Die enge Beziehung zwischen AT und NT in der christlichen Liturgie

Beiträge zur Theologie der Liturgie von Don Mauro Gagliardi

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ROM, 12. November 2009 (ZENIT.org).- Papst Benedikt XVI. hat als Kardinal die Liturgie mit einem Fresko verglichen, das durch das II. Vatikanische Konzil freigelegt wurde und „einen Augenblick" seine faszinierende Schönheit zeigte, "aber inzwischen ist es durch klimatische Bedingungen wie auch durch mancherlei Restaurationen und Rekonstruktionen gefährdet und droht, zerstört zu werden, wenn nicht schnell das Nötige getan wird, um diesen schädlichen Einflüssen Einhalt zu gebieten“. Im zweiten Beitrag unserer jeweils am Donnerstag erscheinenen Reihe „Liturgische Erneuerung“ (deren erster Beitrag mit dem Thema: Die Liturgiereform geht weiter am 5. November erschien), der ursprünglich auf Englisch verfasst wurde, hat Pater Paul Gunter OSB, Professor an der Päpstlichen Liturgischen Instituts in Rom, und Berater des Amt für Liturgischen Feiern des Papstes, die Beziehung zwischen dem Alten und Neuen Testament in der christlichen Liturgie vertieft.

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Pater Paul Gunter, OSB

Das Leben Jesus Christi bekam durch das öffentliche und private Gebet seine Gestalt.

Jesus war mit der Liturgie der Synagoge vertraut, und sein ständiger Wunsch war es, den Willen des Vaters zu tun, und dies getragen von der Liturgie Israels, während die Tora die Opfergaben, die für die Anbetung Gottes nötig waren, regulierte. Die historische Entwicklung führt uns vom Kult Israels im Alten Testament hin zum Neuen Testament, während die Heilsgeschichte ihre Einheit in der Verbindung von Kreuz und Auferstehung Jesu findet [RATZINGER J., The Spirit of the Liturgy ,Ignatius Press, San Francisco 1999, 37].

Ohne Berücksichtigung der engen Beziehungen zwischen dem Alten und Neuen Testament wäre es unmöglich, das Geschenk und die Bedeutung der christlichen Liturgie zu verstehen.

Im Rahmen dieser grundlegenden Verbindungen darf nicht vergessen werden, dass sich die jüdische Praktiken im Laufe der Geschichte entwickelt haben, vor allem nach der Zerstörung des Tempels. Ähnlich hat sich dann die christliche Liturgie in verschiedenen Kontexten im Laufe der Jahrhunderte entwickelt.

Viele Wissenschaftler argumentieren, dass die Liturgie der Synagoge sich verändert hat, als die Rituale, die zuvor im Tempel stattfanden, in die Synagogen verlegt worden waren. Bei der Suche nach Parallelen zwischen Christen und Juden kann man manchmal auch erkennen, dass sie sich auf verschiedenen Ebenen gleichen und in anderen voneinander abheben.

Einfluss auf das Christentum übten wesentlich die jüdischen Bewegungen der ersten Jahrhunderte aus. Diese entstanden aufgrund der Zerstörung des Tempels oft aus dem Vergleich mit den verschiedenen Traditionen, was auch mit der großen Bandbreite der rabbinischen Tradition zu tun hat, die erst später als orthodoxes Judentum akzeptiert worden ist [LEVINE LI, The Ancient Synagogue: The First Thousand Years , Yale University Press 1999, 134-159].

Die Mahnung des hl. Paulus, ohne Unterlass zu beten (1 Thess 5,17), zehrt von den verschiedenen Zeiten für das tägliche Gebet, die in der Liturgie Israels inspiriert ist. Im Buch Deuteronomium fordern die Verse 6,7 und 11,19 die Rezitation des "Schma Israel" [Höre Israel] an jedem Morgen und jedem Abend. Daniel 6,10 fügt drei weitere Momente des Gebets hinzu, die während des Tages gehalten werden. Die fünf verschiedenen Zeiten der jüdischen Tagesliturgie drehen sich um Morgen- und Abendgebet. Es wird vermutet, dass das Pfingstfest am Morgen begann, als die Jünger sich zum Gebet versammelten (Apg 2,15). Petrus war im Mittagsgebet, als er eine Vision in Joppe sah (Apg 10,9). Petrus und Johannes gingen in den Tempel, um dort täglich um die neunte Stunde zu beten (Apg 3:1). Die Psalmen der "Hallel", 148-150, charakterisieren den Christlichen Lobpreis. Der Psalm 141 legt den Schwerpunkt auf das Opfer zur Vesperzeit. Die Hausliturgie des Lichtes am Sabbat bzw. Samstag, als Teil des Lobpreisopfers enthält viele christliche Hymnen und Gebete, die das Licht Christi weitergetragen haben. Die Didaché gibt, statt des jüdischen Gebets der achtzehn Segnungen [KUNZLER M., The Church's Liturgy , Continuum, New York, 2001, 333] die Rezitation des Vaterunsers dreimal am Tag vor.

Neben dem Stundengebet zentrierte sich das Leben der Urgemeinde in Jerusalem auf die Eucharistie. Nichtsdestoweniger kann die Gemeinschaft sich auch durch die Funktionen in Tempel und Synagoge getragen wissen, wenn man bedenkt, dass die Verehrung des Vaters Jesu Christi auch durch den Sohn geschehen kann. Die erste Liturgie der Christen, die spezifisch „christlich" war, zeichnete sich durch eine konstruktive einfache Form aus, und die ersten Christen erfüllten sich so ihren Wunsch nach einer feierlichen Liturgie.

Die ersten Eucharistiefeiern fanden im Rahmen einer gemeinsamen Mahlzeit statt; am Anfang war es der Hausherr, der das Brot gebrochen hat. In der jüdischen Tradition kam die religiöse Bedeutung des Essens im frühen "Kiddusch" und abschließenden "Berakah" zum Ausdruck, in dem die drei Gebete des Segens über den Silberkelch des Segens gesprochen wurden: der Dank für das Essen, das geteilt wurde; die Ehrungen für das Gelobte Land und Gebete für Jerusalem.

Der Bericht von der Schale und dem Brechen und Teilen des Brotes in Lukas 22,17 steht im Einklang mit der Tradition der "Kiddusch", der das Essen einleitet. Die Worte, die über den Kelch „nach dem Abendmahl" (Lk 22,20) gesprochen werden, beziehen sich auf den Kelch des Segens nach einer Mahlzeit [KUNZLER M., The Church's Liturgy , 177].

Das Abendmahl Jesu, weit entfernt von jeder Dimension der Brüderlichkeit, steht in der Tradition der festlichen Mahlzeiten mit ihren jüdischen Ritualen, die auf das Bündnis Gottes mit Israel gerichtet sind.

Die Neuheit des Letzten Abendmahls ist fest mit dem neuen und ewigen Bund durch das Opfer des Leibes und Blutes Christi gegründet. Nach Christi-Himmelfahrt traf sich die Gemeinschaft der Apostel, um zusammen „zu Hause" (Apg 2,46) das Brot zu brechen und sich im Tempel zu treffen.

Was die Ursprünge der Geschichte des Gottesdienstes angeht, so beschreibt das Buch Genesis die Anordnung an Abraham, seinen einzigen Sohn zu opfern und in Richtung Gelobtes Land aufzubrechen. Das Opfer, das in Form eines Lammes dargebracht wurde, war das Opfer, das Gott dem Abraham gegeben hatte und dass Abraham gerechterweise angeboten hat.

In diesem Sinne bieten wir das Opfer, so wie es im Römischen Kanon beschrieben ist "de tuis donis ac datis". Hier ist das Lamm Gottes, nicht als Ersatz, sondern als wahres Sinnbild [RATZINGER J., The Spirit of the Liturgy , 38], als „Agnus Dei, durch das uns Gott führt. Im Buch Exodus, Kapitel 12, beim Einsetzungsbericht der Liturgie des Osterfestes, ist es das Lamm der Erlösung, der Erstgeborene, von dem später gesagt wird, er sei „der Erstgeborene der Schöpfung" (Kol 1,15).

Neben dem Opfer-System des Alten Testamentes gibt es auch die Prophezeiungen. Hosea 6,6 lässt erkennen, dass es um Liebe geht und nicht um Opfer; um Erkenntnis Gottes, mehr als um Brandopfer. Jesus sagt einfach: „Barmherzigkeit will ich und nicht Opfer" (Matthäus 9,13). Der Grund für die Einschränkungen der Verehrung im Tempel wird in Psalm 50 vorgegeben: „Esse ich etwa das Fleisch von Stieren oder trinke ich das Blut der Ziegen?"

Im 7. Kapitel der Apostelgeschichte reagiert Stephanus auf den Vorwurf, dass Jesus von sich gesagt habe, er würde den Tempel zerstören und die überlieferten Sitten des Mose hinter sich lassen (Apg 6,14). Er sagt, dass Moses das Zelt der Begegnung entsprechend des Vorbildes sah, das er auf dem Berg sah, aus denen hervorgeht, dass der irdische Tempel ein Spiegelbild dessen ist, was sich nicht auf ihn selbst bezieht, sondern mit Blick auf etwas anderes gebaut wurde.

Stephanus zitiert die messianische Prophezeiung des Deuteronomiums im Kapitel 18,15: „Gott wird aus euren Brüdern einen Propheten, wie mich auswählen". Auf die gleiche Weise wie Mose das Heiligtum gebaut hat [und andere geschützt hat], so wurde durch Gottesdienst, moralische Unterweisung und spätere Propheten die Voraussetzungen geschaffen, die zum neuen Mose hinführten.

Stephanus sagt, dass der Prophet die Menschen zur endgültigen Erfüllung dieser Prophezeiungen bis zum Kreuz [RATZINGER J., The Spirit of the Liturgy , 40-42] hinführt, wo die Tötung des irdischen Leibes Christi mit dem Ende des Tempels in Joh 2,19 zusammenfällt: „Dieser Tempel wird zerstört und in drei Tagen wiederaufgebaut“. Obwohl es nicht Jesus war, der den Tempel zerstört hatte, so wurde der neue Tempel doch durch die Auferstehung in seinem lebendigen Körper wieder aufgebaut.

In der Messfeier teilt sich der lebendige Christus selbst uns gegenüber mit und macht in der Kraft des Kreuzes und der Auferstehung Jesu uns selbst zur Schnittstelle mit dem Bundesgott, von dem alles stammt. So werden wir Teil des Alten Bundes und der gesamten religiösen Geschichte des Menschen. So verdankt sich die Liturgie des christlichen Glaubens weitgehend der Entwicklung des Kultes der Synagoge; sie richtet sich in ultima ratio immer auf den Tempel richtet; und dies auch nach seiner Zerstörung.

Der Kultusbetrieb der Synagoge ist auf die Erwartung der Wiederherstellung des Tempels hingeordnet. Im christlichen Gottesdienst war jedoch an die Stelle des Tempels von Jerusalem der Tempel des auferstandenen Christus getreten, der die Menschheit hin zur ewigen Liebe der Dreifaltigkeit zieht. Dies geschieht durch die Eucharistie, die das Opfer des Neuen Bundes ist. Sowohl die Synagoge, als auch der Tempel sind Zugänge zur christlichen Liturgie [RATZINGER J., The Spirit of the Liturgy , 49]. Der Übergang vom Alten Testament ins Neue, das menschliche Streben und der Dialog zwischen Gott und Mensch vereinen sich schließlich im Gebet in der christlichen Liturgie, die uns den Heiland offenbart, der uns lehrt, unsere Sehnsucht auf unsere ewige Heimat in Gott zu richten.

[Aus dem Italienischen übersetzt von Angela Reddemann]