Die Entdeckung meiner Berufung: Benedikt XVI. begegnet der Jugend von Rom (4)

"Das Leben kann nur gelingen, wenn wir den Mut zum Abenteuer haben"

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ROM, 16. April 2006 (ZENIT.org).- Als der Heilige Vater am Donnerstag vor dem Palmsonntag – vor genau zehn Tagen – mit der Jugend der Diözese Rom auf dem Petersplatz zusammentraf, beantwortete er unter anderem auch die Frage des 20-jährigen Vittorio. Dieser Student wollte wissen, wie der Papst seine Berufung zum Priestertum entdeckt hatte. Außerdem bat er Benedikt XVI. um einen konkreten Rat, wie man die eigene Berufung erkennen und ihr folgen könne.



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Was mich betrifft, so bin ich in einer Welt aufgewachsen, die sehr verschieden ist von der heutigen; am Ende sind aber die Umstände ähnlich: Einerseits gab es damals noch eine "Christenheit", in der es völlig "normal" war, in die Kirche zu gehen und den Glauben als Offenbarung zu akzeptieren und zu versuchen, dieser Offenbarung entsprechend zu leben; auf der anderen Seite war da das Naziregime, das mit lauter Stimme behauptete: "Im neuen Deutschland wird es keine Priester, kein Ordensleben mehr geben. Wir brauchen diese Leute nicht mehr. Sucht euch einen anderen Beruf!"

Aber gerade im Hören dieser "lauten" Stimmen, in der Auseinandersetzung mit der Brutalität jenes Systems, das unmenschliche Züge trug, habe ich verstanden, dass man sehr der Priester bedurfte. Dieser Kontrast, der Blick auf diese unmenschliche Kultur, hat mich in der Überzeugung bestätigt, dass uns der Herr, das Evangelium, der Glaube den rechten Weg zeigen und dass wir uns darum bemühen mussten, dass dieser Weg überlebe. In dieser Situation ist die Berufung zum Priestertum fast als etwas Natürliches zusammen mit mir und ohne große Bekehrungsereignisse gewachsen. Darüber hinaus haben mir zwei Dinge auf diesem Weg geholfen.

Schon als Bub entdeckte ich mit Hilfe meiner Eltern und des Pfarrers die Schönheit der Liturgie, die ich immer mehr liebte, weil ich spürte, dass uns in ihr die göttliche Schönheit aufscheint und dass sich durch sie vor uns der Himmel auftut. Das zweite Element war die Entdeckung der Schönheit des Erkennens, der Erkenntnis Gottes, der Heiligen Schrift, dank derer man in dieses große Abenteuer des Dialogs mit Gott eintreten kann, der die Theologie ist. Und so war es eine Freude, in diese Arbeit der Jahrtausende der Theologie eintreten zu dürfen, in diese Feier der Liturgie, in der Gott mit uns ist und zusammen mit uns feiert.

Natürlich fehlte es nicht an Schwierigkeiten. Ich fragte mich, ob ich wirklich die Fähigkeit besitzen würde, ein ganzes Leben lang den Zölibat zu leben. Da ich ein Mann von theoretischer, nicht von praktischer Bildung war, wusste ich auch, dass es nicht genügen würde, die Theologie zu lieben, um ein guter Priester zu sein, sondern dass es notwendig wäre, für die jungen Menschen, die Alten, die Kranken und die Armen immer zur Verfügung zu stehen; die Notwendigkeit, mit den Einfachen einfach zu sein.

Die Theologie ist schön, aber auch die Einfachheit des Wortes und des christlichen Lebens ist notwendig. Und so fragte ich mich: Werde ich in der Lage sein, all das zu leben und nicht einseitig zu sein, nur Theologe usw.? Der Herr und vor allem die Begleitung von Freunden, von guten Priestern und Meistern, haben mir geholfen.

Um auf die Frage zurückzukommen: Ich denke, es ist wichtig, gegenüber den Gesten des Herrn auf unserem Weg aufmerksam zu sein. Er spricht zu uns durch Ereignisse, durch Menschen, durch Begegnungen: Auf all das muss man achten.

Dann, zum zweiten, muss man in eine wirkliche Freundschaft mit Jesus eintreten, in eine persönliche Beziehung mit ihm: Man darf nicht nur von anderen oder aus den Büchern erfahren, wer Jesus ist, sondern man muss eine immer tiefere persönliche Freundschaftsbeziehung mit Jesus leben, in der wir anfangen können zu verstehen, was er von uns will. Und dann die Aufmerksamkeit auf das, was ich bin, auf meine Möglichkeiten. Einerseits Mut und andererseits Demut; Zuversicht und Offenheit – auch dank der Hilfe der Freunde, der Autorität der Kirche und auch der Priester und der Familien: Was will der Herr von mir?

Sicher, das bleibt immer ein großes Abenteuer. Aber das Leben kann nur gelingen, wenn wir den Mut zum Abenteuer haben, die Zuversicht, dass der Herr mich nie allein lassen wird, dass mich der Herr begleitet, mir helfen wird.

[ZENIT-Übersetzung; © Copyright 2006 des italienischen Originals – Libreria Editrice Vaticana]