Die „bevorzugte Option für die Armen“, Thema der V. Vollversammlung der Bischöfe Lateinamerikas

Interview mit dem Erzbischof von Belo Horizonte (Brasilien)

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BELO HORIZONTE, 23. März 2007 (ZENIT.org).- Der Erzbischof von Belo Horizonte, Walmor Oliveira de Azevedo, der die Glaubenskommission der Brasilianischen Bischofskonferenz leitet, erklärt im vorliegenden Interview der brasilianischen ZENIT-Redaktion, was die „bevorzugte Option für die Armen“ ist.



Dieses Thema wird Gegenstand der V. Generalversammlung des Lateinamerikanischen Bischofsrates CELAM sein, die vom 13. bis zum 31. Mai in Aparecida, dem größten Marienwallfahrtsort des Landes, stattfinden wird. Papst Benedikt XVI. wird die Tagung, an der 176 Kardinäle, Erzbischöfe und Bischöfe aus Lateinamerika, den Karibischen Inseln, den Vereinigten Staaten, Spanien und Portugal teilnehmen, selbst eröffnen. Der Brasilien-Besuch des Heiligen Vaters beginnt am 9. Mai.

ZENIT: Was versteht man unter der „bevorzugten Option für die Armen“?

-- Bischof Oliveira: Die „bevorzugte Option für die Armen“ ist eine Option, die dem Evangelium entspringt. Sie bestimmt charakteristische und fundamentale Züge im Benehmen und in der Spiritualität der Jüngerinnen und Jünger Jesu.

ZENIT: Wie sah man diese Option in den früheren Vollversammlungen des lateinamerikanischen Episkopats, vor allem in Medellín und in Puebla?

-- Bischof Oliveira: Die Vollversammlungen in Medellín und Puebla unterstrichen in Treue zum Zweiten Vatikanischen Konzil die Zentralität dieser evangeliumsgemäßen Option, gemäß den Worten aus dem Matthäusevangelium 25,31-46, dem Text über das Weltgericht: „Ich war hungrig…; ich war durstig…; ich war fremd und obdachlos…; ich war krank…; ich war im Gefängnis … Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“

ZENIT: Besteht heute noch die Gefahr, dass das Konzept der „bevorzugten Option für die Armen“ von irgendwelchen bestimmten Strömungen der Befreiungstheologie ideologisch aufgeladen wird?

-- Bischof Oliveira: Ideologische Überfrachtungen kommen in allen Diskussionen vor, das ist unvermeidlich. Am wichtigsten ist die Klarsichtigkeit der Wahrheit des Evangeliums, die zu dieser Option auffordert, der sie im Kontext ihres Stellenwerts den ihr gebührenden Platz einräumt. Das geschieht heute immer deutlicher.

ZENIT: Glauben Sie, dass dieses Thema auch bei der Vollversammlung in Aparecida eine ähnlich bedeutende Rolle spielen wird wie bei den letzten Zusammentreffen?

-- Bischof Oliveira: Die bevorzugte Option für die Armen wird bei der Vollversammlung in Aparecida den ihr entsprechenden Platz einnehmen. Damit verbunden ist angesichts der großen und raschen Veränderungen, die es gegeben hat, die nötige Aktualisierung des Verständnisses dieses Konzepts.

ZENIT: Wie wird dieses Thema im Sinn des Lehramts von Johannes Paul II. und Benedikt XVI. bei der Vollversammlung in den Blick genommen werden?

-- Bischof Oliveira: Die Perspektive, unter der die bevorzugte Option für die Armen vor dem Horizont der Lehren von Papst Johannes Paul II. und Benedikt XVI. zu sehen ist, wird im Apostolischen Schreiben Novo Millennio Ineunte und in der ersten Enzyklika des jetzigen Pontifikats, Deus caritas est, gut beschrieben. Das ist ein Horizont, der dem Evangelium treu und der sicher ist.