Die Evolution liegt in Wehen

15. Sonntag im Jahreskreis 2014

Rom, (ZENIT.org) Msgr. Dr. Peter von Steinitz | 483 klicks

In der 2. Lesung des heutigen 15. Sonntags im Jahreskreis spricht der hl. Paulus davon, dass die “Schöpfung in Wehen” liegt und auf das “Offenbarwerden der Söhne Gottes wartet”. Er will damit sagen, dass die ganze Natur, nicht nur die menschliche, durch die Sünde der ersten Menschen in Mitleidenschaft gezogen worden ist, und dass sie deshalb der Vergänglichkeit und all den anderen negativen Folgen unterworfen ist, die wir kennen.

Wenn es den modernen Menschen schon viel Mühe kostet, sich vorzustellen, dass der Ungehorsam Adams gegen Gott jeden einzelnen Menschen, selbst Jahrhunderte später, beschädigt hat (also das Phänomen der Erbsünde), so wird es vollends zur Zumutung, zu akzeptieren, dass auch noch die Umwelt durch einen geistigen Einfluss – denn die Sünde spielt sich ja primär nicht auf einer physischen, sondern auf einer geistig-seelischen Ebene ab – Schaden genommen hat. Dann wären also nicht nur die Grausamkeit der wilden Tiere, sondern auch Tsunamis und Erdbeben eine Folge der ersten Sünde der Menschen.

Immerhin wäre es aber andererseits nicht unangenehm, sich eine Natur vorzustellen, wo es nichts Negatives gibt. Das hätte zumindest seine Logik, denn wenn Gott nur gut ist, kann seine Schöpfung zunächst einmal nur gut sein. Das Negative in der Schöpfung ist dann nicht von ihm.

Andererseits ist es für uns so selbstverständlich, dass die Natur manchmal dem Menschen feindlich gesonnen ist, dass wir diesen Gedanken gar nicht erst an uns heranlassen.

Seien wir realistisch, dieser ganze Zusammenhang zwischen Sünde und Beeinträchtigung der Natur ist für den modernen Menschen, der die Autorität der Wissenschaft kritiklos, die der Kirche aber gar nicht mehr annimmt, kaum vorstellbar.

Hinzu kommt, dass die schier absolute Autorität der Wissenschaft, gemeint ist hier vor allem die Naturwissenschaft, auch ihre Tabus hervorgebracht hat.

Und doch müsste man fairerweise einiges an der Wissenschaft infrage stellen dürfen, wenn man beobachtet, dass ihre Ergebnisse, die immer als letztgültige Aussagen gehandelt werden, sich oft alle zwanzig oder fünfzig Jahre ändern.

Bis 1925 gab es für die Astronomie nur eine Galaxie, nämlich die Milchstraße, alles weitere nur “Nebel”, bis man feststellte, dass es Milliarden (!) von Galaxien im Weltraum gibt. Ganz zu schweigen von den Umwälzungen, die durch Einstein und Max Planck in die wissenschaftliche Welt hineingetragen wurden.

Das alles ist für den Fortschritt der Wissenschaft letztlich sicher akzeptabel. Der Fehler liegt aber anderswo: seit dem Ende des 18. Jahrhunderts postuliert man die “vorurteilsfreie” wissenschaftliche Forschung. Das wäre vernünftig, wenn man unter “Vorurteil” nicht auch die Aufffassung verstünde, dass die Welt von jemandem geschaffen worden sein könnte.

Gott hat sich bitte da herauszuhalten.

Ein kluger Mensch sagte neulich, die Maxime von der vorurteilsfreien Forschung habe in letzter Zeit dazu geführt, dass die Welt, von der man doch erkennen möchte, was “sie im Innersten zusammenhält”, den Physikern und anderen Naturwissenschaftlern immer rätselhafter wird. Was bei Newton noch so klar und überschaubar war, ist es nicht mehr. Das vage Wechselspiel zwischen Energie und Korpuskel, die “dunkle Materie” im Weltall etc. Früher hatte man einen viel klareren, wenn auch vielleicht unvollständigen Überblick.

Strafe?

Die Frage, ob die Natur durch die Sünde der Menschen lädiert ist, sollte man vielleicht doch neu stellen. Allerdings muss dabei der Schöpfer wieder hereingeholt werden.

Charles Darwins Forschungen über die Evolution haben bewiesen, dass es etwas gibt, was man eigentlich immer schon wusste, dass es innerhalb einer Art oder Artenfamilie durchaus Entwicklungen, Anpassungen, Verbesserungen gibt. Sie geschehen durch Mutation und Selektion. Der zweite Schritt aber, den Darwin tut, nämlich zu behaupten, dass sich im Gesamtzusammenhang der Natur eine höhere Art aus einer niederen “von selbst” entwickelt, ist eine interessante Hypothese, aber nicht bewiesen. Da man aber argwöhnt, dass dann, wenn man diese Hypothese relativiert, also zugibt, dass die Sache doch nicht so klar ist, vielleicht doch wieder der Schöpfer seine Hände im Spiel haben könnte, wird sie als erwiesen verkauft, nicht zuletzt im Schulunterricht.

Alles nicht ganz redlich.

Dagegen sollte man als Christ etwas haben, denn nicht nur der Physik, auch dem Glauben geht es um die Wahrheit.

Und ist es wirklich so absurd anzunehmen, dass die Brüche und Ungereimtheiten in der vernunftlosen Natur sich auf ein Fehlverhalten der Menschen zurückführen lassen? Stichwort Umweltverschmutzung.

Paulus stellt aber nicht nur fest, wie die Welt durch der Sünde schlechter geworden ist, sondern er sagt etwas sehr Ermutigendes, nämlich wie sie wieder zum Guten zurückgelangen kann. Wir Menschen sind, im Gegensatz zu allen anderen Wesen, nicht nur materielle, sondern zugleich auch geistige Lebewesen (“die Erstlingsgabe des Geistes” nennt das der hl.  Paulus). Und dann ist da jemand gekommen, Christus, der den durch die Sünde hervorgerufenen Schaden behoben hat, nämlich durch die für alle Menschen erreichbare Erlösung. Die ihrerseits ebenfalls etwas Geistiges ist.

Die Erlösung, das darf man nicht übersehen, ist aber noch nicht vollendet, sie ist noch im Gang. Und sie muss von jedem in aller Freiheit angenommen werden. Erst wenn der letzte Mensch auf Erden erschienen ist und die Erlösung angenommen hat, dann ist die Sache perfekt. Dann wird auch “die ganze Schöpfung von der Sklaverei und der Verlorenheit befreit”, und zwar “zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes” (Röm 8,18-23).

Wie sinnlos und traurig ist doch eine Welt, in der gegen alle Evidenz sinnvolle und komplizierte Dinge durch Zufall und von selbst entstehen, und in der Gott nur ein “Vorurteil” ist!

Wie beglückend ist es dagegen, auf einem wunderschönen Planeten zu leben, der von unserem Vater mit allem Sinnvollen und Schönen ausgestattet ist, damit wir nicht nur hier gut leben, sondern nach dem vergänglichen Leben in ein ewiges Leben hinübergehen können!

Letzteres hat überdies den Vorteil, dass es nicht nur eine Hypothese ist.

Msgr. Dr. Peter von Steinitz, war bis 1980 als Architekt tätig; 1984 Priesterweihe durch den hl. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Er ist Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt“ und „Leo - Allah mahabba“ (auch als Hörbuch erhältlich).