Die Aufgabe der Universität in Europa: Benedikt XVI. begegnet den Teilnehmern einer Fachtagung zum Thema "Bologna-Prozess" (1. April 2006)

Seminar der Kongregation für das Katholische Bildungswesen

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ROM, 4. April 2006 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die Papst Benedikt XVI. am Samstag anlässlich seiner Begegnung mit den 240 Teilnehmern eines dreitägigen internationalen Studienseminars über den "Bologna-Prozess" der Reform des europäischen Universitätswesens im Vatikan (vgl. ZENIT vom 31. März) gehalten hat.



Der Vater beschrieb die Aufgabe der europäischen Universität in der heutigen Zeit und erklärte, dass sie "aus der Liebe zum Wissen heraus entstanden" sei, aber auch "aus einem Wissen heraus, das zum Handeln führt, das in letzter Instanz zur Liebe führt".

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Herr Kardinal,
verehrte Brüder im Bischofs- und Priesteramt,
sehr geehrte Damen und Herren!


Ich bin erfreut, Sie treffen zu dürfen, und ich grüße Sie alle herzlich, die Sie am Seminar zum Thema "Das kulturelle Erbe und die Werte der europäischen Universitäten als Basis für die Attraktivität des 'Europäischen Raumes der Höheren Erziehung'" teilnehmen. Sie stammen aus ungefähr fünfzig europäischen Ländern, die am so genannten "Bologna-Prozess" beteiligt sind, zu dem auch der Heilige Stuhl seinen Beitrag angeboten hat. Ich grüße Kardinal Zenon Grocholewski, Präfekt der Kongregation für das Katholische Bildungswesen, der in Ihrem Namen liebenswürdige Worte an mich gerichtet hat, Worte, die mir gleichzeitig die Ziele Ihrer Versammlung aufgezeigt haben. Ich danke ihm dafür, diese Begegnung im Vatikan in Zusammenarbeit mit der Rektorenkonferenz der Päpstlichen Universitäten, der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften, dem UNESCO-CEPES, dem Europarat und unter der Schirmherrschaft der Europäischen Kommission organisiert zu haben. Mit einem besonderen Gruß wende ich mich an die Herren Minister und an die anwesenden Repräsentanten der verschiedenen internationalen Organisationen.

Ihre Gedanken haben sich in diesen Tagen auf jenen Beitrag konzentriert, den die europäischen Universitäten, die eine lange, reiche Tradition besitzen, zum Aufbau des Europas des dritten Jahrtausends leisten können. Sie haben Ihr Augenmerk auf die Tatsache gerichtet, dass jede kulturelle Wirklichkeit gleichzeitig Erinnerung an die Vergangenheit und Entwurf für die Zukunft ist. Die Kirche beabsichtigt, zu dieser Reflexion beizutragen, wie sie es im Lauf der Jahrhunderte immer wieder getan hat. Ihre Sorge um die Studienzentren und die Universitäten Europas hat in der Tat nie nachgelassen. Sie haben den jungen Generationen mit dem "Dienst des Denkens" die Werte eines besonderen kulturellen Erbes überliefert, das mit den Schätzen einer 2.000jährigen humanistischen und christlichen Erfahrung ausgestattet ist, und sie tun dies weiterhin (vgl. Nachsynodales Apostolisches Schreiben "Ecclesia in Europa", 59). Von großer Bedeutung war zu Beginn der Einfluss des Mönchtums, dessen Verdienste sich über den geistlichen und religiösen Bereich hinaus auch auf den wirtschaftlichen und intellektuellen erstrecken. Zur Zeit Karls des Großen wurden mit dem Beitrag der Kirche richtige Schulen gegründet. Der Kaiser wollte, dass auf so viele Menschen wie möglich von ihnen Nutzen ziehen sollten.

Einige Jahrhunderte später entstand die Universität, die von der Kirche einen wesentlichen Antrieb erhielt. Zahlreiche europäische Universitäten, von Bologna bis nach Paris, Krakau, Salamanca, Köln, Oxford und Prag – um nur einige zu nennen –, entwickelten sich schnell und spielten für die Festigung der Identität Europas und für die Ausbildung seines kulturellen Erbes eine bedeutende Rolle. Die universitären Einrichtungen haben sich immer durch die Liebe zur Weisheit und durch die Suche nach der Wahrheit ausgezeichnet. Diese bilden das eigentliche Ziel der Universität, unter steter Bezugnahme auf die christliche Sicht, die im Menschen als Bild Gottes das Hauptwerk der Schöpfung erkennt (vgl. Gen 1,26-27). Merkmal dieser Vorstellung ist immer die Überzeugung gewesen, dass zwischen dem Wahren und dem Guten, zwischen den Augen des Geistes und den Augen des Herzens, eine tiefe Einheit besteht: "Ubi amor, ibi oculos", sagte Richard von St. Viktor (vgl. Beniamin minor, c. 13): Die Liebe macht sehend. Die Universität ist aus der Liebe zum Wissen heraus entstanden, aus der Neugier des Erkennens, aus dem Willen zu wissen, was die Welt und der Mensch sind. Aber auch aus einem Wissen heraus, das zum Handeln führt, das in letzter Instanz zur Liebe führt.

Sehr geehrte Damen und Herren, wirft man einen schnellen Blick auf den "alten" Kontinent, kann man leicht festzustellen, mit welchen kulturellen Herausforderungen sich Europa heute konfrontieren muss, da es mit der Wiederentdeckung der eigenen Identität beschäftigt ist, die nicht nur wirtschaftlicher und politischer Natur ist. Jetzt wie damals ist die Hauptfrage die anthropologische Frage: Was ist der Mensch? Woher kommt er? Wohin soll er gehen? Wie soll er gehen? Es geht also darum zu klären, was für eine Konzeption des Menschen an der Basis der neuen Entwürfe steht. Mit Recht fragen Sie sich, im Dienst welches Menschen, welches Menschenbildes die Universität stehen will – eines Individuums, das ausschließlich in der Verteidigung seiner eigenen Interessen, einer einzigen Interessenperspektive, einer materialistischen Perspektive, verschanzt ist, oder aber einer Person, die für die Solidarität mit anderen offen ist und nach dem wahren Sinn der Existenz sucht, der ein gemeinsamer Sinn sein muss, der über die einzelne Person hinausgeht. Eine weitere Frage ist, welche Art Beziehung zwischen der menschlichen Person, der Wissenschaft und der Technik besteht. Wenn im 19. und 20. Jahrhundert die Technik ein erstaunliches Wachstum erfahren hat, so sind zu Beginn des 21. Jahrhunderts weitere Schritte gemacht worden: Die technische Entwicklung hat dank der Informatik sogar einen Teil unserer geistigen Tätigkeiten übernommen – und dies mit Folgen, die unsere Art zu denken beeinflussen und sogar unsere persönliche Freiheit konditionieren können. Es muss mit aller Deutlichkeit gesagt werden: Der Mensch kann und darf nie den Erfolgen der Wissenschaft und der Technik geopfert werden. Deshalb manifestiert sich die so genannte anthropologische Frage in ihrer ganzen Bedeutung. Für uns Erben der auf den christlichen Werten gegründeten humanistischen Tradition muß diese Frage im Licht jener Prinzipien angegangen werden, die unsere Zivilisation inspirieren – Prinzipien, die in den europäischen Universitäten authentische Laboratorien der Forschung und der Vertiefung gefunden haben.

"Aus der biblischen Auffassung vom Menschen hat Europa das Beste seiner humanistischen Kultur entnommen (…) und nicht zuletzt die Würde der Person als Quelle unveräußerlicher Rechte gefördert", merkte Johannes Paul II. im Nachsynodalen Apostolischen Schreiben "Ecclesia in Europa" (25) an. Auf diese Weise hat die Kirche, fügte mein verehrter Vorgänger hinzu, zur Verbreitung und Konsolidierung jener Werte beigetragen, die die europäische Kultur zu einer Weltkultur gemacht haben. Der Mensch kann sich aber selbst nicht vollständig erfassen, wenn er von Gott absieht. Das ist der Grund, weshalb die religiöse Dimension der menschlichen Existenz nicht vernachlässigt werden darf, wenn der Aufbau des Europas des dritten Jahrtausends angegangen wird. Hier tritt die besondere Rolle der Universitäten als wissenschaftliches Universum und nicht nur als Zusammenspiel verschiedener Spezialisierungen hervor: In der heutigen Situation wird an die Universität der Anspruch gestellt, sich nicht allein damit zufrieden zu geben, technisch-professionelle Kenntnisse zu unterrichten und weiterzugeben – die sehr wichtig, aber nicht ausreichend sind –, sondern sich darum zu bemühen, auch eine aufmerksame erzieherische Rolle im Dienst der neuen Generationen zu übernehmen, indem sie sich des reichen Erbes an Idealen und Werten zunutze macht, das die vergangenen Jahrtausende prägten. So wird die Universität Europa helfen können, bei der Neubelebung jener christlichen Wurzeln, die ihr Ursprung sind, seine "Seele" zu bewahren und wieder zu finden.

Sehr geehrte Damen und Herren, Gott möge Ihre Arbeit und Ihre Anstrengungen zugunsten so vieler junger Menschen, auf denen die Hoffnung Europas liegt, fruchtbar machen. Ich begleite diesen Wunsch mit einem besonderen Gebet für einen jeden von Ihnen und erflehe für alle den göttlichen Segen.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals; © Copyright 2006 - Libreria Editrice Vaticana]