Die Bedeutung des interkulturellen Dialogs für Europa, Podiumsdiskussion in Brüssel

Gemeinsame Initiative von COMECE, KEK und KAS

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BRÜSSEL, 22. April 2008 (ZENIT.org).- Die Bedeutung des interkulturellen Dialogs für Europa stand im Mittelpunkt einer Podiumsdiskussion, die am 17. April im Europäischen Parlament in Brüssel stattfand. Muslimische und christliche Experten erklärten, welche Themen und Ziele Vorrang haben sollten. Die Podiumsdiskussion war die erste von vier Veranstaltungen über den Islam, das Christentum und Europa.



„Die europäische Union muss mehr sein als ein ökonomischer Raum“, betonte Pfarrer Rüdiger Noll, Moderator des Seminars und Direktor der Kommission „Kirche und Gesellschaft“ der Konferenz Europäischer Kirchen. „Das europäische Projekt muss ein Projekt von Europäern und für Europäer sein. Es muss ein Projekt sein, dass auf gemeinsam geteilten Werten aufbaut. Darum ist das europäische Jahr des Interkulturellen Dialogs so wichtig.“

Die Organisatoren der Veranstaltungsreihe – die Kommission der Bischofskonferenzen der EU (COMECE), die Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) und die Kommission „Kirche und Gesellschaft“ der Konferenz der europäischen Kirchen (KEK) – wollten nach Worten von Noll einen Beitrag zum europäischen Jahr des Interkulturellen Dialogs leisten, indem sie „den Dialog und Werte wie Menschenwürde, Toleranz und Freiheit für Religion und Glaube fördern“.

Professor Dr Ural Manço, Religionssoziologe an der Universität Saint-Louis (Brüssel), bezog sich in seiner Präsentation auf jene Muslime im Westeuropa, die im Laufe der letzten 50 Jahre nach Europa gekommen sind. Er wies darauf hin, dass in unserem gegenwärtigen Kontext – im post-industriellen Zeitalter, in dem das Individuum in der Gesellschaft im Mittelpunkt stehe – Menschen die Notwendigkeit fühlten, sich und ihre Identität fortwährend und in jeder Hinsicht zu bestätigen. Andernfalls hätten sie nämlich das Gefühl, nicht anerkannt zu werden. Auf diese Art und Weise sei für viele Migranten der Islam ein Weg, sich in der westlichen Gesellschaft selbst zu behaupten. Ihre religiöse Identität als Muslim zu bekräftigen stelle eine Art Selbstbestätigung und einen konkreten Weg dar, Anerkennung zu erhalten. Alle, die das Gefühl hätten, durch ihre Arbeit oder ihren Beruf keine Anerkennung zu gewinnen, ermögliche ihre religiöse Überzeugung die Bestätigung ihre Identität und daher auch Anerkennung.

Religionen hätten auch innere Hindernisse und Probleme, erklärte seinerseits Imam Tareq Oubrou, Rektor der Al-Houda-Moschee in Bordeaux (Frankreich). Er betonte deswegen die Notwendigkeit, Wege zu finden, um zu vermeiden, dass der Dialog zwischen den Religionen den Dialog innerhalb einer Religion ersetze. Durch letzteren sollte eine Religion sich gezielt ihren jeweils eigenen Problemen zuwenden. Imam Oubrou hielt fest, dass er den orthodoxen Islam repräsentiere, und sprach sich für einen theologischen Dialog aus. Dabei bezog er sich auf die vielen Passagen im Koran, die von Vielfalt und Toleranz sprechen. Diese orthodoxe Theologie einer Offenheit gegenüber der Vielfalt sei sehr wichtig. In diesem Sinn bedauerte er, dass Muslime noch nicht ihre theologischen Hausaufgaben gemacht hätten. Er bekundete außerdem die Überzeugung, dass Christen den Muslimen viel über Säkularisierung und die Moderne lehren könnten und dass Muslime in dieser Hinsicht der Erfahrung der Christen vertrauen sollten.

Fr. Ignace Berten, Dominikaner und Gründer von „Espaces“, erklärte in seinem Beitrag, dass Integration für Immigranten, die aus Nordafrika und der Türkei nach Europa kommen, schwieriger sei, und zwar aufgrund einer immer größer werdenden kulturellen Lücke und der durch mangelnde Fähigkeiten bedingten hohen Arbeitslosigkeit. Die zweite und dritte Generation der Muslimen in Europa bestehe aus jungen Leuten, die unter Identitätskrisen litten. Lösungen für dieses Problem der Integration könnten Bildung, soziale Unterstützung und das bessere Wissen über die Geschichte des jeweiligen anderen sein. In ähnlicher Weise stellte er fest, dass das Christentum durch das Einordnen seiner religiösen Texte in den geschichtlichen Kontext in der Lage sei, zwischen dem Glauben an sich und kulturell bedingten Fakten zu unterscheiden.

In der Zusammenfassung der Podiumsdiskussion hob Ramona Nicole Mănescu MEP die Schwierigkeiten hervor, die sich aus der Begegnung und dem Aufbau eines wirklichen interkulturellen Dialogs ergeben. Sie beteuerte, dass bestehende Diskriminierungen der Muslime zu antiwestlichen Gefühlen führen könnten. Auch wenn die Charta der Grundrechte der EU das Recht auf Religionsfreiheit garantiere, sollte mehr getan werden. Die zunehmende Islamophobie sei ein Hindernis für den Dialog.

Mănescu schlug vor, dass die europäischen Bürger den kulturellen Beitrag des Islam zur europäischen Kultur und Zivilisation entdecken sollten. Sie nannte des Weiteren auch die Notwendigkeit, Organisationen und Kirchen ganz in den Prozess für das Zustandekommen eines Dialogs einzubinden, ohne die lokale Ebene zu vergessen (Nachbarschaft, Stadtviertel, Einzelne). In diesem Zusammenhang unterstrich sie die besondere Rolle der Frauen, die mit ihrer größeren Fähigkeit zur Empathie sehr viel zu einem interkulturellen Dialog beitragen könnten. Schließlich betonte sie, dass sich das Konzept von offenen Grenzen nicht nur auf Ländergrenzen, sondern auch auf Grenzen zwischen Menschen und Kulturen beziehen sollte.

Als Teil ihres Beitrags zum europäischen Jahr des Interkulturellen Dialoges organisieren die Kommission der Bischofskonferenzen der EU (COMECE), die Konrad Adenauer Stiftung (KAS) und die Kommission Kirche und Gesellschaft der KEK (Konferenz der europäischen Kirchen) in Zusammenarbeit mit einigen muslimischen Vertretern eine Reihe von Seminaren, die unter dem Thema stehen.

Die Veranstaltungsreihe zum Thema „Islam, Christenheit und Europa“ will die Komplexität der Themen untersuchen, die den Islam, die Christenheit und Europa betreffen, und dabei Stereotypen hinterfragen. Jedes Seminar wird in der Form einer Podiumsdiskussion mit einem Moderator, einem akademischen Experten, einem muslimischen Sprecher, einem christlichen Sprecher und einem Mitglied des europäischen Parlaments organisiert, das für die Zusammenfassung verantwortlich ist. Die Seminare werden im Europäischen Parlament veranstaltet.

Das nächste Seminar wird am 29. Mai von 15.00 bis 17.00 Uhr im Europäischen Parlament stattfinden.