Die Familie ist das stärkste Glaubenszeugnis

Vinko Puljic, Kardinal und Erzbischof von Sarajewo, referiert im Rahmen der Bischofssynode

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VATIKANSTADT, 12. Oktober 2012 (ZENIT.org).- Im Folgen veröffentlichen wir den Redebeitrag vom 10. Oktober 2012 von Kardinals Vinko Puljic, Erzbischof von Sarajewo, bei der fünften Vollversammlung der Bischofssynode zur Neuevangelisierung:

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Wir leben heute mit den schmerzhaften Erfahrungen des Krieges. Etwa die Hälfte der Katholiken wird buchstäblich von ihren Wohnungen und ihrem Grundbesitz vertrieben. Die Machtspiele der lokalen und internationalen Politik nach dem Krieg machten eine Rückkehr der Katholiken unmöglich. Mit dem Einbruch der europäischen Demokratie und des Relativismus erlebten die Werte der Familie eine Erschütterung, sodass auch wir heute in unseren Herzen eine starke Sehnsucht nach der Neuevangelisierung  spüren.

Die gesamte Lehre und die Verkündigung der Wahrheit des Evangeliums schreiten unbeirrbar auf dem Weg der Erkenntnis voran, während der Glaube in der Familie mit dem Herzen, mit dem Leben und durch die Praxis vermittelt wird. So können die Früchte dessen, was in Liebe aufgenommen und mit dem Verstand erschlossen wird, auf dem Weg des Glaubens geerntet werden.

Der größte Erfolg der Neuevangelisierung ist meiner Überzeugung nach jedoch die Rückkehr der Würde in die Familie. Um dies zu erreichen, müssen jene Werte, die sie zu einem Ort der Liebe, der Solidarität und der Einheit machen, in sie eingegliedert werden. Darin wird die Evangelisierung ihre tiefste Spur hinterlassen.

Als Priester erfuhr ich, dass meine pastorale Tätigkeit nur eine „Erhebung“ über jenen Grund ist, der bereits von der Familie geschaffen wurde. Ich erlebte hierbei mit jungen Menschen und Kindern gleichermaßen Erfolge. Dies gilt auch für das Erwachen der neuen geistlichen Berufungen. So war die Familie meine erste Schule des Glaubens, die zu der persönlichen Begegnung mit Christus führte. Ebenso war die Familie das erste Seminar. Diese persönliche Erfahrung bringe ich aus meinem Leben mit.

Die Neuevangelisierung wird gelingen, wenn der Wert der Heiligkeit der Ehe wiedergefunden werden kann. Die Ehe als Nährboden der Familie und der Liebe wird so zu einer kleinen Kirche. Daher wird die priesterliche Gemeinde zu einem starken Motor der Evangelisierung, denn sie wird Menschen hervorbringen, die überzeugend zu Christus hinführen.

Der ergreifendste Moment der Evangelisierung ist die Begegnung mit Christus, die Fähigkeit ihn zu lieben und ihn anzunehmen. Dies geschieht auf dem Weg des tiefsten Glaubenszeugnisses. Die Familie ist das stärkste Zeugnis des Glaubens und überbringt diesen mit dem Herzen. Nach der Familie wird der Priester zum Glaubenszeugen. Ich möchte  an dieser Stelle hervorheben, dass der Priester den Glauben viel stärker durch seine Person vermittelt, als seine Worte dies vermögen. Die Wahrheit des Lebens besteht im Opfer seiner selbst für das, was man liebt, auch wenn man dafür sterben muss. Das, wofür man bereit ist sein Leben hinzugeben, wird niemals sterben, denn die Kraft der Liebe ist stärker als der Tod. 

[Übersetzung aus dem Italienischen von Sarah Fleissner]