Die Auferstehung Jesu nach Bischof Hilarion

Betrachtung des russisch-orthodoxen Bischofs von Wien und Österreich zum Osterfest 2007

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WIEN, 7. April 2007 (ZENIT.org).- In diesem Jahr feiern Orthodoxe und Katholiken das Osterfest am gleichen Tag. Aus diesem Anlass hat der russisch-orthodoxe Bischof von Wien und Österreich, Hilarion Alfeyev, ZENIT-Lesern die folgende Betrachtung über die Auferstehung Christi zukommen lassen.



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Die Auferstehung Christi ging ebenso unbemerkt vorüber wie seine Geburt, denn niemand sah Christus aus dem Grab steigen. Und so hat der Zweifel seit den ersten Tagen, die auf die Auferstehung folgten, zahlreiche Menschen gepackt. Ja, er packte sogar die engsten Jünger Christi – diejenigen, die ihn kannten und liebten.

Thomas zweifelte mehr als alle anderen: Nachdem er von den anderen Jüngern von der Erscheinung des Heilands gehört hatte, sagte er: „Wenn ich nicht die Male der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in die Male der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht“ (vgl. Joh 20,19-25).

Und so erschien ihnen der Herr noch einmal, als Thomas unter ihnen weilte. Zu ihm sagte er: „Streck deinen Finger aus – hier sind meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!“ Da rief Thomas aus: „Mein Herr und mein Gott!“ Die Wunden an Jesu Leib überzeugten ihn davon, dass Er es war, der zu ihnen als der wahre, auferstandene Heiland sprach. Jesus sagt dann etwas, was sich nicht nur an Thomas richtet, sondern an alle, die die Realität der Auferstehung in Zweifel ziehen: „Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben“ (vgl. Joh 20,26-31).

Die, „die nicht sehen und doch glauben“, dass sind all jene, die an Christus glauben, auch wenn sie selbst nicht Zeugen seiner Auferstehung sind – weil sie Ihn lieben gelernt haben.

Es ist nicht möglich, zum Christentum vorzustoßen, außer durch die Liebe zum lebendigen Christus. Es ist nicht möglich, Christ zu werden, wenn man nur von der Morallehre Christi beeindruckt ist, wenn man Respekt hat vor Seiner Rede und Lehre. Nur wenn man Christus liebt, kann man zum Glauben kommen, der sich mit Worten nicht ausdrücken lässt und weit über unserer gewohnten irdischen Sicht steht. Auch wenn niemand die Auferstehung Christi mit seinen irdischen, leiblichen Augen gesehen hat, wohnt die Gewissheit, dass Christus wahrhaft auferstanden ist, in jedem von uns Christen.

Die Erfahrung, die Auferstehung Christi zu sehen, ist uns, den Christen in Ost und West, in besonderer Weise in den Ostertagen gegeben, auch wenn wir die lebendige Gegenwart des Auferstandenen an jedem Sonntag und an jedem Tag der Woche spüren können. Aber wir müssen dieser Erfahrung würdig sein; wir müssen wie die Jünger werden, nachdem Christus zu ihnen gesagt hatte: „Empfangt den Heiligen Geist“ (Joh 20,22). Früher hatten sie Christus zwar mit ihren leiblichen Augen sehen können, doch den Mensch gewordenen Gott in Ihm hatten sie mit ihren geistigen Augen nicht erkannt. Nun, nach dem Empfang des Heiligen Geistes, können sie sagen: „Wir haben die Auferstehung Christi gesehen.“

Der Heilige Geist ist uns Christen auch in den Sakramenten der Kirche gegeben, insbesondere in der Kommunion der Heiligen Geheimnisse. Deshalb hat jeder von uns die gleiche Verantwortung und die gleiche Sendung, die den Aposteln zuteil wurde: Christus der Welt zu verkünden. Es ist kein Zufall, dass die orthodoxen Christen in den Tagen nach Ostern nicht nur in den Kirchen beten, sondern auch Prozessionen machen – mit dem Kreuz und dem Evangelium, mit Bannern und der Ikone des auferstandenen Christus. Die Prozession mit dem Kreuz möchte zeigen, dass wir an Christus glauben und zu Zeugen seiner Auferstehung werden, und zwar nicht nur innerhalb der Kirchenmauern, sondern auch außerhalb der Kirche, wo wir gerufen sind, den auferstandenen Christus zu bezeugen.

Die Erfahrung von Ostern wird uns nicht nur zuteil, damit wir uns an der Gemeinschaft mit dem auferstandenen Christus erfreuen und Sein Licht in unseren Herzen bewahren, sondern auch, damit wir dieses Licht denen bringen, die uns nahe stehen: zu unseren Angehörigen und Bekannten, unseren Freunden und Feinden, zur ganzen Welt; einer Welt, die der Herr mit Seiner Auferstehung erleuchten will – durch uns.

[ZENIT-Übersetzung des englischen Originals]