Deutsche Kirchen: Rechte der Beschäftigten müssen gestärkt werden

Kirchen rufen gemeinsam zu Betriebsratswahlen auf

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BONN, 20. Januar 2010 (ZENIT.org/dbk.de).-Die beiden großen Kirchen in Deutschland rufen gemeinsam zu Betriebsratswahlen auf. „Gerade in diesen kritischen Zeiten muss die Möglichkeit zur Mitbestimmung wahrgenommen und damit die Rechte der Beschäftigten gestärkt werden“, forderten der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Dr. Robert Zollitsch, und die Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischöfin Dr. Margot Käßmann, in einem gemeinsamen Appell: „Aus der Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise müssen Konsequenzen gezogen werden, um in Zukunft Krisen solchen Ausmaßes möglichst zu verhindern. Dabei müssen auch Maßnahmen für eine nachhaltig gerechte und menschenwürdige Arbeitswelt ergriffen werden. Es bedarf einer Rückbesinnung auf die Prinzipien der Sozialen Marktwirtschaft: Die Christliche Sozialethik kann hierfür Orientierung bieten.“

Die Christliche Sozialethik bekenne sich zur betrieblichen Mitbestimmung als einem bewährten Gut der Sozialen Marktwirtschaft, heißt es in dem Aufruf weiter. „Im Rahmen der Erwerbsarbeit ist sie Ausdruck der verantworteten Freiheit des Menschen und damit auch seiner Personenwürde. Gleichzeitig soll sie in Erinnerung rufen, dass der Mensch Maßstab unternehmerischen Handelns sein muss. Eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Betriebsräten und Unternehmensleitung trägt vielfach dazu bei, Konflikte zu lösen, sozialverträgliche Auswege aus Krisen zu finden und gemeinsam am nachhaltigen Unternehmenserfolg zu arbeiten.“
Die Betriebsratswahlen finden in Deutschland vom 1. März bis zum 31. Mai 2010 statt.

Wir veröffentlichen den vollen Text der Erklärung:

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Aufruf zu den Betriebsratswahlen 2010

Vom 1. März bis 31. Mai 2010 finden in Deutschland Betriebsratswahlen statt. Die Kirchen teilen mit den Betriebsräten die Sorge um abhängig Beschäftigte und die Zukunft der Arbeitswelt. Daher rufen wir die Mitarbeitenden dazu auf, sich als Kandidatinnen und Kandidaten zur Verfügung zu stellen sowie von ihrem Wahlrecht Gebrauch zu machen.

Die aktuellen Betriebsratswahlen fallen in eine besonders schwierige wirtschaftliche Phase: Die Krise an den internationalen Finanzmärkten hat auch die Realwirtschaft in einem heftige Ausmaß erfasst. Auch wenn die Bundesrepublik durch Maßnahmen wie Kurzarbeit bislang noch relativ glimpflich durch diese Krise gekommen ist und es vereinzelte Anzeichen für einen neuen wirtschaftlichen Aufschwung gibt, so ist doch das Ende der Krise noch nicht erreicht.

Dies führt bei vielen Beschäftigten zu Angst und Verunsicherung. Die Betriebsräte spüren die Sorge, diese Lage könnte die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer langfristig besonders hart treffen. Schon jetzt haben viele, insbesondere Leiharbeiter, ihren Arbeitsplatz verloren, befristete Verträge wurden nicht verlängert und die Kurzarbeit ist zu einem Massenphänomen geworden.

Aus der Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise müssen Konsequenzen gezogen werden, um in Zukunft Krisen solchen Ausmaßes möglichst zu verhindern. Dabei müssen auch Maßnahmen für eine nachhaltig gerechte und menschenwürdige Arbeitswelt ergriffen werden. Es bedarf einer Rückbesinnung auf die Prinzipien der Sozialen Marktwirtschaft: Die Christliche Sozialethik kann hierfür Orientierung bieten. Gerade in diesen kritischen Zeiten muss die Möglichkeiten zur Mitbestimmung wahrgenommen und damit die Rechte der Beschäftigten gestärkt werden.

Die Christliche Sozialethik bekennt sich zur betrieblichen Mitbestimmung als einem bewährten Gut der Sozialen Marktwirtschaft. Im Rahmen der Erwerbsarbeit ist sie Ausdruck der verantworteten Freiheit des Menschen und damit auch seiner Personenwürde. Gleichzeitig soll sie in 2 Erinnerung rufen, dass der Mensch Maßstab unternehmerischen Handelns sein muss. Eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Betriebsräten und Unternehmensleitung trägt vielfach dazu bei, Konflikte zu lösen, sozialverträgliche Auswege aus Krisen zu finden und gemeinsam am nachhaltigen Unternehmenserfolg zu arbeiten.

Sie schafft einen wertvollen Rahmen, in dem widerstreitende Interessen vorgebracht und ein sachgerechter Ausgleich gefunden werden kann. Dafür sind die Betriebsräte auf eine respektvolle Kommunikationskultur mit der Unternehmensleitung und auf das Vertrauen der Arbeitsnehmerinnen und Arbeitnehmer ebenso angewiesen wie auf die Unterstützung von außen, nicht zuletzt auch durch die zuständigen kirchlichen Sozialverbände. Betriebsräte setzen sich für die Belange ihrer Kolleginnen und Kollegen ein und übernehmen hohe Verantwortung für sie und die Gestaltung der Unternehmenszukunft.

Diese Aufgabe erfordert neben fachlichen Kompetenzen viel Geschick, Ausdauer und Mut. Sie ist gelebte Solidarität. Deshalb danken wir allen, die diese Aufgabe bisher wahrgenommen haben und zollen ihnen dafür Anerkennung und Respekt. Wir bitten alle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, in den Betrieben nach geeigneten Kandidatinnen und Kandidaten zu suchen und sich auch selbst für dieses Amt zur Verfügung zu stellen. Machen Sie von ihrem Wahlrecht Gebrauch und stärken Sie den gewählten Betriebsräten den Rücken! Wir danken allen, die sich für diese Aufgabe engagieren, und wüschen ihnen Gottes Segen und Erfüllung bei ihrem Wirken für das Wohl der Beschäftigten und für die Zukunft ihres Betriebs.

+ Erzbischof Dr. Robert Zollitsch,Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz

Bischöfin Dr. Margot Käßmann,Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)