Die Eucharistie, Leben spendendes Gedächtnis: P. Raniero Cantalamessa zu Fronleichnam

„Sie ist Gedächtnis und Gegenwart in einem“

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ROM, 6. Juni 2007 (ZENIT.org).- Der Prediger des Päpstlichen Hauses, P. Raniero Cantalamessa OFM Cap., nimmt die Lesungen zum Hochfest des Leibes und Blutes Christi im Lesejahr C (Gen 14,18-20; 1 Kor 11,23-26; Lk 9,11b-17) zum Anlass, um über die Eucharistie als Gedächtnis des Ereignisses nachzudenken, dem die ganze Menschheit ihre Existenz als erlöste Menschheit verdankt. Eucharistie ist Gedächtnis und Gegenwart in einem.

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Tut dies zu meinem Gedächtnis!

In der zweiten Lesung zu diesem Festtag legt uns der heiligen Paulus den ältesten Bericht vor, den es über die Einsetzung der Eucharistie gibt: Er wurde nicht mehr als ungefähr 20 Jahre nach dem Ereignis geschrieben. Versuchen wir, etwas Neues über das Geheimnis der Eucharistie zu erfahren, indem wir uns ein Wort aus dem Einsetzungsbericht vor Augen führen: „Tut dies zu meinem Gedächtnis.“

Das „Gedächtnis“ ist eines der geheimnisvollsten und großartigsten Fähigkeiten des menschlichen Geistes. Alle Dinge, die von der ersten Kindheit an gesehen, gehört, gedacht und getan worden sind, werden in diesem immensen Schoß aufbewahrt, stets darauf vorbereitet, durch eine Anregung von außen oder durch die eigene Willenskraft wieder neu in den Vordergrund zu treten. Ohne Gedächtnis würden wir aufhören, wir selbst zu sein; wir würden unsere Identität verlieren. Wer an einer umfassenden Amnesie leidet, irrt verloren durch die Straßen und weiß weder, wie er heißt noch wo er wohnt.

Wenn die Erinnerung wieder ins Bewusstsein vorrückt, hat sie die Macht, unsere ganze innere Welt in Beschlag zu nehmen – vor allem dann, wenn es sich um einen lebenden Menschen handelt und nicht um einen Gegenstand oder eine Tatsache. Wenn sich eine Mutter an ihr Kind erinnert, das sie vor wenigen Tagen zur Welt gebracht und zu Hause gelassen hat, drängt alles in ihr hin zu diesem Kind; dieser Drang der zärtlichen Liebe kommt aus dem innersten Wesen der Mutter und veranlasst sie möglicherweise dazu, Tränen zu vergießen.

Nicht nur der einzelne Mensch verfügt über ein Gedächtnis, sondern auch die Gruppe: Familie, Sippe, Stamm, Nation. Der Reichtum eines Volkes misst sich nicht so sehr an seinen Goldreserven, die es in den Tresoren verwahrt, sondern vielmehr am Gedächtnis, das es in seinem kollektiven Bewusstsein bewahrt. Gerade das gemeinsame Teilen derselben Erinnerungen ist es, was die Einheit einer Gruppe zu stärken vermag. Und damit diese Erinnerungen lebendig bleiben, werden sie mit bestimmten Orten und Festtagen in Verbindung gebracht. Die Amerikaner kennen den „Memorial Day“, jenen Tag also, an dem sie der Gefallenen aller Kriege gedenken. Bei den Indern gibt es das „Gandhi Memorial“, einen Park in Neu-Delhi, der die ganze Nation daran erinnern soll, was Gandhi für die indische Bevölkerung geleistet hat und wer er ist. Auch Italien hat seine Gedenkstätten, staatlichen Feiertage erinnern an die bedeutendsten Ereignisse unserer jüngsten Geschichte und Straßen, Plätze und Flughäfen sind unseren berühmtesten Persönlichkeiten gewidmet.

Der reichhaltige menschliche Hintergrund des Gedächtnisses sollte uns helfen, besser zu verstehen, was die Eucharistie für das christliche Volk ist. Sie ist ein Gedächtnis, da sie des Ereignisses gedenkt, dem nunmehr die ganze Menschheit ihre Existenz als erlöste Menschheit verdankt. Sie erinnert uns an den Tod des Herrn. Die Eucharistie besitzt allerdings etwas, was sie von jedem anderen Gedächtnis unterscheidet: Sie ist Gedächtnis und Gegenwart in einem, und zwar eine reale Gegenwart, nicht eine geistige; sie macht die Person wirklich gegenwärtig, auch wenn diese unter den Gestalten von Brot und des Wein verborgen ist. Der „Memorial Day“ kann die Gefallenen nicht zum Leben erwecken, und das „Gandhi Memorial“ kann Gandhi nicht lebendig machen. Genau das vermag aber das eucharistische Gedächtnis, an das die Christen glauben, in Bezug auf Christus.

Nach all diesen schönen Dingen, die wir über das Gedächtnis gesagt haben, müssen wir nun aber auch auf eine ihm innewohnende Gefahr hinweisen: Das Gedächtnis kann leicht zu steriler und lähmender Nostalgie verkommen. Das geschieht dann, wenn der Mensch ein Gefangener der eigenen Erinnerungen wird und damit endet, in der Vergangenheit zu leben. Das eucharistische Gedächtnis gehört in keiner Weise zu derartigen Erinnerungen; es führt es im Gegenteil in die Zukunft! Nach der Wandlung bekennt das Volk: „Deinen Tod, o Herr, verkünden wird, und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.“ Eine Antiphon, die dem heiligen Thomas von Aquin zugeschrieben wird - „O sacrum convivium“ -, definiert die Eucharistie als das heilige Mahl, in dem „Christus empfangen und das Gedächtnis seines Leidens gefeiert wird, sich die Seele mit Gnade erfüllt und uns das Pfand der zukünftigen Herrlichkeit gegeben wird“.


[ZENIT-Übersetzung des italienischen vom Autor zur Verfügung gestellten Originals]