Die Ewige Stadt im Bombenhagel

Von Ulrich Nersinger

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ROM, 1. Dezember 2008 (ZENIT.org).- Papst Benedikt XVI. gedachte bei seinem gestrigen Pastoralbesuch in San Lorenzo fuori le mura der Bombardierung des Stadtviertels von San Lorenzo am 19. Juli 1943 – und erinnerte in Dankbarkeit an den damaligen Bischof der Stadt, Papst Pius XII. (Eugenio Pacelli, 1939-1958), der sich ohne Zögern sofort an den Ort der Tragödie begeben hatte.



Sie nannten sich selber „Liberator“ (Befreier), die dreihundertzwanzig amerikanischen Flugzeuge, die am 19. Juli 1943 in vier Angriffswellen mehr als 680 Tonnen Bombenmaterial über Rom, hauptsächlich über dem Stadtviertel von San Lorenzo, abwarfen. 1.492 Tote und 1.200 Vermisste waren das Ergebnis dieser „Befreiungsaktion“. Tausende von Verletzten waren zu beklagen. Eine kaum zu beziffernde Zahl von Römern verlor Hab und Gut. Viele Menschen standen ohne Unterkunft da – ganze Wohnblocks waren wie Kartenhäuser zusammengefallen. Der Schock bei den Bewohnern der Ewigen Stadt saß tief, hatte man doch gedacht, der einzigartige Charakter der Stadt würde die Alliierten vor solchen Unternehmungen zurückschrecken lassen. Ohnmächtige Wut kam bei den Überlebenden hoch, war doch keine militärisch Notwendigkeit im dem Bombardement zu erkennen, allein politische Überlegungen hatten die USA hierzu bewogen.

Es war vor allem Pius XII. gewesen, der in diesen furchtbaren Stunden den verzweifelten Menschen im Quartiere San Lorenzo in ihrer Not beistand. Der Papst hatte den Vatikan unmittelbar nach den Angriffen verlassen und war ohne Gefolge, nur begleitet von Monsignore Giovanni Battista Montini, dem Substituten im Päpstlichen Staatssekretariat, und dem Chauffeur des Automobils, zu der Trümmerlandschaft gefahren.

Mutter Pascalina Lehnert, die getreue Haushälterin des Papstes, erinnerte sich in ihren Aufzeichnungen an diese Tragödie: „Die Sonne strahlte nach Mittag vom klaren, wolkenlosen Himmel, als plötzlich mit unerhörter Schnelligkeit die surrenden Bombenflugzeuge Tod und Verderben über Rom und seine Bewohner schleuderten. Alles war von Entsetzen wie erstarrt. Der Heilige Vater stand am Fenster und sah, wie sich die Todesvögel über seine Stadt senkten. Er war sehr bleich, als er die nun zitternde Hand zum Segen erhob. Von seinem Fenster aus hatte es den Anschein, als sei Santa Maria Maggiore der brennende Stadtteil.

Er eilte ans Telefon, doch niemand wusste etwas Genaues. ‚Lassen Sie sofort mein Auto kommen’, befahl Pius XII. ‚Um Gottes Willen, Heiliger Vater, Sie können doch jetzt nicht aus dem Haus!’ Aber er hörte auf keinen Einwand. Man rief den Chauffeur. Pius XII. nahm alles Geld, das sich im Hause befand, zu sich und war im Nu zur Ausfahrt bereit. Er befand sich schon im Cortile San Damaso, als es mir mit Mühe gelang, Msgr. Montini zu erreichen, damit der Heilige Vater wenigstens nicht ganz allein ausfuhr. Der Fahrer, nicht ahnend, wohin es gehen sollte, stand neben dem Wagen, der Pius XII. jeweils in den Garten fuhr, und erhielt die Weisung, an die Stätte des Todes zu fahren.

Noch wusste man nicht, ob die Umgebung von Santa Maria Maggiore oder von San Lorenzo der brennende Stadtteil war. Im Vatikan hatte man keine Ahnung, dass der Heilige Vater fort war. Vom Fenster aus sahen wir den Wagen Pius’ XII. den Petersplatz durchqueren. Ich lief ans Telefon, dem Kardinalstaatssekretär zu melden, dass der Heilige Vater fortgefahren sei. ‚Che cosa? Nein, nein – er kann jetzt nicht fort, auf keinen Fall!’ ‚Aber er ist schon einige Minuten fort, Eminenz, er ist einfach gegangen und hat sich nicht halten lassen!’ Bald ging es wie ein Lauffeuer durch den Vatikan und durch die Stadt: ‚Der Heilige Vater! Der Heilige Vater! ...’

Er war aber schon mitten unter den verstörten Volkshaufen, zwischen den qualmenden Ruinen der eingestürzten Häuser, in der Nähe der zerstörten Basilika von San Lorenzo fuori le mura. Das arme Volk umringte seinen Hirten und Vater, der als Erster zu ihnen kam, um ihnen Trost und Hilfe zu bringen. Wie Trauben hingen die Leute am Trittbett seines Wagens; sie stiegen auf den Kühler und das Dach. Auf einmal blieb das Auto stehen und war nicht mehr von der Stelle zu bringen. Der Heilige Vater stieg aus und mischte sich unter seine Söhne und Töchter, tröstete sie und kniete endlich auf dem rauchenden Trümmerhaufen vor der Basilika zum Gebete nieder. Das Volk betete und weinte mit ihm. Dann verteilte Pius XII. alles, was er mitgebracht hatte. Es war bereits Abend, als er in einem kleinen Wagen zum Vatikan zurückfuhr, weil sein Auto nicht mehr ging.

Mit blutbefleckten, schmutzigen Kleidern kam er an, aber trotz allen Leides froh, seinen schwergeprüften Kindern ein wenig Trost und Hilfe gebracht zu haben. – Jemandem, der Pius XII. den Vorwurf machte, weil er sich in eine solche Gefahr begeben hatte, antwortete er ohne Umschweife: ‚Ich werde es sofort wieder tun, sollte – was Gott verhüten möge – die Stadt noch einmal bombardiert werden.’

Als der Heilige Vater an diesem Abend, wie immer nach dem Rosenkranz, von einem Fenster seiner Wohnung aus, die geliebte Stadt segnete, liefen ihm die hellen Tränen über die Wangen. Man sah, dass er all das Leid des Nachmittags noch einmal durchlebte und durchlitt. Von da an waren die Kolonnaden von St. Peter Tag und Nacht die Zufluchtsstätte der verängstigten, vor einem neuen Angriff zitternden Bevölkerung der Vorstadtviertel. Jeder Alarm sah große Menschenmassen dem Petersplatz und St. Peter zuströmen“ (Sr. M. Pascalina Lehnert, Ich durfte ihm dienen, Würzburg 1982, 130-131).

Adriano Ossicini (Arzt, Partisanenführer, Gründer der „Sinistra cristiana“, über dreißig Jahre lang Senator im italienischen Parlament und im Jahre 1996 Sozialminister für die unabhängigen Linken) befand sich am 19. Juli 1943 als politischer Häftling im Gefängnis von Regina Caeli. Er berichtete von dem, was sogar im Sicherheitstrakt des Kerkers bekannt wurde: „Ich stand in meiner Isolationszelle. An die Tür gelehnt, hörte ich auf den Korridoren erregte Stimmen, die von der Bombardierung San Lorenzos berichteten. Man sprach darüber, dass sich keiner der faschistischen Größen hatte sehen lassen, und auch nicht der König. Nur der Papst, die Soutane von Blut der Opfer befleckt, sei da gewesen“.

Dass es Pius XII. mit seinem Versprechen, bei weiteren Bombenangriffen in der Bevölkerung präsent zu sein, ernst meinte, bezeugte Kardinal Fiorenzo Angelini vor fünf Jahren in einem Artikel für die Zeitung des Vatikans, den „Osservatore Romano“. Der damals noch sehr junge Priester wurde knapp einen Monat nach den Ereignissen von San Lorenzo Augenzeuge eines weiteren Bombardements von Rom und eines weiteren persönlichen Erscheinens des Pacelli-Papstes.

Am 13. August, gegen 11.00 Uhr, feiert der Geistliche in der Chiesa della Natività in der Via Gallia die heilige Messe. Beim Pater Noster fallen Bomben auf die Stadt, diesmal von englischen Flugzeugen. Auch die Via Gallia wird von der tödlichen Fracht getroffen. Einige der Bomben explodieren nur wenige Schritte von der Kirche entfernt. Der Priester führt die verschreckten Gläubigen in die Krypta des Gotteshauses; er versucht sie zu beruhigen, eine Panik zu vermeiden. Dann läuft er hinauf, nimmt das heilige Öl und die heiligen Hostien an sich. Als er auf die Straße tritt, vermag er seinen Augen nicht zu trauen: „Ich befand mich unversehens zwischen zerfetzten Körpern, Hunderten von Toten und Verletzten. Ich begann sofort die Sterbesakramente zu spenden und die letzte Wegzehrung zu geben.“

Bei seinen Versehgängen trifft Don Fiorenzo Angelini auch auf die unzähligen Opfer des Eisenbahnzuges Bari-Rom, der zu dieser Stunde nach der Ewigen Stadt unterwegs war und von den Bomben überrascht und massiv getroffen wurde. Er sieht die Mütter, die verzweifelt nach ihren Kindern suchen. Aufgewühlt und erschüttert geht der Priester durch die Straßen.

Bei der Piazza di Villa Fiorelli sieht er ein schwarzes Auto auf sich zukommen; in ihm befinden sich der Papst, Monsignore Montini und Graf Enrico Galeazzi. Angelini läuft zur Mitte der Straße, breitet seine Hände aus und hält das Automobil an. „Laut schreiend“, verweist er auf eine Stelle, nicht weit entfernt, wo eine große Bombe niedergegangen ist. „Ich fühlte mich erzittern, weil ich mich in einer Situation wiederfand, die mir, einem blutjungen Priester, nun völlig unwirklich erschien“. Der Papst zögert keinen Augenblick. Er steigt aus. Er geht zu den Leuten; spricht, tröstet, betet mit ihnen. Dann wird Pius XII. auch wieder praktisch, er teilt Geldscheine aus.

„Gegen Abend, erschöpft, in einem Talar, der staubbedeckt und zerrissen war, mit brennenden Augen, bat ich einen vorbeifahrenden Lastkraftwagen, mich bis nach S. Giovanni in Laterano mitzunehmen. Zu Hause angekommen, allein in meinem Zimmer, legte ich mich wie betäubt auf das Bett, und wurde dann von einem starken Weinkrampf hin und her geschüttelt. Wie ein Lichtblick, über alles hinweg, wie ein Zeichen von unendlicher Hoffnung, sah ich wieder die Figur des Papstes, das Protokoll und eherne Traditionen überwindend. Er hatte den Vatikan verlassen, als, so glaube ich, noch keine Entwarnung gegeben war. Er wollte sich unter das Volk begeben. Auf zweifache Weise war es sein Volk: als die Gläubigen der Diözese Rom und als Römer wie er selber.“

Die Pius XII. nachfolgenden Päpste haben dessen Solidarität mit den leidgeprüften Bewohnern Roms immer wieder gewürdigt. Beim sonntäglichen Angelusgebet vom 9. März 1975 sagte Paul VI.: „Vor allem erstrahlte die Gestalt Pius’ XII. in dem Mut und der Güte, die während des Krieges von ihm ausgingen als die schrecklichen Geschehnisse auch die Ewige Stadt heimsuchten, die er, wie er Uns selbst anvertraute, auf keinen Fall verlassen hätte und er aktiv und unerschrocken, auch in den tragischen Augenblicken höchster Gefahr, auf jede nur mögliche Weise beizustehen versuchte ... Nicht umsonst begriff das römische Volk, dass ihm in diesem Papst tatsächlich ein ‚defensor civitatis’, ein Verteidiger ihrer Stadt erwachsen war. Wir wollen das weder vor Gott noch vor der Geschichte vergessen und die wachsame und tätige Liebe weiter üben, die er für seine und Unsere Diözese Rom aufgebracht hat.“

Und Papst Johannes Paul II. betonte am 1. November 1981 bei seinem Pastoralbesuch in San Lorenzo: „Immer noch lebendig ist die Erinnerung an jenen dramatischen Tag, als die weiße Figur Pius’ XII., begleitet von demjenigen, der zwanzig Jahre später sein Nachfolger unter dem Namen Paul VI. wurde, inmitten einer erschreckten und bestürzten Bevölkerung unverzüglich erschien, Trost, Hoffnung und Hilfe in die noch rauchenden Ruinen bringend“.