Die Cappella Caracciolo del Sole in San Giovanni a Carbonara, Neapel

Interview mit Anna Delle Foglie

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ROM, 20. Februar 2012 (ZENIT.org). - Anna Delle Foglie, Kunsthistorikerin und Nachwuchsforscherin, veröffentlichte jüngst ihre Forschungsergebnisse über die Cappella Caracciolo del Sole. In einem Interview mit ZENIT erläutert sie die Besonderheiten der Kapelle.

[Das Interview führte Britta Dörre]

ZENIT: Welche neuen Forschungsergebnisse hat Ihre Arbeit erbracht?

Delle Foglie: Das wirkliche Ergebnis ist die Publikation des Buchs. Bis dato fehlte aus unerklärlichen Gründen eine entsprechende Studie über eine der schönsten Kapellen aus der Zeit zwischen der Spätgotik und der Renaissance in Süditalien.

ZENIT: Können Sie den geschichtlichen Hintergrund der Cappella Caracciolo del Sole darlegen?

Delle Foglie: Es ist eine lange Geschichte. Die Kapelle ist Bestandteil des Gebäudekomplexes von San Giovanni a Carbonara, ein wahrer Schatz der Kunst aus der Zeit zwischen dem 14. und 16. Jahrhundert. Die Kirche der „Eremitani di Sant’Agostino“ wurde von den Königen von Anjou Durazzo, Ladislaus und Johanna II. als „königliche Kirche“ ausgewählt, um die Erinnerung an ihre Herrschaft stets gegenwärtig zu halten.

Im Innern erhebt sich am Ende des Hauptschiffs das mächtige Grabmal Ladislaus', ein großartiges und beeindruckendes Marmormonument mit der Reiterstatue des Königs als Heerführer. Geht man an dem Grabmonument vorbei, gelangt man zur Kapelle Sergianni Caracciolo del Soles,  (Großer) Senneschall des Hofes.  

ZENIT: Ist die reichhaltige Dekoration der Kapelle einheitlich und aus derselben Zeit? Welche sind die bedeutendsten Künstler, die an der Ausgestaltung der Kapelle mitgearbeitet haben?

Delle Foglie: Die Kapellendekoration geht vor allem auf zwei Künstler zurück: Leonardo da Besozzo, der nach 1421 nach Neapel kommt. 1421 ist seine Tätigkeit zusammen mit seinem Vater Michelino da Besozzo, einem bekannten Maler und Miniaturmaler aus der Lombardei, am Mailänder Dom nachweisbar. Der zweite wichtige Künstler ist Perinetto da Benevento, der deutlich durch die lokalen künstlerischen Traditionen geprägt ist, gleichzeitig aber gegenüber den Neuerungen, die aus Katalanien nach Neapel gelangt sind, offen ist.

ZENIT: Worin besteht das ikonographische Programm? Gibt es seltende oder besondere Motive?

Delle Foglie: Die als Zentralbau angelegte Kapelle ist der Geburt Mariä geweiht und deshalb mit Szenen aus der Geschichte der Jungfrau Mariä ausgeschmückt: die Geburt Mariä, die Verkündigung, die Darstellung im Tempel, die „Dormitio Virginis“ und die Krönung. Ein Motiv von besonderem Interesse ist der Zyklus mit der Geschichte der Eremiten, der in der Kunst Süditaliens einen Einzelfall bildet. Es handelt sich um die Darstellung des Lebens der Kirchenväter in der Wüste aus  augustinischer Sicht. Es werden Eremiten wie der heilige Antonius Abate und Paulus von Theben, aber auch Alltagsszenen in der Wüste in der sog. ägyptischen Thebais wiedergegeben.

ZENIT: Die Kapelle gehört der Familie Caracciolo. Wo lassen sich Bezüge zur Politik der Familie feststellen?

Delle Foglie: In der Kapelle wird an mehreren Stellen der Auftraggeber gedacht: von den Bildnissen Sergianni Caracciolos in den Fresken bis zum Grabmal des Senneschalls, ein weiteres bedeutendes Werk der Renaissance-Skulptur wie auch die Verse des berühmten Humanisten Lorenzo Valla bezeugen. Embleme und heraldische Zeichen sind überall in der Kapellendekoration angebracht.

ZENIT: Ist die Kapelle stilistisch typisch für ihre Zeit? Lassen sich fremde stilistische Einflüsse nachweisen?

Delle Foglie: Stilistisch ist die Kapelle ein bedeutendes Beispiel der Spätgotik. Auch wenn die Fresken auf das dritte und vierte Jahrzehnt des 15. Jahrhunderts zu datieren sind, gibt die lombardische Herkunft Leonardo da Besozzos der Ausmalung eine typisch nordische Note. An diesem Punkt darf man nicht die Tätigkeit von Künstlern wie Pisanello in Neapel vergessen.

ZENIT: Inwieweit unterscheidet sich stilistisch die Renaissancekunst in Neapel und Rom?

Delle Foglie: Die Renaissancekunst in Neapel hat andere Bezugspunkte als die römische. Man muß die Rolle des neuen Herrschers Alfonso d’Aragona und die Einflüsse seiner südlichen Kultur in Betracht ziehen.   Der Bogen zwischen Neapel und Rom wird in der Publikation in Bezug auf die „Cronaca Crespi“ , dem Codex der „Uomini illustri“, der von Leonardo da Besozzo illustriert und signiert ist und anläßlich der Buchpublikation erstmalig in Farbe reproduziert wird, geschlagen. Die Bedeutung des Codex liegt in der Überlieferung der verlorenen Fresken Masolino da Panicales im Palazzo di Montegiordano Orsini in Rom.