Die Erlösungsbedürftigkeit des Menschen (Teil 1): „Vergebung ist überbordende Schöpfung“

Interview mit Msgr. Martin Schlag, Regionalvikar des Opus Dei in Österreich

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WIEN, 6. März 2008 (ZENIT.org).- „Die Rede der Kirche über die Sünde befindet sich von Anfang an im Horizont der Barmherzigkeit Gottes.“ Im Gespräch mit ZENIT geht Msgr. DDr. Martin Schlag, Regionalvikar des Opus Dei in Österreich, aus Anlass der österlichen Vorbereitungszeit auf die Frage nach der Sündhaftigkeit des Menschen, auf Schuld und Vergebung ein. Daraus wird ersichtlich, warum wir erlösungsbedürftig sind.



„Die Sünde zerstört unser eigenes Glück, und deshalb ist sie Beleidigung Gottes“, erklärt Msgr. Schlag. „Gott kann, wie der heilige Thomas sagt, vom Menschen nicht anders beleidigt werden, als indem dieser gegen sein eigenes Gut handelt.“

ZENIT: „Der Gedanke, dass Gott sich die Vergebung der Schuld, die Heilung der Menschen von innen her, hat kosten lassen, ist uns heute sehr fremd geworden“, schreibt Papst Benedikt in seinem Buch „Jesus von Nazareth“ (S. 194). Und tatsächlich: Jeder versteht, dass die Kreuzigung ein Drama war. Dass die Erlösungstat Christi aber auch uns heute gilt – mir persönlich –, wird oft nicht verstanden. Wie kann man den Sinn dafür neu schärfen, dass Christus für mich leidet, für mich stirbt?


Msgr. Schlag: Die innere Ferne zu Golgotha erklärt sich vielleicht aus unserem mangelnden Sündenbewusstsein. Für jeden von uns gilt: „Ich war bei der Kreuzigung Jesu anwesend durch meine Sünden.“ Nur wenn ich mir dieser Tatsache bewusst bin, wird eine viel größere Wirklichkeit lebendig: „Jetzt ist Jesus bei mir anwesend in der Kirche und ihren Sakramenten durch seine Vergebung!“ Die große Sünde des 20. Jahrhunderts ist der Verlust des Sündenbewusstseins, hat Pius XII. gesagt. Durch diese Vergessenheit gerät auch die Vergebung aus dem Blick, denn von Sünde ist im Neuen Testament nur die Rede im Zusammenhang mit Vergebung.

Die Kirche verkündet nicht Schuld und Sünde, sondern die Frohbotschaft von ihrer Vergebung durch Umkehr und Buße: Kehrt um, und glaubt an das Evangelium! Das Evangelium, die Gute Nachricht ist gerade die Offenbarung der Erlösung von der Sünde durch Jesus. Sünde wird im Christentum erst von der Erlösung her erkannt. Erst die Mühe der Erlösung zeigt, wie schrecklich die Sünde ist, die wir zu bagatellisieren pflegen. Die Rede der Kirche über die Sünde befindet sich von Anfang an im Horizont der Barmherzigkeit Gottes, ja darüber zu reden ist Barmherzigkeit, denn die Sünde zerstört den Menschen. Wir müssen Sünde klar und deutlich beim Namen nennen, um den Menschen die Heimkehr in die Heimat zu ermöglichen.

Der auferstandene und verherrlichte Herr stirbt nicht mehr. Er leidet auch jetzt nicht mehr. Dennoch: Mit seiner Menschwerdung und seinem erlösenden Ostern hat für uns Menschen ein Heute begonnen, das nicht mehr endet. Zu Weihnachten, zu Ostern und zu Pfingsten erklingt in der Liturgie besonders häufig dieses Wort: Heute. „Heute ist euch der Heiland geboren…“, „Dies ist der Tag, den der Herr gemacht…“ Im liturgischen Geschehen „wiederholen wir nicht die Kreuzigung“; wir tun auch nicht so, als ob Christus neu geboren oder gekreuzigt würde, sondern wir rufen uns ins Bewusstsein, dass das Heilswirken Christi jetzt aktuell wirksam ist und wir auf diesem Fundament stehen. Das „Heute“ des Heils, das damals begann, endet nicht mehr. Es ist ein Tag ohne Untergang.

Die Aktualität des Heils ist in diesem Sinn eine sakramentale Wirklichkeit und Erfahrung, die nur innerhalb der Kirche, des Leibes Christi, gemacht werden kann. Der Hebräerbrief beschreibt das aufgrund des Tempelkults: Christus ist ein für alle Male in das himmlische Allerheiligste eingetreten – nicht mit dem Blut von Opfertieren, sondern mit seinem eigenen. Und dort steht er jetzt mit seinem Blut, und tritt vor dem Vater jetzt für uns ein zur Vergebung unserer Sünden.

ZENIT: Was sind eigentlich Sünde und Schuld? Warum müssen wir fast 2000 Jahre nach der Kreuzigung Christi erlöst werden? Und warum ist Sühne und Buße noch immer notwendig?


Msgr. Schlag: Sünde ist eine freie menschliche Handlung, die objektiv dem Guten widerspricht, daher böse ist (malum) und auch subjektiv vorwerfbar und zurechenbar ist (culpa).

Die Sünde ist ein Wort, eine Tat oder ein Begehren im Widerspruch zum ewigen Gesetz. Sie ist eine Beleidigung Gottes, eine Verletzung des Nächsten und eine Zerstörung des eigenen Glücks des Sünders. Gott ist unser uns liebender und weiser Vater, der uns im natürlichen Sittengesetz die Entfaltungsregeln für unser Glück gegeben hat. Die Sünde zerstört unser eigenes Glück, und deshalb ist sie Beleidigung Gottes. Gott kann, wie der heilige Thomas sagt, vom Menschen nicht anders beleidigt werden, als indem dieser gegen sein eigenes Gut handelt.

Warum wir manchmal das Böse wollen, bleibt letztlich ein Geheimnis. Die menschliche Natur wird erst begreiflich durch die Unbegreiflichkeit, die wir auf ihrem Grund entdecken.

Der Sünder verliert seine moralische Integrität. Das ist weit mehr als ein natürlicher Mangel, der einem Menschen anhaften kann wie zum Beispiel eine Behinderung oder eine fehlende Begabung. Der Verlust der moralischen Integrität bezeichnet einen Defekt der Person, der unser Menschsein als solches betrifft. Sünde ist nicht nur eine Entscheidung für einen falschen Gegenstand, ein wirtschaftlicher Nachteil usw., sondern die Verfügung über mich selbst in einer freien Entscheidung, und zwar als Verhältnis zu Gott.

Die Sünde ist etwas Schreckliches und Unbegreifliches. Wir sind nicht nur besserungsfähig, sondern erlösungsbedürftig: Aus eigener Kraft schaffen wir es nicht, die Neigung zum Bösen zu überwinden. Es bedarf der göttlichen Vergebung und der Erlösung.

Noch aus einem weiteren Grund Bedarf es der Erlösung: Die Sünde als Schuldigbleiben verlangt einen Ausgleich, den wir als „Sühne“ bezeichnen. Wo andere Menschen Schaden erlitten haben, geschieht diese „Sühne“ zunächst nach den Regeln der Ausgleichs- oder Verteilungsgerechtigkeit.

Die staatliche Rechtsordnung hat diese Aufgabe. Sie erfüllt sie im horizontalen Verhältnis der Rechtssubjekte zum Beispiel durch das Schadenersatzrecht; im Übrigen durch das Strafrecht. Dennoch können Sünde und Schuld als solche im Tiefsten von keinem Menschen vergeben werden, weil ein „Etwas“ bleibt, das das Zwischenmenschliche übersteigt.

Es ist das Bewusstsein der Verletzung einer objektiven Ordnung, die im Gewissen hörbar wird und wiederum nur von dieser Instanz freigesprochen werden kann. Das Gewissen ist das Heiligtum im Innersten des Menschen, zu dem nur ich selbst und Gott Zutritt haben. Die Tatsache meines schlechten Handelns kann kein Mensch aus der Welt schaffen. Gott allein kann verzeihen. Nur der allmächtige Schöpfer und Herr der Geschichte kann die ewige Tatsache meines schlechten Handelns aus der Welt schaffen. Vergebung ist Neuschöpfung, ja mehr als Neuschöpfung – überbordende Schöpfung.

Vergebung der Sünden besteht nicht in der Behauptung, dass Sünde „nie geschehen“ oder „gar nicht so schlimm“ sei. Wenn Gott vergibt, so ist das nicht bloß ein „Wegblicken“ oder „Zudecken“ – denn sonst bliebe ja meine Schuld irgendwo doch versteckt übrig. Göttliche Vergebung ist mehr als ein „nicht mehr Zürnen, nicht mehr strafen“, mehr als ein gnädiges „auf sich beruhen Lassen“.

Christi Botschaft ist: Er hat Sühne geleistet, er hat uns mit Gott versöhnt; Gott ist es, von dem die Initiative zur Versöhnung ausgeht.

„Was ist leichter, Sünden zu vergeben oder dem Gelähmten zu sagen: Nimm dein Bett, und geh?“, fragt Jesus die Schriftgelehrten, die an ihm Anstoß nehmen. Romano Guardini antwortet: „Vergeben ist in einem absoluten Sinn schwerer als Schaffen. Schaffen kann nur Gott, gewiss. Vergeben kann, fast hätten wir gesagt, nur der Gott, der über „Gott“ ist. (…) Der Vater, der im unzugänglichen Licht verborgen ist, und von dem niemand wusste, wirklich niemand, bevor der Sohn ihn nicht verkündet hatte.“

Gott wird in seiner Vergebung sozusagen von seiner eigenen Liebe überwältigt – der Heilige Geist ist das Herz Gottes.

[Die Fragen stellte Dominik Hartig; Teil 2 dieses Interviews erscheint morgen, Freitag]