Die Barmherzigkeit, das "oberste Gesetz" der Kirche

Ein Interview mit Kardinal Mauro Piacenza, dem Großpönitentiar der Apostolischen Pönitentiarie

Vatikanstadt, (ZENIT.org) Salvatore Cernuzio | 543 klicks

Am heutigen 18. April 2014 beginnt die Novene zur göttlichen Barmherzigkeit, die nach Johannes Paul II. nun auch Papst Franziskus sehr am Herzen liegt. Dieser hat die Gläubigen bei unzähligen Gelegenheiten dazu eingeladen, sich dem Sakrament der Versöhnung anzunähern und zur Beichte zu gehen. ZENIT führte dazu ein Gespräch mit Kardinal Mauro Piacenza, dem Großpönitentiar der Heiligen Römischen Kirche, der die „Verwaltung“ der Barmherzigkeit durch die Kirche näher erläutert.

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Eminenz, der heutige Tag kennzeichnet den Eintritt in die Novene zur Göttlichen Barmherzigkeit. Welche Bedeutung hat diese Form der Anbetung?

Kard. Piacenza: Sie findet vor allem am Karfreitag statt und somit am Gedenktag der Passion Jesu Christi. Sehr bedeutungsvoll ist die Tatsache, dass die hl. Faustina Kowalska den Auftrag erhielt, die gesamte Osterfeierlichkeit in den Geschmack der Barmherzigkeit einzuhüllen. Wie der Papst oft betont, ist diese der Name Gottes. Gott ist die Barmherzigkeit und diese Barmherzigkeit ist in Jesus auf die Erde herabgekommen.

Aus welchem Grund hatte dieser Ausdruck des Glaubens so großes „Glück“?

Kard. Piacenza: Das liegt sicherlich an den von Johannes Paul II. ausgegangenen starken Impulsen und am übernatürlichen Ursprung der Anbetung an sich. Wahrscheinlich vereinigt und manifestiert sie das den Menschenherzen eigene Bedürfnis des Anvertrauens an Jesus. Dieses unendliche Bedürfnis nach Barmherzigkeit der Welt und der Menschen wird auf wunderbare Weise versinnbildlicht durch das offene und verwundete heilige Herz. Wir alle brauchen diese Umarmung und niemand, der sich dafür öffnet, wird ausgeschlossen.

Welche Beziehung hatte Johannes Paul II. zur göttlichen Barmherzigkeit?

Kard. Piacenza: Selbstverständlich gestaltete sich seine Beziehung mit Gott in einer ganz besonderen Weise. Dieser Heilige Vater war zutiefst mystisch und selbst bei öffentlichen Großereignissen war seine vollkommene Versunkenheit im Gebet für jedermann erkennbar. Johannes Paul II. verstand es, die Beziehung zwischen der göttlichen Barmherzigkeit und der menschlichen Verantwortung stets in einem beispielhaften Gleichgewicht zu halten.

Auch dank Papst Franziskus ist die Barmherzigkeit in der Kirche oft im Gespräch. In Wahrheit regiert sie dann jedoch unter Anwendung des Rechtes… Besteht hier ein Widerspruch?

Kard. Piacenza: Nur aus der Sicht jener, die des Rechts nicht kundig sind oder sich von Trivialitäten umgarnen lassen. Dieses beruht weder auf der Annahme einer menschlichen Gerechtigkeit wie im Falle gesellschaftlicher Systeme, noch schafft es unnötige Komplexität. Gemäß dem Mysterium der Kirche dient das Recht der Gewährleistung von Freiheit und Mäßigung im Rahmen der Machtausübung, denn Letztere ist aufgrund der menschlichen Grenzen und Leidenschaften immer der Gefahr eines abgrundtiefen Verfalls ausgesetzt. So steht am Ende des Codex: „Das Heil der Seelen muss immer das oberste Gesetz in der Kirche sein“. So viel  zum Thema Barmherzigkeit!

Doch inwiefern gehören Gerechtigkeit und Barmherzigkeit zusammen? Worin besteht nun die „Pastoralität“?

Kard. Piacenza: Sie bedingt keine Abschaffung des Evangeliums, der Lehre oder der vom Lehramt authentisch ausgelegten großen kirchlichen Tradition. Vor allem ist Pastoralität keine Täuschung der Menschen, die folglich in ihrem Dasein als Sünder verharren. Vielmehr denke ich, dass tiefe Pastoralität darin besteht, wie der Herr in die Wunden im Leben eines jeden Menschen „hinabzusteigen“, um sie mit dem Licht der Wahrheit zu erleuchten. Tatsächlich besteht in der Kirche die Gewissheit, dass „die Wahrheit frei macht“. Die Wahrheit bleibt das einzig wahre Authentizitätskriterium für die Gerechtigkeit, die Barmherzigkeit und die authentische Pastoralität. Im Grunde sind alle Menschen von dem Wunsch nach Freiheit erfüllt, doch ohne Wahrheit ist man der eigenen Willkür ausgeliefert. Diese hat mit dem gut gebildeten Gewissen nach der Lehre nichts gemeinsam.

Ihre wichtigsten Mitarbeiter sind die Pönitentiare der römischen Basiliken. Welche Botschaft geht von ihren „Beichtstühlen“ aus?

Kard. Piacenza: Rom ist die von der Vorsehung bestimmte Stadt für den Sitz Petri, der zur Bestätigung der Brüder im Glauben berufen wurde. Der authentische Glaube bringt stets das Geschenk des Bewusstseins der eigenen Grenzen und Sünden mit sich. Aus diesem Grund übt Petrus seine apostolische Barmherzigkeit vor allem durch die Pönitentiare der päpstlichen Basiliken aus. Er ist eine stets offene Tür für den Empfang der Vergebung Gottes und seines Friedens, für die sakramentale Verwirklichung Jesu Aufrufs zur Umkehr. Dort versöhnt man sich auch mit der Kirche durch die Festigung der brüderlichen Gemeinschaft. Was sich in der Stille dieser Beichtstühle abspielt, hat auch soziale Konsequenzen und übt eine positive Wirkung auf alle Glieder der Kirche aus.

Welcher Voraussetzungen bedarf eine gute Beichte?

Kard. Piacenza: Ein überzeugter Büßender ist ein guter Beichtvater! Der Büßende muss nach der Gewissenserforschung mit echter Demut alle schweren Sünden seit der letzten Beichte bekennen und sich selbst gegen das Licht Christi betrachten. Das Bekenntnis muss vom Schmerz über die Sünden und dem festen Willen begleitet sein, diese nicht mehr zu begehen, d.h., sich von der Sünde zu lösen.  Eine wesentliche Rolle für eine entsprechende Erleuchtung des persönlichen Gewissens spielt auch die aufrichtige Begegnung mit dem Beichtvater, der zugleich Arzt, Richter, Lehrer, Vater, Bruder und Freund ist, im Rahmen des Bekenntnisses. Dieses war im Laufe der Geschichte das sichtbare Zeichen der erfolgten Bekehrung und das damit verbundene Geschenk der Gnade.

Wird eine geschiedene und nun in einer Lebensgemeinschaft lebende Person freigesprochen, wenn er bzw. sie zur Beichte kommt?

Kard. Piacenza: Wenn man die gesamten Lehre Jesu in sich aufnimmt, so begreift man, dass jede Sünde bereinigt werden kann, wenn der Sünder auf das Wort Jesu hört, das besagt: „Auch ich verurteile dich nicht, gehe hin und sündige nicht mehr“. Das „nicht mehr Sündigen“ ist untrennbar verbunden mit den Worten „auch ich verurteile dich nicht“. Ebenso eindeutig wie das Wort des Herrn ist daher der Katechismus der Katholischen Kirche. Dieser Menschen nehmen wir uns in jedem Fall mit entsprechender Sorge an und unterstützen sie bei der Gestaltung eines Lebens im Zeichen des Glaubens, des Gebetes und Werken der Barmherzigkeit im Bemühen um die christliche Erziehung der Nachkommen.

Alles kann sich jedoch ändern. Nun kann man die öffentliche Meinung nicht mehr außer Acht lassen…

Kard. Piacenza: Christus ist in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unverändert. Die öffentliche Meinung ist völlig verschieden vom gemeinsamen Glaubenssinn. Sie lässt sich zu leicht von den Medien und der vorherrschenden Macht beeinflussen. Im vergangenen Jahrhundert hat Letztere sie zur Auferlegung einer Ideologie instrumentalisiert. Die Kirche hat auf ihrem zweitausend Jahre langen Weg unter der Führung des Heiligen Geistes eine Identifikation mit oder Auferlegung jeglicher Ideologie oder Macht stets vermieden. Die Kirche kann nur Christus, nicht den Menschen gehorchen, um sich nicht selbst zu verraten und auf ihre Existenz als „lumen gentium“ nicht verzichten zu müssen.

Wird in der Pönitentiarie Ablass gewährt? Was kann man sich darunter vorstellen? Wie erfolgt die Ablassgewinnung?

Kard. Piacenza: Bei vollkommenen oder teilweisen Ablässen handelt es sich um den Erlass einer zeitlichen Strafe der bereits vergebenen Sünden, die die Gläubigen unter bestimmten Bedingungen für sich selbst oder die Verstorbenen erwerben können. Man könnte sagen, das die vom guten Volk vielbeachtete Lehre über den Ablass die wahre Schatzkammer der Kirche erkennen lässt: die Gemeinschaft der Heiligen. Dort sind die authentischen Reichtümer der Kirche, die „Familienschätze“ verwahrt! Es wäre gut, die Kirche stets mit Weitblick zu betrachten. Man muss es verstehen, den Blick „nach oben“ zu richten, um „hier unten“ gut wirken zu können. Durch die Betrachtung der Ewigkeit gelingt ein realistisches Leben im Hier und Jetzt.