Die Evangelisch-Lutherische Christusgemeinde in Rom

Ein Interview mit Pfarrer Dr. Jens-Martin Kruse [1/2]

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Rom, 8. März 2012 (ZENIT.org). - Die Evangelisch-Lutherische Christusgemeinde in Rom kann auf eine bald 200jährige Geschichte zurückblicken. Im Jahr 1817 begann alles mit einer Einladung anlässlich der Feier des 300. Reformationstages in die Wohnung des Sekretärs der Preußischen Legation. Der preußische Legat beim Heiligen Stuhl, Barthold Georg Niebuhr, und sein Vertreter und Nachfolger, Christian Josias von Bunsen folgten dieser Tradition. Im 1819 kam der erste evangelische Pfarrer nach Rom, Heinrich Schmieder, und die Evangelisch-Lutherische Christusgemeinde wurde gegründet. Bis zum Jahr 1915 feierte die Gemeinde ihren Gottesdienst in der Preußischen Botschaft beim Heiligen Stuhl. Dazu war eigens ein Raum im Botschaftsgebäude als Kapelle umgestaltet worden, die heute nicht mehr erhalten ist. Ein Teil ihrer Ausstattung wurde für die Christuskirche verwendet.

Bereits 1899 hatte man ein Grundstück auf dem Gartengelände der Villa Ludovisi erworben. Der Auftrag für den Kirchenbau in spätwilhelminischem Stil wurde an den Architekten Franz Schwechten vergeben. Einige Verzögerungen in der Planung und der Ausbruch des Ersten Weltkriegs führten dazu, daß das Kirchengebäude erst 1922 eingeweiht werden konnte. Bis heute feiert die Evangelisch-Lutherische Christusgemeinde den Gottesdienst in der Via Toscana 7.

Eine Besonderheit des Kirchenbaus stellt der Turm dar, der mit einer Kopie des Geläuts der Schlosskirche von Wittenberg ausgestattet ist. Besonders eindrucksvoll sind die Mosaiken im Innenraum; das Apsisgewölbe zeigt Christus als Pantokrator.

Seit 2008 ist Dr. Jens-Martin Kruse Pfarrer der Christusgemeinde in Rom. Vorher war er als Pfarrer in Quickborn in der Nähe von Hamburg tätig. Die Evangelisch-Lutherische Christusgemeinde ist eine der sechzehn evangelisch-lutherischen Gemeinden in Italien.

[Das Interview führte Britta Dörre]

ZENIT: Sie sind seit 2008 als Pfarrer der Christusgemeinde in Rom tätig. Während einer einjährigen Vertretung hatten Sie bereits vorher die Möglichkeit, die Gemeinde kennen zu lernen und sich ein Bild von der Situation zu machen. Von welchen Idealen und Vorstellungen geleitet traten Sie 2008 Ihr Amt an?

Pfarrer Kruse: Als Pfarrer der evangelischen Gemeinde in Rom wirken zu können, erfüllt mich mit großer Freude und Dankbarkeit. Zwei Zitate aus der Bibel haben für mich und meine Arbeit eine ganz besondere Bedeutung. Das erste Zitat stammt aus Lk 5,4 „Duc in altum“. Papst Johannes Paul II. begann sein Apostolisches Schreiben „Novo millenio ineunte“ anlässlich des Jubiläums des Jahres 2000 mit diesem Zitat. Die zitierte Bibelstelle erzählt, wie Jesus Petrus zum Fischfang auffordert, obgleich die Gewässer tief und gefährlich sind, Er vertraut Jesus, und ein reicher Fischfang ist ihm sicher.

Auf meine Arbeit bezogen, bedeutet „Duc in altum“, die alltägliche Herausforderung anzunehmen.

Das zweite wichtige Bibelzitat stammt aus dem Römerbrief des Paulus (Röm 1,16 ): „Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht ...“. Für unsere Gemeinde in Rom, aber auch für die evangelische Diaspora in Italien ist es wichtig, zum evangelischen Glauben zu stehen und selbstbewusst zu sein.

Als ich nach Rom kam, war es mein besonderes Anliegen, die Gemeinde nach innen zu stärken, das Niveau der Gemeindearbeit zu steigern, die Gemeinde der italienischen Öffentlichkeit zu öffnen und den ökumenischen Gedanken in die Praxis umzusetzen. Ich möchte, dass unsere Gemeinde lebendig und offen ist.

ZENIT: Was bedeutet es für Sie, evangelischer Pfarrer in Rom zu sein?

Pfarrer Kruse: Es gibt keinen schöneren und zugleich wichtigeren Ort als Rom. Unsere Gemeinde zeichnet sich durch einen ganz großen Zusammenhalt aus, obwohl sie so klein ist. In Rom sind viele verschiedene Religionsgemeinschaften präsent, deshalb ist die Ökumene eine wichtige Aufgabe.

Die katholische und die evangelische Religion haben viel gemeinsam. Wir haben eine gemeinsame Kirchengeschichte. Beide Religionen stehen in der Tradition von Petrus und Paulus. Als verbindendes Element kann man zum Beispiel die Verehrung des Petrus- oder Paulusgrabes anführen.

ZENIT: Sie waren vorher Pfarrer in Quickborn. Dort überwiegt die Zahl der evangelischen Glaubensangehörigen. Was charakterisiert besonders die römische Gemeinde?

Pfarrer Kruse: Besonders auffällig ist der große Zusammenhalt der Gemeindemitglieder. Lutheraner stellen in Rom und auch in Italien eine Minderheit gegenüber circa 94 Prozent Katholiken dar. Deshalb leben die römischen Gemeindemitglieder ihren evangelischen Glauben sehr bewusst.

 ZENIT: Wie setzt sie sich zusammen?

Pfarrer Kruse: Unsere Gemeinde umfasst circa 500 Mitglieder, von denen circa 60 Prozent dauerhaft in Rom leben. Einige der Familien leben seit zwei oder drei Generationen in der Stadt. 30 Prozent sind aus beruflichen Gründen für drei bis fünf Jahre hier. Dabei handelt es sich vor allem um junge Familien mit kleinen Kindern. Der Wechsel tut der Gemeinde gut, er bringt frischen Wind. Die restlichen 10 Prozent sind italienischsprachige Mitglieder.

ZENIT: Was bedeutete der Besuch Papst Benedikts XVI. im März 2010 für Ihre Gemeinde?

Pfarrer Kruse: Wir haben große Freude und Dankbarkeit über den Besuch des Papstes in unserer Gemeinde empfunden. Wir haben gemeinsam den Gottesdienst gefeiert. Ich habe im Vorfeld die Liturgie ausgearbeitet, die anschließend mit dem Vatikan abgestimmt worden ist. Der Papstbesuch, das gemeinsame Feiern eines Gottesdienstes war die Begegnung zweier Kirchen und zeigt, dass wir einander ernst nehmen. Besonders eindrucksvoll war die in unserer Kirche mögliche Nähe zwischen dem Papst und unserer Gemeinde. Bei dem Gottesdienst waren ungefähr 400 Menschen anwesend. Wir haben miteinander gefeiert und sind miteinander in einen Dialog getreten. Die Atmosphäre war sehr herzlich, und schon nach kurzer Zeit legte der Papst sein Manuskript beiseite und sprach frei zu uns.

[Teil II folgt am 9. März 2012]