Die Evangelisch-Lutherische Christusgemeinde in Rom

Ein Interview mit Pfarrer Dr. Jens-Martin Kruse [2/2]

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Rom, 9. März 2012 (ZENIT.org). – [Teil 1 hier]

[Das Interview führte Britta Dörre]

ZENIT: Der Papst betonte während seines Besuchs vor allem die Gemeinsamkeiten. Wo bestehen Ihrer Ansicht nach Annäherungspunkte?

Pfarrer Kruse: Das ist richtig und entspricht auch dem Standpunkt unserer Gemeinde. Der Papst sprach zunächst „von der Trauer darüber, dass die Christen die Gemeinschaft zerrissen haben.“ Dann betonte er, „zu allererst sollten wir doch dankbar werden, dass es so viel Einheit gibt.“ Wir haben den Besuch als sehr gelungen empfunden. Es bestand die Möglichkeit, den Gemeindeort zu nutzen, um die Sichtweise darzustellen und einen Beitrag zur Ökumene zu leisten.

Eine Annäherung halte ich für möglich und notwendig. Besonders deutlich wird das am Beispiel des Abendmahls. Familien zweier Konfessionen können nicht gemeinsam das Abendmahl feiern, und viele Ehepaare leiden unter dieser Situation. Ich sehe es als eine Verpflichtung für alle Theologen an, Ausnahmen oder Gelegenheiten für die gemeinsame Feier des Abendmahls zu schaffen.

Theologisch besteht kaum noch ein Unterschied zwischen der katholischen und evangelischen Auffassung des Abendmahls. Die Punkte, die im 16. Jahrhundert zur Trennung führten, sind heute nicht mehr gültig. Es gilt die Lehre der Realpräsenz Christi. 500 Jahre nach der Reformation sind sich die beiden Konfessionen sehr viel näher, beide haben sich weiterentwickelt. Eine Dauerlösung in der Abendmahlsfrage zu finden, ist vielleicht schwierig, eine Gelegenheit zu schaffen aber durchaus möglich.

ZENIT: Das Augenmerk auf die Gemeinsamkeiten zu richten, wird auch aus den jüngsten Äußerungen von Präses Nikolaus Schneider und S.Em. Kardinal Kurt Koch deutlich?

Pfarrer Kruse: Präses Schneider und S. Em. Kardinal Kurt Koch verkündeten beim Forum in Trier, dass eine gemeinsame Erklärung über Kirche, Eucharistie und Amt möglich sei. Präses Nikolaus Schneider bekräftigte im Januar, dass er sich wünsche, gemeinsam ein Christusfest feiern zu können. Während des Deutschlandbesuchs im September 2011 betonte der Papst in seiner Ansprache im Augustinerkloster in Erfurt, dem Studienort Luthers, dass man sich gegenseitig helfen solle, tiefer und lebendiger zu glauben. Präses Schneider, der die Begegnung als verbindlich und brüderlich bezeichnete, forderte dazu auf, einander zu ergänzen. Er bezeichnete Luther in seiner Ansprache als Scharnier zwischen den beiden Kirchen und stellte damit auf die gemeinsame Kirchengeschichte ab.

ZENIT: Wie trägt Ihre Gemeinde zur Ökumene bei?

Pfarrer Kruse: Tradition ist der ökumenische Kreuzweg, der in diesem Jahr am 4. April stattfinden wird und an dem sich alle in unserem Quartier ansässigen christlichen Religionsgemeinschaften beteiligen. Armenier, irische Augustiner, Kapuziner, griechisch Orthodoxe, Anglikaner oder auch Methodisten gehen gemeinsam, singen und beten. Jedes Jahr kommen rund 300 bis 400 Menschen im Bewusstsein zusammen: Wir sind Christen. Den ökumenische Gottesdienst werden wir am 4. April um 19.30 Uhr in San Camillo de Lellis abhalten.

Eine schöne Gelegenheit, um gemeinsam den Gottesdienst feiern zu können, ist jedes Jahr Christi Himmelfahrt. In Italien ist es kein Feiertag, deshalb können alle an einem Ort zusammenkommen und beten. In diesem Jahr wird der Gottesdienst am 17. Mai um 19.00 stattfinden. Er wird in italienischer Sprache von dem anglikanischen Pfarrer Jonathan Boardmen gefeiert.

In unserer Gemeinde finden Veranstaltungen und Vorträge zum Thema statt; zum Beispiel wird am 24. März Prof. Markschies aus München den Vortrag halten „Wie katholisch ist evangelische Kirche? Wie katholisch sollte sie sein?“

Am vergangenen Samstag haben wir aus Anlass des 50. jährigen Bestehens von „Biblische Reisen“ einen ökumenischen Gottesdienst im Campo Santo gefeiert, in dem Kardinal Lajola, der den erkrankten Kardinal Koch vertreten hat, und ich gepredigt haben. Ein wirklich sehr schönes Zeichen der Ökumene.

ZENIT: Das heißt, Sie setzen den Grundgedanken des Weltkirchentreffens in Assisi im letzten Jahr in die Tat um?

Pfarrer Kruse: Der gemeinsame Kreuzweg ist noch mehr. In Assisi wurde der interreligiöse Dialog thematisiert. Wir sind jedoch alle Christen und können deshalb auch gemeinsam beten.

Die gelebte Ökumene ist die kirchliche Wirklichkeit, das Zusammenwachsen auf Gemeindeebene.

ZENIT: Sie sind Religionslehrer an der Deutschen Schule in Rom. Was vermitteln Sie den jungen Menschen?

Pfarrer Kruse: Die Gründung der Deutschen Schule in Rom geht auf eine Initiative der evangelischen und der deutschen katholischen Gemeinde in Rom, Santa Maria dell'Anima, zurück. Deshalb haben die Geistlichen der beiden Gemeinden das Recht, an der Deutschen Schule zu unterrichten.

Ich unterrichte Kinder und Jugendliche. Meine Aufgabe sehe ich darin, sie intensiv zu begleiten und die religiösen Grundfragen mit ihnen zu erörtern. Die Kinder und Jugendlichen sind Teil der evangelischen Minderheit, und deshalb sind ihnen ihr Glaube und ihre Identität wichtig. Ich stelle fest, dass sie gerne am Religionsunterricht teilnehmen.

Die Konfirmanden kommen voller Überzeugung zum Unterricht. In diesem Punkt sehe ich einen Unterschied zu Deutschland. Die Jugendlichen stammen im Gegensatz zu Deutschland aus Elternhäusern mit einer engen Kirchenbindung. Die zehn Konfirmanden in Rom haben alle Substanz. Das ist der Vorteil der kleinen Gemeinde.

ZENIT: Ihre Gemeinde engagiert sich karitativ. Welche Projekte betreuen Sie?

Pfarrer Kruse: Unsere Gemeinde bietet alle zwei Wochen das „Poveri“ (Armen)-Frühstück an, an dem circa 100 Personen teilnehmen. Der Frauenverein engagiert sich mit sozialen Aktivitäten. Das Projekt „Orsacchiotto“ unterstützt vor allem alleinstehende Frauen aus Afrika. Die Frauen erhalten einmal im Monat Windeln, Kleidung und Spielzeug.

ZENIT: Wie erklären Sie sich das Problem der Kinderarmut?

Pfarrer Kruse: Italien und Deutschland sind säkularisierte Länder. Die wirtschaftliche Situation ist europaweit schwierig. Der Staat spart häufig dort, wo sich ihm keine Lobby entgegensetzt. Deshalb übernehmen viele Gemeinden und geistliche Bewegungen die Aufgaben des Staates.

In Italien findet man sehr viel Bürgerengagement. Die Menschen lamentieren nicht nur, sie handeln auch. Der Familienverbund ist hier noch stärker ausgeprägt, und die Struktur ist noch traditioneller als in Deutschland.

Nähere Informationen über die Evangelisch-Lutherische Christusgemeinde und ihre Aktivitäten finden Sie hier

Buchtipp:
Jürgen Krüger, Jens-Martin Kruse (Hg.): Ökumene in Rom. Erfahrungen, Begegnungen und Perspektiven der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Rom, Karlsruhe 2010 (dt./it.)