Deutscher Theologe ausgezeichnet

Ratzinger-Preis an Pater Maximilian Heim

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VATIKANSTADT, Freitag, 1. JULI 2011 (ZENIT.org/Josef-Ratzinger-Stiftung). – Am gestrigen 30. Juni hat Papst Benedikt XVI. drei Theologen mit dem Preis der vatikanischen Stiftung „Joseph Ratzinger-Benedikt XVI.“ ausgezeichnet (ZENIT berichtete), darunter den Zisterzienserpater Maximilian Heim.

Aus diesem Anlass veröffentlichen wir seinen Vortrag im Vorfeld des Besuches von Papst Benedikt XVI. im Stift Heiligenkreuz im September 2007. Der Vortrag behandelt die Fragen nach der Theologie Josef Ratzingers, nach der Thematik „Glaube und Vernunft“, religiöser Fanatismus, Joseph Ratzingers Kirchenbegriff und seine Stellung zu Liturgie, Ökumene und Politik.

Die Fußnoten sind hier zu finden.

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I. Einführung

Am Fest Mariä Namen, das für Wien, ja für das Abendland eine unvergessene historische Bedeutung hat – denken wir an 1683 –, am 12. September 2006 fand an der Universität Regensburg eine außergewöhnliche Vorlesung über „Glaube, Vernunft und Universität" (1) statt. Vortragender war kein Geringerer als Papst Benedikt, einst Professor an dieser Universität. In seinem Resümee betonte der Papst, dass „Theologie nicht nur als historische und humanwissenschaftliche Disziplin, sondern als eigentliche Theologie, als Frage nach der Vernunft des Glaubens an die Universität und in ihren Dialog der Wissenschaften" (2) hineingehört, denn zur „Universitas“ gehöre notwendig die Weite der menschlichen Vernunft, die sich erst im Horizont der Frage nach der ewigen Wahrheit erschließt.

Bevor wir auf diese spannende Vorlesung des Papstes näher eingehen, stellen wir uns die grundsätzliche Frage: Was ist nach Ratzinger eigentlich Theologie? Es ist nicht nur – wie die Religionswissenschaft – ein neutrales methodisches Nachdenken über die Fragen der Religion und des Glaubens. Das Besondere der Theologie finden wir darin, dass sie, wie er sagt, „sich dem zuwendet, was wir nicht selbst erfunden haben und was uns gerade dadurch Fundament des Lebens sein kann, dass es uns vorausgeht und uns trägt, also größer ist als all unser eigenes Denken.“ (3).

Bei Papst Benedikt ist Theologie von Anfang an mit dem kirchlichen Leben zu einer Einheit verschmolzen. Das war auch der Grund, warum ich sein theologisches Denken im Titel meiner Dissertation als „existentiell" (4) bezeichnet habe. Mit „existentiell" ist hier nicht das bloß Subjektive gemeint. Es geht vielmehr um eine Theologie, die nicht aus einem privaten Sein, sondern aus einer Existenz hervorgeht, die sich selbst der Kirche überantwortet hat. Es geht ihm, wie er es selbst formuliert, um eine „Theologie des ex-sistere", um jenen „Exodus des Menschen von sich selber fort, durch den allein er zu sich selber finden kann" (5). Die Theologie muss in der Kirche und durch die Kirche Gott als die ihr vorgegebene Mitte, als ihr eigentliches Subjekt suchen. Das heißt konkret aber auch, wie der Kardinal Ratzinger schon vor Jahren selbstkritisch einwarf: "... eine Kirche, die allzu viel von sich selbst reden macht, redet nicht von dem, wovon sie reden soll" (6).

Papst Benedikt zitiert gerne das chinesische Sprichwort: „Wer auf sich schaut, strahlt nicht." Übertragen auf die Kirche heißt das: Eine Kirche, die nur auf sich blickt und nur von sich redet, hat – wie Kardinal Schönborn in einem Interview anlässlich des unmittelbar bevorstehenden Papstbesuches in Österreich erklärte – keine Strahlkraft! Die Aufgabe der Theologie besteht folglich darin, das Irdische und das Menschliche auf die sie eigentlich tragende Wirklichkeit, nämlich auf Gott hin, transparent zu halten. Diesen Vorrang Gottes zu verteidigen, bedingte jedoch auch eine Entwicklung der Theologie Ratzingers von einem ursprünglich stärker heilsgeschichtlich ausgerichteten hin zu einem mehr metaphysisch geprägten Denken. Das bedeutet: Im Mittelpunkt seines Denkens und Forschens stehen im Laufe der Auseinandersetzung mit unserer säkularen Kultur vor allem die letzten Gründe und Zusammenhänge des Seins.

Es ist im Rahmen eines Vortrages nicht möglich, das weite Spektrum des theologischen Forschens von Joseph Ratzinger / Papst Benedikt in der ganzen Bandbreite seiner Farben nachzuzeichnen. Eines jedoch wird dabei sichtbar: nämlich die Lichtquelle, aus der er lebt und forscht und auf die er zugeht: Es ist der ewige Logos, das fleischgewordene Wort Gottes, durch das alles ist und auf das alles hin geworden ist.

Wollten wir gleichsam seine Theologie durch das Prisma unserer Analyse in sieben Farben brechen, so könnten wir folgende Bereiche seiner Theologie unterscheiden,
die aber in ihrer Gesamtheit ein harmonisches Ganzes darstellen:

Glaube und VernunftGottesfrageOffenbarungUrsprung und Wesen der KircheLiturgieÖkumenePolitik

Wie in der Spektralanalyse, so ist es auch hier, dass ich nicht jedes Thema im gleichen Umfang darstellen und deshalb auf manche komplexe Bereiche nur paradigmatisch und streiflichtartig eingehen kann.

II. „Spektralfarben" der Theologie Papst Benedikts

Glaube und Vernunft

Bei der Ansprache zum Angelusgebet am 28. Januar dieses Jahres, am Fest des hl. Thomas von Aquin, dem – wie der Heilige Vater ausführte – mit „weitblickender Weisheit" „eine fruchtbare Auseinandersetzung mit dem arabischen und jüdischen Denken seiner Zeit" (7) gelang, sagte Papst Benedikt wörtlich:

„Wenn der christliche Glaube authentisch ist, demütigt er die Freiheit und die Vernunft des Menschen nicht; warum sollten also Glaube und Vernunft Angst voreinander haben, wenn sie sich am besten dann zum Ausdruck bringen können, wenn sie einander begegnen und miteinander in Dialog treten? Der Glaube setzt die Vernunft voraus und vervollkommnet sie, und die vom Glauben erleuchtete Vernunft findet die Kraft, sich zur Erkenntnis Gottes und der geistlichen Wirklichkeiten zu erheben. Die Vernunft des Menschen verliert nichts, wenn sie sich den Inhalten des Glaubens öffnet, vielmehr erfordern diese ihre freie und bewusste Zustimmung." (8)

Damit blicken wir auf einen ersten Abschnitt des weiten Spektrums der Theologie Ratzingers: Einerseits will sie die Vernünftigkeit des christlichen Glaubens offenlegen und andererseits der Vernunft durch die Begegnung mit dem Licht des göttlichen Logos ihre wahre Größe aufzeigen, denn im Logos liegt auch der Sinn der ganzen Schöpfung begründet. (9)

Schon in seiner Antrittsvorlesung am 24. Juni 1959 an der Universität Bonn widmete sich Ratzinger dem Problem des Verhältnisses von „fides et ratio“. (10) Es erscheint gewissermaßen wie ein Rahmen seines universitären Wirkens, dass er für die oben bereits erwähnte Regensburger Vorlesung am 12. September 2006 wiederum dasselbe Thema des Verhältnisses von Glaube und Vernunft gewählt hat. Obwohl das Thema dieser Vorlesung also nicht dem Islam gewidmet war, sondern in erster Linie dem Problem des Verhältnisses von Glaube und Vernunft, verursachte der Umstand, dass Papst Benedikt anfangs einen kritischen Satz des byzantinischen Kaisers Manuel II. Palaeologos (1391-1425) über Mohammed zitierte, weltweite Aufmerksamkeit.


Die einsetzende Kritik, die Papst Benedikt hinnehmen musste, verfehlte meist seine eigentliche Aussageabsicht, nämlich den Defätismus, d. h. den Pessimismus der postmodernen Vernunft, zu überwinden durch eine Weitung des Horizontes auf das Wort Gottes hin, um mit dem fleischgewordenen Wort denken und handeln zu können.

Das Seminar für Allgemeine Rhetorik der Universität Tübingen erkor diese Regensburger Vorlesung zur „Rede des Jahres 2006". In der Begründung heißt es:

„Im Zeitalter religiöser Fundamentalismen in vielen Ausprägungen und neuer Glaubenskämpfe, aber auch eines esoterisch-irrationalistischen Religionsverständnisses, … bedeutet die Rede des Papstes eine höchst engagierte, argumentativ präzise und historisch gesättigte Ortsbestimmung christlichen Glaubens aus griechischem Geist." (11)

Papst Benedikt will nicht hinter die Aufklärung zurück, denn er anerkennt die Möglichkeiten und die Fortschritte an Menschlichkeit, ja das „Große der modernen Geistesentwicklung" (12). Zugleich aber übersieht er nicht die Gefahren ihres verengten Vernunftbegriffs: „Eine Vernunft, die dem Göttlichen gegenüber taub ist und Religion in den Bereich der Subkulturen abdrängt, ist unfähig zum Dialog der Kulturen." (13) Durch die Entfremdung von Glaube, Religion und Vernunft wird nach Benedikt XVI. die postmoderne Krise unserer Gesellschaft verursacht. Die Vernunft muss sich deshalb wieder der Gottesfrage stellen, und der Glaube darf sich nicht der Vernunft verschließen, um nicht ins Irrationale und oder in den Fundamentalismus abzugleiten.

Die Gottesfrage

Wenden wir uns dem zweiten Teil des Spektrums seiner Theologie, der Gottesfrage, zu. Ende Februar 2000 erinnerte Kardinal Ratzinger rückblickend auf das Zweite Vatikanische Konzil an den verstorbenen Bischof Michael Buchberger von Regensburg, den Begründer des zehnbändigen LThK’s in erster Auflage. Dieser konnte aus Altersgründen selbst nicht am Zweiten Vatikanischen Konzil teilnehmen. Er mahnte aber seine Kollegen im Bischofsamt: „Liebe Brüder, auf dem Konzil müsst Ihr vor allem von Gott reden. Das ist das Wichtigste." (14) Kardinal Ratzinger schilderte die damalige Situation:

„Die Bischöfe waren betroffen. Sie konnten sich dem Ernst dieses Wortes nicht entziehen. Freilich vermochten sie sich nicht zu entschließen, einfach das Thema Gott vorzuschlagen, aber eine innere Unruhe ist da mindestens bei Kardinal Frings geblieben, der sich immer neu fragte, wie wir diesem Imperativ genügen könnten." (15)

War es nicht dieselbe heilige Unruhe, derentwegen Papst Benedikt seine erste Enzyklika mit dem Namen Gottes: „Deus Caritas est"–„Gott ist die Liebe" – betitelte, um alle Menschen guten Willens wieder auf Gott hinzuweisen, der ja nicht in einem unendlichen Abstand zu den Menschen geblieben, sondern ihnen persönlich nahe gekommen ist. Deshalb schreibt der Heilige Vater am Beginn seiner Enzyklika:

„Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott bleibt in ihm'
(1 Joh 4,16). In diesen Worten aus dem Ersten Johannesbrief ist die Mitte des christlichen Glaubens, das christliche Gottesbild und auch das daraus folgende Bild des Menschen und seines Weges in einzigartiger Klarheit ausgesprochen. …
… Am Anfang des Christseins steht nicht ein ethischer Entschluss oder eine große Idee, sondern die Begegnung mit einem Ereignis, mit einer Person, die unserem Leben einen neuen Horizont und damit eine neue Richtung gibt." (16)

Dies ist der gleiche Geist, aus dem heraus der verstorbene ,,,[selige] Papst Johannes Paul II. in seinem Apostolischen Schreiben Novo millennio ineunte zum Abschluss des großen Jubiläums 2000 bekannte: „Keine Formel wird uns retten, sondern eine Person und die Gewissheit, die sie uns ins Herz spricht: ‚Ich bin bei euch!‘." (17) Dieser persönliche Gott ist kein Postulat, sondern Liebe, die sich im Menschgewordenen Sohn Gottes und im Heiligen Geist den Menschen offenbart hat. Dieses stets Neue und Unverbrauchte des biblischen Glaubens vor Augen erklärt Papst Benedikt in seiner Enzyklika:

„Das philosophisch und religionsgeschichtlich Bemerkenswerte an dieser Sicht der Bibel besteht darin, dass wir einerseits sozusagen ein streng metaphysisches Gottesbild vor uns haben: Gott ist der Urquell allen Seins überhaupt; aber dieser schöpferische Ursprung aller Dinge – der Logos, die Urvernunft – ist zugleich ein Liebender mit der ganzen Leidenschaft wirklicher Liebe." (18)

In unserer Gegenwart ist dies eine Botschaft, die nicht selten ausgedörrte Herzen vorfindet. Einerseits leben viele in den multikulturellen modernen Gesellschaften gottvergessen. Andererseits gibt es Milieus in Religionen, in denen „mit dem Namen Gottes bisweilen die Rache oder gar die Pflicht zu Hass und Gewalt verbunden ist" (19). Andere Menschen wiederum suchen sich eine Art „Patchwork"-Religion zusammen. Umso entscheidender ist es zu erfahren, wer Gott wirklich ist. Er ist nicht der gestirnte Himmel über uns, sondern er ist unvergleichlich mehr – wie Kardinal Ratzinger im Gespräch mit Peter Seewald in der Abtei Montecassino ausführte:
           
Gott „ist nicht einfach Natur, sondern ist das, was ihr vorangeht und sie trägt. Er ist ein Wesen, das denken, reden, lieben und hören kann. Und Gott, so sagt uns der Glaube, ist seinem ganzen Wesen nach Beziehung. Das meinen wir, wenn wir ihn trinitarisch, dreifaltig nennen. Weil er in sich Beziehung ist, kann er auch Wesen schaffen, die wieder Beziehung sind und die sich auf ihn beziehen dürfen, weil er sie auf sich bezogen hat." (20)

„Deus Caritas est" – Hier sei eine persönliche Anmerkung erlaubt. Kurz nach dem Erscheinen dieser Enzyklika erlebten wir in Bochum-Stiepel ein für mich paradigmatisches Phänomen (21): Junge engagierte Leute unserer Klosterpfarrei von Bochum-Stiepel widmeten Papst Benedikt ein eigenes gleichnamiges Musical, namens „Benedictus" (22), das auch in Österreich in Heiligenkreuz und im Neukloster in Wiener Neustadt aufgeführt wurde. Die Mitte dieses Musicals ist ein mehrstimmiger lateinischer Gesang mit dem Titel „Deus Caritas est". Ist dies nicht zugleich eine Antwort auf das Wort Papst Benedikts beim Weltjugendtag in Köln im Jahr 2005, als er bei der Vigilfeier auf dem Marienfeld den Jugendlichen zurief:

„Nicht die Ideologien retten die Welt, sondern allein die Hinwendung zum lebendigen Gott, der unser Schöpfer, der Garant unserer Freiheit, der Garant des Guten und Wahren, … der das Maß des Gerechten und zugleich die ewige Liebe ist. Und was könnte uns denn retten, wenn nicht die Liebe?" (23)

In Jesus Christus hat sich diese Liebe offenbart, eine Liebe in ihrer radikalsten Form. Im Kreuz enthüllt Gott seine Liebe – wie es Papst Benedikt ausdrückt – in der unbegreiflichen Wende gegen sich selbst, „in der er sich verschenkt, um den Menschen wieder aufzuheben und zu retten" (24). In der durchbohrten Seite Jesu kann diese Wahrheit, dass Gott die Liebe ist, betrachtet werden.

Offenbarung

Damit sind wir bei der dritten Lichtbrechung der Theologie Papst Benedikts angelangt: bei der Offenbarung. Sie ist für Joseph Ratzinger besonders durch seine Beschäftigung mit der Geschichtstheologie des heiligen Bonaventura (25) zu einem Hauptthema seines theologischen Forschens geworden. Wir denken hierbei an seine Kommentare zur Offenbarungskonstitution Dei Verbum wie auch an die drei Bände der Quaestiones Disputatae, die er zu diesem Thema herausgegeben hat.

Offenbarung ist für ihn eine größere Wirklichkeit als das geschriebene Wort der Bibel und kann deshalb nicht einfach mit Heiliger Schrift gleichgesetzt werden, denn das Wort Gottes ist nicht toter Buchstabe, sondern eingesenkt ins Herz des Einzelnen wie der Kirche. Deshalb bekräftigt Ratzinger, dass Offenbarung zwar „ein für alle Mal" in Jesus Christus ihren Höhepunkt gefunden hat. Zugleich jedoch hat sie „ihr ständiges Heute, sofern das einmal Vollzogene im Glauben der Kirche immerfort lebendig und wirksam bleibt und christlicher Glaube sich nie bloß auf Vergangenes, sondern ebenso auf Gegenwärtiges und Kommendes bezieht" (26). Dieser „Mehrwert des Wortes" (27) hat seinen letzten Grund in der Verwurzelung der Beziehung zwischen Gott und seinem Volk. Deshalb ist darauf zu achten, dass die einzelnen Texte „im Ganzen der einen Schrift zu verstehen" sind, wodurch sie wiederum ein neues Licht empfangen. Darum müssen - wie Papst Benedikt mit Dei Verbum (28) fordert - immer die lebendige Überlieferung der ganzen Kirche und die „inneren Entsprechungen im Glauben" (29) (analogia fidei) bei der Auslegung berücksichtigt werden.

Im Vorwort zu seinem Buch „Jesus von Nazareth", das zu einem wahren Bestseller weltweit geworden ist, schreibt Papst Benedikt: „Gewiss, die christologische Hermeneutik, die in Jesus Christus den Schlüssel des Ganzen sieht und von ihm her die Bibel als Einheit verstehen lernt, setzt einen Glaubensentscheid voraus und kann nicht aus purer historischer Methode hervorkommen." (30) Damit will der Heilige Vater nicht die historisch-kritische Methode verwerfen, deren hermeneutische Prinzipien vor allem durch den Humanismus und die Aufklärung bestimmt sind. Aber es gilt, ihre Grenze zu erkennen und zugleich die Vernünftigkeit des Glaubensentscheides aufzuzeigen. Für unseren Familiar Prof. Klaus Berger stellt das Jesus-Buch des Papstes eine „Revolution" (31) dar, die viele seiner Kollegen nicht begriffen haben. Denn die historisch-kritische Methode wird durch Benedikt XVI. eingebettet in ein umfassenderes Verstehen, nämlich in den Glauben der Kirche. Dieser ist als regula fidei (Glaubensregel) zugleich im Sinne der alten Kirche eine regula veritatis (Wahrheitszeugnis), ein Fundament, das garantiert, dass wir uns auf das Zeugnis der Apostel bis heute berufen dürfen. In dieser Hermeneutik des Glaubens stehend, wollte Papst Benedikt mit seinem Buch den „Jesus der Evangelien als den wirklichen Jesus, als den ‚historischen Jesus’ im eigentlichen Sinne" (32) darstellen, denn – wie er sagt: „Ich bin überzeugt und hoffe, … dass diese Gestalt viel logischer und auch historisch betrachtet viel verständlicher ist als die Rekonstruktionen, mit denen wir in den letzten Jahrzehnten konfrontiert wurden." (33) So wird die Gestalt Jesu und mit ihm die gesamte Schrift nicht nur in einer konstruierten Vergangenheit gesucht und archiviert, sondern es ist ein stetes Anliegen Joseph Ratzingers ganz im Sinne von Bonaventura die Person des Gottmenschen Jesus Christus und mit ihm die Offenbarung als etwas Lebendiges zu verstehen, entsprechend dem Wort des Herrn: „Der Beistand aber, der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe." (34) Dieser Verheißung gemäß offenbart der Heilige Geist der Kirche immer tiefere Dimensionen des Wortes Gottes. Das aber bedeutet zugleich auch anzuerkennen, dass „der ganze Sinn der Schrift noch nicht offenbar ist" (35). Nach Bonaventura ist – wie Ratzinger nachweist – zwar das aufgezeichnete Offenbarungswort der Schrift endgültig, jedoch werden durch die Rezeption der Kirche jeweils neue Tiefen freigesetzt (36). Denn der Heilige Geist ist zu jeder Zeit am Werk und zeigt der Kirche, wie sie dieses Wort immer wieder neu verkünden kann.

Damit leuchtet bereits unsere vierte Lichtbrechung auf, das Thema, das der gebürtige Steirer und Ratzinger-Schüler Prof. Siegfried Wiedenhofer in einem Podcast-Interview anlässlich des jetzigen Papstbesuches als das Hauptthema seines Lehrers bezeichnet.

Ursprung und Wesen der Kirche

Drei Grundüberlegungen sollen uns hier leiten:
A) Die Kirche als Leib Christi
B) Die Kirche, gegründet auf das Fundament der Apostel
C) Die Kirche als Volk Gottes

A) Die Kirche als Leib Christi
„Wir sind Kirche!" Dieses Schlagwort kann richtig interpretiert werden, wenn wir die Kirche nicht nur als Organisation oder Plattform „eindimensional" wahrnehmen, sondern wie es Ratzinger formulierte: als „Organismus des Heiligen Geistes", als etwas Lebendiges, „das uns alle von innen her umgreift" (37). Dieser Organismus des Leibes Christi wächst von innen: durch die Gemeinschaft mit Christus in seinem Wort, im Gebet, in den Sakramenten, in den Grundhaltungen von Glaube, Hoffnung und Liebe. „Wir sind Kirche!" Dieses „Wir" der Kirche kann recht verstanden nicht eine Gruppe sein, die sich isoliert, sondern wir alle gehören zum größeren ‚Wir‘ aller Glieder Christi, der lebenden und derjenigen, die uns schon vorausgegangen sind. In dieser Gemeinschaft muss das Gesetz Christi seine Gültigkeit behalten: „Einer trage des anderen Last." (Gal 6,2) Daraus resümiert Joseph Ratzinger:

„Christus hat sich einen Leib gebaut, und in ihn muss ich mich einfügen als demütiges Glied … Christus gibt es nur in seinem Leib, nie bloß ideell. Das heißt: mit den anderen, mit der beständigen, die Zeiten durchschreitenden Gemeinschaft, die dieser sein Leib ist. Die Kirche ist nicht Idee, sondern Leib, und das Ärgernis der Fleischwerdung, an dem so viele Zeitgenossen Jesu zerbrachen, geht weiter in den Ärgerlichkeiten der Kirche, aber auch hier gilt: Selig, wer sich an mir nicht ärgert." (38)

Der Gedanke der Kirche als „Leib Christi" ist schon seit Paulus wie später für die Kirchenväter untrennbar mit der Eucharistie verbunden, in der der Herr leibhaftig da ist und uns seinen Leib zur Speise reicht. Hier denken wir an das bekannte Wort des hl. Augustinus: „Empfange, was Du bist: Leib Christi."Die sakramentale Verbundenheit vor allem in der Eucharistie ist nicht eine organisatorische Äußerlichkeit, sondern ein Wesenszug der Kirche: Nur in der Einheit ist der EINE.  Hierbei aber ist – wie Benedikt XVI. betont – das Empfangen wesentlich:

„Niemand kann sich selber taufen, niemand kann sich selbst die Priesterweihe zusprechen, niemand sich selbst von Sünden absolvieren … Deswegen ist es nicht bloß ein Verstoß gegen äußere kirchenrechtliche Anordnungen, wenn man sich die Eucharistie selber herumreicht und selber nimmt, sondern eine Verletzung der innersten Struktur des Sakraments." (39)

B) Die Kirche, gegründet auf das Fundament der Apostel


Was bedeutet das? Die Berufung der Zwölf war ein Zeichen, das jeder Israelit damals verstehen konnte. Sie erinnert an die zwölf Söhne Jakobs, aus denen das Zwölf-Stämme-Volk hervorgehen konnte. Zwölf ist also die Symbolzahl des Gottesvolkes. Wenn Jesus zwölf Jünger ruft, dann heißt das: Jesus ist selbst der neue Stammvater dieses eschatologischen Gottesvolkes, das Israel am Ende der Tage erwartet. Markant hat das der Evangelist Markus formuliert in seinem lapidaren  Satz: „Er machte Zwölf"  (Mk 3,14).

Papst Benedikt weist zudem darauf hin, dass Zwölf als kosmische Zahl zu verstehen ist. Es ist „die Zahl der Sternbilder, die das Jahr - die Zeit des Menschen – gliedern. So wurde die Einheit von Geschichte und Kosmos unterstrichen, der kosmische Charakter der Heilsgeschichte: Die Zwölf sollen die neuen Sternbilder der endgültigen Geschichte des Alls sein." (40) Mich erinnert dieser Gedanke auch an das Deckengewölbe der Klosterkirche in Bochum-Stiepel: Rund um den Schluss-Stein „Christus" sind die Namen der zwölf Apostel gereiht – ein Hinweis auf die eschatologische Vollendung am Ende der Tage.

Die Apostel sind, was sie sind, nur im Miteinander der Zwölfergemeinschaft. Deshalb wird diese Gemeinschaft nach dem Ausscheiden des Judas noch einmal ergänzt und aufgefüllt. Dieses Miteinander und diese Verbundenheit untereinander ist von Anfang an Grund für die Einheit des Gottesvolkes. Was bedeutet das alles für die Praxis? Abspaltungen widersprechen der communio, die auch für die Nachfolger der Apostel, für die Bischöfe (und Priester) gilt.  Der Bischof (der Priester) ist nie Bischof (Priester) allein, sondern einzig in der Gemeinschaft derer, die es vor ihm waren, die es mit ihm sind und die es nach ihm sein werden (vgl. Weiheritus!). Hierbei bleibt der Bischof jeweils Garant der Einheit in seiner Diözese und muss sie in der größeren Einheit mit der Gesamtkirche bewahren. Der Bischof steht wiederum in Einheit mit dem weltweiten Kollegium der Bischöfe. Garant der Einheit der Gesamtkirche ist und bleibt der Nachfolger des Petrus, der Bischof von Rom, der Papst.

C) Kirche als Volk Gottes


Der Begriff „Volk Gottes" (41) wurde zu einem Leitwort, das vor allem Eingang in das Kirchenbild des Zweiten Vatikanischen Konzils fand. Wenn sich die Kirche als auf der Pilgerschaft befindlich definiert, so bedeutet das: Sie ist noch nicht am Ziel. Sie hat ihre eigentliche Hoffnung noch vor sich. Mit diesem Bild konnte man den Wegcharakter der Kirche und jedes einzelnen Christen ausdrücken. Man konnte auch die innere Einheit des Gottesvolkes selbst aussagen, in dem es - wie in jedem Volk - verschiedene Ämter und Dienste gibt, jedoch quer über alle Unterscheidungen hinweg, bleibt jeder nur Pilger. So können alle ihr eigenes Auf-dem-Weg-sein, ihre eigene Vorläufigkeit und Gebrochenheit und ihre Erneuerungsbedürftigkeit erkennen.

War nun der Begriff „Volk Gottes" ein biblischer Begriff für die Kirche? Ratzinger, der schon seit seiner Dissertation über Augustinus sich intensiv mit dem Begriff „Volk Gottes" auseinandersetzte, machte die erstaunliche Entdeckung, dass auch im Neuen Testament das Wort Volk Gottes zwar oft vorkommt, aber nur an ganz wenigen Stellen die Kirche bezeichnet. Die Kirche wird mit dem griechischen Wort ekklesia bezeichnet (d. i. die Herausgerufene). Dies wird abgeleitet vom Hebräischen qāhāl (d. i. die Volksversammlung) (42). Der Begriff „Volk Gottes" verweist  in der Regel auf das Volk Israel. Dabei ist jedoch zu beachten, dass nach Ratzinger der biblische Gottesvolkbegriff für Israel auch im AT nicht einfach als Abstammungsmerkmal aufgefasst wird, sondern: insofern Israel zum Herrn hingewandt ist, wird es Sein Volk. Er macht es zu dem, was es aus sich selbst nicht ist. (43) Übertragen wir das auf die Kirche: Die Christen können nur das neue Gottesvolk bilden, wenn sie Christus als ihre Mitte erkennen. Wir sind Gottes Volk nicht anders als vom gekreuzigten und auferstandenen Christus her. Durch ihn wird die Kirche zum Zeichen und Werkzeug für seine Gegenwart unter den Menschen, das heißt zum Sakrament des Heils für alle Menschen. Ratzinger zieht den Schluss: „Man bleibt dem Konzil nur dann treu, wenn man die beiden Herzworte seiner Ekkesiologie, Sakrament und Volk Gottes, immer zusammen liest und zusammen denkt." (44)

Die Ekklesiologie von Lumen gentium schließt mit dem Kapitel über die Gottesmutter. Papst Benedikt sieht darin einen Fingerzeig:

„Denn so wird zuletzt noch einmal das sichtbar, wovon wir ausgegangen sind: Kirche ist nicht Apparat, ist nicht bloß Institution, auch nicht eine der üblichen soziologischen Größen -  sie ist Person. Sie ist eine Frau. Sie ist Mutter. Sie ist lebendig. Das marianische Verständnis von Kirche ist der entschiedenste Gegensatz zu einem bloß organisatorischen oder bürokratischen Kirchenbegriff." (45)

Liturgie

Damit sind wir bei der fünften und sicherlich intensivsten Farbe des Spektrums der Theologie Papst Benedikts, bei der Liturgie, weil in ihr das Ewige im Zeitlichen durchscheint. Die Kirche lebt von der Eucharistie. Das ist der Kern ihres Mysteriums.
„Die Kirche als göttliche Institution mit menschlichen Zügen steht nicht primär unter dem Gesetz der menschlichen Machbarkeit, sondern sie definiert sich vor allen Dingen sakramental, d. h. sie wächst durch das in die Geschichte hineingesprochene Wort Gottes wie durch die Wirksamkeit der Liturgie, die gemeinsam eine Transparenz auf die Heilstat Jesu Christi hin haben und so das Ewige im Zeitlichen durchscheinen machen, ja, es als die eigentlich tragende Realität anwesend werden lassen". (46)

Für Papst Benedikt ist die Liturgie der „Kult des offenen Himmels" (47). Aus ihrem Geöffnetsein für Gott begründet sich ihre Universalität, die sich in der Hingabe des gekreuzigten und auferstandenen Christus verdichtet. Er ist der neue universale Tempel, „dessen im Kreuz ausgestreckte Arme auf die Welt hin ausgespannt sind, um alle in die Umarmung der ewigen Liebe hineinzuziehen" (48). Hier sind wir tatsächlich zum Herzen der Theologie Ratzingers vorgedrungen, zum eucharistischen Ansatz seiner Ekklesiologie. Das Volk Gottes ist als Leib Christi zu verstehen, das vom Leib Christi lebt und in der Eucharistie selbst sein Leib wird. Und dies bedeutet näherhin für Papst Benedikt, dass die Kirche „immer neu aus dem geöffneten Herzen des Herrn geboren" (49) wird.

Die Eucharistie ist das Herz des christlichen Lebens. Was Papst Johannes Paul II. in seiner letzten Enzyklika Ecclesia de Eucharistia allen Gläubigen vorstellt, das hat Joseph Ratzinger 1977 ganz ähnlich formuliert

„Kirche ist Communio; sie ist das Kommunizieren Gottes mit den Menschen in Christus und so der Menschen untereinander und damit Sakrament, Zeichen und Werkzeug des Heils. Kirche ist Eucharistie-Feiern, Eucharistie ist Kirche; beides steht nicht nebeneinander, sondern ist dasselbe; von da strahlt alles andere aus. Die Eucharistie ist sacramentum Christi, und weil die Kirche Eucharistia ist, darum ist sie Sacramentum, dem sich alle Sakramente zuordnen." (50)

Für Papst Benedikt ist die Eucharistie die ständige Mitte und das Zentrum seines Lebens wie auch des Petrusamtes (51). Dass er im „Jahr der Eucharistie" seinen universalen Dienst als Stellvertreter Christi antrat, erkannte er als eine Fügung der Vorsehung Gottes. So war es auch nicht verwunderlich, dass er nach seiner ersten Enzyklika „Deus caritas est“ sein nachsynodales Schreiben in Anlehnung an die Enzyklika Sacramentum Caritatis („Sakrament der Liebe Gottes" nach Thomas von Aquin) betitelte.

In der jetzigen Aufregung um sein Motu Proprio Summorum Pontificum über den Gebrauch der Römischen Liturgie vor der Reform von 1970 (die so genannte „tridentinische Messe") ist ein Wort des damaligen Erzbischofs von München und Freising Kardinal Ratzingers aus dem Jahr 1981 sehr erhellend:

„Um nicht missverstanden zu werden, möchte ich sagen, dass ich inhaltlich (von einzelnen Kritiken abgesehen) sehr dankbar bin für das neue Missale, für die Ausweitung des Schatzes der Orationen, der Präfationen, für die neuen Kanongebete, für die Vermehrung der Messformulare an Werktagen usw., ganz zu schweigen von der Möglichkeit der Muttersprache. Aber ich halte es für ein Unglück, dass man dabei die Vorstellung eines neuen Buches geweckt hat, anstatt das Ganze in der Einheit der Liturgiegeschichte zu präsentieren. Ich glaube daher, dass eine neue Auflage deutlich wird zeigen und sagen müssen, dass das sogenannte Missale Pauls VI. nichts anderes als eine erneuerte Fassung desselben Missale ist, an dem schon Pius X., Urban VIII., Pius V. und deren Vorgänger bis zurück in die Zeit der werdenden Kirche gewirkt haben. Das Bewusstsein der ununterbrochenen inneren Einheit der Geschichte des Glaubens, die sich in der stets gegenwärtigen Einheit des aus dieser Geschichte kommenden Betens darstellt, ist für die Kirche wesentlich."(52)

Ökumene

Kommen wir zum vorletzten Farbausschnitt des Spektrums der Theologie Ratzingers, zur Ökumene. Schon in seiner ersten Botschaft am Tag nach seiner Wahl bezeichnete es Papst Benedikt als seine vorrangige Aufgabe und Pflicht, „mit allen Kräften an der Wiederherstellung der vollen und sichtbaren Einheit aller Jünger Christi zu arbeiten. ... Der jetzige Nachfolger Petri … ist bereit, alles in seiner Macht Stehende zu tun, um das grundlegende Anliegen der Ökumene zu fördern. Auf den Spuren seiner Vorgänger ist er fest entschlossen, jede Initiative zu pflegen, die angemessen erscheinen mag, um Kontakte und das Einvernehmen mit den Vertretern der verschiedenen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften zu fördern." (53)

An der Unterscheidung zwischen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften, ein Begriffspaar, das wörtlich in Lumen gentium 8 zu finden ist, entspann sich auch jüngst ein heftiger Disput, als die Kongregation für die Glaubenslehre am 10. Juli 2007 ihr Dokument: „Antworten auf Fragen zu einigen Aspekten bezüglich der Lehre über die Kirche" veröffentlichte. Ähnlich wie die Erklärung der Glaubenskongregation Dominus Iesus, die im Herbst des Jahres 2000 eine weltweite Kontroverse ausgelöst hatte (54), steht im Mittelpunkt des Streites auch jetzt der katholische Kirchenbegriff, wie ihn das Zweite Vatikanische Konzil in der subsistit-Formel (d. i. „verwirklicht in") dargelegt hatte:

„Diese Kirche, in dieser Welt als Gesellschaft verfasst und geordnet, ist verwirklicht in der katholischen Kirche, die vom Nachfolger Petri und von den Bischöfen in Gemeinschaft mit ihm geleitet wird. Das schließt nicht aus, dass außerhalb ihres Gefüges vielfältige Elemente der Heiligung und der Wahrheit zu finden sind, die als der Kirche Christi eigene Gaben auf die katholische Einheit hindrängen." (55)

Anstoß erregte insbesondere die Antwort auf die Frage, warum das Konzil den Gemeinschaften, die aus der Reformation des 16. Jahrhunderts hervorgegangen sind, den Titel „Kirche" im eigentlichen Sinn nicht zuschreibt: Weil diese kirchlichen Gemeinschaften nämlich das Weihesakrament und so die ursprüngliche und vollständige Wirklichkeit der Eucharistie nicht bewahrt haben. (56)

In einem Interview erklärte  Kardinal Ratzinger im Jahr 2000, die subsistit-Formel besage, dass das „Sein der Kirche als solches" viel weiter reiche „als die römisch-katholische Kirche, aber in ihr hat sie in einzigartiger Weise den Charakter eines eigenen Subjekts." (57) Dort spricht er auch über die so genannte „versöhnte Verschiedenheit" (58). Sie dürfe jedoch nicht bedeuten, dass die Inhalte gleichgültig(59) werden und dadurch die Wahrheitsfrage ausgeschaltet wird,
 „sodass wir uns alle als eins betrachten würden, auch wenn wir gegensätzlich glauben und lehren. Richtig angewandt ist der Begriff meiner Auffassung nach dann, wenn er besagt, dass wir uns trotz aller Gegensätze, die uns nicht gestatten, alles einfach gleichermaßen als Fragmente einer nicht real existierenden einen Kirche Jesu Christi hinzustellen, im Frieden Christi als miteinander Versöhnte begegnen." (60)

Die Einheit kann aber nur durch eine innere Umkehr beschleunigt werden, die die Gewissen aufrütteln und so einen wahren ökumenischen Fortschritt bewirken kann. Die Sehnsucht nach der Einheit der Christen ist vor allem spürbar zwischen den Konfessionen, die der gleiche Glaube und die gleichen Sakramente verbinden. Wir denken hier nicht zuletzt an die Bilder des Zusammentreffens des Papstes mit dem Patriarchen von Konstantinopel Bartholomaios, dem Ehrenoberhaupt der Orthodoxen Kirche zum Andreasfest im vergangenen Jahr. Oft sind Gesten wichtiger als Worte.

Joseph Ratzinger hat selbst gerade den Dialog mit den orthodoxen Kirchen durch seine im Jahr 1976 geäußerte These, die als Ratzinger-Formel in die Geschichte des Ökumenismus eingegangen ist, vorangebracht: „Rom muss vom Osten nicht mehr an Primatslehre fordern, als auch im ersten Jahrtausend formuliert und gelebt wurde."(61) Letztlich ist die Einheit der Kirche nach Papst Benedikt ein „Datum", d. h. etwas Gegebenes, das nicht durch ökumenische Anschlussmodelle herbeigeführt oder „durch irgendeinen politischen Coup hergestellt" (62) werden kann, denn weder ein Papst noch ein Weltkirchenrat können hier eigenmächtig handeln. Die ökumenische Aufgabe besteht vielmehr darin, „demütig den Glauben zu verwesentlichen, also zu erkennen, was das wirklich Wesentliche an ihm ist – das, was nicht wir gemacht haben, sondern vom Herrn empfangen haben –, und uns in dieser Zuwendung zum Herrn und zur Mitte in dieser Verwesentlichung öffnen, damit er weiterführen kann, er alleine" (63).

Politik

Kommen wir zum letzten Bereich des breiten Spektrums des theologischen Forschens von Papst Benedikt: zur christlichen Gesellschaftslehre. Gleich in seiner ersten Botschaft als Pontifex maximus erhebt Benedikt XVI. den Öffentlichkeitsanspruch des Evangeliums. Das Licht Christi vor allen Menschen leuchten zu lassen, „nicht das eigene Licht, sondern das Licht Christi" (64), ist für Papst Benedikt eine innere Grundhaltung und zugleich die Grundlage des Dialoges mit allen Menschen guten Willens, mit Vertretern anderer Konfessionen, Religionen und Kulturen sowie den Verantwortlichen in Staat und Gesellschaft, um dem Frieden und der Einheit der ganzen Menschheitsfamilie zu dienen. In der heutigen Krise der Kulturen, ausgelöst durch die Relativierung göttlicher Gebote, muss die Wahrheit der unantastbaren Würde des Menschen verteidigt werden. Deshalb dürfen auch heute Wahrheit und Liebe, die aus Gott sind, nicht relativiert oder einfach in die Privatsphäre des Einzelnen abgedrängt werden. Im Epochenjahr 1989 mahnte Kardinal Ratzinger:

„Eine Gesellschaft, die das Eigentliche des Menschen zum bloß Privaten macht und sich selbst in einer totalen Profanität definiert (die im Übrigen unausweichlich zur Pseudo-Religion und zu einer neuen, versklavenden Totalität wird) - eine solche Gesellschaft wird ihrem Wesen nach traurig, ein Ort der Verzweiflung: Sie beruht ja auf einer Reduktion der Würde des Menschen. Eine Gesellschaft, deren öffentliche Ordnung konsequent vom Agnostizismus bestimmt wird, ist nicht eine frei gewordene Gesellschaft, sondern eine verzweifelte Gesellschaft, gezeichnet von der Traurigkeit des Menschen, der auf der Flucht vor Gott und im Widerspruch zu sich selber ist." (65)

Darum muss die Kirche den Mut haben, den „öffentlichen Rang ihres Menschenbildes"(66) deutlich zu machen. Nach Papst Benedikt darf also Gott nicht aus dem öffentlichen Bewusstsein ausgeschlossen werden. Wenn Europa in der Diskussion um die Präambel seines Verfassungsvertrages seine eigenen jüdisch-christlichen Wurzeln leugnet, dann fühlen sich nicht nur Christen und Juden, sondern auch die Muslime bedroht vom „Zynismus einer säkularisierten Kultur, welche ihre eigenen Grundlagen leugnet"(67). Wird der menschlichen Vernunft der Horizont der ewigen Wahrheit und Liebe genommen, dann wird sie verstümmelt, und ein Baum ohne Wurzeln verdorrt.

Kehren wir an dieser Stelle wieder zum Ausgangspunkt meines Vortrags zurück:
Der eigentliche Kern der Regensburger Vorlesung war ja nicht die Kritik an Mohammed, vielmehr der Einspruch gegen eine säkulare Gesellschaft, die die Grundwerte des Religiösen ignoriert und sich so selbst zum letzten Maßstab macht.

III. Schluss

So sind wir wieder am Anfang dieses weiten Spektrums des theologischen Fragens von Papst Benedikt angelangt. Die sieben Bereiche 1. Glaube und Vernunft,
2. Gottesfrage, 3. Offenbarung, 4. Ursprung und Wesen der Kirche, 5. Liturgie,
6. Ökumene und 7. Politik konnten hier nur streiflichtartig behandelt werden. In allen Bereichen dieses Spektrums bricht sich – wie in einem Regenbogen – das Licht, für das Papst Benedikt sein ganzes Leben einsetzt, für Christus, der „der Weg, die Wahrheit und das Leben" (Joh 14,6) ist.

Am Ende seines Buches über Benedikt XVI., seinem ehemaligen Schüler, schreibt der heute 92-jährige Professor Alfred Läpple: „Geschehen auch heute noch Zeichen und Wunder?" Er bezieht sich auf ein vielleicht schon vergessenes Phänomen, das selbst damals die größte Boulevardzeitung in Deutschland berichtete, ein Phänomen, das durch die Fernsehübertragung weltweit wahrgenommen werden konnte: Als Papst Benedikt am 28. Mai 2006 das Gelände des Konzentrationslagers von Auschwitz-Birkenau betrat, um diese Stätte des Grauens zu besuchen, mit Überlebenden zu sprechen und für die Opfer zu beten, erschien plötzlich am Himmel ein kräftiger Regenbogen. Der polnische Fernsehreporter erinnerte spontan an das Bibelwort: „Steht der Bogen in den Wolken, so werde ich auf ihn sehen und des Bundes gedenken zwischen Gott und allen lebenden Wesen." (Gen 9,16) Leuchtet im Bund Gottes nicht die Wahrheit auf, wie Joseph Kardinal Ratzinger es einmal formulierte, wer und was wir sind und wer Gott ist: Für ihn, Gott, der selbst ganz „Beziehung" ist, ist der Bund mit den Menschen nicht etwas Äußerliches, sondern „das Offenbarwerden seiner selbst, ‚das Leuchten seines Angesichts’"(68).

 „Auf Christus schauen!" Ist das Motto des Papstbesuchs 2007 in Österreich nicht ein passender Leitspruch über die gesamte Theologie Joseph Ratzingers? Christi Antlitz zu suchen, auf dem der Glanz der ewigen Liebe und Wahrheit aufstrahlt, dazu inspiriert uns Papst Benedikt XVI. als brillanter und zugleich demütiger Theologe und guter Hirte.