Die Bewegung "Regnum Christi": Nachfolge im Geist der Legionäre

Von Armin Schwibach

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ROM, 10. Mai 2006 (ZENIT.org).- Die letzten Jahrzehnte des vergangenen Jahrhunderts waren in besonderer Weise vom Entstehen und Wirken der neuen kirchlichen Bewegungen gekennzeichnet. Karl Rahner und andere diagnostizierten vor dreißig Jahren einen "Winter der Kirche". Für Joseph Ratzinger hingegen repräsentierten die neuen Bewegungen die "Überraschung eines neuen Aufbruchs des Glaubens ohne 'wenn' und 'aber'". Viele, so Ratzinger im Jahr 1998, fühlten sich dadurch in ihren intellektualistischen Debatten belästigt, "in ihren Modellen einer ganz anderen, auf dem Schreibtisch nach dem eigenen Abbild konstruierten Kirche". Die Dynamik war jedoch nicht aufzuhalten. Dabei handelt es sich keineswegs um eine Neuheit. Wie Johannes Paul II. im Jahr 1987 sagte, "stehen wir kontinuierlich vor dem Phänomen von mehr oder minder großen Gruppen von Gläubigen, die durch einen geheimnisvollen Antrieb des Heiligen Geistes dazu veranlasst wurden, sich mit der Absicht zu vereinen, bestimmte Ziele der Liebe und der Heiligkeit zu verfolgen, dies in Bezug auf die besonderen Bedürfnisse der Kirche in ihrer Zeit oder auch um an ihrer wesentlichen und andauernden Sendung mitzuarbeiten".



Die Geschichte der Kirche ist von der Gegenwart dieser besonderen Gaben des Heiligen Geistes (Charismen) gezeichnet. Vom Mittelalter bis in unsere Zeit ist ein konstanter Dialog zwischen der universalen apostolischen Sendung der Gläubigen und der radikalen Verwirklichung des Evangeliums auf der einen Seite und den lokalen Kirchen auf der anderen Seite sichtbar: das Christentum besteht in einer gleichzeitigen Gegenwart eines universalen apostolischen und eines lokalen Dienstes. Der Ortsbischof steht in der apostolischen Nachfolge der Apostel, hat als solcher Verantwortung für seine Gemeinde. Gleichzeitig garantiert die apostolische Nachfolge die Kontinuität im Glauben. Die Universalität des apostolischen Dienstes des Bischofs geht somit über die reine lokale Kompetenz hinaus und erschöpft sich nicht in ihr. In besonderer Weise wird dies in der Gestalt des Papstes als Nachfolger des Apostelfürsten Petrus deutlich, der durch sein Amt als Bischof von Rom die universale Kirche behütet, schützt und leitet.

Die Verwirklichung besonderer Charismen hat es zum Ziel, im Ausgang von der Universalität und in enger Beziehung zum Nachfolger Christi in den lokalen Situationen wirksam zu sein. Insgesamt verzeichnet das vom Päpstlichen Laienrat im Jahr 2004 herausgegebene "Repertorium der internationalen Laienvereinigungen" 122 geistliche Bewegungen. Johannes Paul II. definierte sie im Jahr 1998 als "einen Weg des Glaubens und des christlichen Zeugnisses, der in seiner pädagogischen Methode in einem präzisen Charisma gründet, das der Person des Gründers in bestimmten Umständen und Weisen verliehen worden ist". Eine jede Bewegung gibt, so der Papst, "dem Leben der Kirche einen besonderen Beitrag".

Die internationale apostolische Gemeinschaft (Regnum Christi (Reich Christi) geht auf den Gründer der Kongregation der Legionäre Christi, P. Marcial Maciel Degollado LC zurück. Sie kann nicht von der charismatischen Besonderheit der Legionäre Christi getrennt werden. Bereits in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts reifte in Maciel die Berufung, eine Priesterkongregation zu gründen, wozu es im Jahr 1941 kam. Im Jahr 1948 erhielt er das "Nihil obstat" von Pius XII. Ein Jahr später bildete sich der Grundstock der Bewegung des "Regnum Christi". Die Geschichte der Legion und der Bewegung ist eng mit dem Lehramt Johannes Pauls II. verbunden. Der Papst unterzeichnete im Jahr 1983 die endgültige Approbation der Konstitutionen der Kongregation und im Jahr 2004 die Approbation der Statuten der Bewegung.

Die Legion kann seit ihrer Gründung eine fundierte Tradition in der Ausbildung vorweisen. Schulen und Universitäten auf der Basis starker christlicher Wurzeln dienen der gesamtmenschlichen Ausbildung von Laienstudenten und Priesteramtskandidaten. Die Kongregation der Legionäre Christi gehört zu den lebhaftesten und am meisten wachsenden Realitäten der Kirche. Sie betreut weltweit dreiundzwanzig Athenäen und zehn Studienzentren. Die Ausbildungszeit der Legionäre ist mit zwölf oder dreizehn Jahren (eventuelle akademische Spezialisierungen ausgenommen) lang. Die Ausbildung ist nicht nur intellektueller oder geistlicher Art, sondern umfasst auch drei oder vier Jahre des "Apostolats" im direkten Kontakt mit den Menschen. Neben den Gelübden der Armut, des Gehorsams und der Keuschheit kennen die Legionäre zwei Zusatzgelübde. Mit dem Gelübde der Liebe verpflichtet sich das Ordensmitglied, keine unbotmäßigen Kritiken vor allem gegenüber dem Oberen und der Hierarchie vorzubringen. Das zweite Zusatzgelübde ist das der Demut, das sich einem Karrierestreben entgegensetzt. Der Dienst der in Christus zentrierten Liebe ist für die Legionäre Christi der alles belebende Mittelpunkt. Die Kongregation zählt im Moment ungefähr 650 Priester und 2500 Ordensstudenten.

Der Bewegung des "Regnum Christi" gehören weltweit 65.000 Laien, Weltpriester und Diakone aus vierzig Ländern an. In Zusammenarbeit mit den Legionären Christi leistet die Bewegung ihren Dienst vor allem in den folgenden Bereichen: Missionen, Förderung und christliche Erziehung der sozial Schwächsten; Verbreitung der katholischen Lehre, Ausbildung der Jugend; Unterhaltung von Ausbildungsanstalten; Förderung der Familie; Aktivitäten im Bereich der Kommunikationsmittel; Zusammenarbeit mit den Diözesanbischöfen und Priestern. Dabei kann sie auf die Unterstützung von insgesamt 340.000 freiwilligen Mitarbeitern zählen.

Die Bewegung macht sich die Spiritualität der Legion ganz zueigen. Sie nimmt ihren Ausgang von der persönlichen Liebe zu Jesus Christus. Die gelebte Liebe nimmt Bezug auf das "Christentum der Ursprünge". Das bedeutet: Der Beweggrund der Sendung der Legion und der Bewegung besteht in der Suche nach dem persönliche Kontakt mit Christus, wie ihn die Apostel erleben konnten. Die Bewegung ist von der Treue zum Nachfolger Petri und von der Liebe zu Gott und dem Nächsten motiviert und gibt so Antwort auf die universale Berufung zur Heiligkeit. Die Bewegung beabsichtigt, in ihren Mitgliedern das Bewusstsein der aus der Taufe stammenden Berufung zu wecken. Sie hilft dabei, das Evangelium im Alltag des persönlichen, familiären und beruflichen Lebens zu verwirklichen und bildet ihre Mitglieder dazu aus, damit sie in sich und in der Zivilgesellschaft die Liebe und die Gerechtigkeit verwirklichen. Die apostolische Sendung ist Teilhabe am Erlösungsauftrag Jesu Christi.

Unter der Leitung der Legionäre Christi werden die Mitglieder des "Regnum Christi" zu Aposteln, die dazu bereit sind, ihre Zeit oder einen Teil davon der Aufgabe zu widmen, das Reich Christi zu verkünden und zu erweitern. Sie tun dies im Bewusstsein der absoluten Notwendigkeit, sowohl in die universale Kirche als auch in die lokale Kirche, der sie angehören, eingegliedert zu sein. Um in diesem authentischen christlichen Leben zu beharren, verpflichten sich die Mitglieder zum täglichen Gebet, zur häufigen Teilnahme an den Sakramenten, zur wöchentlichen Lesung des Evangeliums in der Gruppe, zur periodischen Kontrolle der Fortschritte in den apostolischen Werken. Die Absicht ist, wie der Koordinator der Bewegung in Rom P. Pedro Barrajón LC erklärte, kein "Weg der Initiation", sondern das konstante persönliche Wachstum im Menschsein und Glauben.

Der oberste Verantwortliche für die Tätigkeit der Bewegung ist der Generaldirektor der Legionäre Christi, P. Alvaro Corcuera LC. Die Bewegung ist in Sektionen für Erwachsene und Jugendliche eingeteilt. Die Mitglieder kommen wöchentlich zum "Treffen mit Christus" in Gruppen zusammen, die "Equipes" genannt werden und sich aus ungefähr zwölf Personen zusammensetzen. Die innere Struktur des Treffens folgt dem Schema "Sehen-Urteilen-Handeln". Im Licht des Evangeliums werden bestimmte kirchliche Gegebenheiten untersucht, um ein richtiges Urteil und ein dementsprechendes Handeln zu finden. Die Bewegung fördert auch vor allem im Zusammenhang mit größeren internationalen Treffen eine spezifische theologische und philosophische Schulung der Mitglieder.

Die Mitglieder genießen Initiativfreiheit und verwirklichen ihre Projekte in einem ständigen Dialog mit der Legion. Zu diesen Initiativen, die aus der Bewegung gewachsen sind, gehört die jüngste Jugendmission. Die Bewegung setzt sich auch für die wirtschaftliche Hilfe von Bedürftigen ein, zum Beispiel durch die Schaffung eines "Mikrokreditwesens". Teil des "Regnum Christi" zu sein bedeutet, dem Ruf Gottes und der Einladung Jesu an jeden Getauften zu folgen, heilig zu sein und den Glauben weiterzugeben. "Regnum Christi" ist ein Lebensstil, die Haltung der Verwirklichung der inneren Freiheit angesichts der äußeren Herausforderungen der Welt. Der Einzelne lässt sich von der Liebebewegung Jesu in einer dynamischen Organisation ergreifen. Verheiratete und Unverheiratete, Erwachsene, Kinder und Jugendliche, Priester und Laien teilen im "Regnum Christi" die Sehnsucht danach, zu sehen, dass Christus in den Herzen der Menschen wohnt und alle Bereiche der Gesellschaft mit seinem Sein belebt.

[© Die Tagespost vom 06.05.2006]