Die Augen des Papstes im Weltall: Vatikanische Sternwarte bekommt neuen Sitz

Von Ulrich Nersinger

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WÜRZBURG, 4. Februar 2008 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Über eine Reportage, die ein deutsches Boulevardblatt vor zwei Jahren der Vatikanischen Sternwarte widmete, können die päpstlichen Astronomen noch heute schmunzeln. Mit dem reißerischen Titel „Der Vatikan lässt nach Aliens suchen“ hatte die „Bild“-Zeitung bei ihren Lesern versucht, Aufmerksamkeit zu erregen. Die Suche nach außerirdischem Leben wolle er nicht unbedingt kommentieren, so der renommierte Vatikan-Astronom Sabino Maffeo SJ, aber eines sei man schon, und dies mit Stolz: die Augen des Papstes im Weltall.


Das wissenschaftliche Interesse der Päpste am Himmelsgewölbe begann mit dem Pontifikat Gregors XIII. (1572–1585). Der Pontifex aus dem Adelsgeschlecht der Boncompagni hatte im Apostolischen Palast des Vatikans den „Torre dei Venti“ errichten lassen. Der „Turm der Winde“ diente der Beobachtung der Gestirne und den Studien zur Reform des Kalenders. Im 18. und 19. Jahrhundert wurden die astronomischen Beobachtungen und Forschungen im Collegio Romano der Jesuiten fortgesetzt – von 1774 an unter der Bezeichnung „Päpstliches Observatorium“.

Am Römischen Kolleg wirkte seit dem Jahr 1850 Pater Angelo Secchi SJ, einer der bedeutendsten Astronomen der Neuzeit und Begründer der Astrophysik. Er war der erste, der die Spektralanalyse in die astronomische Forschung einführte und die Sterne nach ihrem eigentümlichen Farbspektrum klassifizierte. Secchi befasste sich zudem mit dem Einfluss der Sonne auf die Erdatmosphäre. Auch dem Studium des Mondes hatte sich der Ordensmann gewidmet; später wurde sogar ein Krater auf dem Erdtrabanten nach ihm benannt.

Unbeabsichtigt war durch Angelo Secchi eine neue Literatursparte, der Zukunftsroman, beflügelt worden. Bei der Erstellung von Marskarten hatte er die Linien, die dunkle Punkte des Planeten miteinander verbinden, als „canali – Kanäle“ bezeichnet. Secchi spekulierte darauf, dass dies möglicherweise natürliche Wasserwege gewesen seien (heute geben die neuesten NASA-Forschungen dem Jesuiten recht). Zeitgenössische Publikationen führten die Hypothesen des Astronomen ins Abenteuerliche hinüber, und schon bald sprach man von künstlichen Konstrukten, die Außerirdische geschaffen hätten. Noch vor wenigen Jahren stellte eine Esoterik-Zeitschrift die Frage: „Wusste Pater Secchi mehr?“

Das Ende des alten Kirchenstaates (1870) brachte die astronomische Forschung des Heiligen Stuhls zunächst zum Erliegen. Im März 1891 errichtete Leo XIII. (1878–1903) dann doch in den Vatikanischen Gärten ein neues päpstliches Observatorium. Zum Direktor der Sternwarte wurde der Barnabitenpater Francesco Denza, der Gründer der Meteorologischen Gesellschaft Italiens, berufen. Denza setzte sich erfolgreich dafür ein, dass dem Vatikan ein Sektor am Himmel vom „Ständigen Komitee für die Bildung der Himmelskarte“ zugewiesen wurde. Ein Werk, das die Sternwarte wiederum weltberühmt machen sollte, war der „Atlas Stellarum Variabilium“, ein Verzeichnis der veränderlichen Sterne in neun Bänden.

Im Jahr 1931 verfügte Pius XI. (1922–1939) die Verlegung der Sternwarte in die päpstlichen Besitzungen bei Castelgandolfo, denn Rom mit dessen Straßenbeleuchtung und nächtlichen Lichtern erschwerte immer mehr eine sinnvolle Beobachtung des Himmels. Zur Sternwarte gehörte ein Laboratorium für astrographische und spektrographische Forschungen. Aufgrund der hohen Qualität der vatikanischen Studien übertrug die „Internationale Astrographische Union“ der Päpstlichen Sternwarte 1948 die Erstellung eines Atlanten für molekulare Spektren.

Pius XII. (1939–1958) bestellte aus Deutschland ein Schmidt-Teleskop, das über einen sphärischen Spiegel mit Korrektionslinse verfügte. Bei der Beobachtung der galaktischen und außergalaktischen Objekte bot der Schmidt-Spiegel gemeinsam mit den schon vorhandenen Astrographen eine lückenlose photographische Aufnahme des Himmels in kurzer Zeit. Während Johannes XXIII. (1958–1963) kein allzu großes Interesse an seiner Sternwarte zeigte, erwies sich ihr Paul VI. (1963–1978) wiederum als sehr verbunden. Es gab fast keinen Aufenthalt in Castelgandolfo, bei dem der Papst sich nicht stundenlang im Observatorium aufhielt und Fragen nach den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen stellte.

1978 wurde der Jesuitenpater George V. Coyne zum Direktor der „Specola Vaticana“ ernannt. Der Professor für Astrophysik an der Universität von Arizona (USA) schlug Johannes Paul II. (1978–2005) vor, auf den zwei bis dreitausend Meter hohen Bergen Arizonas eine neue Sternwarte des Vatikans zu begründen. Der Papst stimmte grundsätzlich zu, sah sich aber nicht in der Lage, die Kosten des Unternehmens zu tragen. Die amerikanischen Jesuiten gründeten daher die „Vatican Observatory Foundation“, die die Finanzierung des Projekts übernahm. Seit 1981 arbeiten päpstliche Astronomen in Tucson/Arizona. Die Beobachtungen und Forschungen der päpstlichen Sternwarte wurden in die Vereinigten Staaten verlegt, die Leitungs- und Verwaltungsaufgaben sowie die „Summer School in Astronomy and Astrophysics“ verblieben weiterhin in Castelgandolfo.

Dieser Tage gab Kardinal Giovanni Lajolo, der Präsident des Governatorates des Vatikanstaates, in einem Interview mit dem „Osservatore Romano“ bekannt, dass noch im Laufe des Jahres die Jesuitenkommunität und die Astronomie-Schule die Sternwarte in Castelgandolfo verlassen werden und einen neuen Sitz zugeteilt bekämen. Laut Pater Maffeo SJ beabsichtige man, in ein freigewordenes Klostergebäude eineinhalb Kilometer entfernt vom Sommerpalast des Papstes nach Albano umzuziehen.

Seit der Entdeckung der „Kanäle“ auf dem Mars durch Angelo Secchi ist der Vatikan auch in die Erforschung des vierten Planeten des Sonnensystems involviert. Ein Meteorit aus der Sammlung der päpstlichen Sternwarte leistete hierzu einen außergewöhnlichen Beitrag. Der 15, 7 Gramm schwere Achondrit wurde genutzt, um den Mars zu erforschen; er diente dazu, die Kamera für die „Pathfinder-Mission“ der NASA auf den Roten Planeten einzustimmen.

An bemannten Raumflügen hat sich der Heilige Stuhl bisher noch nicht beteiligt. Dennoch war er schon auf dem Mond. Zur bisher letzten Landung auf dem Erdtrabanten am 7. Dezember 1972 hatte der Kommandant von Apollo XVII, Eugen Cernan, eine Miniaturflagge des Vatikanstaates mitgenommen. Cernan wurde nach seiner Rückkehr von Paul VI. in Audienz empfangen. Der Astronaut dankte dem Papst dafür, dass er die NASA-Missionen mit seinem Gebet begleitet hatte und überreichte ihm die Vatikanflagge, zusammen mit einem Stück Mondgestein als Geschenk des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika.

[© Die Tagespost vom 24. Januar 2008]