Die drei österlichen Tage vom Leiden, vom Tod und von der Auferstehung des Herrn

Generalaudienz des Papstes in der Karwoche

| 745 klicks

ROM, 12. April 2006 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die Benedikt XVI. während der Generalaudienz heute, Mittwoch, gehalten hat.



Der Heilige Vater unterbrach am Vortag zum Gründonnerstag seine Katechesenreihe über die Beziehung zwischen Jesus Christus und seiner Kirche, um über die bedeutendsten Tage im Kirchenjahr zu sprechen. Alle Gläubigen ermunterte er, sich mit einer guten Beichte auf die Osterfreude vorzubereiten.

"Trotz aller Dunkelheit in der Welt hat das Böse nicht das letzte Wort. Getragen von dieser Gewissheit, werden wir uns mutiger und mit größerer Begeisterung dafür einsetzen können, dass eine gerechtere Welt entsteht."

* * *



Liebe Brüder und Schwestern,

morgen beginnt das Triduum Paschale, der Höhepunkt des gesamten liturgischen Jahres. Mit Hilfe der heiligen Riten des Gründonnerstags, des Karfreitags und der Feier der Osternacht werden wir das Geheimnis des Leidens, des Todes und der Auferstehung des Herrn wieder erleben. Es sind dies Tage, die dazu geeignet sind, in uns die Sehnsucht, Christus nachzufolgen und ihm großzügig zu folgen, neu zu wecken – im Bewusstsein dessen, dass er uns bis zum Opfer seines Todes geliebt hat.

Was sind jene Ereignisse, die uns das Heilige Triduum vor Augen führt, denn anderes als die höchste Manifestation dieser Liebe Gottes zum Menschen? Bereiten wir uns also darauf vor, das Triduum Paschale zu feiern, und nehmen wir die Ermahnung des heiligen Augustinus in uns auf: "Betrachte jetzt aufmerksam die drei heiligen Tage der Kreuzigung, des Begräbnisses und der Auferstehung des Herrn. Von diesen drei Mysterien vollziehen wir im gegenwärtigen Leben das, wofür das Kreuz das Symbol ist, während wir im Glauben und in der Hoffnung das vollziehen, wofür Begräbnis und Auferstehung Symbol sind" (Epistola 55, 14, 24).

Das Triduum Paschale beginnt morgen, am Gründonnerstag, mit der abendlichen Messe "in Cena Domini", auch wenn am Vormittag normalerweise eine andere bedeutsame liturgische Feier stattfindet: die Chrisam-Messe, in der die ganze Priesterschaft einer jeden Diözese, versammelt um den Bischof, die priesterlichen Gelübde erneuert und an der Segnung der Öle der Katechumenen, der Kranken und des Chrisam teilnimmt. So werden wir es auch hier in St. Peter morgen Vormittag tun.

Neben der Einsetzung des Priestertums wird an diesem heiligen Tag der Ganzhingabe gedacht, die Christus für die Menschheit im Sakrament der Eucharistie vollzogen hat. In derselben Nacht, in der er verraten wurde, hat er uns, wie die Heilige Schrift festhält, das "neue Gebot" – "mandatum novum" – der brüderlichen Liebe hinterlassen und die Geste der Fußwaschung vollzogen, die an den niedrigen Sklavendienst erinnert und ans Herz geht. Dieser besondere Tag, der ein großes Mysterium zum Erwachen bringt, schließt im Gedenken an die Agonie des Herrn im Garten von Getsemani mit der eucharistischen Anbetung. Von großer Angst erfüllt, so heißt es im Evangelium, bat Jesus die Seinen, mit ihm zusammen im Gebet zu verharren: "Bleibt hier und wacht mit mir" (Mt 26,38). Die Jünger aber schliefen ein. Auch heute sagt uns der Herr noch immer: "Bleibt hier und wacht mit mir." Und wir sehen, wie auch wir, die Jünger von heute, oft schlafen. Jene Stunde war für Jesus die Stunde der Verlassenheit und der Einsamkeit, der inmitten tiefster Nacht die Verhaftung und der Beginn des schmerzhaften Weges auf den Kalvarienberg folgten.

Auf das Mysterium des Leidens konzentriert sich der Karfreitag, ein Tag des Fastens und der Buße, der ganz auf die Betrachtung Christi auf dem Kreuz ausgerichtet ist. In den Kirchen wird die Passionsgeschichte verkündet und die Worte der Propheten Sacharija hallen wider: "Sie werden auf den blicken, den sie durchbohrt haben" (Joh 19,37).

Am Karfreitag wollen auch wir den Blick wirklich auf das durchbohrte Herz des Erlösers richten, in dem – so schreibt der heilige Paulus – "alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis verborgen sind" (Kol 2,3), ja, mehr noch: in dem allein "wirklich die ganze Fülle Gottes" wohnt (Kol 2,9). Deshalb kann der Apostel entschlossen sagen, dass er nichts anderes wissen will "außer Jesus Christus, und zwar als den Gekreuzigten" (1 Kor 2,2).

Es ist wahr: Das Kreuz offenbart "die Länge und Breite, die Höhe und Tiefe" – die kosmischen Dimensionen, das ist hier gemeint – einer Liebe, die jede Erkenntnis übersteigt. Die Liebe geht über das Erkennbare hinaus und wird von "der ganzen Fülle Gottes" erfüllt (vgl. Eph 18-19). Im Geheimnis des Gekreuzigten "vollzieht sich jene Wende Gottes gegen sich selbst, in der er sich verschenkt, um den Menschen wieder aufzuheben und zu retten – Liebe in ihrer radikalsten Form" (Deus caritas est, 12). Das Kreuz Christi, so schreibt der heilige Papst Leo der Große im fünften Jahrhundert, "ist die Quelle aller Segnungen und Ursache aller Gnaden" (Disc. 8 sulla passione del Signore, 6-8; PL 54, 340-342).

Am Karsamstag verbindet sich die Kirche im Geist mit Maria und bleibt im Gebet nahe beim Grab, wo unbeweglich der Leichnam des Sohnes Gottes liegt, als ruhe er nach dem Schöpfungswerk der Erlösung, das durch seinen Tod verwirklicht wurde (vgl. Heb 4,1-13). Zu vorgerückter Stunde wird das Fest der Osternacht beginnen: In jeder Kirche wird dann aus den Herzen der Neugetauften und der ganzen christlichen Gemeinschaft, die sich darüber freut, dass Christus auferstanden ist und den Tod besiegt hat, der freudige Gesang des Gloria und des österlichen Halleluja emporsteigen.

Liebe Brüder und Schwestern, damit die Feier des Osterfestes fruchtbar sein kann, bittet die Kirche die Gläubigen, sich in diesen Tagen dem Bußsakrament zu nähern, das für jeden von uns eine Art Tod und Auferstehung bedeutet.

In der antiken christlichen Gemeinschaft wurde am Gründonnerstag der Ritus der Versöhnung der Bußgänger abgehalten, dem der Bischof vorstand. Die geschichtlichen Umstände haben sich sicherlich verändert, sich mit einer guten Beichte auf das Osterfest vorzubereiten, bleibt jedoch eine aufzuwertende Gewohnheit. Sie schenkt uns nämlich die Möglichkeit, unser Leben neu zu beginnen und in der Freude des Auferstandenen sowie in der Gemeinschaft der uns von ihm gewährten Vergebung einen wirklichen Neuanfang zu machen. Im Bewusstsein, dass wir Sünder sind, aber im Vertrauen auf seine göttliche Barmherzigkeit, wollen wir uns durch Christus versöhnen lassen, um die Freude intensiver zu verkosten, die er uns mit seiner Auferstehung zukommen lässt. Die Vergebung, die uns von Christus im Sakrament der Buße geschenkt wird, ist Quelle des inneren und des äußeren Friedens und macht uns zu Aposteln des Friedens inmitten einer Welt, in der leider Spaltungen und Leid sowie das Drama von Ungerechtigkeit, Hass und Gewalt, aber auch die Unfähigkeit, sich zu versöhnen, um dank einer aufrichtigen Vergebung von neuem anzufangen, fortdauern. Wir aber wissen, dass das Böse nicht das letzte Wort hat, weil Christus, der Gekreuzigte und Auferstandene, siegt und sein Triumph in der Kraft der barmherzigen Liebe zum Ausdruck kommt. Seine Auferstehung gibt uns folgende Gewissheit: Trotz aller Dunkelheit in der Welt hat das Böse nicht das letzte Wort. Getragen von dieser Gewissheit, werden wir uns mutiger und mit größerer Begeisterung dafür einsetzen können, dass eine gerechtere Welt entsteht.

Das wünsche ich von ganzem Herzen euch allen, Brüder und Schwestern. Ich wünsche euch, dass ihr euch mit Glauben und andächtig auf die kommenden Osterfeierlichkeiten vorbereitet. Es begleite euch die allerseligste Jungfrau Maria, die ihrem göttlichen Sohn in den Stunden des Leides und des Kreuzes gefolgt ist und dann mit ihm die Freude seiner Auferstehung teilte.

[Auf Deutsch sagte der Heilige Vater:]

Liebe Brüder und Schwestern!

Die kommenden Tage – Gründonnerstag, Karfreitag und die Osternacht, die auch österliches Triduum genannt werden – bilden den liturgischen und geistlichen Höhepunkt des ganzen Kirchenjahres. Die Betrachtung des Leidens, des Sterbens und der Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus erweckt in uns ein lebendiges Verlangen, dem Sohn Gottes auf dem Weg der Selbsthingabe nachzufolgen. Er hat uns seine Liebe bis zur Vollendung erwiesen, bis zum Tod am Kreuz.

Am Gründonnerstag folgen wir dem Herrn in den Abendmahlssaal, den Ort der Einsetzung der Eucharistie und des Weihepriestertums. Wir nehmen uns sein "neues Gebot" zu Herzen: "Liebet einander, so wie ich euch geliebt habe" (Joh 13, 34).

Auf das Mysterium des Leidens und Sterbens des Sohnes Gottes konzentriert sich sodann die Liturgie des Karfreitags. "In seinem Tod am Kreuz vollzieht sich jene Wende Gottes... , in der er sich verschenkt, um den Menschen wieder aufzuheben und zu retten – Liebe in ihrer radikalsten Form" (Deus caritas est, 12).

Am Karsamstag verharrt die Kirche mit Maria betend am Grab, in dem der Leichnam Jesu nach seiner Abnahme vom Kreuz ruht. Und schließlich erklingt in der Osternacht der Jubel der Erlösten über den auferstandenen Herrn, der den Tod endgültig besiegt hat.

Einen glaubensfrohen Gruß richte ich an euch, liebe Pilger und Besucher deutscher Sprache, besonders an die Oberösterreicher mit ihrem Landeshauptmann und an die Jugendlichen aus Eichstätt.

Die Feier des österlichen Triduums nimmt uns hinein in das Erlösungsopfer Christi. Wir wollen uns darauf auch durch den Empfang des Bußsakraments vorbereiten. Die Beichte ist eine Quelle des Friedens und macht uns zu Aposteln des Friedens. Der Herr schenke euch die Gnade, als "neue Menschen" in dieser Welt zu wirken. Allen eine gesegnete Karwoche!

[ZENIT-Übersetzung; © Copyright 2006 des italienischen Originals – Libreria Editrice Vaticana]