Die Bedeutung von Schwäche und Unvollkommenheit

Tagung katholischer Ärzte im Europäischen Parlament

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Von Nieves San Martín

BRÜSSEL, 28. Oktober 2011 (ZENIT.org). – Am 21. Oktober fand im EU-Parlament ein Symposium zum Thema „Menschliche Gebrechlichkeit in der heutigen europäischen Gesellschaft“ statt. Unter der Organisation des Verbandes der Europäischen Katholischen Ärzteorganisationen wurde das Thema nicht nur aus medizinischer Perspektive, sondern auch unter philosophischen, wirtschaftlichen, sozialen und anthropologischen Gesichtspunkten betrachtet.

Die Tagung konnte mit einer Reihe hochrangiger Redner und einem sehr aufmerksamen Publikum aufwarten, so die belgische Agentur catho.be.

Angesichts der Krisensituation, die Europa derzeit durchlebt, ist das Thema mit großem Interesse aufgenommen worden. An die Gebrechlichkeit des Menschen zu mahnen, kann Wegweiser in einer Welt sein, die sich lediglich an Sicherheit und persönlichem Erfolg orientiert.

Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise, die verdeutlicht, wie zerbrechlich das aktuelle Bankwesen auf dem alten Kontinent ist, hat das Thema eine besondere Resonanz hervorgerufen.

„Man erkennt die wirtschaftliche und finanzielle Zerbrechlichkeit an, doch niemals die menschliche“, wie es Dr. Xerri erläutert hat, der als erster und letzter Redner der Tagung auftrat.

„Der moderne Mensch lebt mit dem Ressentiment, geboren worden zu sein“, so Msgr. Ide, Hannah Arendt zitierend.

Demselben Gedanken folgend hat Dominique Lambert, Philosophiedozent in Notre-Dame de Namur, von einem Menschen gesprochen, „der scheinbar müde ist, Mensch zu sein“. Für bedrohlicher hält Dr. Bernard Ars das „Risiko, dass die Medizin einen Kurs der Eugenik einschlägt und nicht mehr an Gebrechlichkeit interessiert ist“,„während das Bewusstsein um die Gebrechlichkeit eine befreiende Wirkung haben kann.“

Folglich stündenen wir einer Situation gegenüber, die von der biblischen und evangelischen Botschaft weit entfernt sei, daran erinnerte der Jesuiten-Pater Edouard Herr. Wie auch Prof. De Woodt anmerkte, „entmenschlicht unser aktuelles Wirtschaftsmodell unsere Gesellschaft und steigert diese Entmenschlichung auf systematische Art und Weise.“

Wenn man das Wirtschaftsmodell auf das Gesundheitswesen anwende, werde man Zeuge einer fortschreitenden Vernachlässigung der „Patientenbetreuung“ und einer Beschränkung auf die bloße Behandlung, erläuterte Dr. Galichon, wohingegen diese zwei Aspekte der Medizin untrennbar zusammengehörten. 

Trotz dieses Ausblicks war das Symposium nicht von Pessimismus geprägt. Deutlich spürbar war das Vertrauen in die Menschen und in die Macht der Schwachen. Ganz besonders die der Neugeborenen, mahnte Prof. Le Pichon im ergreifendsten Beitrag der Tagung, zusammen mit den „flüchtigen Augenblicken“ von Régis Defurnaux, einem Zeugnis der Palliativbehandlung im Heim St. Franziskus in Namur.

Als Experte auf dem Gebiet der Geodynamik unterstrich Prof. Xavier Le Pichon die Bedeutung von Schwächen und Unvollkommenheiten für jegliches lebendige System. Er bemerkte zudem, dass eine Gesellschaft dann als menschlich gelte, wenn sie sich um die Leidenden kümmere.

In diesem Zusammenhang wurde der historische Fund des Grabes von Shanidar hervorgehoben. Dank dieser Entdeckung können Paläoanthropologen nun bestätigen, dass Neandertaler, die man bisher als vormenschlich betrachtet hatte, auch für ihre Verletzten Sorge getragen haben.

„Menschlichkeit gründet auf der Begegnung mit dem leidenden Menschen“, erklärte der Dozent des „Collège de France“, „indem sich der Mensch den Gebrechlichkeiten zuwendet, erfindet er seine eigene Menschlichkeit immer wieder neu.“

[ZENIT-Übersetzung aus dem Italienischen]