Die Eucharistie hat zur Formung der Identität des italienischen Volkes beigetragen

Eucharistischer Kongress und 150 Jahre der Einigung Italiens

| 1030 klicks

ROM, Dienstag, 6. September 2011 (Zenit.org). – Die Eucharistie habe als Quelle und Höhepunkt des Lebens der Kirche dazu beigetragen, die Identität des italienischen Volkes zu formen, noch bevor dieses seine nationale Einigung erreicht hatte. Dies sagte Kardinal Angelo Bagnasco, Metropolitan-Erzbischof von Genua und Vorsitzender der Italienischen Bischofskonferenz (CEI), am vergangenen Samstag bei dem Treffen im Musen-Theater von Ancona anlässlich des Nationalen Eucharistischen Kongresses, zu dem auch Papst Benedikt XVI. am kommenden Sonntag erwartet wird.

„In dem Jahr, in dem unser Land seiner 150 Jahre nationaler Einheit gedenkt,“ erklärte der Präsident der CEI, „ist es wichtig, die erneuernde Kraft der Eucharistie herauszustellen, die dazu beigetragen hat, die tiefe Identität unseres Volkes zu formen,  viel früher als dessen politische Identität“.

„Die Eucharistie als lebendiger Mittelpunkt der Kirche hatte in den großen und kleinen Zentren, die auf unserer Halbinsel verstreut waren, immer eine unzweifelhaft zentrale Bedeutung, aus der heraus man heute noch mehr die Notwendigkeit spürt, den Primat Gottes zu betonen, um zusammen den Weg zu einem gemeinsamen Gut wiederzufinden“.

Er fuhr fort: „Von diesem Gedanken her versteht man somit das Thema des Eucharistischen Kongresses: ‚Herr, zu wem sollen wir gehen? Die Eucharistie für das Leben im Alltag‘. Es soll allen helfen, die Tiefe der Begegnung mit Jesus in der Eucharistie wiederzufinden und verbunden damit die Verpflichtung, diese Erfahrung in ein angemessenes persönliches und gemeinschaftliches Tun umzusetzen. Wenn Jesus uns wirklich in der Eucharistie besonders die Wahrheit der Liebe zeigt, die das Wesen Gottes ist, dann ist es die Aufgabe der Kirche, sich dem Menschen zuzuwenden und ihn einzuladen, mit Freude und Mut das Geschenk Gottes anzunehmen (vgl. Sacramentum caritatis, 2)“.

Der Historiker Andrea Riccardi, Gründer der Gemeinschaft Sant’Egidio, griff in seiner Ansprache die Worte von Kardinal Bagnasco auf und betonte, dass, obwohl der italienische Staat „im Namen des Laizismus, im Gegensatz zum Papsttum, mit einer laizistischen Politik der Gesellschaft, verwirklicht in Gesetzen, die die Anwesenheit der Kirche drastisch zurückdrängen“, entstanden sei, „die Kirche die italienische Nation viel früher als die politische Einigung spürte“.

Und wirklich, „zwischen den Jahren 1861 und dem Faschismus erschien es den Regierenden klüger, den Katholizismus als Religion der Italiener anzuerkennen, dabei aber seinen gesellschaftlichen Raum zu reduzieren, indem er auf den Kult beschränkt wurde, fast als wäre er eine Kaplanei der Gesellschaft. Der Katholizismus prägte traditionell den alltäglichen Horizont der Italiener, die in Massen zu den Gottesdiensten der Kirche strömten. Er war ein bedeutender Faktor der italienischen Wesensart“.

„Es gab keine Einheit des Blutes, noch der Waffen. Italien war von der Sprache her nicht „eins“. Zum Zeitpunkt der Einigung sprachen 600.000 von 25 Millionen Menschen italienisch. Der Katholizismus hingegen (der Altar für Manzoni) vereinte alle“.

Riccardi durchschritt im Schnelltempo die geschichtlichen Verwicklungen zwischen politischen und religiösen Ereignissen und kam schließlich bei den Jahren um 1968 an, „die geprägt waren von einem Prozess der Subjektivierung des Verhaltens“; dem folgten „die Auflehnung in der Schule und in der Kirche, die Veränderungen der Familie, die politische Krise, bis es am Ende der achtziger Jahre zum Aus der politischen Parteien, die die Republik geschaffen hatten, kam“.

„Mit den neunziger Jahren hat eine Zeit des Übergangs begonnen, die noch nicht abgeschlossen ist und von politischer Unsicherheit sowie von Schwierigkeiten bei der Erneuerung der Kultur und des Ethos geprägt ist. Die messianischen Worte der Politik sind inzwischen verstummt. Wir befinden uns nicht in so schmerzvollen Jahren wie 1978, aber sicherlich in einer Zeit schwerwiegender Ungewissheit“.

Die heutige Herausforderung sei jedoch die einer Vision: „Um nach einer so langen und mühsamen Geschichte eine Vision reifen zu lassen, darf man nicht vom Feuerwerk der Nachrichten geblendet bleiben, sondern darin muss sich ein Weg zwischen den Zeichen eröffnen. Zeichen, die in die Tiefe führen, aber auch Indikatoren der Zukunft sind. Zeichen, die in unserer Zeit zu lesen sind, aber dennoch Quellen eines erneuerten Ethos darstellen“.

Und gegen die Herolde einer „reduktionistischen Geschichtsschreibung, unfähig zur Erforschung der Tiefenströmungen der Geschichte“, ermutigte Riccardi, „die geistliche Dimension der Geschichte“ anzuschauen, die er so erklärte: „Die Welt des italienischen Katholizismus ist trotz seiner Grenzen eine Ressource für die Zukunft. Er ist stark mit der Geschichte und dem Alltagsleben des Landes verwoben, aber seine Lebendigkeit kommt aus anderen Quellen“.

Riccardi zitierte daraufhin Pater David Turoldo: „Hier ist das Herz der Kirche, das Baryzentrum der Welt und der Geschichte; hier ist der Übergang zum Ewigen. Und es herrscht nur Stille. Innen ein Nichts der Hostie. Weniger noch als in der Lade, in der der Stab von Mose und das Gesetzbuch waren. Eine Hostie, die nichts sagt und nichts weiß. Und dennoch ist sie ein Punkt, der, wenn er ein einziger Punkt der Erde wäre, die ganze Erde zu diesem Punkt hinziehen würde, angezogen von dieser geheimnisvollen Anziehungskraft“.

Dann ergriff Doktor Marcello Bedeschi, der Generalsekretär des Nationalen Eucharistischen Kongresses, das Wort und erinnerte an die Unterweisungen eines bedeutenden Wissenschaftlers aus den Marken, an Professor Enrico Medi, für den die Eucharistie die Quelle seiner Tätigkeit als Universitätsprofessor und seines Engagements in der Öffentlichkeit war.

Bedeschi erzählte: „Als er mit großer Einfachheit in den frühen siebziger Jahren zu einer Gruppen junger Mütter aus Ancona sprach (ich hatte das Glück, bei diesem Treffen dabei zu sein), erklärte er die Eucharistie so: Mütter, als ihr einen Sohn in die Welt gesetzt und ihn in den Armen gehalten habt, welche Worte habt ihr ihm gesagt? Ich möchte dich ganz aufessen. Denn euer Wunsch war groß, ihn wieder aufzunehmen, wieder ein Fleisch zu bilden in einem substantiellen Sich-Hineinversetzen in verzehrender Liebe: Das ist die Eucharistie“. 

Der Generalsekretär des Nationalen Eucharistischen Kongresses drückte weiterhin seinen Wunsch aus, dass durch diesen Kongress „jeder Mensch mit der Einfachheit, aber auch mit der intellektuellen Schärfe des Dieners Gottes, Enrico Medi, das Geschenk verstehen möge, das Jesus uns durch sein Letztes Abendmahl hinterlassen hat“.

Msgr. Edoardo Menichelli, Erzbischof von Ancona, sagte seinerseits, dass „in jeder Stadt am Meer der Hafen ein Ort des Durchgangs, der Arbeit, der Begegnung und des Austausches ist. Er ist ein Ort, an dem sich die Dialekte der Völker und ihre Geschichten kreuzen, die reich an Erwartungen und Hoffnungen, an Unruhe und Ängsten auf der Suche nach einem sicheren Ankerplatz sind“.

Angesichts dieser Menschheit – die die unsere ist, verbunden durch die entwaffnende Frage ‚Herr, wohin sollen wir gehen?‘ – gelingt es uns noch leichter, uns als Zeitgenossen der Händler und Fischer von Kapharnaum zu fühlen, zwischen deren Netzen das Wort Jesu, sein Selbstangebot als Brot des Lebens, hängen geblieben ist.

Wir sind uns bewusst, dass - gestern wie heute - wenig genügt, um ihm auszuweichen, um den Hunger unseres Leibes durch etwas anderes zu stillen und wegzugehen, ziellos und als Exilanten, die von einer beachtlichen, inneren Hungersnot durch sehr schlechte Jahre heimgesucht sind.

Aber dieses Wort hat sich für jeden auch als Samen offenbart, der, wenn er aufgenommen und bewahrt wird, wächst, eine Ähre hervorbringt und zum Korn wird, das im Brot der Vergebung duftet und das Maß unserer Fähigkeit des Aufnehmens und Teilens ist, eine Bedingung, damit es nicht zum altbackenen und harten Brot wird.

In der Eucharistie kehrt jene Gegenwart in ihrem Wohlgeruch, jene jedem Menschen angebotene Nahrung, der Sinnhorizont für das alltägliche Leben zurück, gesammelt in ihrer Dimension der Ewigkeit.

Aus der Anerkennung unserer Zugehörigkeit zum Herrn, aus dem Sich-Ernähren von ihm bis zum Bleiben in ihm wächst das Vertrauen, das uns ermöglicht, aus der kläglichen Küstenschifffahrt auszusteigen und wieder anzufangen, auf dem Meer der Geschichte in See zu stechen“.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals]