Die eine liebst du - Mit einer anderen gehst du?

Antwort von P. Ivan Fuček SJ, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom

Rom, (ZENIT.org) P. Ivan Fuček SJ | 249 klicks

Ich bin seit mehreren Jahren in ein Mädchen verliebt. Ich ging mit ihr. Sie unterbrach alles plötzlich mit der Begründung, dass sie für mich nichts fühlt und dass sie nicht spielen kann. Es war schrecklich für mich. Ich habe den Eindruck, dass ich ohne ein Mädchen nicht leben kann, und seit einer kurzen Zeit habe ich angefangen, mit einer anderen zu telefonieren, sie zu besuchen; wir sind bereits weit gegangen. Sie ist bedeutend älter als ich, und ich habe es nicht vor, mit ihr eine Ehe einzugehen, und ich liebe sie auch nicht, weil ich noch immer meine erste Freundin liebe. Auf diese Tatsache ist die zweite Freundin ziemlich wütend geworden, und das passt mir richtig. Bevor ich mit ihr zusammenkomme, um das Schlimmste zu vermeiden, wähle ich als Prävention kleineres Übel: ich befriedige mich selbst. In der Zwischenzeit schloss ich mit meiner ersten Freundin erneut Freundschaft. Ich wünsche es so sehr, dass in ihr die Liebe erwacht! Wenn nicht, wird mir mit der Zeit klar werden, ob ich von ihr frei bin oder nicht, obwohl meine Gefühle ihr gegenüber nie mehr erlöschen können. Während ich mit ihr weit weg von jeder körperlichen Berührung bin, brauche ich die andere wegen Befriedigung, obwohl ich nicht bis zum Äußersten gehen möchte.

Als der Beichtvater meine Situation begriffen hatte, war er traurig und sagte mir, dass ich die zweite Freundin in jedem Fall verlassen muss, denn zur gleichen Zeit zwei Freundinnen zu haben – eine wegen der Liebe, und mit der anderen zu  sündigen –ist es einfach gegen die Würde der menschlichen Person. Das bedeutet Zwiespalt und Einübung in Heuchelei für späteres Eheleben. Das bedeute für mich ebenfalls eine schwere sündige Gelegenheit, und solange ich sie nicht verlassen habe, soll ich nicht Sakramente empfangen. Schweren Herzens beschloss ich, sie zu verlassen, aber nich sofort, und für später möchte ich mit ihr in Freundschaft bleiben.

Was der Beichtvater sagt, sehe ich ein, außer, dass ich keine Sakramente empfangen darf. Das kränkt mich. Mein Gewissen sagt mir anders – dass ich zur Kommunion gehen kann. Was denken Sie darüber?

R. B., Student – Rijeka

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Dein Fall ist viel schwieriger als du denkst. Die erste und deine einzige Freundin, wie man sieht, liebt dich nicht. Du versuchst erneut, den Kontakt auf der freundschaftlichen Basis herzustellen. Du möchtes, dass in ihr die Liebe dir gegenüber erwacht. Ich fürchte mich, du versuchst die Liebe in ihr mit Gewalt und künstlich zu erzeugen. Vielleicht wird sich in ihr etwas bewegen. Aber, ob das ein ausreichendes Fundament für eine spätere Ehe sein kann? Glaube nicht, dass du in einer Ehe mit einer Person glücklich sein kannst, wenn du ein Krümmchen ihrer Liebe erbetteln musst. Sie könnte sich später sehr abstossend dir gegenüber verhalten.

Es ist Zeit, dass du dich deinen Gefühlen zu ihr gegenüber kritisch, reifer verhälst, dass du sie nicht idealisierst. Und gerade der Mangel an Kritik, an Reflexion über diese Beziehung und an Reife haben dich in eine Saggasse einer plötzlichen neuen Beziehung verführt, während du die erste nicht nur bewahren möchtest, sonder auch bis zum möglichst hohen und notwenigen Maß entfalten. Es ist notwendig, dass du so bald wie möglich mit deinen Gefühlen der ersten Freundin gegenüber ins Reine kommst. Du bist kein Kind mehr. Es ist unverständlich, dass du so sehr an einem Mädchen hängst, das dich abstösst, mit dem du keine reale Chance hast.

Was die andere Freundin betrifft, als Ergebnis deiner Ungeduld und deiner Schawäche, ist diese Beziehung in der Wurzel schlecht. Du hast mit ihr keine ernsten Absichten, aber du willst „Befriedigung“. Du möchtest alles, und du möchtest nicht „bis zum Äußersten“ gehen. Du kennst die Gesetze der menschlichen Psychologie und des „freien Falles“ nicht. Wenn ein Fels sich vom Berg losreisst, wo wird er stehen bleiben?  Deine sündige „Prävention“ als „kleineres Übel“, wie du dich ausdrückst, ist ebenfals schwerwiegend. Damit entstellst du dich charaktermäßig und sittlich. Siehst du nicht, dass das alles ein Einstieg in die Liebelei und Entwürdigung bis zum Fallen ist? Du kannst ohne Mädchen nicht? Das ist einfach nicht wahr! Wahrheit ist etwas anders: du willst nicht begreiffen, dass du ohne Mädchen kannst. Ist es dir nicht klar, dass das Geschlechtsleben außerhalb der rechtmäßigen Ehe nicht gelebt werden darf? Und du suchst ausdrücklich nach einem Geschlechtsleben. Du sagst selbst: „mir ist es angenehm“. Du denkst nicht altruistisch an sie, an die Folgen, Schocks, Traumen, die darus folgen können. Sie wird sich in derselben Situation finden, in der du dich jetzt mit deiner ersten Freundin befindest.

Ich habe den Eindruck, dass du einen vernüftigen und guten Beichtvater erwischt hast, der dich liebt, und der vor dir seine Pflicht dem Sakrament der Versöhnung gegenüber nicht verbergen kann und nicht darf. Er stellt sich richtig deiner inneren Haltung gegenüber: er möchte dich aus dieser Situation retten.

Erstens, es handelt sich tatsächlich um zwei Freundinnen zur gleichen Zeit: die eine liebst du, mit der anderen gehst du, und ihr seid, sagst du, bereits „ziemlich weit“ gegangen. Werdet ihr morgen nicht noch weiter gehen? Eine solche Moral hat nichts Gemeinsames mit dem, was Christus verkündet: „Ich aber sage euch: Wer eine Frau auch nur lüstern ansieht, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen“ (Mt 5, 28). Also, bedeutet bereits ein lüsternder Blick ein Übel. Wie sollen wir dann lüsternde Küsse, Umarmungen und anders beurteilen; alles, was der Lüsternheit des Menschen „angenehm“ ist, und was mit dem Evangelium nicht zu vereinbaren ist? Da handelt es sich um „Flirt“ und um „Petting“, d.h. um besondere Ausdrucksweisen der zwischensexuellen Annährung, der Sexualspiele, der emotiv-erotischen Intimitäten. Und das liegt alles außerhalb des Rahmens der echten Liebe. Es handelt sich um das Programm zweier Personen auf der erotisch-sexuellen Basis, außerhalb der Absicht, ein gemeinsames Leben in der Zukunft in einer Ehe zu führen. Es handelt sich um die Zusammenkünfte des Vergnügens, ohne irgendwelche verantwortliche Aufgaben, nur mit dem Ziel der sexuellen Befriedigung und der Manipulationen, die auf dem Plan der erotischen Kunst und der Techniken verbleiben.

Es handelt sich eigentlich um die „Entzweiung des Leibes vom Herzen“, und höhere Sphären der Persönlichkeit und Werte der menschlichen Würde sind ausgeschlossen. Zwei Körper, durch künstliche Stimulierung in Bewegung gesetzt, werden zu zwei „Maschinen“, wie in einem Laboratorium, untergeordnet gewaltsam hervorgebrachten Reaktionen mit dem Ziel zu einem sinnlichen Genuss zu gelangen. Manche bezeichnen dieses System als „Freundschaft einer snderen Art“; d.h. Freundschaft Auf der sexuellen Basis in allem, außer Sexualakt. Die Freundschaft der „ersten Art“ wäre eine normale Freundschaft wie unter den Schulkollegen und -kolleginnen oder unter den Kollegen auf dem Arbeitsplatz. Und die Freundschaft der „dritten Art“ würde den Sexualakt selbst miteinschließen. Die Impulse, die dazu bestimmt sind, im Menschen ein lebendiges Teil der „Liebe“ zu sein, werden auf diese Weise gewaltsam getrennt von ihren wertvollen Aufgaben, um fatale Zustände der Spannung und der psycho-affektiven Ruinen zu hinterlassen.

Christus, der Herr, hat nicht eine „neue christliche“ unmögliche und nichtzurealisierende Moral gebracht. Nein! Er hat nur verkündet, wie soll ein edler, aufrichtiger Mensch sein, um sich im Leben als Mensch verwirklichen zu können, d.h. was des Menschen würdig ist. Also, was Christus sagt, verpflichtet den Christen und jeden anderen Menschen.

Zweitens, du befindest dich wirklich in einem großen Zwiespalt. Das ist eine Einübung in zukünftige schwere Verfehlungen und eheliche Untreue. Du wirst deinen edlen Charakter entstellen, um später nach der Parole verkommener Männer zu handeln: „Wenn meine Frau mich nicht befriedigt, suche ich mir eine andere“, oder „“Meine Frau halte ich mir in Ehren, eine andere habe ich als Sexualreservat.“ Solche Aussagen werden, leider, heutzutage immer öfter gehört, und sie werden durch die tägliche Presse, Fernsehsendungen, Filme und Illustrierte bestätigt. Aber diese Haltungen haben nichts Gemeinsamen mit der Haltung Jesu Christi, aber auch nicht mit einem echten menschlichen Ethos oder Moral, die uns unser Herr verkündt hat, die aber der Mensch seit immer in sich trägt.

Drittens, der Beichtvater hat richtig konstatiert, dass du dich in einer sündigen Gelegenheit befindest. Aber hier handelt es sich nicht nur um eine Gefahr von größeren oder kleineren Sündenfällen, sondern es handelt sich in erster Linie um eine sündige Situation, die du für dich gewählt hast, und die du nicht verlässt, und die in ihrer Wurzel übel ist: sich sexuell mehr oder weniger befriedigen. Du hast angeblich „beschlossen“, das Mädchen zu verlassen, und du siehst nicht, dass du diese Entscheidung durch eine andere Entscheidung zunichte machst, indem du sagst: „aber nicht sofort“? Da gibt es eigentlich gar keine Entscheidung; du möchtest, aber du willst nicht. Denn, wenn du wirklich wolltest, würdest du auch die Möglichkeit finden, mit ihr Schluss zu machen. Du hast also für dich die Gefahr der Sünde gewählt, du bewegst dich in diesem Element, mit der ständigen Gefahr zu sündigen. Übrigens, sind deine bisherigen Handlungen mit dem gleichen Mädchen nicht schon Sünde, denn du sagst: “wir sind schon ziemlich weit gegangen“?

Hast du gar keine Gewissensbisse? Und wenn das wirklich so ist, ist das nicht ein Zeichen dafür, dass dein Gewissen nicht in Ordnung ist, und dass es nach objektiven Werten formiert werden soll? Dein Vorgehen ist im Kern sehr gefährlich und sehr riskant.

Siehst du nicht, warum du diese sündige Gelegenheit meiden musst? Nun, derjenige, der eine sündige Gelegenheit wünscht und sogar sucht, und dazu keinen guten berechtigten Grund hat, wünscht damit all das, was mit dieser Gelegenheit zwingend oder wahrscheinlich in Verbindung steht. Und zwingend oder wenigstens wahrscheinlich verbunden mit dieser Gelegenheit sind Verfehlungen, Sünden. Das kannst du nicht bestreiten, und das ist auch deine Absicht: „wegen Befriedigung“. In diesen Zusammenkünften ist immer die Gefahr der Schwäche gegenwärtig. Eine solche Gefahr wird sehr leicht zu einer unbedingten schweren Sünde. Da du aber verpflichtet bist, die Sünde zu meiden, bist du auch verpflichtet all das zu meiden, was zu dieser Sünde führt: Telefongespräche, Zusammenkünfte, Küsse, Umarmungen und alles andere.

Deshalb, derjenige, der eine sündige Gelegenheit nicht meiden will, obwohl er das mit etwas Anstrengung könnte, meidet auch die Sünde nicht, zu der es auf diesem Wege kommen kann; obwohl er nicht ausdrücklich daran denkt, wünscht er und lässt das Übel zu. Und solange wir die Sünde, wenigstens inklusive, zulassen und wünschen, hat sich unser Herz nicht bekehrt; es hat sich nicht von Bösen abgewendet und Christus erwählt. Im Gegenteil, wenigstens inklusive, hat es das Böse erwählt und ist im Bösen verblieben.

Dein Beichtvater sagte zu dir, dass du dich in einer „schwerwiegenden sündigen Gelegenheit“ befindest. Meiner Ansicht nach, urteilt er richtig. Die Verbindung zwischen einer schweren sündigen Gelegenheit und der Sünde selbst ist sehr wahrscheinlich, d.h. es ist sehr wahrscheinlich, dass du in einer solchen Gelegenheit (denke nur an die Art euerer Zusammenkünfte!) fallen wirst. Auch wenn du nicht fällst, setzt du dich ständig dieser Gefahr aus. Solange du diese Haltung hast und dich für die sündige Gelegenheit entscheidest, kannst du nicht mi „ruhigen Gewissen“ Sakramente empfangen. So stehen die Dinge, wenn wir sie objektiv betrachten.

Wenn wir die Dinge subjektiv betrachten, d. h. von der Seite deines eigenen Gewissens, wie es im Augenblick ist, kann dir, denke ich, der Beichtvater die Lossprechung erteilen, und zwar aus folgendem Grund: du begreifst noch nicht die adjektive Verbindung zwischen der sündigen Gelegenheit und der Sünde. Du bist zu dieser klaren Erkenntnis noch nicht gelangt. Obwohl du im Irrtum lebst, indem du glaubst, diese sündige Gelegenheit mit dem Kommunionempfang verbinden zu können, da du ehrlich vor Gott und deinem Gewissen so denkst und so fest überzeugt bist, obwohl du dich im Irrtum befindest, kannst du die Lossprechung empfangen. Bedingung dafür ist, dass du ernsthaft als deine Pflicht begreifst, dein subjektives – in diesem Fall irriges Gewissen – so schnell wie möglich korrigierst und nach den objektiven Forderungen formst, wie ich das vorher ausgeführt habe.

Zum Schluss, sage ich dir in aller Freundschaft, dass das Problem von selbst nicht geregelt werden kann, einfach so „mit der Zeit“, ohne dein ernsthaftes Bemühen. Das Böse hat dich erfasst, und bereits morgen kann es dich ins Verderben stürzen.

 „Noch heute“, „noch nur einmal“, dass wir uns sehen, zusammentreffen, miteinander sprechen und ähnlich… Auf diese Weise läuft man immer mehr der Gefahr entgegen, zu fallen. Verhalte dich nicht so, sondern sofort, an Ort und Stelle, fasse deinen Entschluss! Dieses Mädchen musst du in jedem Fall verlassen!

Und was das erste Mädchen betrifft, wie ich bereits gesagt habe, siehst du nicht, dass deine Liebe ihr gegenüber keine Perspektive hat? Du musst dich kritischer deinen Gefühlen gegenüber stellen! Ich denke, du müsstest genügend Freiheit besitzen, und in Ruhe dich von diesem Mädchen trennen, geführt von deinem Verstand, vielleicht mit Hilfe der Freunde, deines Beichtvaters, und nach einer normalen passenden Gefährtin für dein Leben suchen.

Sei nicht mutlos und schwach! Die Mutlosigkeit ist der größte Feind des Erfolges, und wenn du deiner Schwäche gegenüber nachlässt, besteht die Gefahr, dass du deine Zukunft kaputtmachst.

(Quelle: Ivan FUČEK, Moral-Geistliches Leben, Band Drei: Sünde – Bekehrung,  Split, 2004, Seiten 368-371)

Ivan Fuček ist Jesuitenpater, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom und Theologe an der Apostolischen Pönitentierie.