Die falschen Bilder von Gott ablegen

Päpstlicher Gruß an die Gläubigen Österreichs

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Von Stephan Baier



WIEN/WÜRZBURG, 15. September 2009 (Die Tagespost.de/ZENIT.org).- Zu einer beeindruckenden Manifestation des christlichen Glaubens wurde die Maria-Namen-Feier am Sonntag in der Wiener Stadthalle: in diesem Jahr unter dem Leitwort „Neu von Gott reden“. Es sei die Aufgabe aller Gläubigen, von Gott zu reden und die Botschaft von der Liebe Gottes unter die Menschen zu bringen, heißt es in einer Grußbotschaft des Papstes, die der Apostolische Nuntius in Österreich, Erzbischof Peter Stephan Zurbriggen, vor den rund neuntausend in der Stadthalle versammelten Gläubigen verlas. Dieses Zeugnis umfasse nicht nur unser Reden, sondern auch unser Tun. Das ganze Leben des Christen solle Zeugnis geben, doch müsse die „Rede von Gott zuallererst Rede mit Gott“ sein, heißt es in dem von Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone unterzeichneten Schreiben aus dem Vatikan.

Diese Gedanken standen auch im Zentrum der Predigt des Wiener Erzbischofs, Kardinal Christoph Schönborn: „Wenn wir das Wort Mission hören, dann denken wir vielleicht an Afrika. Aber bei uns?“ Den Österreichern sei es seit jeher „ein wenig peinlich“, ja sie empfänden es „als indiskret“, vom Glauben zu reden. Kardinal Schönborn ging in seiner Predigt auch auf Missverständnisse im Gottesbild ein: Für viele Menschen sei Gott so etwas wie ein Sittenwächter, der alles sieht und hört, für andere wiederum „der alte Mann mit dem weißen Bart, der uns alle in den Himmel holt, weil wir ja alle so gut sind“. Diese „falschen Bilder von Gott“ müsse man zuerst ablegen, bevor man den heiligen, den unbegreiflichen, den lebendigen Gott bezeugen könne.

Darum, so Kardinal Schönborn, gelte es vor dem reden zu hören: „Wir haben zwei Ohren, zwei Augen, zwei Hände und zwei Füße, aber nur einen Mund. Das heißt: mehr hören, mehr sehen, mehr helfen, mehr aufeinander zugehen als reden!“ Auch Kardinal Schönborn rief zum Zeugnis durch die Tat, durch „Werke“ auf: „Wie will ich von Gott reden, wenn ich die nicht sehe, die seine besonders lieben Brüder und Schwestern sind – die Armen?“ Schönborn wörtlich: „Jesus warnt seine Apostel, und damit uns alle, vor dem vorschnellen Reden über Gott.“ In diesem Sinn habe der heilige Franziskus von Assisi seine Brüder gemahnt, Christus allen Menschen zu verkündigen – „wenn nötig mit Worten“.

An der diesjährigen Maria-Namen-Feier nahmen neben Kardinal Schönborn die Diözesanbischöfe Paul Iby (Eisenstadt), Ludwig Schwarz (Linz) und Alois Schwarz (Gurk-Klagenfurt), Militärbischof Christian Werner sowie die Weihbischöfe Franz Lackner (Graz), Franz Scharl und Stephan Turnovsky (beide Wien) teil. In ihrer Muttersprache begrüßt wurden die Gäste aus Ungarn und der Tschechischen Republik. Unter der geistlichen Regie des Franziskanerpaters Benno Mikocki wurde die funktionalistische Wiener Stadthalle am Sonntag für ein paar Stunden zu einem Gotteshaus: mit kraft- und schwungvollen Gesängen, mit tief andächtigem Rosenkranzgebet, mit geistlichen Meditationen, aber auch mit dem Jubel der Jugendlichen, die in diesem Jahr besonders zahlreich gekommen waren.

Wieder von gelingendem Christsein erzählen

Vor dem Rosenkranz und der Heiligen Messe rüttelte der Arzt, Theologe und Bestsellerautor Manfred Lütz die Gläubigen auf. Jeder Tag des Lebens sei unwiederholbar und unwiederbringlich „ein Tag weniger auf der Rechnung“. Lütz mahnte angesichts des jedem Menschen sicher bevorstehenden Todes, „die entscheidenden Fragen des Lebens zu stellen“, vor allem die Gottes-Frage. „Wenn es keinen Gott gibt und man nicht erwischt wird, gibt es keinen Grund, die Bank nicht zu überfallen.“

Moralität sei nur unter drei Voraussetzungen vernünftig: wenn es die Freiheit des Menschen und die Unsterblichkeit der Seele gibt, und wenn es Gott als Instanz der Gerechtigkeit gibt. Lütz rief dazu auf, die Frontstellungen zwischen „progressiv“ und „konservativ“ innerhalb der Kirche aufzugeben, um sich wieder missionarisch nach außen zu wenden. Und er ermutigte: „Wir müssen wieder von gelingendem Christsein erzählen.“

Mit dem Motto „Neu von Gott reden“ wollte der „Rosenkranz-Sühnekreuzzug“, der die Maria-Namen-Feier veranstaltet, einem kämpferischen Atheismus entgegentreten, wie er sich in Richard Dawkins Buch „Der Gotteswahn“ („The God Delusion“) zeigt. Der „Rosenkranz-Sühnekreuzzug“ ist eine Gebetsgemeinschaft, die 1947 vom österreichischen Franziskanerpater Petrus Pavlicek gegründet wurde und dem heute rund 700 000 Menschen in 130 Ländern angehören. Pavlicek hatte diese Gemeinschaft nach dem Zweiten Weltkrieg in der Sorge um das von den vier Siegermächten besetzte Österreich begonnen.

Im Mai 1955, als der österreichische Staatsvertrag unterzeichnet wurde, in dessen Folge die fremden Besatzer – vor allem die Rote Armee – aus Österreich endgültig abzogen, hatte der „Rosenkranz-Sühnekreuzzug“ bereits eine halbe Million Mitglieder, darunter führende Politiker wie die Bundeskanzler Leopold Figl und Julius Raab. Viele Österreicher sehen die Zustimmung Moskaus zum Staatsvertrag und die Wiedererlangung der Freiheit als eine Frucht der innigen Gebete und der Hilfe der Gottesmutter. Auch Bundeskanzler Julius Raab dachte so: „Wenn nicht so viel gebetet worden wäre, so viele Hände in Österreich sich zum Gebet gefaltet hätten, so hätten wir es wohl nicht geschafft.“

Petrus Pavlicek löste seine Gebetsgemeinschaft nach der Wiedererlangung der vollen Freiheit seiner österreichischen Heimat nicht auf, sondern weitete sie zu einer internationalen Bewegung aus: insbesondere mit Blick auf die verfolgte Kirche und den Frieden in der Welt.

Heute bemüht sich der „Rosenkranz-Sühnekreuzzug“ um eine in der Bibel und der Lehre der Kirche verwurzelte Marienfrömmigkeit. Es geht der Bewegung aber auch darum, „den Begriff der Sühne, der Stellvertretung den Gläubigen näherzubringen“. Die Mitglieder der Gebetsgemeinschaft verpflichten sich lediglich, täglich einen Teil des Rosenkranzes zu beten, ihre Arbeit gewissenhaft zu verrichten, hilfsbereit zu sein sowie Leiden und Sorgen geduldig zu ertragen. Gebet, Arbeit und Leid, so die dahinterstehende Überzeugung, „sollen auch stellvertretende Sühne für die Menschen sein, die Gott verloren haben“.

[© Die Tagespost vom 15. September 2009]