Die demütige Stärke von Papst Franziskus

Fürchtet euch nicht vor der Güte, so der Aufruf des Papstes bei der Inthronisierungsmesse

Rom, (ZENIT.org) Bruno Forte | 1099 klicks

Im Folgenden veröffentlichen wir eine eigene Übersetzung eines von Msgr. Bruno Forte, Erzbischof von Chieti-Vasto, verfassten Leitartikels. Dieser erschien am 20. März 2013 in der italienischen Tageszeitung Il Sole 24 Ore (Seiten 1 und 14).

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Die von Papst Franziskus im Rahmen der Eucharistiefeier zur Einführung in das Amt des Bischofs von Rom und Nachfolgers Petri gesprochene Predigt enthält vier Worte, die diese Predigt meines Erachtens für alle Menschen kostbar macht. Diese vier Begriffe sind eingebettet in eine Rede von leuchtender Einfachheit, die vom Herzen ausgeht und zu den Herzen spricht. Es handelt sich gleichsam um die Predigt eines Hirten, der alle ihm von Gott Anvertrauten sowie jeden, der seine Worte hören möchte, sucht, liebt und umarmt.

Zunächst begegnet uns der Begriff „Obhut”. Dabei bezog sich der Papst auf die Rolle des hl. Josef als „Hüter“ Mariens und Jesu. Die Art, wie Josef diese Funktion ausführte, beschrieb Franziskus mit folgenden Worten: „rücksichtsvoll, demütig, im Stillen, aber beständig gegenwärtig und in vollkommener Treue, auch dann, wenn er nicht versteht“. Hüten bedeutet, dem anderen mit liebevoller Aufmerksamkeit nahe zu bleiben, für ihn vorzusehen, Sorge zu tragen und seinen Weg aus der Tiefe des Herzens und des Lebens zu achten und anzunehmen. „Hüter“ (hebr.: „shoter“) ist ferner der wunderbare Begriff, der im Alten Testamentes für Gott und die Heilsgeschichte verwendet wird: „Nein, der Hüter Israels schläft und schlummert nicht. Der Herr ist dein Hüter, der Herr gibt dir Schatten; er steht dir zur Seite“ (Ps 121, 4-5).

Ebenso wie der Ewige sein Volk behütet, behütet Josef die hl. Familie und fungiert mit seinem Verhalten als Vorbild für andere Formen der „Obhut“, zu denen wir alle berufen sind: die „Obhut“ der Schöpfung, des Nächsten, jene des für uns in unsere Mitte gekommenen Gottes. In diesem Zusammenhang formulierte Franziskus folgenden Appell: „Hüten wir Christus in unserem Leben, um die anderen zu behüten, um die Schöpfung zu bewahren!“. Der zutiefst menschliche Blick dieses Papstes weitete sich dann auf die gesamte Familie der Menschheit aus: „Die Berufung zum Hüten ist jedoch nicht nur eine Angelegenheit für uns Christen; sie hat eine Dimension, die vorausgeht und die einfach menschlich ist und alle betrifft. Diese Berufung besteht in der Bewahrung der gesamten Schöpfung, der Schönheit der Schöpfung, wie es uns im Buch Genesis gelehrt wird und wie es uns der hl. Franziskus gezeigt hat: Sie besteht darin, Achtung zu haben vor jedem Geschöpf Gottes und vor unserer Umwelt, die Menschen zu hüten, für jeden einzelnen mit Liebe Sorge zu tragen, besonders für die Kinder, die alten Menschen und die Schwächeren, die in unserem Herzen oft an den Rand gedrängt werden. Sie besteht darin, in der Familie aufeinander achtzugeben: Die Eheleute behüten einander, die Eltern kümmern sich dann um ihre Kinder und im Laufe der Zeit werden auch die Kinder zu Hütern ihrer Eltern. Hüten bedeutet, Freundschaften aufrichtig zu leben, denn diese sind ein gegenseitiges einander Behüten im Vertrauen, in der Achtung und im Guten.“

Diese Worte verweisen auf die Verbindung zwischen dem Gedanken des Hütens und jenem der „Zärtlichkeit“, die den zweiten herausragenden Begriff in der Predigt von Papst Franziskus darstellt. Dieses Wort bezeichnet nicht nur den Akt des Schenkens, sondern ein Geben mit Freude, das Freude hervorbringt. Wer durch das Geben Abhängigkeiten erzeugt, ist selbst nicht frei und macht nicht frei. Wer mit Freude schenkt und im anderen das Glück des beschenkt-Werdens einpflanzt und ihn erkennen lässt, dass jedes Geben ein gegenseitiger Austausch des Guten ist, streut Samen der Wahrheit, der Heiterkeit und der Schönheit für alle Menschen in der Welt aus. Die Bedeutung der Zärtlichkeit betonte der Papst mit folgenden Worten „Sich um einander zu kümmern und einander zu behüten verlangt Güte, es verlangt, mit Zärtlichkeit gelebt zu werden… Wir dürfen uns vor der Güte und vor der Zärtlichkeit nicht fürchten! …

Analog zum demütigen, konkreten und glaubensstarken Dienst des hl. Josef muss der Papst seine Arme ausbreiten, um das ganze Volk Gottes zu behüten und die gesamte Menschheit, vor allem die Armen, die Schwächeren und die Kleinsten mit Zuneigung und Zärtlichkeit darin aufzunehmen.“ Diese Worte lassen an jene denken, die Johannes XXIII. in seiner unvergesslichen „Mondscheinrede“ am Abend des 11. Oktober 1962, dem Eröffnungstag des II. Vatikanischen Konzils, gesprochen hat: Sie zeichnen das Bild von einer Kirche, die dem Menschen freundlich gesinnt und ihm zugewandt ist. Diese Kirche ist nicht gleich einer befestigten Hochburg um die Bewachung ihrer Bastionen besorgt, sondern wirkt wie die Hefe im Teig, das Salz in der Erde und das Licht in der Welt. Sie ist ein Geschenk des Guten für die gesamte Familie der Menschheit. Auf dieser Grundlage erschließt sich der Sinn des dritten Wortes in der Predigt von Franziskus: „Dienst“.

Dazu rief Franziskus in Erinnerung: “Wir dürfen niemals vergessen, dass die wahre Macht der Dienst ist und auch der Papst zur Ausübung seiner Macht immer mehr in jenen Dienst eintreten muss, der seinen leuchtenden Höhepunkt am Kreuz erreicht.“ Dienen bedeutet, sein Leben für die anderen hinzugeben, so wie Jesus es getan hat. Dienen bedeutet, das Wohl der anderen wichtiger als jede Art von parteiischem Interesse zu nehmen und dabei auf sich selbst vergessen zu können. Dazu betonte der Papst: „Jesus mit Maria zu behüten, die gesamte Schöpfung zu behüten, jeden Menschen zu behüten, vor allem die Ärmsten, uns selbst zu behüten: das ist ein Dienst, zu dessen Erfüllung der Bischof von Rom berufen ist, zu dem wir aber alle berufen sind, um den Stern der Hoffnung aufleuchten zu lassen.“ Der Bischof von Rom, ein Diener der Diener Gottes, appellierte an alle und jeden einzelnen, um mit allen die Verantwortung, die Herausforderung, das Versprechen und die Freude des Dienstes zu teilen. Er ist kein Herrscher, sondern vielmehr ein Diener, ein Freund, jemand, dem wir uns vertrauensvoll, frei von jeder Angst und in der Gewissheit, stets von ihm geachtet und angenommen zu werden, zuwenden können.

Der letzte der vier Schlüsselbegriffe dieses schönen Bekenntnisses von Papst Franziskus („Homilie“ bezeichnet das Bekenntnis des brennenden Glaubens, der dem Herzen des Gläubigen Licht und Nahrung gibt und die Freude seines Glaubens durch das Wort und das Leben verkündet) ist das Wort „Hoffnung“. Der Dienst des Bischofs von Rom, an dem wir alle im Ausmaß der von Gott erhaltenen Gabe teilzunehmen berufen sind, verfolgt konkret das Ziel, „den Stern der Hoffnung aufleuchten zu lassen.“ Der gegenwärtige Nachfolger Petri hegt die Überzeugung, dass es jedem Menschen gelingen kann, „mit Liebe das von Gott Geschenkte“ zu hüten. Das Schifflein Petri wird von einem demütigen, starken, zärtlichen und ruhigen Steuermann gelenkt: An alle richtet sich die Einladung, mit ihm zu fahren auf den Wassern des Lebens und der Geschichte, auch dann, wenn sich Stürme ankündigen. Es gilt, nicht nur zu hoffen, sondern Hoffnung entstehen zu lassen, sie gemeinsam hervorzubringen kraft eines Dienstes der Zärtlichkeit und der Obhut, der allen zuteil wird und alle aufnimmt.