Die Botschaft von „Caritas in veritate“ für die Entwicklungszusammenarbeit

Interview mit Missio-Bildungsreferentin Monika Schwarzer

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WIEN, 17. Juli 2009 (ZENIT.org).- „Habt keine Angst! Die Globalisierung und die Wirtschaft sind per se nichts Schlechtes“: Das ist nach Worten von Monika Schwarzer, Bildungssprecherin der Päpstlichen Missionswerke in Österreich (Missio), eine der ermutigenden Kernaussagen der Sozialenzyklika Caritas in veritate. Besonders berührend findet Schwarzer jene Passage, in der Papst Benedikt auf die schlimmste Form von Armut zu sprechen kommt: die Einsamkeit.



„Diese Form der Armut hat ihren Ursprung oft in einer selbst gewählten Isolation des Menschen, in einem Verschließen in sich selbst - in einem Sich-selbst-Genügen, das zu einer unmenschlichen Leere und Kälte des Herzens führt.“

Im vorliegenden ZENIT-Interview verweist die studierte Handelswissenschaftlerin und Theologin zudem auf die Impulse, die die neue Enzyklika für die Entwicklungszusammenarbeit setzt.

ZENIT: Die erste Enzyklika des Papstes über die christliche Liebe war für die Liebestätigkeit der Kirche und damit auch für die Arbeit von Missio grundlegend. In der kürzlich vorgestellten dritten Enzyklika geht es wieder um das Thema Liebe, allerdings stehen jetzt andere Aspekte im Vordergrund. Wo sehen Sie in diesem Lehrschreiben Impulse für die Missions- und Entwicklungsarbeit?

Schwarzer: „Caritas in Veritate“ richtet sich an alle Menschen guten Willens, ist also nicht a priori an gläubige Menschen gerichtet, eben kein „kirchliches Selbstgespräch“, sondern vielmehr ein Appell und grundsätzlicher Beitrag zum Dialog im Zeitalter der Globalisierung und angesichts der neuen Herausforderungen, vor die wir uns alle gestellt sehen.

Jeder Mensch kann und soll sich auf die Botschaft des Papstes einlassen. Genau darin liegt ja der Schlüssel zur Bewältigung der gegenwärtigen Krise: der Mensch selbst. Natürlich bietet die Kirche keine technisch-wirtschaftlichen Maßnahmenpakete an, da würde sie auch ihre Kompetenz überschreiten. Aber sie hat die Pflicht, „die Menschheitsgeschichte mit dem Licht der Wahrheit und der Wärme der Liebe Jesu Christi zu erleuchten“. Daher geht die Enzyklika auch von zwei Voraussetzungen, von zwei Werten aus, die jeder Mensch in sich trägt und nachvollziehen kann, wenn er auf seine innere Stimme hört: die Liebe und die Wahrheit.

Konkrete Impulse für die Missions- und Entwicklungszusammenarbeit sehe ich zunächst in einer positiven Bestätigung in dem, was wir bereits tun: Die Kirche beschreitet ja den Weg der Mission, indem sie ihr umfangreiches soziales Wirken entfaltet. Indem sie – um ein schönes Bild aus „Caritas in Veritate“ aufzugreifen – „Netze der Nächstenliebe“ über die ganze Welt spannt und so zu einem Werkzeug der Einheit der Menschheitsfamilie wird.

ZENIT: Was ist das Fundament von einer Entwicklungshilfe im Sinn solcher „Netze der Nächstenliebe“?

Schwarzer: Die christliche Verkündigung. Die Besinnung auf christliche Werte ist ja ein unverzichtbares Element für den Aufbau einer gerechten Gesellschaft überhaupt! Aber die Enzyklika bietet natürlich eine Fülle von konkreten Anregungen, die Menschen in allen Lebensbereichen betreffen: im öffentlichen wie im privaten Bereich, in kulturellen, wissenschaftlichen, wirtschaftlich-sozialen und politischen Belangen. Nun kommt es für uns als kirchliche Institution darauf an, dazu beizutragen, dass die Botschaft des Papstes auch ankommt. Dass sie verbreitet, verstanden und aufgenommen wird.

ZENIT: Was sind ganz generell die großen Anliegen, um die es in „Caritas in veritate“ geht?

Schwarzer: Zunächst spricht das Lehrschreiben sehr viele Probleme der globalen Entwicklung an: die Zunahme der Armut, soziale Ungerechtigkeit, Migration, Ausbeutung der Ressourcen, Hunger, Bildung, Umwelt – kaum ein Aspekt fehlt. Das Entscheidende dabei ist, wie wir damit als verantwortungsvolle Menschen – vor Gott und den nachfolgenden Generationen – umgehen.

ZENIT: Können Sie eine Kernbotschaft erkennen, die all diese Themen durchzieht?

Scharzer: Die erste Kernbotschaft des Papstes ist: Habt keine Angst! Die Globalisierung und die Wirtschaft sind per se nichts Schlechtes – nichts, wovor man sich zu fürchten braucht. Nicht Ihr seid passive kleine Rädchen im großen System der Wirtschaft, sondern im Gegenteil: Jeder, vom Konsument bis zum Politiker, ist dazu berufen, sie aktiv und verantwortungsvoll zu gestalten.

Aber die Realität zeigt, dass der rasanten wirtschaftlichen Entwicklung der letzten Jahre eine gravierende „moralische Unterentwicklung“ gegenübersteht, die eben ein Hauptfaktor für das Entstehen der globalen Wirtschaftskrise war, in der wir uns befinden. Um in der Krise bestehen zu können, braucht es nun ein gemeinschaftliches Vorgehen, ein Handeln, das sich konsequent am Gemeinwohl ausrichtet.

ZENIT: Was hat Sie beim Lesen dieses päpstlichen Lehrschreibens besonders berührt?

Scharzer: Die berührendsten Worte findet der Papst sicher, wenn er auf eine der schlimmsten Arten der Armut zu sprechen kommt: die Einsamkeit. Diese Form der Armut hat ihren Ursprung oft in einer selbst gewählten Isolation des Menschen, in einem Verschließen in sich selbst - in einem Sich-selbst-Genügen, das zu einer unmenschlichen Leere und Kälte des Herzens führt. Wir sind ja von Natur aus Beziehungswesen. So können Menschen dann leicht für Ideologien und falsche Utopien instrumentalisiert werden. Die Antwort auf die materiellen und sozialen Bedürfnisse der Menschen lässt sich eben nicht von der Erfüllung einer tieferen Sehnsucht ihres Herzens trennen.

Entwicklungszusammenarbeit, die sich nur auf die wirtschaftliche Dimension beschränkt, reicht dazu nicht aus. Ganz ähnlich hat es auch Mutter Teresa einmal ausgedrückt: „Die erste Armut der Völker ist es, dass sie Christus nicht kennen.“

ZENIT: Über welche Punkte, die der Papst anspricht, lohnt es sich, ausführlicher nachzudenken?

Schwarzer: Ein ungewöhnlicher und auch neuer Ansatz ist sicherlich die Wechselbeziehung von Humanökologie und Umweltökologie. Früher wurde der Kirche vielfach vorgeworfen, nicht gerade ein „Anwalt“ in Fragen des Umweltschutzes zu sein. Das ist sicherlich seit diesem Lehrschreiben anders zu beurteilen. Ganz explizit spricht der Papst von der Verantwortung der Kirche für die Schöpfung und davon, dass sie dafür Anwaltschaft übernehmen muss. Seine Begründung ist sehr interessant: Ohne Förderung der Humanökologie, Förderung menschlicher Beziehungen im Hinblick auf moralische Werte, kann eine Umweltökologie nicht funktionieren und umgekehrt.

ZENIT: Wird Missio „Caritas in veritate“ zum Anlass nehmen, um neue Strategien für die Hilfsarbeit zu entwickeln?

Scharzer: Ich als Bildungsreferentin sehe meine Aufgabe darin, die Botschaft der Enzyklika den Menschen von heute verständlich zu machen. Bedauerlicherweise ist Christliche Soziallehre nicht zuletzt deshalb so wenig im Gespräch, weil sie vielfach rein als Wissenschaft wahrgenommen wird und mit einer abstrakten Sprache operiert, die für die meisten Menschen schlichtweg unverständlich ist. Daher ist es aus meiner Sicht wichtig, die vielen Einzelthemen, die die Enzyklika anspricht in unsere Bildungsarbeit aufzunehmen, sie zu verdeutlichen und zu vertiefen, damit es nicht nur beim Appell und theoretischen moralischen Ansprüchen bleibt.

Das Interview führte Dominik Hartig