Die „Bekenntnisse“ des Kardinal Bertone

Zum Auftakt des Priesterjahrs erzählt der Kardinalstaatssekretär seine Berufungsgeschichte

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ROM, 17. Juli 2009 (ZENIT.org).- Wie ist es zur Entscheidung gekommen, Priester zu werden? Worin bestanden die größten Schwierigkeiten und Freuden? Auf all diese Fragen antwortet Kardinalstaatsekretär Tarcisio Bertone SDB in diesem Interview zum Priesterjahr.



Ähnlich wie der heilige Augustinus in seinen berühmten „Bekenntnissen“, öffnet der erste Mitarbeiter des Papstes während eines Gesprächs im Apostolischen Palast sein Herz, um Einblick in Augenblicke und persönliche Erfahrungen zu geben, von denen er noch nie zuvor gesprochen hat.

Sein Zeugnis ist das erste in einer neuen Interview-Reihe von ZENIT, in der Kardinäle, Bischöfe und Priester aus Anlass des Priesterjahrs ihre priesterlichen „Bekenntnisse“ mitteilen werden.

ZENIT: Wann haben Sie Ihre Berufung entdeckt?

Kardinal Bertone: Ich habe sie genau zu jener Zeit entdeckt, als ich in die zehnte Klasse des Gymnasiums ging, im Institut der Salesianer in Turin, Valdocco, dem ersten, das Don Bosco gegründet hatte. Ich habe die Mittelschule und dann das Gymnasium besucht, und, um die Wahrheit zu sagen, habe ich bis zu diesem Zeitpunkt nicht den Wunsch verspürt, Priester zu werden, obwohl ich mitten unter vorbildlichen Priestern lebte, die meine Lehrer und Erzieher waren. Ich wollte vielmehr Sprachen und die Welt kennen lernen und mich somit einer ganz anderen Tätigkeit widmen, in gewisser Weise internationalen Beziehungen.

Dann hat mir ein Salesianerpater, mein Griechischlehrer, den Vorschlag gemacht: „Nehmen wir uns drei Tage zur prüfenden Unterscheidung der Berufung, wie man heute sagt, und schauen wir, ob du zu uns kommen und über deine Zukunft nachdenken willst...“ Ich habe akzeptiert, und nach diesen drei Tagen der Berufungsprüfung habe ich, soweit es an mir lag, den Beschluss gefasst, Priester zu werden und in die Kongregation der Salesianer einzutreten. Ich habe diese Nachricht meinen Eltern am 24. Mai 1949 mitgeteilt, die, wie es der Tradition entsprach, eine Wallfahrt zur Basilika „Maria Ausiliatrice“ in Turin unternahmen. Sie waren ein wenig erstaunt, weil sie von mir nie etwas über diesen Plan, Priester zu werden, gehört hatten, und so sagten sie: „Wenn der Herr es will, erheben wir keinen Widerspruch, im Gegenteil: Wir sind zufrieden! Erinnere dich aber daran, dass es von dir abhängen wird, treu zu sein, und dass es also du bist, der eine Entscheidung getroffen hat.“ Und so begann der Weg der Berufung – mit dem Noviziat und dann mit dem ganzen Studienzyklus usw.

ZENIT: Wer hat Ihnen auf diesem Weg geholfen?

Kardinal Bertone: In besonderer Weise die salesianischen Erzieher und am Anfang insbesondere der Novizenmeister. Ich habe das Noviziat um vier Monate verlängert, da ich sehr jung war. An und für sich sollte damals das Noviziat mit 15 Jahren beginnen und im 17. Lebensjahr mit der ersten Profess abgeschlossen werden. Ich war noch nicht 15, als ich am 16. August 1949 ins Noviziat eingetreten bin, deshalb habe ich es bis zur Vollendung meines 16. Lebensjahres im Dezember 1950 verlängert und dann die Profess abgelegt. Außerdem wurde ich von den Salesianern und von ausgezeichneten Lehrern begleitet.

Ich muss sagen, dass ich am Anfang meinen Beichtvater gefragt habe, um diese Entscheidung zu treffen. Es war ein 84-jähriger Priester, der hinter dem Hauptaltar der Basilika „Maria Ausiliatrice“ die Beichte hörte und zu dem ich regelmäßig beichten ging. Er hat mir seine Ratschläge gegeben. Er sagte mir: „Schau, das ist eine sehr große Aufgabe. Du wirst dich sehr gut vorbereiten müssen. Denk aber daran, dass ich seit 60 Jahren Priester bin und es nie bereut habe, Priester zu sein.“

Gestärkt auch durch dieses Zeugnis habe ich dann meinen Weg fortgesetzt – mit ein bisschen Heimweh nach meinem Zuhause. Meine Eltern aber sagten zu mir: „Jetzt machst du den ganzen Probe- und Studienzyklus, weil du dich dazu entschlossen hast. Am Schluss wirst du eine reifere Entscheidung treffen.“ Und am Schluss habe ich die Entscheidung getroffen, bis zur Priesterweihe weiterzumachen, die am 1. Juli 1960 stattfand.

ZENIT: Welche Rolle spielte Don Bosco auf diesem Weg?

Kardinal Bertone: Don Bosco war gewiss ein außerordentliches Priestervorbild, und seine Nachfolger und Kinder, die meine Lehrer, meine Erzieher waren, haben ihn gut vertreten, würde ich sagen. Und dann ist Don Bosco in meinem Leben immer gegenwärtig gewesen. Er hat mich bei meinem Reifungsprozess bis hin zum Priestertum und über das Priestertum hinaus geführt, in den Ämtern, die ich als Salesianer einnahm, bis hin zu meinem Amt als Rektor der Päpstlichen Salesianischen Universität hier in Rom, als ich meinerseits Ausbilder vieler – sehr vieler, würde ich sagen – Priesteramtskandidaten war. Und dann hat er mich in meinem Leben als Bischof geleitet: zuerst als Erzbischof von Vercelli und dann von Genua, und das tut er noch heute, als Staatssekretär, als erster Mitarbeiter des Papstes. Don Bosco hat mich gelehrt, dem Papst treu zu sein und mein Leben für den Papst und die Kirche hinzugeben, was ich mit meinen Grenzen, aber auch mit all meinen Kräften zu tun versuche.

ZENIT: Worin bestanden die Schwierigkeiten, aber auch die schönsten Freuden?

Kardinal Bertone: Wie ich bereist gesagt habe, hatte ich einige Probleme auf dem Weg der Ausbildung, weil sich ein gewisses Heimweh nach der Vergangenheit einstellte, nach dem Leben, das meine Altersgenossen führten, nach meinen Freunden. Ich folgte aber standhaft meiner Berufung. Und meine Altersgenossen, die nicht dachten, dass ich diesen Weg gehen würde – insbesondere jene der letzten Gymnasiumsjahre – haben mich unterstützt. Die letzten Jahre des Gymnasiums absolvierte ich ja bereits als Salesianer, allerdings zusammen mit rund 30 Schulkameraden, die jetzt mitten im beruflichen Leben stehen und eine schöne Rolle in der italienischen Gesellschaft einnehmen. Damals sagten sie zu mir: „Wenn du Priester wirst, werde ein Priester wie Don Francesco Amerio.“ Das war unser großer Lehrer während der letzten Jahre des Gymnasiums: Er unterrichtete Geschichte und Philosophie, und auch Religion. Er war ein Vorbild für mich, das mir Unterstützung geboten hat, und ich habe die Blätter mit den Aufzeichnungen aus seinem Religionsunterricht aufgehoben – bis heute! So viel zum Einfluss und zur einschneidenden Bedeutung, die dieser Priester hatte, dieser Lehrer, auf die mich meine Kameraden als Vorbild verwiesen.

Dann hatte ich besonders in der Zeit zwischen 1968 und 1972 Probleme, da ich hier in Rom Rektor der Salesianeruniversität war. Ich war auch Ausbilder der Priesteramtskandidaten. Zu jener Zeit hatten wir an dem damaligen Päpstlichen Salesianischen Athenäum eine große Anzahl von Theologiestudenten: 140 Theologiestudenten, die dem Druck der 68-Jahre ausgesetzt waren und den Einfluss aller Parolen und der Diskussionen verspürten, ja, ich würde auch sagen: des Meinungstumults. Es waren die Jahre nach dem Konzil. Ich hatte die schöne Zeit des Konzils als Student und als junger Priester erlebt. Wir erlebten aber auch Zeiten großer Spannungen und Zeiten, die geprägt waren vom Widerspruch der Meinungen und der Personen. Und als Oberer musste ich mein Urteil zur Weihezulassung dieser Studenten abgeben. Wir pflegten einen intensiven und sehr dichten Dialog mit den Studenten. Damals war die Zeit der großen Studentenversammlungen mit Diskussionen, die stundenlang dauerten, auch bis in den späten Abend hinein oder in die Nacht… Zeiten der Spannung also, aber auch Zeiten der Überwindung dieser Spannungen.

Dann, als Bischof und als Erzbischof der beiden Diözesen, die ich geleitet habe – beide auf Wunsch des Heiligen Vaters Johannes Paul II. –, erlebte ich manchmal Zeiten, in denen es in einigen Fällen zu harten Auseinandersetzungen in Bezug auf einige Problemen kamen, die sich auf der Ebene der Ortskirche stellten. Auch als ich Sekretär der Kongregation für die Glaubenslehre war, gab es doktrinelle Probleme, die wir zu analysieren und zu bewerten hatten, und es handelte sich dabei auch um sehr schwerwiegende moralische, doktrinelle und disziplinäre Probleme. Ich erlebte aber auch in dieser Rolle, in diesem Aufgabenbereich, sehr große Freuden: die Tatsache, eine brüderliche Gemeinschaft geleitet und ihr angehört zu haben, ja, ich würde sagen, eine Beziehung brüderlicher Gemeinschaft, von fester Freundschaft, die auch jetzt noch fortdauert, wenn ich mich mit ehemaligen Alumnen oder Bischöfen der ganzen Welt treffe. Ich erlebte Augenblicke wahrer Gemeinschaft, brüderlicher Freundschaft in der Freude der Treue zum Papst, in der Freude der Erfüllung unseres Priester- und Bischofsamtes, und aufgrund der Tatsache, viele junge Männer zum Priestertum geführt zu haben. Dann ist da die bischöfliche Vaterschaft bei den Priester- und Bischofsweihen, die jetzt in meinem Amt als Staatssekretär durch die Weihe vieler Mitarbeiter des Papstes und auch vieler Ortsbischöfe natürlich noch mehr werden. Das ist eine große Freude: dieses große Volk Gottes, das sich organisch auch aus den Hirten der Kirche mit ihren Verantwortungen und den verschiedenen Rollen zusammensetzt, entsprechend ihrer Berufung der Charismen, die der Heilige Geist verteilt. Dieses Volk, das in tiefer Einheit voranschreitet, ist wirklich ein schönes Zeichen des Wohlwollens Gottes für die Kirche und für die ganze Menschheit, das ich in den Begegnungen erfahre, die ich noch heute mit den Ortskirchen, den päpstlichen Vertretern in der ganzen Welt und auch mit den Staatsoberhäuptern unterhalte, die in den Vatikan zu Besuch kommen und ihre Wertschätzung und Dankbarkeit für die Arbeit der Kirche, für das Zeugnis der Kirche sowohl im Bereich der Ausbildung und besonders der Erziehung als auch im Bereich der Förderung der menschlichen Entwicklung, der sozialen Entwicklung, der Hilfeleistungstätigkeit besonders zum Wohl der schwachen Schichten der Gesellschaft zum Ausdruck bringen.

Ich muss also dem Herrn für das Geschenk des Priestertums und auch für das des Bischofsamtes danken. Ich wünsche allen ein gutes Priesterjahr!

[Das Interview führte Jesús Colina. Zu sehen ist es unter: www.h2onews.org]