Die Briefmarken der Päpste

Von Ulrich Nersinger

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ROM, 24. September 2007 (ZENIT.org).- Wer ein Lexikon zur Hand nimmt und unter „Post“ nachschlägt, findet dort zumeist den Hinweis, dass sich dieses Wort vom mittellateinischen „posita“ ableite. Gemeint sei hiermit ein „festgelegter Standort“, an dem Pferde oder Boten eines Kurierdienstes gewechselt wurden. Der Rechtsgelehrte Cujacius – Jacques de Cujas (1522-1590) – einer der wichtigsten Vertreter jener Schule, die sich der humanistisch-philologischen Auslegung der Quellen verpflichtet fühlte, gab eine andere Deutung. Er leitete das Wort „posta“ von den „litterae“ bzw. „epistolae apostolicae“, den „apostolischen Briefen“ des Papstes, ab. Eine solche Interpretation ist zwar nicht zwingend gegeben, aber auch nicht leichtfertig von der Hand zu weisen.



Seit alters her bedienten sich die Päpste verschiedener Möglichkeiten für die Übermittlung ihrer vielfältigen Korrespondenz. Je nach Bedeutung wurde sie durch Boten, Sonderkuriere oder Gesandtschaften übermittelt. Um die Jahrtausendwende taucht dann das Amt des „Cursor Apostolicus“, des Apostolischen Boten, als ständige Einrichtung am päpstlichen Hof auf. Den Apostolischen Boten war die Überbringung der päpstlichen Bullen und Schreiben anvertraut. Sie hatten Bescheinigungen über die richtige Ablieferung der Schriftstücke an ihren Auftraggeber zurückzubringen – von diesen „Quittungen“ befinden sich noch heute sehr viele unter den Pergamenten und Papierurkunden des Vatikanischen Geheimarchivs. Bei der Überbringung von Exkommunikationsbullen liefen die Kursoren oft Gefahr für ihr Leben. Und manch einer von ihnen fiel den übrigen zahlreichen Beschwernissen einer damaligen Reise zum Opfer. Noch bis in das 20. Jahrhundert gab es Apostolische Boten am Päpstlichen Hof; ihre Verpflichtungen beschränkten sich jedoch in dieser Zeit auf die Ewige Stadt und waren zumeist rein zeremonieller Art.

Die Apostolischen Boten versahen ihre Verpflichtungen unter der Leitung des „Praefectus cursus publici“. Seit dem 16. Jahrhundert bürgerte sich für den Vorsteher dieses päpstlichen Kurierwesens die Bezeichnung „Soprindentente Generale alle Poste – Generalsuperintendent der Post / Generalpostmeister“ ein. Dieses Amt befand sich in den Händen der römischen Fürstenfamilie Massimo und war dem Adelsgeschlecht als erblich anvertraut worden. Nominell zeichnete der Generalpostmeister noch bis ins späte 19. Jahrhundert für das päpstliche Postwesen verantwortlich; doch die Aufsicht führte der Kardinalkämmerer der Heiligen Römischen Kirche.

Der Generalpostmeister versah mehr und mehr rein zeremonielle Aufgaben am päpstlichen Hof. Er begleitete den Papst auf Reisen, öffnete und schloss bei diesen Fahrten den Wagenschlag der päpstlichen Karosse bzw. Automobils, wenn der Oberstallmeister nicht anwesend war. Nach der Gründung des Vatikanstaates war er einer der Würdenträger, der gemeinsam mit dem Gouverneur und dem Generalrat der Vatikanstadt die Souveräne und Staatsoberhäupter an der Grenze des neuen Kirchenstaates empfing.

Die Dienste der Päpstlichen Post, einst nur der Beförderung der Korrespondenz der Päpste, der Behörden des Kirchenstaates und der Römischen Kurie vorbehalten, wurden in der Regierungszeit Papst Pius’ IX. (1846-1878) allen, die im päpstlichen Herrschaftsgebiet wohnten oder sich in ihm aufhielten, zugänglich gemacht. Der Kirchenstaat erkannte schon früh die Bedeutung der Freimarke. Mit dem Datum vom 29. November 1851 kündigte er die Einführung von Briefmarken und festgesetzter Posttarife an. Die Herausgabe von Marken war schon Jahre zuvor beschlossen worden, doch gab es in der Verwaltung des Kirchenstaates Befürchtungen, dass es zu Fälschungen und nicht autorisierten Drucken der „francobolli“ kommen könne. Daher verlangten die zuständigen Autoritäten, dass besondere technische Vorkehrungen zu treffen seien; den Druck übernahm dann die „Tipografia della Reverenda Camera Apostolica“, bekannt für die hohe Qualität ihrer Arbeit und die absolute Verschwiegenheit ihrer Mitarbeiter.

Am 1. Januar 1852 kam die erste Serie päpstlicher Briefmarken mit neun Werten von ½ bis zu 8 Bajocchi heraus, gedruckt in verschiedenen Formaten und Farben. Am 12. Juli folgten zwei weitere Marken zu 50 Bajocchi und 1 Scudo. Alle Marken zeigten in der Mitte die gekreuzten Schlüssel Petri unter der Tiara, der dreifachen Papstkrone; im oberen Feld war die Aufschrift „Franco Bollo Postale“ zu lesen, im unteren Feld der Wert.

Der 13. Oktober 1853 war ein weiteres wichtiges Datum in der Postgeschichte des Kirchenstaates. An diesem Tag begab sich Papst Pius IX. zur Via Appia. In einem kleinen Gutshaus, in unmittelbarer Nähe zum Grab der Cecilia Metella gelegen, war ein provisorischer Apparat aufgestellt worden, der die Telegraphenverbindung zwischen dem Kirchenstaat und dem Königreich Neapel begründete. Der „elektrische Draht“ war längs der Via Appia gelegt worden und endete an der Grenze beider Staaten bei Terracina. Der Papst sandte König Ferdinand II. telegraphisch seinen Apostolischen Segen, und der Monarch antwortete mit einer Dankesadresse. Nur wenig später wurde im Palazzo Capranica an der Piazza Montecitorio das erste päpstliche Telegrafenamt eingerichtet. Es folgten Verbindungen zu allen wichtigen Städten und Grenzorten der Päpstlichen Staaten.

Das erste reguläre Postamt des Kirchenstaates befand sich beim Palazzo Massimo zwischen dem heutigen Corso Vittorio Emanuele und der Piazza Navona. Hier war der Ausgangs- und Zielpunkt der Postkutschen, die damals Reisende, Briefe und Pakete beförderten. Später übersiedelte das Hauptpostamt des Kirchenstaates in den Hof des Palazzo Madama; Jahre danach fand es eine neue Niederlassung bei der Kirche San Silvestro in Capite – hier ist noch heute das römische Hauptpostamt anzutreffen. Die Verantwortung für die päpstliche Post übertrug Pius IX. in der zweiten Hälfte seines Pontifikates dem Handelsministerium des Kirchenstaates. Nach der Einführung der Lira im Kirchenstaat (18. Juni 1866) wurden die Werte der Marken in „Centesimi“ geändert. Am 21. September 1867 erschien die Serie zu 2, 3, 5, 10, 20, 40 und 80 Centesimi.

Als italienische Truppen am 20. September 1870 den Kirchenstaat besetzten, mußte die päpstliche Post ihre Dienste einstellen. Für die Übermittlung der Korrespondenz des Heiligen Stuhls setzte Pius IX. einen inoffiziellen Kurierdienst ein. 1874 wurden von 21 Staaten die Anfänge zur Weltpostunion gelegt. Bemühungen des Heiligen Stuhls um Aufnahme in die Union scheiterten am Einspruch der italienischen Regierung.

Am 11. Februar 1929 wurde mit den Lateranverträgen die Aussöhnung von Kirche und italienischem Staat besiegelt. Schon am 1. Juni 1929 unterzeichnete der Vatikanstaat in London die Verträge für seinen Beitritt zu den Mitgliedsländern der Weltpostunion. Mit Datum vom 31. Juli 1929 wurde von der Regierung des Vatikanstaates der „Servizio Postale“ offiziell errichtet. Einen Tag später nahm die vatikanische Post ihren Dienst auf. Im Dezember 1932 wurde der Vatikanstaat dann auch als ordentliches Mitglied in die Internationale Telegraphenunion aufgenommen.

Die vatikanische Post untersteht dem Generalsekretär der Regierung des Vatikanstaates, einem Prälaten im Rang eines Titularerzbischofs, und wird geleitet von einem „Ispettore PT“ (Inspektor für Post und Telegraphie). Die vatikanische Post führt alle üblichen Postvorgänge aus, mit Ausnahme der Bank- und Spardienste. Als Postverordnung gelten noch heute die „Nozione e Norme“ zur Durchführung des Post- und Telegraphendienstes vom 25. Oktober 1973.

Die Postverwaltung und das erste Postamt waren provisorisch im Turm Nikolaus’ V. errichtet worden. Die Räumlichkeiten zeigten sich bald als zu beengt. 1933 konnte Papst Pius XI. ein neues von Giuseppe Momo erbautes Postgebäude an der Via del Belvedere einweihen. Später wurden noch verschiedene Zweigstellen der „Poste Vaticane“ eingerichtet, so im linken Kolonnadenflügel des Petersplatzes (in der Nähe des Arco delle Campane), bei der Mauer an der Porta San Pietro und in den vatikanischen Museen. In den siebziger und achtziger Jahren gab es ein mobiles Postamt, das bei Bedarf auf dem Petersplatz eingesetzt werden konnte. Briefkästen der Vatikanpost befinden sich überall in der Vatikanstadt, auf den exterritorialen Besitzungen des Heiligen Stuhls in Rom und in der Päpstlichen Sommerresidenz von Castelgandolfo.

Die Herstellung, die Aufbewahrung und der Verkauf der Briefmarken fällt in die Verantwortung des „Ufficio filatelico e numismatico“ (Amt für Briefmarken und Münzen), einer Behörde der Regierung des Vatikanstaates. Sie hat ihren Sitz beim Gouverneurspalast in den Vatikanischen Gärten. Gedruckt werden die Marken in der Regel von der italienischen Staatsdruckerei. Doch gab es schon früh Ausnahmen; so wurden die Gedenkmarken zum Heiligen Jahr 1933 in Paris hergestellt. Für die Entwürfe der Briefmarken konnten berühmte Künstler wie Casimira Dabrowska, Enrico Federici, Andreina und Piero Grasselini, Enrico Manfrini, Giuseppe Rondini und Raffaele Scorzelli gewonnen werden.

Am 1. August 1929 wurden die ersten Freimarken des neuen Staates herausgegeben. Die Serie bestand aus 15 Werten für die normale Post und zwei Expressmarken. Die ersten sieben Werte erinnerten mit den gekreuzten Schlüsseln in der Mitte an die Briefmarken des alten Kirchenstaates; die übrigen trugen das Bild des regierenden Papstes, Pius’ XI. Ein Zeitzeuge, der römische Journalist Silvio Negro, berichtete, dass der erste Verkaufstag der neuen päpstlichen Briefmarken zu einem denkwürdigen Ereignis wurde: „Lange Reihen von Markenkäufern standen den ganzen Tag vor den Verkaufsschaltern Schlange, und die herbeiströmende Menge musste von den Gendarmen reguliert werden. Die Briefkästen wurden ständig geleert. Es musste eine Verkaufsbeschränkung auf drei Serien für jedes Mal festgesetzt werden, um nicht die ganze Kollektion sofort vergriffen zu sehen“. Am 1. Oktober 1931 kamen die ersten Strafportomarken und die Marken für den Versand von Päckchen heraus. Luftpostmarken des Vatikans erschienen erstmals am 22. Juni 1938 mit acht Werten.

In den Sechziger Jahren entwickelten sich die Briefmarken des Vatikans zu einem Spekulationsobjekt. Händler kauften die Marken gezielt auf. Der Vatikanstaat erhöhte die Auflage dann in einem solchen Maß, dass der Sammlerwert der Briefmarken ins Bodenlose stürzte. Als man daraufhin reagierte und noch vorhandene Bestände vernichtete, trat genau das Gegenteil der beabsichtigten Korrektur ein. Die Verwirrung bei den Philatelisten wurde noch größer und die Bewertung vatikanischer Marken beinahe unmöglich. Die päpstliche Postverwaltung besann sich: Sie legte von da ab die Auflagehöhe definitiv fest und ordnete Verkaufsbeschränkungen für Briefmarkenserien an. Heute sind die Briefmarken des Papstes wieder beliebte und seriöse Sammelobjekte.

Bisher gab die Vatikanpost Briefmarken für sechs Pontifikate (Regierungszeiten der Päpste) und sechs Sedisvakanzen (Zeiten zwischen dem Tod eines Papstes und der erfolgten Wahl eines neuen Pontifex) heraus. Nur in der kurzen Regierungszeit Papst Johannes Pauls I. vom 26. August bis zum 28. September 1978 erfolgte keine Emission.

In den vergangenen Jahren hat die Vatikanpost auch ganz neue Wege beschritten: sie gibt mit anderen Staaten Gemeinschaftsausgaben heraus, so mit Island anlässlich der 1000-Jahr-Feier der Christianisierung des Landes. Papst Benedikt XVI. nahm am 6. Juli 2005 von Bundesfinanzminister Hans Eichel (Deutschland) eine Sonderbriefmarke zum XX. Weltjugendtag in Köln entgegen. Die 55 Cent-Briefmarke ist das erste Postwertzeichen, das vom Bundesfinanzministerium und dem Vatikan gemeinsam ediert worden ist; die Auflage des Postwertzeichens betrug 19 Millionen Exemplare.

[Morgen: Die Münzen der Päpste]