Die Familie, „irdisches Spiegelbild der Trinität“: P. Raniero Cantalamessa zum Dreifaltigkeitssonntag

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ROM , 1. Juni 2007 (ZENIT.org).- Der Predigter des päpstlichen Hauses, P. Raniero Cantalamessa OFM Cap., nimmt die Lesungen des bevorstehenden Dreifaltigkeitssonntags im Lesejahr C (Spr 8,22-31; Röm 5,1-5; Joh 16,12-15) zum Anlass, um über das Wesen Gottes nachzudenken, das Vorbild jeder Familie und des Miteinanders aller Menschen ist.


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Gleich und verschieden

Die Evangeliumsstelle zum Dreifaltigkeitssonntag ist den Abschiedsreden Jesu entnommen und handelt von drei geheimnisvollen Gestalten, die im Hintergrund wirken und unentwirrbar miteinander vereint sind. „Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in die ganze Wahrheit führen… Alles, was der Vater hat, ist mein.“ Im Nachdenken über diese und andere Texte desselben Tenors ist die Kirche zum Glauben an den einen und dreifaltigen Gott gelangt.

Viele sagen: Aber was ist denn das für ein Rätsel von dreien, die eins sind, und von einem, der drei ist? Wäre es nicht leichter, an einen einzigen Gott zu glauben, wie es die Juden und die Muslime tun? Die Antwort ist einfach: Die Kirche glaubt an die Dreifaltigkeit, und zwar nicht, weil es ihr gefällt, die Dinge zu verkomplizieren, sondern weil ihr diese Wahrheit von Christus geoffenbart worden ist. Die Schwierigkeit, das Geheimnis der Dreifaltigkeit zu verstehen, ist ein Argument zu Gunsten und nicht gegen seine Wahrheit. Kein Mensch, der für sich alleine gelassen wird, hätte sich jemals ein solches Geheimnis ausdenken können.

Nachdem uns dieses Geheimnis geoffenbart worden ist, spüren wir, dass Gott – wenn es ihn gibt – nicht anders sein kann als einer und dreifaltig zur selben Zeit. Nur zwischen zwei oder mehreren Personen kann es Liebe geben; wenn also Gott Liebe ist, so muss in ihm einer sein, der liebt, und einer, der geliebt ist, sowie die Liebe, die sie eint. Die Christen sind Monotheisten; sie glauben an einen Gott, der einzig ist, aber nicht einsam. Wer würde Gott lieben, wenn er absolut allein wäre? Er sich selbst? Dann aber wäre seine Liebe keine Liebe, sondern Egoismus oder Narzismus.

Ich möchte nun die großartige und wunderbare Lehre für das Leben ansprechen, die sich aus der Dreifaltigkeit heraus für uns ergibt. Dieses Geheimnis ist die höchste Bestätigung dafür, dass man gleich und verschieden sein kann: gleich an Würde und verschieden hinsichtlich der Eigenschaften. Und ist das nicht das, was zu lernen wir am meisten bedürfen, um gut in dieser Welt zu leben? Das heißt: dass man verschieden sein kann in Hautfarbe, Kultur, Geschlecht, Rasse und Religion, und dennoch als Mensch dieselbe Würde genießen kann?

Diese Lehre findet seinen ersten und natürlichsten Anwendungsbereich in der Familie. Die Familie sollte ein irdisches Spiegelbild der Trinität sein. Sie ist aus Personen gebildet, die in Geschlecht (Mann und Frau) und Alter (Eltern und Kinder) verschieden sind, mit allen Folgen, die diese Verschiedenheit mit sich bringt: unterschiedliche Gefühle, unterschiedliche Neigungen und Geschmäcker. Der Erfolg einer Ehe und einer Familie hängt davon ab, inwiefern es diese Verschiedenheit versteht, zu einer höheren Einheit zu streben: Einheit der Liebe, der Absichten, der Zusammenarbeit.

Es ist nicht wahr, das ein Mann und eine Frau zwangsläufig ähnlich in ihrem Temperament und ihrer Begabung sein müssen; dass sie, um sich zu verstehen, entweder beide heiter, lebhaft, extrovertiert und instinktiv, oder aber beide introvertiert, ruhig und nachdenklich sein müssen. Wir wissen im Gegenteil, welche negativen Folgen sich schon auf physischer Ebene aus Ehen unter Verwandten ergeben können, innerhalb eines engen Kreises. Weder Ehemann und Ehefrau müssen die „bessere Hälfte“ des anderen sein im Sinne von zwei Hälften, die vollkommen gleich wären, wie ein in zwei Hälften geteilter Apfel; sie sollten vielmehr die fehlende Hälfte des anderen und die Ergänzung des anderen sein. Das beabsichtigte Gott also, als er sagte: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein bleibt. Ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht“ (Gen 2,18). All das setzt die Anstrengung voraus, die Verschiedenheit des anderen zu akzeptieren, was für uns das Schwierigste ist und was nur den Reifsten gelingt.

Wir erkennen daraus auch, wie falsch es ist, die Dreifaltigkeit als ein lebensfernes Geheimnis zu betrachten, das der Spekulation der Theologen überlassen werden kann. Im Gegenteil, sie ist ein uns extrem nahes Geheimnis. Der Grund dafür ist sehr einfach: Wir sind nach dem Bild des einen und dreifaltigen Gottes geschaffen; wir tragen seinen Stempel und sind dazu berufen, dieselbe sublime Synthese von Einheit und Verschiedenheit zu verwirklichen.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals]