Die Erlösungsbedürftigkeit des Menschen (Teil 2): „Gottes Gaben sind auch Aufgaben“

Interview mit Msgr. Martin Schlag, Regionalvikar des Opus Dei in Österreich

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WIEN, 7. März 2008 (ZENIT.org).- „Wer regelmäßig beichtet, der verbessert nach und nach sein Leben, weil er für sein Ringen mit der sakramentalen Gnade rechnen kann“, erklärt Msgr. DDr. Martin Schlag in diesem zweiten Teil eines ZENIT-Interviews über Sünde, Schuld, Vergebung und Erlösung zur Fastenzeit (Teil 1 erschien am 6. März).



Der Regionalvikar des Opus Dei in Österreich weist darauf hin, dass der Mensch aus seiner eigenen Kraft heraus der Versuchung, die ihm etwas vorgaukle und ein Betrug sei, nicht standhalten könne und dass es im Letzten nur die Liebe Gottes sei, die den Menschen wirklich glücklich mache. Gott „schenkt uns die Würde der Gotteskinder, und er erbittet von uns, dieser Würde gemäß zu leben“. Insofern seien seine Gaben immer auch Aufgaben. „Es ist Aufgabe jedes Christen, Menschen zu Christus zu führen.“

ZENIT: Der Heilige Vater erklärt, dass wir die „großen Geheimnisse der Sünde“ nicht verstehen, weil wir das Böse banalisieren und ein individualistisches Weltbild haben. Was meint er damit?

Msgr. Schlag: Sowohl in der Predigt bei seinem Amtsantritt als auch später am 8. Dezember 2005 geht Papst Benedikt XVI. auf diese Frage ein. Wir könnten versucht sein zu denken, dass Sünde irgendwie zum menschlichen Leben „dazugehört“. Das gerade die Sünde es sei, die den „Kitzel“ und den „Spaß“ im Leben ausmache. Oder dass es jenen, die nicht nach den Zehn Geboten leben, „besser gehe“, weil sie es leichter hätten. Wir erleben an uns die Versuchung, uns gehen zu lassen „wie die anderen“; vielleicht haben wir manchmal auch das Gefühl, „zu kurz zu kommen“.

All diese Gedanke stimmen nicht: Ohne die Zehn Gebote lebt man nicht wie ein Mensch, sondern auf unmenschliche Art und Weise. Das zeigt sich daran, dass die Versuchung ein Betrug ist. Nur die Gottesliebe gibt die Freude, die die Welt nicht geben und nicht nehmen kann.

„Habt keine Angst! Öffnet Christus die Tore!“, hat Papst Benedikt XVI. mit den Worten Johannes Pauls II. gesagt. „Wer Christus einlässt, dem geht nichts, nichts – gar nichts verloren von dem, was das Leben frei, schön und groß macht. Nein, erst in dieser Freundschaft öffnen sich die Türen des Lebens.“

Das Meer ist aufgewühlt, die Prüfung dauert lang, aber: Bleibe im Boot! Die Versuchung ist immer Betrug, und der Teufel und unsere Schwäche sind listig: Sie gaukeln uns ein großes Glück vor, und lassen uns dann mit der Zeit in Bitterkeit und Leere versinken.

Anders als es bei den Tieren ist, bringt uns Menschen nicht gleich um, was uns unglücklich macht! Die Verlockungen der Sünde können kurzfristig angenehm sein, aber sie machen uns auf Dauer unglücklich.

Manchmal könnten wir den Eindruck haben, dass Gott uns überfordert und die Kirche Gebote verkündet, die unsere Kräfte übersteigen. Aber gerade deshalb ist Gott Mensch geworden, um uns entgegenzugehen und uns zu helfen, an unserer eigenen Würde nicht zu verzweifeln. Jesus ist sozusagen an seiner eigenen Botschaft gescheitert: Seine Anforderungen wurden so radikal abgelehnt, dass wir Menschen ihn getötet haben. Aber er ist auch auferstanden. Er hat den Tempel seines Leibes in drei Tagen wiedererrichtet und so die Niederlage des Menschen in den Sieg Gottes verwandelt.

Gottes Gaben sind immer zugleich auch Aufgaben. Er schenkt uns die Würde der Gotteskinder, und erbittet von uns, dieser Würde gemäß zu leben.

Bagatellisieren wir die Sünde nicht. Sie ist das einzige wirkliche Übel. Gott hasst die Sünde mit notwendigem, unendlichem Hass, als ihm radikal entgegengesetzt, selbst die leichte Sünde. Unser freier Wille ist die Grenze der Allmacht Gottes.

Unsere Sünde führt aber nie dazu, dass Gott aufhört, uns zu lieben. Unsere Sünde hat nicht das letzte Wort. Das letzte Wort hat die Barmherzigkeit Gottes: Es genügt Gott nur ein kleiner Ritz der Reue in unserem Herzen, ja sogar Reue über zuwenig Reue, Sehnsucht nach Reue und Vergebung genügen ihm.

ZENIT: Wie geht das: Sühne leisten, Buße tun und der Sünde den Kampf ansagen?

Msgr. Schlag: Sühne ist in anderen Religionen die Bemühung des Menschen, den Zorn Gottes zu besänftigen. Opfer, Gebete, Riten, etc. sollen die Gottheit angesichts unserer Verfehlungen gnädig stimmen.

In Christus hat Gott die „Sühnerichtung“ umgedreht. In 2 Kor 5,18-21 schreibt der heilige Paulus: „Aber das alles kommt von Gott, der uns durch Christus mit sich versöhnt und uns den Dienst der Versöhnung aufgetragen hat. Ja, Gott war es, der in Christus die Welt mit sich versöhnt hat, indem er den Menschen ihre Verfehlungen nicht anrechnete und uns das Wort von der Versöhnung anvertraute. Wir sind also Gesandte an Christi Statt, und Gott ist es, der durch uns mahnt. Wir bitten an Christi Statt: Lasst euch mit Gott versöhnen! Er hat den, der keine Sünde kannte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm Gerechtigkeit Gottes würden.“ Wir sehen daran: Die Initiative zur Versöhnung geht von Gott aus. Umgekehrt als sonst bemüht sich nicht der Missetäter, sondern der Verletzte um Versöhnung.

Christus hat also bereits Sühne geleistet. Dennoch bedarf es unsererseits der Mitwirkung, um dieses Geschenk der Vergebung anzunehmen. „Wenn du Gottes Gabe kennen würdest…“, sagt Jesus zur samaritischen Frau am Jakobsbrunnen.

Die Vergebung ist die Gabe Gottes, von der die Frau nichts weiß. Sie kann sie noch nicht empfangen, denn Gottes Vergebung knüpft an die Reue des Täters: Den, der seine Schuld erkennt und um Vergebung bittet. überhäuft er mit Gnade. Aber wie schwer fällt es uns, unsere Schuld zu erkennen und aufrichtig mit uns selbst zu sein. Die samaritische Frau hat wie wir alle eine harte Kruste – sie denkt gar nicht daran, ihr Leben zu verändern oder sich gegenüber diesem Heiligen zu öffnen. Nicht einmal als Jesus sie nach ihrem Mann fragt, gesteht sie ihre Schuld (die ihr aber dunkel bewusst ist). Jesus muss ihr explizit sagen, dass er schon alles weiß, damit sie es zugibt.

Der Mensch muss die Tiefe seiner Sünde überhaupt zugeben. Er muss Oberflächlichkeit und Feigheit überwinden, ernst werden und die Sünde zu sehen suchen. Er muss den Schicksalsstolz, den Trotz, der die eigene Tat tun und das eigene Leben leben will – auch gegen Gott – aufgeben und die Demut lernen, welche Gnade sucht. Das macht unsere Würde aus: Wir beugen unser Knie nicht vor der Allmacht, sondern vor der Liebe Gottes, die uns unser volles Menschsein geadelt zurückgibt – auch wenn wir scheinbar umkehren, zurückgehen müssen.

Der Gratuität der Vergebung entspricht, dass Gott ein eigenes Sakrament der Versöhnung gestiftet hat, das dem Sünder Reue und Vergebung schenkt, wenn sich in ihm ein Minimum an Einsicht und Umkehrbereitschaft findet. Die beste Bußübung besteht im Empfang dieses Sakraments.

Wer regelmäßig beichtet, der verbessert nach und nach sein Leben, weil er für sein Ringen mit der sakramentalen Gnade rechnen kann. „Sich bekehren ist Sache eines einzigen Augenblicks“, schrieb der heilige Josefmaria, „sich heiligen Sache eines ganzen Lebens. Der göttliche Samen der Liebe, den der Herr in uns gelegt hat, will wachsen, sich in Taten erweisen und Früchte bringen, die jederzeit dem Herrn wohlgefällig sind Deshalb müssen wir bereit sein, neu anzufangen und in jeder neuen Situation, vor die uns das Leben stellt, das Licht und die Kraft der ersten Bekehrung wiederzufinden, uns durch eine gründliche Gewissenserforschung vorzubereiten und den Herrn um Hilfe zu bitten, damit wir ihn und uns selbst besser kennen lernen. Es gibt keinen anderen Weg, wenn wir uns von neuem bekehren wollen. (…) Betrachtet mit mir dieses Wunder der Liebe Jesu: Da ist der Herr, der uns begegnen will und am Wegrande wartet, damit wir ihn nicht übersehen können. Er ruft einen jeden von uns persönlich zu sich und spricht mit uns über unsere Angelegenheiten, die auch die seinen sind. Er schenkt uns reuevolle Einsicht, macht uns großzügig und weckt in uns den Wunsch, treu zu sein und uns seine Jünger nennen zu können. Dieser innige Anruf der Gnade klingt wie ein liebevoller Vorwurf, der uns merken lässt, dass der Herr uns in all der Zeit, in der wir ihn schuldhaft aus dem Blick verloren haben, nicht vergessen hat. Christus liebt uns mit der unermesslichen Liebe, zu der nur sein göttliches Herz fähig ist.“

ZENIT: Benedikt XVI. spricht im Zusammenhang von den Leiden eines Ijobs und der großen Heiligen von „Stellvertretung“ – ein Begriff, der uns heute nicht mehr wirklich eingängig sei. Konkret meint der Papst: mit Christus „das Böse durch die Liebe aufarbeiten, aufleiden“. Was heißt das für den Alltag des Christen? Sind wir alle berufen, solche „Stellvertreter“ zu sein?

Msgr. Schlag: Ja, wir sind alle berufen, solche „Stellvertreter“ zu sein. Ich möchte da nochmals auf die oben zitierte Stelle aus dem zweiten Korintherbrief verweisen. Es ist die Rede vom Dienst der Versöhnung an Christi Statt. Dieser Ausdruck „an Christi Statt“ entstammt der lutherischen Übersetzung und hat auch in die Einheitsübersetzung sowie andere deutsche Bibelversionen Eingang gefunden. Die Übersetzung ist sicher richtig, legt aber eine gewisse Ferne zu Christus nahe. Es ist eben nicht er, sondern wir „an seiner Statt“.

Im Griechischen steht einfach: „Für Christus sind wir gesandt“, wir üben seine Sendung aus, handeln in seiner Person – und Gott ist es, der in uns unwürdigen Dienern wirkt. Es ist das einzige Priestertum Christi, das auf zweifache Weise in der Kirche ausgeübt wird, wie es der Katechismus der Katholischen Kirche synthetisch darlegt: im Weihepriestertum und im allgemeinen Priestertum aller Gläubigen. Der heilige Josefmaria sprach schon vor dem Konzil von der „priesterlichen Seele“, die alle Getauften gemeinsam mit einer „laikalen Mentalität“ besitzen sollen.

Eine priesterliche Seele zu haben, bedeutet sich dessen bewusst zu sein, dass wir berufen sind, Mittler zwischen Gott und den Menschen zu sein. Für den Alltag hat das viele Konsequenzen. Einerseits verläuft die Mittlerschaft von den Menschen zu Gott, indem wir stellvertretend für alle Menschen „geistige Opfer“ darbringen: die heilige Messe, die tägliche geheiligte Arbeit, Fürbitten und auch die kleinen Opfer, die der Alltag mit sich bringt. Meist sind es Kleinigkeiten, die wir „aufopfern“ können.

In der Enzyklika Spe Salvi nimmt Papst Benedikt XVI. darauf Bezug: „Zu einer heute vielleicht weniger praktizierten, aber vor nicht allzu langer Zeit noch sehr verbreiteten Weise der Frömmigkeit gehörte der Gedanke, man könne die kleinen Mühen des Alltags, die uns immer wieder einmal wie mehr oder weniger empfindliche Nadelstiche treffen, aufopfern und ihnen dadurch Sinn verleihen. (…) Diese Menschen waren überzeugt, dass sie ihre kleinen Mühen in das große Mitleiden Christi hineinlegen konnten, so dass sie irgendwie zu dem Schatz des Mitleids gehörten, dessen die Menschheit bedarf. So könnten auch die kleinen Verdrießlichkeiten des Alltags Sinn gewinnen und zum Haushalt des Guten, der Liebe in der Menschheit beitragen. Vielleicht sollten wir doch fragen, ob solches nicht auch für uns wieder zu einer sinnvollen Möglichkeit werden kann.“

Andererseits verläuft die Mittlerschaft, in der das allgemeine Priestertum besteht, auch in die entgegengesetzte Richtung: von Gott zu den Menschen. Jeder Getaufte ist – vor und außerhalb aller Strukturen des organisierten Laienapostolats – zum Apostolat berufen. Es ist Aufgabe jedes Christen, Menschen zu Christus zu führen. Das gehört wesensmäßig zum christlichen Leben dazu, wie die Kehrseite ein und derselben Münze.

[Das Interview führte Dominik Hartig]