„Die Bibel ist reine Poesie“: P. Valentín Arteaga, Generaloberer der Theatiner, über die Dichtkunst und das Schöne in der Kirche

Interview mit dem Träger des Internationalen Fernando-Rielo-Preises für Mystische Poesie 2007

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ROM, 27. Februar 2007 (ZENIT.org).- Der Gewinner des 26. Fernando-Rielo-Preises für Mystische Poesie, P. Valentín Arteaga, erörtert im vorliegenden ZENIT-Interview, was er unter „Mystischer Poesie“ versteht und warum der Sinn für die Poesie und das Schöne gerade auch in der Kirche stärker gefördert werden sollte.



P. Arteaga, Generaloberer der Theatiner, wurde für sein Werk „Oficio en mi menor“ ausgezeichnet. Gegenüber ZENIT gestand er: „Wer auf dem Weg der Dichtung unterwegs ist, gerät von Ekstase zu Ekstase; er stammelt nur mehr. Für ihn ist es einfach schwierig, irgendetwas auszudrücken.“

Fernando Rielo Pardal (1923-2004) wurde in Madrid (Spanien) geboren. 1959 gründete er auf Teneriffa die Missionare Identes. Am 22. Oktober 2004 wurden sie als „Institut geweihten Lebens“ nach Diözesanrecht anerkannt. Das Leben und Verkünden der Liebe des himmlischen Vaters bilden den Kern der Spiritualität dieser jungen Gemeinschaft, die sich vor allem um zwei Dinge bemüht: jenen Menschen das Evangelium zu verkünden, die den Glauben verloren oder noch nicht gefunden haben – insbesondere den Jugendlichen –, und die Förderung des Dialogs mit Intellektuellen im Kultur- und Universitätsbereich.

Die Missionare Identes sind in 25 Ländern. In Deutschland sind sie in den Diözesen Berlin und Köln (Neuss) tätig.

Fernando Rielo hat neben der religiösen Gemeinschaft auch die internationale Idente-Jugend, die Idente-Schule (Institut zur Erforschung der Geisteswissenschaften) und die Fernando-Rielo-Stiftung gegründet. Letztere veröffentlicht metaphysische, mystische, pädagogische und poetische Schriften. Jahr für Jahr wird der Internationale Preis für Mystische Poesie vergeben, dessen Verleihung 1993 im Kölner Rathaus stattfand.

Unter „mystischer Poesie“ verstand Rielo einen „poetisch hochwertigen Ausdruck verschiedener tief persönlicher Erfahrungen, die in Freud und Leid die Seele mit Gott verbinden: beim christlichen Dichter mit der Heiligen Dreieinigkeit, beim nichtchristlichen Dichter nur mit Gott allein. Mystische Poesie hat das Bekenntnis des eigenen Glaubens zum Ziel. Das unterscheidet sie von der religiösen Dichtung, die nicht so sehr kreative innere Erfahrungen zum Ausdruck bringt, sondern eher das Gefühlsmäßige.“

ZENIT: Mystische Dichtung zu schreiben und dafür einen Preis von 7.000 Euro zu erhalten, grenzt heut fast schon an ein Wunder! Was bedeutet das für Sie?

-- P. Arteaga: Gut, dass Sie in diesem Zusammenhang das Wort „Wunder“ hervorheben. Wir sind von Wundern umgeben, und ihnen ist es zu verdanken, dass wir leben. Wir sind ergriffen und sprachlos angesichts der Dinge und angesichts dessen, was geschieht.

Dichtung ist ein Geschenk und Folge des Staunens; sie nimmt uns an der Hand und führt uns zur Dankbarkeit.

Mit dem Fernando-Rielo-Preis ausgezeichnet worden zu sein, ist für mich etwas, was ich in einer Haltung der Dankbarkeit erlebe. Und was die 7.000 Euro angeht: Ich sage Ihnen ehrlich, dass das ein Geschenk der Vorsehung Gottes war, der immer denen entgegenkommt, die in Not sind.

Wir Theatiner sind reich an Armut und trachten danach, nur das Reich Gottes zu suchen. Da es aber dem Haus der Theatiner in Neapel, einem der bedeutendsten Häuser unseres Ordens, gerade sehr schlecht geht und da wir darüber hinaus die Feierlichkeiten zum 400. „Geburtstag“ des heiligen Andreas Avelino (1521 – 1608) vorbereiten, fließen die 7.000 Euro dorthin.

ZENIT: Die Jury hat in ihrer Beurteilung hervorgehoben, dass in Ihrer Dichtung die liebevolle Leidenschaft für das Göttliche, Verweise auf die Bibel und die Nostalgie einer vom Glauben verklärten Vergangenheit auflebt. Sind sie damit einverstanden?

-- P. Arteaga: Bei dem preisgekrönten Buch handelt es sich in der Tat um ein Werk der eigenen Erfahrung. Es geht um das Ergriffensein und das Erbeben vor dem Geheimnisvollen. Ich durchschreite das Terrain des Herzens, den Raum der Erinnerung. Glauben heißt, sich als Verwirrter zu erinnern und dabei die Zukunft auszuloten. Die Zukunft ist Gott.

Was die Verweise auf die Bibel betrifft, bin ich einverstanden. Schließlich und endlich ist ja die ganze Bibel reine Poesie – Gesang und mystische Verzückung. Und der Glaube ist eine Vision. Er gewährt uns die Gnade, das zu wissen, was wir nicht wissen, und das zu sehen, was wir nicht schauen können.

ZENIT: Mystik macht nicht viele Worte. Was ist Mystische Dichtung für Sie?

-- P. Arteaga: Glauben Sie mir, es ist mir jetzt auf der Stelle gar nicht so einfach möglich, auf diese Frage zu antworten, denn meiner Meinung nach verträgt wahre Dichtung keine Adjektive. Dichtung ist nichts als Dichtung.

Aber sie verweist immer auf die Kontemplation. Wer auf dem Weg der Dichtung unterwegs ist, geht von Ekstase zu Ekstase; er stammelt nur mehr. Für ihn ist es einfach schwierig, irgendetwas auszudrücken. Es geht darum, diese Art Engel zu besiegen, der einen gänzlich entblößen will.

Am Ende, wenn die Kleider am Boden liegen und man besiegt worden ist, hört man nur mehr „dieses ‚Ich weiß nicht, was‘, was sie vor sich hinstottern“ von Johannes vom Kreuz [„Ese no sé qué quedan balbuciendo“, aus dem Geistlichen Gesang B, Strophe 7, Anm. d. Übers.]. Dann sehnt man sich einfach nur noch danach, sich in Schweigen zu hüllen. Ein guter Freund von mir, der Dichter ist, hat einmal gesagt: „Die tiefste Wahrheit ist die Stille.“

ZENIT: Finden Sie, dass Dichtung und Schönheit – das Schöne und das Wahre – auch in der Kirche zu erfahren sind?

-- P. Arteaga: Die Kirche ist viel schöner als die Braut im Hohelied.
Aber sie wird von uns, Klerikern und Laien, gebildet, denen – so hat es jedenfalls den Anschein – der Wert der Dankbarkeit so wie allen anderen auch abhanden gekommen ist.

Die heutige Kultur zeichnet sich eher durch das aus, was nützlich, praktisch und gewinnbringend ist. Das geschieht auch in der Seelsorge. Die Apostolische Arbeit wird auf Pläne und Strategien reduziert, und Dichtung und Schönheit werden beiseite gelassen, als handelte es sich hierbei um Dinge, die zum Abverkauf stünden. In den Priesterseminaren und Noviziaten gibt es keinen Platz für ästhetischen Zeitvertreib.

Gott sei es gedankt, dass Papst Johannes Paul II. Gedichte verfasste und dass es Benedikt XVI. so gut gefällt, dann und wann Mozart zu spielen. Die Leute von „Fernando Rielo“ rufen jedes Jahr – ganz gegen den Trend der Zeit –den internationalen Preis für Mystische Poesie aus. Sie tun gut daran.

Ich bin davon überzeugt, das ein Psalm in echter Gregorianik mehr zur Glaubenserfahrung beiträgt als die Lektüre bestimmter Hirtenbriefe, wenn man von einigen Ausnahmen absieht.

Der heilige Kajetan, Gründer des Theatinerordens, bekräftigte, dass die Kirche, „die in sich weder Makel noch Falten hat, durch ihre Amtsträger aber verdorben ist“, Priester nötig hätte, die die „Tugend attraktiv machen und die Laster verabscheuenswert“.

Wenn ich mich recht entsinne, heißt es bei Dostojewskij: „Die Schönheit rettet die Welt“ [„Der Idiot“, III. Teil, Kapitel V., Anm. d. Übers.]. Das Hässliche ist atheistisch. Aber auch Bertold Brecht hat bestätigt: „Schlechte Zeit für Lyrik“. Dem gilt es abzuhelfen! Denken Sie nicht auch?