Die allerseligste Jungfrau und der interreligiöse Dialog

Der Koran nennt Maria häufiger als das Neue Testament, sagt ein Theologe

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Johannesburg, Südafrika, den 1. Juni 2002 (ZENIT.org).- Hier ist der Text eines Beitrags von Pater Stuart Bate von den Oblaten der allerseligsten Jungfrau Maria (O.M.I.) auf der Welt-Videokonferenz zum Thema “Mariologie vom Zweiten Vatikanischen Konzil bis heute”. Die Videokonferenz am Mittwoch wurde von der Vatikanischen Kleruskongregation organisiert.



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Maria und der interreligiöse Dialog
Maria in “Nostra Aetate"
Von Pater Stuart Bate O.M.I.


Es gibt zwei Hinweise auf Maria unter "Nostra Aetate" [die Deklaration von 1965 über die Beziehung der Kirche zu nichtchristlichen Religionen].

Der erste weist darauf hin, dass die Moslems “auch Maria ehren, seine jungfräuliche Mutter, die sie bisweilen auch in Frömmigkeit anrufen" (NA, 3). Der zweite betont die jüdischen Wurzeln Jesu und seiner Mutter, indem Paulus zitiert wird “Die Kirche hat auch stets die Worte des Apostels Paulus vor Augen, der von seinen Stammverwandten sagt, dass ‚ihnen die Annahme an Sohnes Statt und die Herrlichkeit, der Bund und das Gesetz und der Gottesdienst und die Verheißungen gehören wie auch die Väter, und dass aus ihnen Christus dem Fleische nach stammt´ (Römer 9, 4-5), der Sohn der Jungfrau Maria" (NA, 4).

Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil sind die Hauptgebiete der mariologischen Forschung in anderen Religionen der Judaismus, in dem das Symbol “Tochter Zions" erforscht wird, und die Stellung Marias im Islam (siehe “Die Jungfrau Maria in der intellektuellen und spirituellen Ausbildung",
[VMISF]

Kongregation für Katholische Erziehung, den 25. März 1988; Nr. 15). [Der Link führt zur Internetseite der Universität von Dayton -- Anmerkung des Redakteurs.]

Maria als “Tochter Zions"

Die Lehre vom Bund ist die wichtigste biblische Lehre über die Beziehung zwischen Gott und seinem Volk. Hans Urs von Balthasar weist darauf hin, dass Gottes Plan der Erlösung von Anfang an im Sinne eines symbolischen Ehepaares formuliert ist (I. De la Potterie: “Maria im Mysterium des Bundes”, Paulist, New York 1992: Paulist; Seite 26). Dies wird in der Ehebeziehung zwischen Christus und der Kirche in der Lehre des Neuen Testaments ausgedrückt.

In den jüdischen Schriften wird der Bund zwischen Gott und seinem Volk oft in Form eines Ehebundes dargestellt. Israel erhält die Rolle der Braut, ein Thema, das auch als “Mutter Zion” und als “Jungfrau Israel” ausgedrückt wird. Dann werden diese Begriffe auf Maria im Neuen Testament besonders von Lukas und Johannes angewandt (ebd., S. 36).

Auf diese Weise ist Maria ein Bindeglied zwischen den beiden Testamenten. Sie verbindet sie auch innerhalb ihrer Person, da sie das jüdische Mädchen ist, von dem Jesus geboren wird und Gottes Offenbarung eines neuen Bundes ihren Ausgang nimmt. Maria symbolisiert sowohl die Kontinuität als auch die Diskontinuität zwischen dem alten und dem neuen Bund. Die Anwendung dieser Symbole des Alten Testaments auf sie und die Inkarnation des Wortes bringt beides zum Ausdruck: dass Gottes Bund mit seinem Volk aufrecht erhalten und dass er erneuert und in Jesus vollendet wird.

Maria im Islam

Der Koran hat 34 Verse, die Maria nennen. Das sind mehr als im Neuen Testament. Sie wird zwar nicht auf dieselbe Weise verehrt wie im Christentum, wo Maria die Mutter Gottes, “Theotokos”, ist, aber der Islam ehrt sie als die Mutter des Propheten Jesus. Dies gibt ihr einen besonderen Platz bei den Muslimen, da der Koran lehrt, dass der Engel zu Maria sagte, “Gott hat dich ausgewählt und dich rein gemacht und dich über alle Frauen des Universums gestellt” (“Der Koran” III:42).

Der Dialog sollte nicht versuchen, die Unterschiede zwischen dem christlichen und moslemischen Verständnis Marias zu bagatellisieren. Aber er kann uns helfen, die verschiedenen Stellen zu erkennen und zu vertiefen, an denen sich unsere Traditionen einander annähern und uns zusammenführen. Wie im Christentum wird Maria im Islam als ein Beispiel des Glaubens an Gott hingestellt: “jenen, die glauben, hat Gott in Maria ein Beispiel gegeben, die ihre Reinheit bewahrte ... die ihr Vertrauen in die Worte ihres Herrn und seine Schriften setzte und eine der wahrhaft Frommen war” (“Verbot” LXVI:12).

Maria und das weibliche Prinzip

Maria ist ein Symbol des weiblichen Prinzips in Gottes Heilsplan. Dieses gleiche Prinzip findet man in allen Religionen. Der theologische Diskurs befasst sich zunehmend mit der Integration dieser Dimension des Glaubens an Gott
(siehe “Mulieris Dignitatem”).
Dies ist ein Grund dafür, dass die Vertiefung der mariologischen Studien eines der wichtigen Gebiete der theologischen Forschung unserer Zeit ist (VMISF, Nr. 15). Das Studium anderer Religionen kann bei der Beleuchtung dieses Prinzips im christlichen Diskurs helfen. Der Hinduismus, zum Beispiel, ist mit solcher Reflexion gesättigt, und die weibliche Dimension wird stark im hinduistischen Pantheon ausgedrückt.

Zusammenarbeit

Aber darüber hinaus wird interreligiöser Dialog durch Zusammenarbeit ausgedrückt. In einer multikulturellen Welt, die mit zunehmender moralischer Verwirrung konfrontiert ist, sollten Menschen guten Willens aus allen religiösen Traditionen zusammen arbeiten, um religiöse Werte zu bewahren, die der Gier, der Gewalttätigkeit und der Selbstsucht entgegenwirken. In Südafrika arbeiten Menschen aus verschiedenen Glaubenstraditionen gegenwärtig an einem Programm für den moralischen Wiederaufbau in unserem Land zusammen. Maria ist für alle von uns ein Modell dieser Werte, und wir alle können unsere Gebete für eine bessere Welt an sie richten, in der die künftigen Generationen großgezogen werden.