Deutschland an der Spitze der Erwerbsquote bei den großen Industrienationen

Historisches Rekordniveau

Rom, (ZENIT.orgIDAF) | 637 klicks

Die Wirtschaftskrise in Europa scheint die Deutschen bisher zu verschonen. Deutsche Waren und Dienstleistungen sind in der ganzen Welt gefragt, neben dem Export floriert auch die Bauwirtschaft, Immobilienvermögen erzielen in den Ballungsräumen satte Wertsteigerungen und die Beschäftigung erreicht ein historisches Rekordniveau: Während das Beschäftigungsniveau seit 2007 in den anderen Industrieländern zurückging oder bestenfalls stagnierte, stieg es in Deutschland weiter kräftig an. Unter den großen Industrieländern liegt Deutschland mit einer Erwerbsquote von 76,5 Prozent (2011) an der Spitze - noch vor Japan, Großbritannien und den USA . Deutschland hat damit das von der Europäischen Union für 2020 vorgegebene Ziel einer Erwerbsquote von 75 Prozent der erwachsenen Bevölkerung übertroffen.

Im krassen Gegensatz dazu steht die Entwicklung in den Euro-Krisenstaaten: Ihre ohnehin niedrigeren Erwerbsquoten brechen weiter ein. Besonders dramatisch ist die Situation bei den Männern, die in den meisten Haushalten nach wie vor die Haupternährer sind. In Griechenland, Portugal und Spanien sind ihre Erwerbsquoten um ca. 10 Prozent, in Irland um fast 15 Prozent zurückgegangen. Ein Ende des Absturzes ist nicht in Sicht, im Gegenteil, immer tiefer rutschen auch Italien und Frankreich in die Krise. Sie trifft zunächst die Jungen, die Zugang zum Arbeitsmarkt suchen: In Frankreich sind inzwischen mehr als ein Viertel, in Italien annähernd 40 Prozent der unter 25-Jährigen arbeitslos. In Spanien haben mehr als 55 Prozent und in Griechenland fast 60 Prozent der Jugendlichen keine Arbeit. Auch den Älteren fehlen immer häufiger Arbeit und Einkommen: In Andalusien beispielsweise ist ein Drittel der gesamten Erwerbsbevölkerung arbeitslos. Der wirtschaftliche Niedergang bedroht die Existenz von Millionen, zumal soziale Mindestsicherungssysteme in Südeuropa nur rudimentär vorhanden sind. Angesichts dessen ist es verständlich, dass die von Deutschland befürwortete Spar- und Reformpolitik auf Ablehnung und Zorn trifft.

Ebenso verständlich ist es, dass die deutsche Bundesregierung versucht, Kredithilfen an Reformauflagen zu binden. Eigene Schulden, Belastungen durch die demographische Alterung, vielerorts marode Infrastrukturen und eine teure „Energiewende“ — weitere Hunderte Milliarden für die „Eurorettung“ hat auch Deutschland nicht zu verschenken. Vor allem aber: Die gegenwärtige Prosperität ist den Deutschen nicht in den Schoß gefallen, sondern hatte einen hohen Preis: Eine moderate Lohnpolitik und flexibilisierte Arbeitsmärkte ließen die Reallöhne über mehr als ein Jahrzehnt stagnieren, wenn nicht sinken. Gleichzeitig wurden Sozialleistungen schmerzhaft gekürzt — Stichwort: „Hartz-IV“ — und im Rentensystem gespart: Deutschland ist das einzige Land in Europa, in dem der Anteil der Rentenleistungen am Bruttoinlandsprodukt nicht gestiegen, sondern (leicht) gesunken ist. Am stärksten gestiegen sind die Rentenaufwendungen ausgerechnet im „Rettungsschirmland" Portugal. Nun hat Portugal als relativ armes Land Nachholbedarf. Gerade deshalb hätten die Portugiesen ihre konsumtiven Ausgaben einschränken müssen, um in Infrastruktur, Forschung und Entwicklung investieren zu können. Stattdessen haben sie ihre Löhne und Renten kräftig erhöht — begünstigt durch niedrigere Zinsen nach Einführung des Euro, die es vorübergehend erleichterten weitere Schulden aufzunehmen. Die portugiesische Wirtschaft verlor so an Leistungsfähigkeit. Die einst niedrige Arbeitslosenquote (ca. 5 Prozent) hat sich im Vergleich zum Jahr 2000 mehr als verdreifacht — Tendenz weiter steigend. Um wieder wettbewerbsfähig zu werden, müssten in Portugal — ähnlich wie in Griechenland — Löhne und Preise um 30-40 Prozent sinken. Eine solch drastische „interne Abwertung“ lässt sich politisch in keinem demokratischen Land durchsetzen — zuletzt wurde in Italien Mario Monti für wesentlich geringere Einschnitte abgestraft.

Wenn sich aber die deutsche „Austeritätspolitik“ nicht durchsetzen lässt, welche Optionen bleiben dann? Die Südländer und Frankreich fordern eine „Politik des leichten Geldes“, also mehr Inflation und mehr Schulden, um die Wirtschaft „anzukurbeln“. Immer lauter werden ihre Schuldvorwürfe gegenüber Deutschland, und Stück für Stück hat die Bundesregierung ihrem Verlangen nach einer Abkehr von der Spar- und Reformpolitik schon nachgegeben. Im Eurozwist setzen sich so nicht die „best practices“, sondern die ineffizientesten und sozial ungerechtesten Modelle durch. Auch den Deutschen droht damit ein tiefer Abstieg — alternative Lösungswege werden immer dringlicher, gerade auch für Deutschland. Auch Alternativen würden unvermeidlich Kosten verursachen, das Euro-Experiment hat so oder so einen hohen Preis. Entscheidend ist jedoch, dass sie das Leben auf Kosten anderer erschweren und die Länder zur Eigenverantwortlichkeit zurückführen.