Deutschland der Nachkriegszeit

Filmrezension: Quellen des Lebens

Berlin, (ZENIT.orgtextezumfilm) Dr. José García | 1184 klicks

Oskar Roehlers Spielfilm „Quellen des Lebens“ beginnt mit einer Zeitangabe und einer Off-Stimme. Der Ich-Erzähler berichtet von der Rückkehr seines Großvaters Erich Freytag (Jürgen Vogel) aus der Kriegsgefangenschaft in die fränkische Provinz im Jahre 1949. Seine Frau Elisabeth (Meret Becker) zeigt sich nicht nur überrascht, sondern gar angewidert – mit den verfaulten Zähnen, dem verfilzten Haar und der verlausten Kleidung bietet Erich ein Bild des Jammers. Aber da ist noch etwas: In der Zwischenzeit haben sich Elisabeth und Erichs Schwester Marie (Sonja Kirchberger) mehr als angefreundet. Seinen Kindern ist Erich ebenfalls ein Fremder geworden. „Keiner hatte ihn hereingebeten“, meint die Off-Stimme lakonisch dazu. So muss Erich seine erste Nacht „zu Hause“ auf einer Parkbank verbringen. Am nächsten Morgen bringt ihm sein ältester Sohn Klaus (Kostja Ullmann) eine Tasse Kaffee. Erich gibt aber nicht auf: Zunächst jagt er seine Schwester aus dem Haus, dann wird an der Zukunft gearbeitet. Er „arbeitet hart, um zu vergessen“, und bald darauf – dem Wirtschaftswunder sei gedankt – besitzt Erich eine florierende Gartenzwerg-Fabrik.

Jahre später entscheidet sich Erichs Sohn Klaus (nun von Moritz Bleibtreu dargestellt) für das Studium und für ein Leben als Schriftsteller, nachdem er sich in eine verführerische junge Frau „aus gutem Hause“ verliebt hat. Weil Klaus stets bewusst ist, dass seine Frau Gisela (Lavinia Wilson) bei weitem talentierter und besser als er schreibt, steht ihre Ehe von Anfang an unter keinem guten Stern. Die Spannungen wachsen, als ihr Sohn Robert (Ilyes Moutaoukkil, später Leonard Scheicher) geboren wird. Weder der Mutter auf Selbstverwirklichungstrip noch dem Möchtegern-Bohemien Klaus kommt das Kind gelegen. Roberts Vernachlässigung durch seine Eltern zeigt Drehbuch-Autor und Regisseur Oskar Roehler durch kurze, prägnante Szenen: Da weint etwa das Baby vor einer verschlossenen Tür, hinter der das Geschnatter von Giselas Schreibmaschine zu hören ist. Etwas später holt sich Robert an einem italienischen Strand einen Sonnenstich, während sich sein Vater Klaus mit einer jungen Frau vergnügt. Weil sich die Eltern haben scheiden lassen und keiner von ihnen Interesse am kleinen Robert zeigen, verbringt er seine Kindheit abwechselnd bei den wohlhabenden Großeltern mütterlicherseits in deren luxuriösen Villa und bei den auf Sparsamkeit achtenden Eltern des Vaters auf dem Land, wo er sich in das Nachbarsmädchen Laura (Lisa Smit) verliebt.

In „Quellen des Lebens“ verarbeitet Oskar Roehler die Erinnerungen an seine Familie, wobei der Film nach Roehlers eigenen Angaben weniger autobiographisch sein soll als der gleichzeitig entstandene Roman „Herkunft“. Dazu führt der Drehbuchautor und Regisseur aus: „Meine Erinnerungen sind in den Roman eingeflossen. Das Drehbuch hat ja schon einen hohen Abstraktionsgrad. Ich wollte dramaturgisch einen guten Film machen. Die müssen mir ja gar nicht ähnlich sein, die Darsteller, weniger jedenfalls, als wenn sie einen Hitler oder Goebbels spielen müssten, weil ja dokumentiert und nachprüfbar ist, wie die in bestimmten Situationen waren. Mir ging es in diesem Film darum, Anekdoten zu erzählen über die Zeit. Ich wollte ein reichhaltiges Kaleidoskop an Eindrücken schaffen und natürlich die Leidensgeschichte Roberts nachzeichnen von der Kindheit bis zur Adoleszenz – mit offenem Ende.“ Als dramaturgisches Problem von Roehlers Film stellt es sich dennoch heraus, dass er von drei verschiedenen Generationen einer Familie handelt, weshalb „Quellen des Lebens“ eigentlich keine Mitte besitzt. Zwar nimmt er von Anfang an durch die Off-Stimme Roberts Perspektive ein. Die Sicht, aus der der Film erzählt, ändert sich jedoch im Laufe der Zeit – und die Verknüpfung der drei Geschichten gelingt dem Regisseur auch nicht immer. Dennoch bietet „Quellen des Lebens“ auf unterhaltsame, manchmal sogar fast parodistische Art einen Überblick über die Meilensteine in einem Vierteljahrhundert westdeutscher Geschichte: Von den Kriegsheimkehrern und deren Schwierigkeiten, ihren eventuell anderweitig besetzten Platz in der Familie und der Gesellschaft wieder einzunehmen, über das sogenannte Wirtschaftswunder und die biedere „Gartenzwerg-Gesellschaft“ bis hin zu der „68er“ genannten Protestgeneration.

In seiner Inszenierung gelingt es Oskar Roehler, durch eine eigenwillige Mischung aus authentischer Ausstattung und einer besonderen Lichtsetzung durch die Kamera von Carl-Friedrich Koschnik eine gewisse Distanz zum Zuschauer zu schaffen. Beispielsweise legte der Regisseur ganz besonderen Wert auf ein natürlich wirkendes Licht in den Anfangs-Nachtszenen.

Obwohl Roberts Geschichte insbesondere wegen dessen Vernachlässigung durch die Eltern, den häufigen Familienwechsel sowie der frühen Trennung von Laura den Zuschauer rührt, ist „Quellen des Lebens“ kein Rührstück geworden. Dies verdankt Roehler sicher den gut getimten Einfällen und dem sich dahinter verbergenden hintergründigen Witz sowie den gewiss überzeichneten Figuren. Und dies hat selbstverständlich auch mit der spielwütigen Darstellung insbesondere von Jürgen Vogel und Moritz Bleibtreu zu tun. Inhaltlich bietet Oskar Roehler eine drastische Kritik an der Selbstverwirklichungsideologie der „68er“-Generation, die ihre eigenen Eltern wegen der Nazi-Vergangenheit verächtlich macht, selbst aber unter dem Deckmäntelchen des Idealismus den eigenen Egoismus über familiäre und sonstige Bindungen stellt.