Die Angst vor der Wahrheit

Von Giovanni Maria Vian, Direktor des „Osservatore Romano“

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ROM, 17. Januar 2008 (ZENIT.org).- Das Unvorstellbare ist geschehen: der Besuch Benedikts XVI. an der „Sapienza“ anlässlich der Eröffnung des akademischen Jahres findet nicht statt. Die Nachricht hat Italien erschüttert und begann dann, sich in der Welt zu verbreiten, während die Flut der Reaktionen wächst, seien sie aufrichtig oder instrumental: sie sind ungläubig, betrübt, entrüstet, emphatisch, in einigen Fällen sogar mehr oder minder zufrieden. Die Welle wird natürlich abflauen, es bleibt aber die schwerwiegende Tatsache, dass der Papst darauf verzichten musste, sich zur ersten Universität Roms zu begeben, der Stadt, deren Bischof er ist, in das größte Athenäum des Landes, dessen Primas er ist. Warum ist es soweit gekommen? Die Antwort ist einfach: aufgrund der radikal undemokratischen Intoleranz weniger, mehr noch: sehr weniger.



Und jetzt – wie im Märchen vom Zauberlehrling – unter all denen, die es auf verschiedenen Ebenen auf unverantwortliche Weise zugelassen haben, dass diese vorurteilsbeladene und stumpfsinnige Opposition gegen den Papstbesuch aufgärt, die von möglichen Meinungsverschiedenheiten zu unterscheiden ist, die selbstverständlich rechtmäßig sind, wenn sie auf zivile Weise und mit demokratischen Methoden zum Ausdruck gebracht werden, – unter all jenen also gibt es sogar welche, die besorgt sind und es bedauern. Nachdem in den vorhergehenden Tagen ein praktisch totales Schweigen festzustellen war. Und die Schwere der Tatsache, die in der Geschichte der italienischen Republik ohne ihresgleichen ist, wird durch den Brief des Staatspräsidenten an den Papst bestätigt, eine aufrichtige und edle Geste, die den Unfall teilweise abschwächt.

Die Absicht Benedikts XVI. war offensichtlich: Interesse und Sympathie gegenüber der größten akademischen Gemeinschaft Italiens zu zeigen, die seit Jahrzehnten vielfältigen Problemen unterworfen ist und in diesen letzten Zeiten die größte Krise der universitären Einrichtungen in Italien und in allgemeinerem Sinn innerhalb des europäischen Kontextes erlebt. Um seine Meinung zur Rolle der Universität vorzubringen, gewiss, aber mit einer vernünftigen Klarheit, welche die Auseinandersetzung wünscht und von einer außerordentlichen Sanftmut begleitet ist. Als Theologe und Hirt, der er immer war. Ohne die intellektuelle und akademische Statur zu vergessen, die von wirklich internationalem Atem und im Allgemeinen auch von seinen Gegnern anerkannt ist.

Dies darüber hinaus in einer laikalen und autonomen Institution, deren Jahrhunderte alte Geschichte zutiefst mit der des Papsttums verwoben ist – seit der Gründung im Jahr 1303 durch Bonifatius VIII., und mit kulturellen Verdiensten, die nicht in Zweifel zu ziehen sind – und wo die Nachfolger der Petrus sich folglich fast zuhause gefühlt haben, wie Paul VI.am 15. März 1964 während seines Besuchs hervorhob, ein alter Student des römischen Athenäums, und wie am 19. April 1991 Johannes Paul II. zeigte, Gast an jenem Tag des antiken studium urbis.

In Kontinuität mit seinen Vorgängern hätte Benedikt XVI. an einen Ort zurückkehren wollen, an dem er schon als Kardinal am 15.2.1990 gewesen war, um die Notwendigkeit einer positiven Dialektik zwischen Glaube und Vernunft zu vertreten, aber er musste darauf verzichten. Schon Paul VI., als er die Oppositionshaltung wahrnahm, die auf Allgemeinplätzen und polemischen Tönen jener gründete, die ihre Augen verschlossen und das Gemüt feindselig bewahren, wollte sie beruhigen: der Papst – so sagte er – wird ihr geschlossenes Denken nicht mit Gewalt aufbrechen, er wird keine Tür aus den Angeln reißen, und er wird draußen bleiben und anklopfen, wie der von der Offenbarung des Johannes beschriebene „Zeuge“ (3,20), und denen, die nicht aufmachen, sagen: lerne, verstehe dich selbst, lies in deiner Seele, schau auf die wahre Erfahrung, die unsere Zeit gerade in der Negation der religiösen Werte und der transzendenten Wahrheiten lebt, und du wirst in so weit verbreiteter Qual eine riesige Zahl angsterfüllter Ruinen finden; angefangen bei der größten und trostlosesten: der Verzweiflung, dem Absurden, dem dürren Nichts.

Jetzt klopft auch Benedikt XVI. unermüdlich an die Tür eines jeden Menschen, im Vertrauen darauf, dass die Vernunft sich nicht dem Glauben, der Begegnung mit Christus verschließen wollen wird. Gibt es da wirklich jemanden, der diese Haltung mit Aufrichtigkeit als obskurantistisch, vorherrschaftssüchtig, wissenschaftsfeindlich betrachten kann? Wer kann wirklich diesen sanftmütigen und vernünftigen Mann fürchten, diesen Hirten, der sofort nach seiner Wahl auf den Bischofsstuhl von Rom erklärte, dass er seinen Dienst angenommen hat im Bewusstsein, nicht allein zu sein? Und der Papst ist nicht allein: die ganze Kirche betet heute für ihn, wie sie für Petrus in Jerusalem betete, und es ist da auch eine sehr große Zahl von Nichtkatholiken und Nichtchristen, die ihm nahe sind. Ohne Angst, sich mit der Wahrheit zu konfrontieren.

[© L’Osservatore Romano, 17. Januar 2008]