Die Familie als Keimzelle künftiger Generationen

Ansprache des Ständigen Beobachters bei der UNO

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NEW YORK, 17. Februar 2011 (ZENIT.org).- Der Apostolischer Nuntius Erzbischof Francis Chullikatt, Ständiger Beobachter des Heiligen Stuhls bei den Vereinten Nationen, hat vor dem Wirtschafts-und Sozialrat der UNO die Achtung von Ehe und Familie als Keimzelle der Gesellschaft eingefordert. Nur so könne sich eine Gesellschaft authentisch entwickeln und alle Formen der Armut beseitigt werden. ZENIT dokumentiert untenstehend den Wortlaut der Ansprache in eigener Übersetzung.

 

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Erklärung S.E. Erzbischof Francis Chullikatt
Apostolischer Nuntius, Ständiger Beobachter des Heiligen Stuhls bei den Vereinten Nationen

Wirtschafts-und Sozialrat
49. Sitzung der Kommission für soziale Entwicklung

Zu Punkt 3 (a)
Schwerpunktthema: "Bekämpfung der Armut"

New York, 11. Februar 2011


Herr Vorsitzender,

zu Beginn entbietet meine Delegation ihre besten Wünsche Ihnen und dem Präsidium für eine produktive Sitzung und freut sich auf eine erfolgreiche Diskussion über das wichtige Thema der Beseitigung der Armut.

Das Thema der Beseitigung der Armut ist von höchster Bedeutung für den Heiligen Stuhl. Motiviert durch die "vorrangige Option für die Armen", arbeitet er derzeit in allen Regionen der Welt um für alle Menschen die Beseitigung der Armut zu erreichen.

Während der letzten beiden Jahrzehnte haben wir weitere Fortschritte bei der Bekämpfung und Verringerung der weltweiten Armut gesehen. Allerdings bleiben diese Fortschritte ungleichmäßig, da es in vielen Regionen der Welt immer noch nicht gelungen ist, wesentliche Fortschritte festzustellen und mehr als eine Milliarde Menschen leben immer noch in extremer Armut und Hunger. Zum Beispiel haben über 1,5 Milliarden keinen Zugang zu Elektrizität, und über eine Milliarde leben ohne Zugang zu sauberem Wasser. Nach dem Weltgipfel für soziale Entwicklung in Kopenhagen (12. März 1995) sieht die globale Gemeinschaft Anlass für Hoffnung und Optimismus auf dem Gebiet der sozialen Entwicklung. Dennoch, vor dem Hintergrund des Rückschlags durch die jüngste weltweite Wirtschafts-und Finanzkrise bleiben Millionen unserer Brüder und Schwestern jeden Tag hungrig und haben inmitten Überwindung der Armut zu kämpfen.

Die internationale Gemeinschaft benötigt dringend Vorschläge für eine dauerhafte und nachhaltige Lösung für dieses Problem. Auf dem Gipfel von Kopenhagen sprach sich der Heiligen Stuhl für eine Vision der sozialen Entwicklung aus, die "politisch, wirtschaftlich, ethisch und spirituell ist ... mit vollem Respekt für religiöse und ethische Werte und das kulturelle Erbe der Menschen". Meine Delegation ist weiterhin der Ansicht, dass dieses heuristische Sicht der menschlichen Entwicklung notwendig ist; Entwicklung kann nicht nur im Hinblick auf das Wirtschaftswachstum gemessen werden, und die Beseitigung der Armut kann nicht nur auf messbaren wirtschaftlichen Ergebnissen beruhen. Vielmehr erfordert eine echte Entwicklung die Förderung der Entwicklung jedes Menschen sowie des ganzen Menschen.

Ohne die begleitende ethische und spirituelle Dimension fehlt der sozialen Entwicklung die notwendige Grundlage, auf der sie gebaut und fortgesetzt werden sollte. Im Mittelpunkt der Entwicklung stehen die Anerkennung der Würde der menschlichen Person und der uneingeschränkte Respekt vor der dem Menschen angeborenen Würde und seiner Grundrechte. Diese ethische Fundament muss Individuen, Familien, Generationen und Völker miteinander verbinden - unabhängig von der sozialen Schicht und von Unterschieden, die politisch, wirtschaftlich oder sozial begründet sind. Dies erfordert neue Formen der Zusammenarbeit und ein entschiedeneres Engagement von allen. In diesem Sinne ist das primäre Kapital, das geschützt und gewürdigt ist, die menschliche Person in ihrer Integrität: "[der] Mensch ist Ursprung, Mittelpunkt und Ziel allen wirtschaftlichen und sozialen Lebens."

Da wir uns auf den zwanzigsten Jahrestag des Internationalen Jahres der Familie vorbereiten, muss die Ausarbeitung eines Programms für die soziale Entwicklung die grundlegendste soziale Institution gebührend anerkennen, die menschliche Familie, die auf der Ehe aufbaut. Die Institution der Familie, die eine conditio sine qua non für die Vorbereitung der künftigen Generation ist, wird von vielen Faktoren in der modernen Welt herausgefordert, und die Familie muss verteidigt und geschützt werden. Kinder sollten nicht als Belastung angesehen, sondern müssen als unersetzliche Gaben anerkannt werden. Wir müssen auch öffentlich bekennen, dass sie die Gründer künftiger Generationen sind. Oft übersehen wird der Fortpflanzung- und Erziehungsauftrag der Eltern und dass das Generationen übergreifende Engagement am besten in Familien erfahren wird. Wenn eine Gesellschaft ihrer grundlegendsten Einheit, der Familie, beraubt ist, und der sozialen Beziehungen, die daraus entspringen, dann kann dies zu großem psychischen und spirituellen Leid führen, auch inmitten wirtschaftlichen und sozialen Wohlbefindens.

Papst Benedikt XVI. erklärte: „Damit ist zu einer sozialen und sogar wirtschaftlichen Notwendigkeit geworden, künftigen Generationen die Schönheit der Ehe und Familie sowie die Tatsache vor Augen zu führen, dass diese Institutionen den tiefsten Bedürfnissen und der Würde der Person entsprechen. In Anbetracht dessen sind die Staaten aufgefordert, Maßnahmen zur Förderung der Zentralität und die Integrität der Familie, auf der Ehe zwischen einem Mann und einer Frau basierend, der Keimzelle der Gesellschaft, zu ergreifen und Verantwortung für deren wirtschaftliche und finanzielle Bedürfnisse zu übernehmen, unter Wahrung ihres wesentlichen Beziehungscharakters."

Während politische Entscheidungsträger oft erklären, dass das Bevölkerungswachstum der Entwicklung abträglich sei, wächst in der die Bevölkerung, wenn das Wirtschaftswachstum beschleunigt wurde. In entwickelten Regionen sind wir jetzt Zeugen einer schrumpfenden und alternden Bevölkerung, und viele Nationen kämpfen darum, soziale Dienste und Wirtschaftswachstum aufrecht zu erhalten, während sich das Verhältnis von Arbeitenden zu Nicht-Arbeitenden verschiebt. In den sich entwickelnden Regionen sind wir Zeugen eines beispiellosen Rückgangs der Fruchtbarkeit und der Geburtenrate - ein Rückgang, der oft als das beste Mittel befürwortet wird, um Entwicklung zu erreichen. Allerdings sind viele Völker in der Dritten Welt jetzt in Gefahr, "alt zu werden, bevor sie reich geworden sind."

Die künftigen Generationen von Kindern und Jugendlichen sind in der Tat das beste und einzige Mittel zur Überwindung sozialer und wirtschaftlicher Probleme. Armut wird nicht durch zu viele Kinder verursacht, sondern durch zu wenig Investitionen und Hilfe für die Entwicklung des Kindes. Die Geschichte der Menschheit lehrt uns, dass ausreichende Investitionen in Kinder diese so heranwachsen lässt, dass sie einmal weit mehr beitragen können, als sie verbraucht haben, und somit helfen, den Lebensstandard aller anzuheben. Es sind ihre starken Hände und fähigen Köpfe, die die Hungrigen zu speisen, die Kranken zu heilen und Häuser für Obdachlose zu bauen vermögen. Gesellschaften und die Menschheit selbst benötigen zum Überleben eine innere Unterstützung und einen Sockel. Aber wenn diese natürliche Stütze bedroht ist, verkümmert die Kultur. Kurz gesagt, die Förderung einer Kultur, die offen für das Leben ist und sich auf die Familie stützt, ist für die Entfaltung des vollen Potenzials und die authentische Entwicklung der Gesellschaft grundlegend wichtig, das gilt für heute als auch für die Zukunft.

Darüber hinaus müssen Maßnahmen der sozialen Integration auf das Gemeinwohl abzielen, das über das Wohl des Einzelnen hinausgeht, sondern vielmehr alle Elemente der Gesellschaft umfassen muss. Einzelpersonen, Familien und Gruppen als Bindeglied, die zusammen die Gesellschaft bilden: Auch auf dieser internationalen Ebene bei der Armutsbekämpfung müssen wir auf die Schlüsselrolle kleinerer sozialer Gruppen achten, beginnend mit der Familie. Die internationalen Bemühungen sollten,die legitime Funktion von Zwischen-Gruppen auf lokaler Ebene fördern und ergänzen, nicht ersetzen. Das Gemeinwohl gehört der gesamten soziale Gemeinschaft und der ganzen Menschheitsfamilie.

Bei der Anstrengung zur Förderung der sozialen Integration der gesamten Menschheitsfamilie hat die Globalisierung neue Wege für die wirtschaftliche und zivile Zusammenarbeit geebnet, während jedoch "die Gesellschaft immer stärker globalisiert wird, werden wir zwar zu Nachbarn, aber nicht zu Brüdern und Schwestern". Eine authentische und dauerhafte soziale Entwicklung kann durch wirklich soziale Maßnahmen und Anreize aus brüderlicher Solidarität und Nächstenliebe heraus erreicht werden.

Einige der größten Herausforderungen für die soziale Integration und den Zusammenhalt ist zunächst die Ungleichheit in Vermögen und Einkommen sowie in Humankapital und Bildung, und zweitens die mangelnden Zugangsmöglichkeiten vor allem der Armen und anderer vernachlässigter Gruppen wie Frauen und Kinder zu allen Bereichen in der Gesellschaft. Wachsende Ungleichheit im Einkommen und beim Zugang zum Wirtschaftswachstum haben bei der Armutsbekämpfung die Wirksamkeit des Wirtschaftswachstums eingeschränkt. Während informelle soziale Schutzmechanismen bei der Förderung eines gerechteren wirtschaftlichen Bürgergesellschaft eine entscheidende Rolle gespielt haben, müssen Bemühungen um die Ausweitung sozialer Programme in den Bereichen der Bildung und des Gesundheitswesens für die Alten, Behinderten und anderen bedürftigen Sektoren der Gesellschaft in einer Weise unternommen werden, die das Grundrecht auf Leben fördert und die Gewissensfreiheit von Dienstleistern achtet, die sich um die Bedürftigen kümmern. Darüber hinaus müssen soziale Schutzprogramme vermeiden, Abhängigkeiten zu schaffen. Vielmehr sollten sie versuchen, Hilfestellung zu leisten und die notwendige Hilfsmittel zur Verfügung zu stellen, die geeignet sind, individuelle und gemeinschaftliche Erneuerung und Selbsthilfe zu fördern. Für die familiären und anderen informellen sozialen Schutzmechanismen können NGOs und lokale religiöse Organisationen eine wichtige Rolle spielen.

Zum Schluss, Herr Vorsitzender, möchte meine Delegation die Aufmerksamkeit auf die Notlage der Migranten lenken. In diesen schwierigen Zeiten sind zusätzliche Anstrengungen erforderlich, um ihre Menschenrechte zu verteidigen und ihre unveräußerliche Menschenwürde zu achten. Programme zu sozialen Integration und Armutsbekämpfung müssen die Millionen dieser Brüder und Schwestern berücksichtigen, deren Schicksal sie aus ihrem eigenen Land heraus an die Ränder der Gesellschaft geführt hat. Die Durchgangs- und Zielländer müssen die volle Achtung ihrer Grundrechte, einschließlich ihrer Rechte als Arbeitnehmer, ordnungsgemäß sichern. Soziale Gerechtigkeit erfordert gute Arbeitsbedingungen für diese Seelen, die ihre psychische Stabilität gewährleisten und neue Formen der wirtschaftlichen Marginalisierung vermeidet sowie ihre individuelle Freiheit und Kreativität gewährleistet.

Was schließlich heute benötigt wird, ist ein strategisches Konzept zur Bekämpfung der Armut beruhend auf wahrer sozialer Gerechtigkeit, um dazu beizutragen, das Leid von Millionen unserer Brüder und Schwestern zu lindern. Authentische soziale Entwicklungspolitik richtet sich nicht nur nach den wirtschaftlichen und politischen Bedürfnissen, sondern auch nach der spirituellen und ethischen Dimension jeder menschlichen Person. Auf diese Weise kann jeder Einzelne in der Gesellschaft frei sein von allen Formen der Armut, sowohl materieller als auch spiritueller.

Vielen Dank, Herr Vorsitzender.

[Übersetzung aus dem Englischen von Michaela Koller]