt XVI. war die Konferenz Teil eines verstärkten Nachdenkens des Päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Frieden über die Wirtschaft und ihre Unternehmen. Beide Konferenzen fußen auf der festen Überzeugung der Kirche, dass jeder Christ zur Nächstenliebe berufen und aufgefordert ist, diese entsprechend seiner persönlichen Begabungen und gesellschaftlichen Einflussmöglichkeiten zu praktizieren (CIV, 7).

In Rom haben Unternehmerinnen und Unternehmer, Wissenschaftler und andere Experten dieses Fachgebiets drei Tage lang auf innovative Weise über „Caritas in Veritate, die Logik des Schenkens und seine Bedeutung in der Wirtschaft“ diskutiert. Im Mittelpunkt der Gespräche standen vorab verfasste und veröffentlichte Texte, die die Diskussionen während des dreitägigen Treffens angeregt haben.

Die Arbeit war intensiv und gewinnbringend. Ein Ergebnis dieser Konferenz war die Idee, Kerngedanken in einer Handreichung zusammenzufassen, die sich an Führungskräfte in der Wirtschaft sowie an Hochschullehrer und Bildungseinrichtungen wendet. Auf diese Weise entstanden die im vorliegenden Dokument „Zum Unternehmer berufen!“ enthaltenen Überlegungen. Diese Handreichung, die Ermutigung und ‚nachdenkliche Betrachtung‘ zugleich sein will, spricht vor allem Frauen und Männer mit Führungsverantwortung in der Wirtschaft und ihre ‚Berufung‘ an. Ob sie in Genossenschaften, multinationalen Konzernen, Familienunternehmen, Sozialunternehmen oder gemeinnützigen Organisationen arbeiten: Angesichts durch Kommunikations- und Informationstechnologie rasant beschleunigter Geschäfts- und Entscheidungsabläufe, eines auf Kurzfristigkeit ausgerichteten Finanzsektors sowie tiefgreifender kultureller Veränderungen will dieses Dokument ihnen allen eine Hilfestellung sein, mit den Herausforderungen und Chancen des heutigen globalisierten Wirtschaftslebens besser umzugehen.

Führungskräfte in der Wirtschaft sind dazu berufen, die Wirtschaft entsprechend der Prinzipien der Würde des Menschen und des Gemeinwohls zu gestalten. Diese Handreichung möchte Führungskräften, ihren Mitarbeitern und den verschiedenen Anspruchsgruppen (Stakeholder) ihres Unternehmens praktische Prinzipien an die Hand geben, die sie bei ihrem Dienst am Gemeinwohl leiten können...

In der gegenwärtig schwierigen weltwirtschaftlichen Situation, in der viele Unternehmerinnen und Unternehmer unter Krisen leiden, die ihre Unternehmen sowie deren Arbeitsplätze in ihrer Existenz bedrohen, hofft die Kirche, dass christliche Führungskräfte trotz der herrschenden Verdüsterung in der Wirtschaft neues Vertrauen schaffen, Zuversicht verbreiten und das Feuer ihres Glaubens, das sie in ihrem täglichen Streben nach Gutem anregt, lebendig halten. Es ist sinnvoll, sich daran zu erinnern, dass der Glaube nicht nur ein Feuer ist, das im Herzen jedes Christen brennt, sondern auch eine Kraft, die die menschliche Gesellschaft und die Geschichte der Menschheit prägen kann.

Als Handlungsprinzipien gälten die drei Stufen Sehen, Urteilen und Handeln. Das Dokument führt dazu aus:

Sehen: Die Herausforderungen und Chancen des Wirtschaftslebens werden von Faktoren beeinflusst, die positive und negative Auswirkungen haben können. Vier dieser wichtigen ‚Zeichen der Zeit‘ sind: Globalisierung, neue Kommunikationstechnologien, die Dominanz der Finanzmärkte und kulturelle Veränderungen.

- Auf der einen Seite hat die Globalisierung Effizienzvorteile und außerordentlich große unternehmerische Chancen mit sich gebracht. Auf der anderen Seite zeigt sie aber auch ihre Schattenseiten: eine gewachsene soziale Ungleichheit, wirtschaftliche Standortverlagerung, kulturelle Gleichmacherei und die Unfähigkeit der nationalen Regierungen, Kapitalströme angemessen zu regulieren.

- Die modernen Kommunikationstechnologien haben weltweite Verbindungen ermöglicht, neue Problemlösungen und Produkte hervorgebracht und Kosten gesenkt. Die damit einhergehende neuartige Beschleunigung aber hat auch eine Informationsüberflutung und überhastete Entscheidungsprozesse ausgelöst.

- Die weltweite Dominanz der Finanzmärkte im Wirtschaftsgeschehen hat die Tendenz verstärkt, menschliche Arbeit zu einer Handelsware zu machen und kurzfristige Gewinnmaximierung auf Kosten des Gemeinwohls zu betonen.

- Die tiefgreifend kulturellen Veränderungen unserer Zeit haben zu gesteigertem Individualismus, verstärktem Auseinanderbrechen von Familien sowie einer Ich‑Bezogenheit und übermäßigen Beschäftigung mit sich selbst und der Frage „Was habe ich davon?“ geführt.

Infolgedessen verfügen wir heute vielleicht über mehr private Güter, aber über deutlich weniger Gemeinschaftsgüter. Führungskräfte in der Wirtschaft wollen zunehmend ihren Wohlstand maximieren, Mitarbeiter kultivieren ein Anspruchsdenken und Konsumenten verlangen nach unmittelbarer Bedürfnisbefriedigung zum niedrigstmöglichen Preis. Im Zuge der Relativierung von Werten sind Rechte wichtiger geworden als Pflichten. Die Bereitschaft, dem Gemeinwohl zu dienen, ist oftmals verloren gegangen.

Urteilen: Gute unternehmerische Entscheidungen basieren auf grundlegenden Prinzipien wie etwa dem Respekt vor der Menschenwürde, dem Dienst am Gemeinwohl sowie dem Verständnis des Unternehmens als einer Gemeinschaft von Personen. In der Praxis bedeutet dies, dass sich Führungskräfte in der Wirtschaft auf folgende Aufgaben konzentrieren:

- Die Herstellung von Waren und Dienstleistungen, die tatsächliche menschliche Bedürfnisse befriedigen, sowie die verantwortungsvolle Organisation von Beschaffung, Produktion und Vertrieb, sodass diese mit möglichst wenig Kosten für Mensch und Umwelt verbunden sind. Ein besonderer Aspekt ist dabei die Frage, wie die Belange der Armen stärker berücksichtigt werden können.

- Die Organisation produktiver und sinnstiftender Arbeit, die die menschliche Würde der Arbeitnehmer achtet. Dies bedeutet, dass sie ihre Persönlichkeit in der Arbeit entfalten können, diese aber auch einbringen müssen. Es umfasst die Organisation der betrieblichen Prozesse nach dem Subsidiaritätsprinzip. Die Mitarbeiter müssen entsprechend geschult und befähigt werden. Hinzukommen muss dann das Vertrauen in ihre Fähigkeiten und ihre Bereitschaft, ihr Bestes zu geben.

- Die sorgfältige Nutzung von Ressourcen, um sowohl Gewinn zu erzielen als auch Lebenszufriedenheit zu stiften, um nachhaltigen Wohlstand zu schaffen und ihn gerecht zu verteilen. Dies schließt gerechte Löhne für Mitarbeiter, faire Preise für Kunden und Zulieferer, gerechte Steuerzahlungen für die Gemeinschaft und angemessene Renditen für die Eigentümer ein.

Handeln: Führungskräfte in der Wirtschaft können ihre Ziele und Vorstellungen umsetzen, indem sie ihrer Berufung folgen und sich dabei von einer Motivation leiten lassen, die über finanziellen Erfolg hinausgeht. Wenn sie das Geschenk eines geistlichen Lebens, Tugenden und sozialethische Prinzipien in ihrem Leben und Arbeiten verbinden, dann können sie eine ‚gespaltene Lebensführung‘ überwinden. Sie können die Gnade erfahren, eine umfassende menschliche Entwicklung aller Beteiligten zu ermöglichen.

Die Kirche ruft alle Führungskräfte in der Wirtschaft dazu auf, zu empfangen und anzunehmen, was Gott für sie bzw. ihn getan hat, und zu geben und sich in gemeinsames Tun mit anderen einzubringen, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Praktische Klugheit soll ihre Art bestimmen, unternehmerisch zu handeln. Sie bestärkt sie darin, auf die Herausforderungen derWelt nicht mit Angst oder Zynismus zu reagieren, sondern mit den Tugenden des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe. Dieses Dokument möchte Führungspersönlichkeiten und alle Beteiligten in den Unternehmen ermutigen und anregen,

- die Herausforderungen und Chancen ihrer Arbeit zu sehen,

- diese entsprechend sozialethischer Prinzipien – für Christen inspiriert durch das Evangelium – zu beurteilen und als Entscheider, die Gott dienen, zu handeln.[jb]